11.08.2017 | Von INA LOCKHART

Die Logik von Smart-Beta- Strategien verstehen

Seit Smart-Beta- oder Faktorstrategien das Renditepotenzial von einfachen Indexfonds tunen, müssen die Anleger bei der Auswahl passiver Lösungen genauer hinsehen. Nicht selten stecken komplexe quantitative Strategien in den Produkten. Beim dpn/FT-Roundtable diskutieren Dag Rodewald (UBS), Markus Hammer (PwC), Hamed Mustafa (BlackRock/iShares), Felix Siegle (Mercer) und Kim Fomm (Liqid), wo genau die Herausforderungen liegen.

Niedrigzins und kein Ende. Die Investoren kommen gleich von zwei Seiten unter Druck: Zum einen Rendite zu erwirtschaften, zum anderen die Kosten gering zu halten. Eigentlich die besten Voraussetzungen, dass die Nachfrage nach passiven Strategien in der Verpackung von ETFs und nach Smart-Beta-Produkten steigt. Herr Siegle, was beobachten Sie als Consultant? Werden die Investoren kostensensibler und entscheiden sich im Zweifel für passive Mandate?

Felix Siegle: Hier geht es ja um zwei Themen: zunächst um die Ist-Analyse und dann um die Trends. Dabei gilt es zu differenzieren. Wir kommen aus einer Welt, in der relativ viel aktiv umgesetzt wird. In den meisten Asset-Klassen sind aktive Anlagestile auch weiterhin das Mittel der Wahl. Aber natürlich, gerade jetzt entsteht durch das Niedrigzinsumfeld ein Preisdruck. Die Investoren fragen sich kritisch, ob sie jedes Jahr die Kosten für ein aktives Mandat bezahlen wollen. Oder bewegen sie sich 30 bis 50 Basispunkte nach unten und investieren in einen passiven Index?

Sehen Sie da einen Trend zu Smart Beta?

Siegle: Einen klaren Trend möchte ich da nicht ableiten. Dafür ist die Anzahl der Stichproben nicht groß genug. Auf Basis von Marktstudien geht der generelle Trend jedoch Richtung passiv.

Herr Mustafa, wie sind Ihre Erfahrungen aus Kundengesprächen?

Hamed Mustafa: Wir sehen ein klar abgegrenztes Bild: Investoren suchen einerseits High Conviction Alpha – sind also durchaus bereit, für aktive Asset Manager zu bezahlen, die wirklich einen Mehrwert liefern. Zum anderen wollen sie Low Cost Beta – also Strategien, die den Markt abbilden und die nicht viel kosten.
Gibt es spezielle Asset-Klassen, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines passiven ­Investments größer ist?

Mustafa: Markteffizienz ist natürlich ein großes Thema. Nehmen wir als Beispiel den Markt für amerikanische Blue-Chip-Aktien. Ein Marktsegment, in dem wir als Haus weiter profitieren, denn bei den US-Blue-Chips gibt es nur sehr wenige Fondsmanager, die wirklich über einen längeren Zeitraum die Benchmark schlagen. Das sieht man auch an den Nettomittelzuflüssen. Der ETF-Markt ist hier ein guter Indikator. Selbst im festverzinslichen Bereich müssen sich Passivprodukte nicht verstecken. Die Zuflüsse sprechen für sich: In Europa haben wir seit Beginn des Jahres knapp 9 Milliarden Dollar Zuflüsse in Renten- ETFs gesehen.

Dag Rodewald: Im aktuellen Niedrigzinsumfeld hat der Begriff Core-Satellite-Investments nochmals mehr an Bedeutung gewonnen. In der Vergangenheit wurden sämtliche Exposures ausschließlich über aktive Lösungen abgebildet, ohne dabei die Kosten stärker zu hinterfragen. Core-Investments sind dabei die von Herrn Mustafa erwähnten strategischen Investments in effiziente Märkte, wie den amerikanischen oder den europäischen  Blue-Chip-Aktienmarkt. Diese werden zunehmend passiviert. Satellite-Investments sind taktische Investments, die zwar höhere Kosten aufweisen, andererseits aber mehr Rendite versprechen. Bei aktiven Lösungen besteht die größte Herausforderung darin, diejenigen Manager zu finden, die über mehrere Jahre besser als der jeweilige Vergleichsindex sind.

Herr Fomm, wie wird bei Liqid die Diskussion geführt?

Kim Fomm: Wir sind, was aktiv oder passiv betrifft, ziemlich agnostisch. Was mir in unserer Diskussion wichtig ist, ist die Verortung von Smart Beta. Bislang packen wir diese Strategien in den Passivbereich. Doch sollten wir da trennen: zwischen ETFs als Vermarktungshülle und den Strategien, die dahinterliegen. Wenn wir den Bereich Smart Beta anschauen, dann gibt es Anbieter, die quantitative Strategien in einem aktiven „Fondsmantel“ anbieten. Das geht klar in Richtung regelbasiertes Investieren. Deswegen wäre es für unsere Diskussion sinnvoll, regelbasiertes, systematisches Investieren, das nicht marktkapitalisiert gewichtet ist, als Smart Beta zu charakterisieren.

Aber wie nehmen Investoren denn Smart Beta wahr? In welche Schublade – aktive oder passive – packen sie diese Strategien?

Rodewald: In die passive, wobei die passiven Faktorlösungen lediglich das umsetzen, was das aktive Fondsmanagement bereits seit Jahrzehnten anbietet. Natürlich sollte das Rezeptbuch, nach dem diese Faktorlösungen zusammengestellt sind, transparent sein. Sobald irgendwo jemand in die Strategie eingreift, handelt es sich um aktive Lösungen.

Markus Hammer: Smart Beta kann für den Kunden eine Teillösung bringen in Bezug auf sein Gesamtportfolio. Für sich betrachtet ist Smart Beta kein Produkt, das per se spannend ist. Es kann einem traditionellen Index, der nicht Smart-Beta-optimiert ist, überlegen sein. Es ist nur wichtig, dass wir nicht denselben Fehler machen wie mit den geldmarktoptimierten Fonds vor zehn Jahren während der Finanzkrise, indem wir sagen, dass Smart Beta das bessere Produkt sei, und sich folglich alle darauf stürzen. Im Einzelfall kann es die Anlage interessanter machen.

Mustafa: Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Branche mit der Definition Smart Beta einen Gefallen getan hat. Denn letztlich ist der Begriff ein bisschen irreführend und kann von Anlegern als Selbstläufer missverstanden werden. Dabei muss der Investor bei der Smart-Beta-Auswahl sehr wohl eigene Überlegungen anstellen: Wie sieht beispielsweise meine Faktorverteilung aus in meinem Portfolio? Wie ist Value, wie ist Momentum vertreten? Ist diese Frage beantwortet, nutzen selbst die aktiven Kollegen unserer Konkurrenz Faktor-ETFs. Einfach weil sich so kostengünstig und relativ schnell ein Faktor über- oder untergewichten lässt.

Da reden Sie aber jetzt von einer taktischen Asset Allocation, oder?

Mustafa: Ja klar, das sind taktische Überlegungen. Single Faktor-ETFs werden primär taktisch investiert, weil sie zyklenabhängig sind.

Rodewald: Noch ganz kurz zu Herrn Mustafas Anmerkung zur Begrifflichkeit. Ob Smart Beta der beste Begriff ist, halte ich auch für fragwürdig. Es geht ja vielmehr um das Abschöpfen sogenannter Risikoprämien durch alternative Gewichtungsansätze. Das Timing von Faktoren – also zur richtigen Zeit auf den richtigen Faktor zu setzen – ist aus meiner Sicht die Königsdisziplin, um überhaupt Risikoprämien bestmöglich abschöpfen zu können. Eine Vielzahl unserer Kunden sieht das als größte Herausforderung beim Einsatz dieser Produkte.

Was schlagen Sie dann im Kundengespräch als gangbare Lösung für einen Factor-Investing-Ansatz vor?

Rodewald: Faktoren sollten eher langfristig und über eine Kombination von Faktoren gespielt werden. So lassen sich über einen längeren Zeitraum Risikoprämien vereinnahmen. Natürlich fällt diese Prämie dann niedriger aus, als wenn sich ein Investor einen einzelnen Faktor herausgreift. Nehmen wir als Beispiel „Low Volatility“. Von Anfang 2015 bis Mitte 2016 konnte mit einem Investment in diesen Faktor eine tolle Outperformance erzielt werden, ab Mitte 2016 allerdings hat man mit demselben Faktor eine deutliche Underperformance im Vergleich zum Referenzindex generiert.

Siegle: Das Thema Faktor-Timing ist extrem interessant und wird kontrovers diskutiert. Selbst Praxiserfahrene wie Research Affiliates und AQR sind da nicht einer Meinung. Es gibt schon Evidenz, dass gewisse Faktoren langfristig Mehrwert generieren. Das bedeutet letztlich ja auch „smart“: Wenn man langfristig geringfügig etwas anderes macht als der breite Markt und dadurch einen Mehrwert erzielt. Erst am Ende einer Investment-Periode lässt sich jedoch feststellen, ob der Smart-Faktor wirklich smart war oder nicht.

Fomm: Es gibt berechtigte Zweifel, ob die langfristige Festlegung auf bestimmte Faktoren tatsächlich funktioniert. Ein mögliches Problem ist hier das Marktphänomen „Factor Decay“. Es bedeutet, dass der Renditevorteil eines Faktors mit der Zeit wegarbitriert wird. Zum Beispiel von großen, stark quantitativ getriebenen Hedgefonds.

Herr Siegle, Sie sprachen von langfristig. Wie geduldig müssen Investoren sein, wenn sie sich auf eine langfristig angelegte Faktorstrategie einlassen?

Siegle: Das Langfristigste, was es in der institutionellen Kapitalanlage gibt, sind im Rahmen der Asset-Liability-Studie zehn Jahre. Diese Zeit kann man halbieren für einen Manager. Wenn der nach fünf Jahren nicht geliefert hat, dann ist die Geduld der Investoren endgültig erschöpft. Aber selbst in der Zusammenarbeit mit professionellen Anlegern merken wir, dass bereits nach einem Jahr Nervosität aufkommt, wenn eine substanzielle Differenz zwischen Index und Benchmark auftritt. Und hier kommt wieder Smart Beta ins Spiel: Gerade, wenn ein einzelner Faktor dominiert, kann sich definitiv eine ganz andere Performance-Zahl ergeben als für den breiten Index.

Hammer: Bei den Investoren, die eine Bilanz erstellen müssen und Rechnungslegungspflichten haben, ist die Geduld sogar schon nach einem Jahr zu Ende. Der Blick auf die Portfolios der regulierten Investoren zeigt uns, dass der Spezialfonds immer noch das dominierende Durchführungsprodukt ist. Hier sehen wir für Smart Beta als Portfoliostrategie – nicht als Durchführungsweg – noch viel Potenzial. Denn wenn man eine Smart-Beta-Strategie im Mantel des Spezialfonds anbieten könnte, ohne eine weitere Ebene hinzuzufügen, wären wir schon einen wichtigen Schritt weiter. Innerhalb des Spezialfonds könnte dann eine jährliche Ausschüttung beschlossen werden, was für den Finanzvorstand für die Bilanzsteuerung extrem wichtig wäre. Kann er Smart Beta weiterhin nur über ein Fondsprodukt kaufen, hat er die Unsicherheit, ob die Ausschüttung wirklich erfolgt. Ein Risiko, das er vermutlich nicht eingehen wird.

Herr Rodewald, ab welchem Anlagevolumen wird es für einen Investor attraktiv, ein Spezialfondsmandat, bei dem eine Faktorstrategie eine Rolle spielt, aufzusetzen?

Rodewald: Das lässt sich nicht eindeutig mit einer einzigen Zahl beantworten und ist abhängig von den zu beachtenden Anforderungen und Restriktionen an die jeweilige Mandatslösung.

Mustafa: Will ein Investor ein großes Volumen anlegen – sagen wir eine Losgröße von einer Milliarde Euro –, dann sind ETFs und spezielle Faktor-ETFs nicht die sinnvollste Variante. Sie sind aber durchaus sinnvoll als Testballon, um gewisse Smart-Beta- oder regelbasierte Lösungen auszuprobieren, bevor sie einem Asset Manager mit einem großen Volumen in die Hand gegeben werden. Das haben wir kürzlich bei einem großen institutionellen Kunden gesehen, der sein Portfolio stärker auf passive Strategien umstellt. Oft dient das ETF-Angebot als Anker für ein weiteres Geschäft mit dem Investor. Das relativ transparente Produkt hilft dabei, dass Kunden ihren Horizont erweitern – gerade, was die Möglichkeiten von passiven Lösungen angeht.

Wie lange testen Investoren solche Ansätze?

Mustafa: Der Investor war ein knappes Jahr drin. Er wollte wirklich schauen, wie sich dieser Faktor über ein Jahr verhält. Danach hat er Mitte 2016 in einen Multi-Faktor-ETF, bei dem vier Faktoren gleichgewichtet sind, investiert.

Siegle: Wenn ich in die Portfolios unserer Kunden hineinschaue mit einem Volumen von 200 Millionen bis 10 Milliarden Euro, werden ETFs sehr sparsam eingesetzt. Wenn Investoren darauf zurückgreifen, dann meist im Rahmen eines aktiven Spezialfondsmandats. Die Auslöser: Ein Manager will die letzten Prozente Cash investieren oder er möchte einen Markt abbilden, den er über Direkt-Investments nicht abdeckt. Ansonsten sehe ich einige institutionelle Publikumsfonds mit Losgrößen von 20 bis über 100 Millionen Euro – aber kaum direkte ETF-Investments.

Gibt es steuerliche Anreize für bestimmte Durchführungswege?

Hammer: Generell wird sich ab 2018 mit dem Investmentsteuerreformgesetz die steuerliche Situation für die Anleger, die tatsächlich noch Steuern zahlen, ändern. Das ändert möglicherweise auch den Blick auf die Durchführungswege. Ab 2018 werden in- und ausländische Publikumsfonds steuerlich absolut gleichgestellt. Da ist eine Arbitrage nur noch in der Theorie möglich. Die Besteuerung wird nicht mehr jährlich an der tatsächlichen Performance gemessen, sondern es wird jedes Jahr eine Pauschale ermittelt, die fast unabhängig ist von der Performance, dafür aber auch relativ gut planbar für den Investor. Die tatsächliche Besteuerung der echten Performance findet erst statt, wenn das Produkt verkauft wird. Das verändert die relative Besteuerungseffizienz von Investmentfonds zu Zertifikatslösungen enorm.

Könnten Sie das bitte weiter ausführen?

Hammer: Bei einem Zertifikat, das politisch stark unter Druck stand in den vergangenen Jahren, gibt es während der Laufzeit keine Besteuerung. Zur Erstbesteuerung der tatsächlichen Performance kommt es erst bei Verkauf des Zertifikates. Deswegen könnte es 2018 einen Schub geben in die Zertifikatmäntel hinein, um langfristige Investitionen eben komplett von dem Cashout aus der Steuerecke zu befreien. Das könnte durchaus eine Überraschung sein für jeden, der sich mit Steuerrecht nicht täglich beschäftigt und der sich an die Diskussion um Zertifikate in der Finanzkrise erinnert.

Siegle: Aber hat der Investor bei einem ­Zertifikat ähnlich wie bei einer Fondslösung die Möglichkeit der Freistellung für Aktienerträge?

Hammer: Nein, das ist völlig klar: Bei Zertifi­ka­ten gibt es keine denkbare Möglichkeit, den Zertifikatertrag am Ende der Laufzeit, also bei Verkauf, irgendwie steuerfrei zu erhalten. Das ist völlig unabhängig von der Referenzgröße.

Siegle: Das kann ja dann ein ziemlich substanzielles Thema sein …

Hammer: Ja sicher. Bei den Publikumsfonds wird es ab 2018 so sein, dass es bestimmte steuerfreie Größen gibt, aber nur in relativ extremen Szenarien. Wenn ein Investor beispielsweise mehr als 51 Prozent des Vermögens in Aktien investiert, kann er Teile davon auch steuerfrei vereinnahmen. Im Falle eines Publikumsfonds, den ein institutioneller Anleger als passive ­Strategie erwirbt, lässt sich sicherlich gut darstellen, dass während der gesamten Laufzeit immer über 51 Prozent Aktien abgebildet werden. Dann werden aber nur 80 Prozent des Ertrages steuerfrei gestellt. Würde der Anleger dieselbe Investition über einen Spezialfonds laufen lassen, hätte er de facto eine Freistellung von 98 Prozent. Mit der relativen Attraktivität der Produkte und Lösungen ändern sich ab 2018 also auch die Durchführungswege.

Wie müssten sich Ihrer Meinung nach die Produkte ETF und Smart Beta weiterentwickeln?

Fomm: Die Frage, welche Rolle Automatisierung und Standardisierung spielen können, um Produkte und deren Auswahl zu verbessern, treibt die Investoren um. Das haben uns etliche Gespräche gezeigt, die wir mit weniger regulierten institutionellen Investoren geführt haben. Sie warten auf Lösungen, die bestimmte Prozesse anhand eines ausführlichen Kriterienkatalogs automatisieren und optimieren. Sicherlich ist das kein Ziel, das unsere noch recht junge Fintech-Branche in den nächsten zwei bis drei Jahren erreichen wird.

Wie sieht es mit Orientierung im Produkt-Dickicht aus?

Siegle: Das Angebot ist so groß, dass man sehr leicht den Überblick verlieren kann. Wichtig ist, sich nicht von dem riesigen Produktspektrum ablenken zu lassen, sondern immer erst direkt auf das Portfolio des Kunden zu schauen. Zu beantworten, welche Lücken es gibt und wo noch abgerundet werden kann. Kein Kunde kommt zu uns und sagt: „Ich brauche jetzt ein Smart-Beta-Produkt.“

Mustafa: ETFs sind eine Nische in der Gesamtallokation von großen institutionellen Investoren. Eine Nische, die aber nicht unterschätzt werden sollte. Wenn man die Kosten nicht im
Blick hat, dann verliert man Performance auf Basis von Steuern. In unseren Kundenbeziehungen spielt die Gesamtanalyse der Investorenkosten mittlerweile eine große Rolle. Hierzu ein kleines Beispiel: Nehmen wir den MSCI World, den ein Investor als Index- oder als ETF-Lösung erwerben kann. Die Indexlösung ist extrem günstig, der ETF kostet das Dreifache. Aber in der Nachsteuerbetrachtung spart der ETF dem Investor Geld, weil hier ein vorteilhafteres Doppelbesteuerungsabkommen greift. Noch eine Zahl zum Thema Produktspektrum: Insgesamt gibt es global mittlerweile 1.055 Smart-Beta-Aktien-ETFs von 96 Anbietern.

Fomm: Die große Anzahl an Produkten hat aber auch einen Vorteil: Das Angebot ist dadurch viel granularer geworden. Das heißt, Investoren können heute innerhalb von Asset-Klassen sehr spezifische Exposures abbilden. Angefangen hat es bei den Aktien für die breiten Märkte USA, Europa, Japan. Dann folgten ETFs für einzelne Länder und Sektoren. Ein weiterer Kundenvorteil ist der stärkere Wettbewerb, der die Kosten der Produkte stark gedrückt hat.

Machen ETFs die Grenzen zwischen strategischer und taktischer Asset Allocation fließender?

Mustafa: Ja durchaus. Einer unserer großen Kunden hat seine strategische Asset Allocation über Indexmandate und Indexfonds umgesetzt. Unser Haus kam ins Spiel, als der Investor diese strategische Asset Allocation eins zu eins mit ETFs abbilden wollte. So hat er sich ein liquides Risiko-Overlay gebaut, mit dem er schnell Anpassungen im Portfolio vornehmen kann.

Wie sieht Ihr persönlicher Ausblick für ETFs und Smart Beta aus?

Fomm: Für mich ist Fixed Income die nächste Welle. Es ging los mit Staatsanleihen. Jetzt sind Unternehmensanleihen dran. Es gibt immer mehr Produkte, die unterschiedliche Laufzeiten und Abstufungen in den Ratings berücksichtigen.

Was sind die wichtigsten Treiber für die Nachfrage nach ETFs und Smart-Beta-Lösungen im festverzinslichen Bereich?

Mustafa: Der Grund ist definitiv nicht nur der Kostendruck, sondern der fehlende Zugang zu Investitionsmöglichkeiten für diejenigen Kunden, die ob ihrer Größe nicht in der ersten Reihe stehen. Große Investoren bekommen ihre Anleihen und Zuteilungen – trotz ­Finanzkrise und Bankenregulierung. Ich ­spreche hier von Investoren, die von ihren Banken nicht mehr bedient werden. Wie einer meiner Kunden, der, wie er mir sagte, seit 18 Monaten keine Anleihe mehr gekauft hat. Entweder weil ihm erst gar keine angeboten wurde oder weil der Preis der angebotenen Anleihe nicht einzuschätzen war. Die Europäische Zentralbank als großer Käufer verknappt den Zugang ebenfalls. Kein Wunder, dass Fixed-Income-ETFs im vergangenen Jahr netto 28 Milliarden Euro zugeflossen sind. Global machen ETFs derzeit jedoch nur 0,7 Prozent des gesamten Anleihemarktes aus.

Fomm: Es ist natürlich schön, wenn Investoren, denen über den Markt keine Bonds mehr direkt angeboten werden, über einen ETF in Anleihen investieren können. Dennoch sollten sich die Investoren eines Liquiditätsrisikos bewusst sein. Der ETF ist zwar in der Regel liquider als die zugrunde liegenden Papiere. Doch muss man dieses Risiko gerade in Stressphasen an einem illiquiden Markt auf dem Schirm haben.

Mustafa: Unsere Branche würde ich im Vergleich zu anderen als unglaublich lernwillig bezeichnen. Entsprechend passen wir unsere Produktpalette an. Vor neun Jahren, als ich bei BlackRock angefangen habe, umfasste unser erstes ETF-Produkt zu Euro Corporate Bonds 40 Titel. Ende 2009 ist die Liquidität zurückgegangen und der ETF hat unter dieser Illiquidität ebenfalls stark gelitten. Wir versuchen, unsere Produkte so zu gestalten, dass solche Extremszenarien aufgefangen werden können. Unsere Portfoliomanager sind eher aktiv als passiv. Sie sind flexibel und versuchen in einer Extremsituation am Markt, zuerst die liquiden Titel abzustoßen, um die verkaufswilligen Investoren zu bedienen.

Fomm: Meine mahnenden Worte bezogen sich weniger auf die Produktanbieter, sondern eher auf die Sorglosigkeit von manchen Profiinvestoren.

Siegle: Nehmen wir einmal an, wir erleben ein Szenario substanziell steigender Zinsen. In ETFs sind vornehmlich taktische Investoren engagiert. Sie könnten bei steigenden Zinsen auf die Idee kommen, ETFs in den Bereichen High Yield und Emerging Markets zu verkaufen, um wieder in klassische Anleihen zu investieren. Wenn in diesem Augenblick nicht genügend Liquidität oder Nachfrage vorhanden ist, um die Papiere der verkaufswilligen Investoren abzunehmen, dann kann das schon ein gewisses Risiko darstellen. In dem Moment ist der ETF nicht mehr der liquide Marktzugang, der mir die Möglichkeit bietet, täglich ein- oder auszusteigen.

Kommen wir noch einmal zurück zu dem Aspekt der Qual der Wahl. Wie beraten Sie in dem Fall als Consultant, Herr Siegle?

Siegle: Wenn wir uns im Auftrag eines Kunden eine passive Strategie anschauen, dann ist Ideengenerierung kein Thema, sondern dann geht es vielmehr um die Implementierung und Portfoliokonstruktion. Smart-Beta-Strategien sind inhaltlich zwischen aktiven und passiven Strategien angesiedelt. Die Bandbreite reicht hier von sehr einfachen Eingriffen in den marktkapitalisierungsgewichteten Index bis hin zu komplexen quantitativen Strategien. Wichtig ist, dass der Anleger dabei ein Verständnis der Logik und möglicher Auswirkungen – positiv wie negativ – bekommt. In der Praxis zeigt sich nämlich auch, dass Faktoren als Wertbeitrag wesentlich abstrakter sind als zum Beispiel die Diskussion über Unter- oder Übergewichtung von Einzeltiteln.

Hammer: Die Frage bleibt, wie wir regelbasierte Produkte auswählen. Bislang sind wir gerade in der institutionellen Welt noch sehr auf die persönliche Beratung fokussiert, während wir den Privatanlegern bereits die Beratung durch Roboter zumuten. Deswegen meine Frage in die Runde: Wann kommt der Robo-Advisor für die institutionellen Investoren?

Herr Fomm, Sie sind vielleicht am nächsten an dem Thema. Was ist Ihre Prognose?

Fomm: Vorhin hatte ich ja bereits erwähnt, dass Investoren an automatisierten Prozessen interessiert sind. Je nach Komplexität des einzelnen Investors – ob stark reguliert wie Versicherer oder mäßig reguliert wie Versorgungswerke – könnten Robo-Advisor schon relativ zügig konkrete Angebote entwickeln. Behavioral-Finance-Experten haben bereits untersucht, wie man Anleger standardisiert eingruppieren kann. Nach demselben Prinzip lässt sich auch Regulierung standardisieren. Eine Datenbank könnte dann so aufgebaut sein, dass bestimmte Merkmale für bestimmte Investoren erfüllt sein müssen. Die Frage wird hier immer sein, wie viel Einfluss ein Investor auf seine Investments haben möchte. Bei institutionellen Investoren sehe ich Robo-Advising eher für einzelne Mandate, aber nicht für das gesamte Portfolio.

Mustafa: Ich wage zu bezweifeln, dass der deutsche Investor, egal ob Privat- oder Profianleger, wirklich einer Maschine komplett sein Geld anvertraut, ohne wirklich ein Gesicht gesehen zu haben.

Rodewald: Ich glaube auch, dass der persönliche Kontakt immer wichtig ist und bleiben wird, vor allem bei institutionellen Investoren.

Herr Hammer, was ist Ihre Einschätzung?

Hammer: Eigentlich müsste der besser ausgebildete Investor auf den ersten Blick optimal geeignet sein für Robo-Advice-Lösungen. Doch glauben wir auch nicht, dass er kurzfristig dafür bereit ist, sondern immer noch eine persönliche Betreuung vorzieht.

Fomm: Spätestens in 20 bis 30 Jahren wird es auch für institutionelle Investoren eine weitreichende Automatisierung von Anlageprozessen geben. Das genaue Ausmaß dieser Entwicklung hängt auch stark davon ab, wie sich die Forschung zur künstlichen Intelligenz weiterent­wickelt.
Aber wer kann dann in einer Anlageausschusssitzung beantworten, warum Value beispielsweise im vergangenen Quartal nicht so gut gelaufen ist?

Fomm: Das beantwortet irgendwann einmal ein Algorithmus, der tatsächlich schlauer ist als wir und uns dann sagen kann, welche Anlagealternative besser ist.

Mustafa: Ein institutioneller Kunde agiert treuhänderisch. Der wird diese Aufgabe keiner Maschine übergeben. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Sitzen dann alle in einer Kapitalanlageausschusssitzung plötzlich vor einer Box wie Amazons „Alexa“ und fragen: „Alexa, wie war meine Performance?“ Sitzt am Schluss trotz aller Automatisierung und Digitalisierung nicht wieder ein Mensch da, der eine Performance erklären muss, die er selbst nicht zu verantworten hat? ●

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