Die Zinsen in der Schweiz sind auf tiefem Niveau. Das liegt aber nicht an der Nationalbank, die 2015 den Negativzins eingeführt hat. Es ist eine Entwicklung, die Ende der 1980er Jahre eingesetzt hat. Die Zinsen dürften tief bleiben, obwohl die Zahl der Zweifler wächst.

Die Schweiz ist heute keine Zinsinsel mit deutlich tieferen Zinsen mehr: Die Zinsdifferenz der Schweiz gegenüber dem Ausland hat sich deutlich reduziert, insbesondere in einer realen Betrachtung, also abzüglich der Inflation. Dabei werden die Schweizer Realzinsen massgeblich durch die globalen Realzinsen beeinflusst. So ist der Rückgang der Zinsen auf globale Faktoren wie die Integration Chinas in die Weltwirtschaft, die weltweite demografische Entwicklung oder die sich abschwächende Produktivitätsentwicklung zurückzuführen, wie neueste Studien, welche das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO in Auftrag gegeben hat, erläutern. Mit der weltweit über die Jahrzehnte gefallenen Teuerung gingen auch geringere Nominalzinsen einher, weil der Geldwertverlust bei Ausleihungen weniger stark kompensiert werden musste.

Nationalbank war gezwungen die Zinsen stark zu senken

Auch die demografische Entwicklung innerhalb der Schweiz hat zu sinkenden Zinsen beigetragen. Denn ein steigender Anteil von 40- bis 64-Jährigen hat zu einer höheren Sparquote geführt. Ein höherer Anteil von 15- bis 39-Jährigen hätte dagegen eine geringere Sparquote bedeutet. Durch das Angebot an Kapital sanken die Zinsen. Gleichzeitig ging die Nachfrage für Kapitalinvestitionen zurück. Die Nationalbank sei deshalb gezwungen gewesen, die Leizinsen in den negativen Bereich zu senken, um mit ihrer Geldpolitik noch Wirkung zu erzielen, suggerieren die Studien. Negativzinsen machen das Halten von Frankenanlagen weniger attraktiv und unterstützen den Euro-Franken Mindestkurs.

Die Studienautoren bewerten die Folgen der Negativzinsen für die Wirtschaft vorwiegend positiv. Kritik an der Nationalbankpolitik ertönt indes seitens der Sparer, Banken, Versicherungen und insbesondere der Pensionskassen, die unter den Folgen der Tiefzinsen leiden, weil die Renditen dadurch stark gesunken sind.

Unternehmen mit sinkender Realzinserwartung erhöhen ihre Investitionsausgaben

Um unmittelbare Ergebnisse für die Schweiz zu erhalten, wurden in den Studien die Effekte des Realzinses auf die Konsum- und Sparentscheidung von privaten Haushalten bzw. auf die Investitionsentscheidung von Unternehmen in der Schweiz geschätzt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Unternehmen mit sinkender Realzinserwartung ihre Investitionsausgaben erhöhen. Ein um einen Prozentpunkt niedrigerer Realzins erhöht demnach die Investitionspläne der Unternehmen im Durchschnitt um mehr als 10 Prozent. Bei Ausrüstungs- und Bauinvestitionen bewirkt eine Reduktion des Realzinses um einen Prozentpunkt eine Erhöhung dieser Investitionskategorien um 11,5 Prozent beziehungsweise um 13,3 Prozent.

Tatsächlich haben die tiefen Zinsen vor allem kapitalintensiven Unternehmen im Industriebereich genutzt, da diese stärker auf Kredite angewiesen sind. Aber auch kleinere, risikoreichere und finanzschwächere Unternehmen haben profitiert.

Spekulationen gehen von einer anhaltend höheren Inflation aus

Modellergebnisse in den Studien deuten darauf hin, dass von der Entwicklung der Altersstruktur in der Schweiz in den kommenden Jahren kein zusätzlicher Abwärtsdruck auf den Realzins ausgeht. Allerdings wurden in den Studien nicht alle möglichen Zinseinflüsse berücksichtigt, so dass aus den Ergebnissen keine Prognose der tatsächlichen Zinsentwicklung abgeleitet werden kann, wie die Autoren betonen. Insgesamt kommen die Studien aber zum Schluss, dass die Zinsen auch in Zukunft tief bleiben werden, da die Faktoren, die sie bisher tief gehalten haben, weiterhin wirken. Einfluss auf die Zinsen hat auch die Corona-Pandemie; Untersuchungen aus dem Ausland belegen demnach, dass die Folgeeffekte von Pandemien die kaufkraftbereinigten Zinsen über Jahrzehnte hinweg tief halten. Es gibt jedoch auch Spekulationen, wonach es über den gegenwärtigen Teuerungsschub hinaus zu einer anhaltend höheren Inflation kommen könnte. Das dürfte die Notenbanken dazu veranlassen, die Leitzinsen zu erhöhen.

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