Angesichts eines herausfordernden Anlageumfelds müssen sich Investoren von ihren gewohnten Anlagewegen ein Stück weit wegentwickeln und auf andere Art und Weise investieren. Mit Gerhard Engler, Leiter Institutional Asset Management bei Fidelity, sprach Michael Lennert.

Herr Engler, wie sind Ihre Erfahrungen als Leiter Institutional Asset Management: Wurde das Geschäft nach der Finanzkrise beziehungsweise in der Niedrigzinsphase zunehmend schwieriger?

Ja, vom Gefühl her ist es schwieriger als früher. Weil man jedes Jahr gedacht hat, dass die Zinssenkungen nicht weitergehen würden. Und dann setzten sie sich doch fort. Möglicherweise sind wir nun am Ende der Niedrigzinsphase angekommen, aber das hatten wir auch früher schon angenommen. Mit anderen Worten: Man glaubte immer, die Zinsen sind schon sehr niedrig, und dann sind sie noch weiter gesunken. Mit Fixed Income ließen sich noch gute Erträge und Ergebnisse erzielen, die Asset-Klasse ist lange gut gelaufen. Nun glaube ich aber, dass der Punkt tatsächlich erreicht ist, an dem die Frage im Vordergrund steht: Haben wir weiter „lower for longer“ oder dreht es jetzt gerade? Es wird – und das ist auch die Überzeugung von Fidelity – auf absehbare Zeit tendenziell niedrigere Zinsen geben. Kurzfristig werden sie zwar wohl ansteigen – das sehen wir beispielsweise schon an der jüngsten Anhebung der Fed.  Von früheren Vier-Prozent-Niveaus sind wir allerdings sehr weit entfernt.

Wie gehen die institutionellen Kunden mit diesen Entwicklungen um?

Viele Kunden durchleben derzeit einen Kulturwandel. Sie müssen sich von ihren  gewohnten bewährten Anlagewegen ein Stück weit wegentwickeln und auf andere Art und Weise investieren: entweder höhere Risiken auf der Fixed-Income-Seite eingehen, andere Regionen miteinbeziehen oder tatsächlich in andere Asset-Klassen anlegen – also Income-Komponenten auf anderen Feldern suchen. Möglicherweise kann man ein paar ausgetretene Pfade verlassen oder vielleicht auch Vorgaben einmal überprüfen. Häufig heißt es: „Die Währung muss immer gesichert sein.“ Wir sind aber überzeugt, dass das nicht immer zwingend notwendig ist. Man kann auch in Local Currency investieren und die Währung offenlassen. So kann man Währungen als mögliche Renditequelle nutzen.

Was verändert sich noch?

Wo wir aktuell großes Interesse sehen, sind asiatische Investments, Aktien und Renten – vor dem Hintergrund, dass diese nicht mehr zwingend zum Emerging-Markets-Block zählen. Die Emerging Markets sind nicht homogen. Viele Anleger haben jetzt lernen müssen, dass Russland anders läuft, dass Brasilien anders läuft und dass Asien anders läuft. Und gerade Asien ist derzeit ein spannendes Thema, wenn man die politische Unsicherheit hier in Europa oder auch in den USA betrachtet. Da sind Anleger in Asien wahrscheinlich gut aufgehoben und gut diversifiziert, wenn man die Region versteht und beurteilen kann.  Wir merken zunehmend, dass Asien eine gewisse Sonderrolle spielt, weil dort langfristig Wachstum sein wird – auch gestützt durch die demografische Entwicklung. Das Wachstum in Asien basiert also nicht nur auf der Exportstärke und der Rolle als Werkbank der globalisierten Wirtschaft, sondern auch auf dem Bevölkerungswachstum und dem zunehmenden Wohlstand, zum Beispiel in China. Wir haben im vergangenen Jahr mit Asien viel Geschäft gemacht. Und ich glaube, dass die Überzeugung auf der Kundenseite wächst, dass man sich an Asien herantrauen kann oder muss – aus guten Gründen: Schließlich ist es auch ein Stück Risikomanagement, wenn ich in meine Gesamtallokation eine Region einbeziehe, die nach etwas anderen Regeln läuft. Nach anderen Regeln, der nicht zwingend die USA oder Europa folgen.

Welche Rolle spielt Multi Asset? Und unterscheiden Sie eigentlich zwischen Multi Asset und Multi Strategy, was ist Ihre Definition?

Die beste Idee im Moment ist natürlich breit zu diversifizieren. Damit sind wir bei Multi Asset. Multi Asset und Multi Strategy – das sind Begrifflichkeiten, die von jedem anders verstanden werden. Ich würde sagen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist Multi Asset auch Multi Strategy – und umgekehrt. Multi Asset heißt, ich bediene mich verschiedener Asset-Klassen. Ich kann natürlich in jeder Asset-Klasse auch verschiedene Strategien benutzen. Wenn ich das tue, diversifiziere ich in einer Asset-Klasse und dann wäre Multi Strategy auch in einer Asset-Klasse möglich. Im Grunde genommen spielen all diese Dinge zusammen. Wir haben bei Fidelity Strategien, die echtes Multi Asset sind – die Diversifikation über viele Asset-Klassen suchen –, und wir verfügen genauso über Strategien, die innerhalb einer Asset-Klasse versuchen, durch verschiedene Herangehensweisen Total Return zu erzeugen.

Warum gewinnt das an Bedeutung, welche Rolle spielt der Niedrigzins?

Ich glaube, das ist ein Haupttreiber dahinter. Dass man jetzt am Ende der Fixed-Income-Euphorie angekommen ist und die Anleger, die bisher immer auf Fixed Income gesetzt haben, nun ihre Zielrenditen in dem Anlagebereich definitiv nicht mehr erreichen. Sie suchen also nach Alternativen. Diese Suche geht natürlich im ersten Schritt innerhalb von Fixed Income über höheres Risiko. Wenn ich das Risiko aber nicht mehr tragen kann, dann suche ich mir andere Wege. Und hier ist Multi Asset eine Lösung, bei der sich bestimmte Komponenten miteinander verbinden lassen: eine Income-Komponente, die vielleicht den Sockel bildet, dazu eine gewisse Risikokomponente, die dann ergänzend hoffentlich zu den Zielerträgen führt.

Erklären Sie bitte, wie dieser Ansatz bei Ihnen aufgebaut ist. 

Der klassische Ansatz sieht wie folgt aus: Unsere institutionellen Anleger bauen ihre Portfolios typischerweise aus reinen Bausteinen zusammen – zu einer Gesamtallokation, die ihnen ihren Zielertrag erbringen soll. Wir haben bei unseren Anlagestrategien letztlich ein großes mit Bausteinen befülltes Regal. In der Gesamtallokation ist es auch Multi Asset und führt hoffentlich zum gewünschten Ergebnis. Jetzt ist man in Teilen von dieser reinen Baustein-Welt abgerückt und sagt: Es gibt zusätzlich Multi Asset, wo quasi eine gemischte Komponente in die Gesamtallokation integriert ist, die für sich alleine schon einen relativ verlässlichen Ertrag bringen soll, idealerweise in Höhe der typischen Rentenerträge.

Was leisten gute Multi-Asset-Fonds?

Erst einmal beinhalten sie nicht nur klassisch Aktien und Renten, sondern auch Alternatives wie beispielsweise Real Estate. „Echtes“ Multi Asset bedeutet, verschiedene Anlageklassen sehr flexibel miteinander zu kombinieren, um Mehrwert zu generieren. Und zudem eine tiefe Auffächerung innerhalb der Asset-Klassen. Lösen wir uns von den Begriffen Aktie, Rente et cetera. Wir haben stattdessen Growth Assets, Income Assets und hybride Assets. Und innerhalb der Growth Assets finden sich etwa Aktien, Infrastruktur und Immobilien REITS. Bei Income klassische Investment Grade Bonds, Emerging Markets Hard Currency oder Cash. Und dann gibt es noch die hybriden Anlageklassen, die beiden Zielen  gerecht werden können: High Yield Bonds, Loans und so weiter. Also mit anderen Worten: Nutzbar ist das gesamte Spektrum – alles, was man sich in der Anlage vorstellen kann

Was differenziert Sie vom Wettbewerb? 

Research spielt eine ganz zentrale Rolle  für uns als aktiven Manager. Um als aktiver Manager erfolgreich zu sein, ist eine tiefgehende Bottom-up-Analyse eine zentrale Voraussetzung. Wir haben 400 Investment-Experten, also Fondsmanager und Analysten, die pro Jahr 17.000 Unternehmensbesuche machen. Alle Ergebnisse gehen in eine Datenbank ein und sind für jeden Analysten und Fondsmanager greifbar. 90 Prozent unserer Investments decken wir mit unserem eigenen Research ab – eine Analysequalität, die wir selber steuern können. Der Erfolg gibt uns recht: Nach drei Jahren liegen unsere Portfolios typischerweise vor dem Markt, nach fünf Jahren sind sie nach Kosten um rund vier Prozent besser als der Vergleichsindex.

Herr Engler, vielen Dank für das Gespräch. λ

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