Die Distributed-Ledger-Technologie hat das Potenzial, die Prozess- und Abwicklungslandschaft im Verwahrstellen- und Custody-Geschäft grundlegend zu verändern. Mit Blick auf regulatorische Veränderungen und Entwicklung von Anwendungen seitens der Anbieter hat der Markt hat den Sandkasten verlassen. Diese und viele weitere Erkenntnisse sammelte Clemens Schuerhoff, Vorstand der Kommalpha AG, im Rahmen der diesjährigen Custody-Umfrage ein.

Institutionelle Investoren und KVG’en & Asset Manager sind die beiden wesentlichen Zielkunden für Verwahrstellen und die entsprechend nachgefragten Themen und Services sind zum Teil deckungsgleich und zum Teil unterschiedlich. Alles rund um ESG und Erweiterung des Investmentuniversums innerhalb des Wertpapierbereiches (zum Beispiel in Richtung Emerging Markets) und außerhalb in Richtung alternative Investments sind die wesentlichen Themen in beiden Lagern. Auf Seiten der institutionellen Investoren kommen noch Sachverhalte wie Integration und Management von Direktanlagen, Wertpapierleihe, Collateral Management und internationale kosteneffiziente Verwahrung dazu. Krypto-Themen finden sich bei institutionellen Investoren nicht wieder, auch nicht in Bezug auf Krypto-Währungen. KVG’en & Asset Manager fragen zusätzlich Themen rund um Schnittstellenmanagement, Optimierung von Prozessketten, OTC-Clearing sowie den Russland-Ukraine-Konflikt nach. Das Thema Krypto/DLT ist hier vertreten in dem Sinne, dass die Auswirkungen auf die Finanz- und Fondsindustrie gemeinsam ausgelotet und Anwendungsmöglichkeiten entwickelt werden wie zum Beispiel digitale Emissionen oder Auflage von Krypto-Fonds.

Anfang einer neuen Ära

Wie eingangs bereits kurz skizziert, steht das Custody- und Verwahrgeschäft an der Schwelle eines Evolutionsschritts. Das gilt sicher für den gesamten Banken- und Vermögensverwaltungsmarkt, aber Custodians bzw. Verwahrstellen nehmen aufgrund ihrer Funktion und Regulierung sowie der enormen Größe des Marktes eine Schlüsselrolle dabei ein. Die Funktionalitäten und Eigenschaften der Distributed-Ledger- bzw. Blockchain-Technologie bieten enormes Potential, die Marktinfrastruktur, Prozesse und Geschäftsmodelle der Anbieter zu transformieren und langfristig zu revolutionieren. So ist DLT beispielsweise im internationalen Warenverkehr und in der Außenhandelsfinanzierung verbreitet im Einsatz und hat dort die logistischen Prozesse stark verändert. Ähnliches steht im Custody- und Verwahrstellengeschäft an. Dies benötigt nur mehr Zeit, da es ein hochregulierter Markt ist, in dem es um extrem viel Geld geht und eben beispielsweise nicht „nur“ um Container, deren globale Reise auf Basis von DLT und Sensorik automatisch verfolgt wird, wo früher Listen nach Augenschein geführt wurden. In Sachen Regulatorik von Kryptowerten hat sich in Deutschland in den letzten Jahren sehr viel getan. Kryptoverwahrung ist seit Januar 2020 eine Finanzdienstleistung und in Paragraph 1 des Kreditwesengesetzes aufgenommen worden. Hierbei handelt es sich um das Verwahren, Verwalten und Sichern von Kryptowerten oder privaten kryptografischen Schlüsseln (private keys) für andere, die zum Halten, Speichern oder Übertragen von Kryptowerten dienen. Kryptowerte ist somit ein in Deutschland regulierter Begriff. Bislang hat die Bafin vier Anbietern die Lizenz zur Kryptoverwahrung erteilt und es befindet sich keiner der üblichen Verdächtigen darunter. Von den teilnehmenden Verwahrstellen planen 10 die Beantragung einer Lizenz zur Kryptoverwahrung und vier nicht. Zwei Häuser befinden sich in Validierung und ein Haus ließ sich nicht in die Karten schauen.

Regulatorisch folgten das Gesetz über elektronische Wertpapiere (eWPG), das Fondsstandortgesetz, die Kryptowertetransferverordnung, BMF-Schreiben zu steuerlichen Themen sowie jüngst die Verordnung über Kryptofondsanteile. Parallel gab es auf europäischer Ebene mit MiCAR oder dem DLT-Pilotregime ebenfalls regulatorische Initiativen, die allerdings nicht so spezifisch sind und Deutschland hat regulatorisch die Nase vorn. Das sorgt für beginnende Sicherheit und Vertrauen als zwingende Voraussetzungen für die Akzeptanz der neuen Kryptowelt und entsprechenden Produkten und Prozessen. Allerdings lassen sich eine Reihe von Inkongruenzen zwischen der deutschen und europäischen Krypto-Regulierung sowie definitorische Missverständnisse feststellen. Beispielsweise sind Kryptowerte und Kryptowertpapiere in Deutschland regulierte Begriffe. Krypto-Währung ist kein regulierter Begriff. In MiCAR heißen Kryptowerte „Crypto-Assets“, während in Deutschland Krypto-Assets nicht definiert sind, aber meistens Kryptowertpapiere gemeint sind. Der Begriff „Crypto-Securities“ ist die englische Übersetzung von Kryptowertpapieren als deutscher regulierter Begriff. „Crypto-Securities“ sind jedoch als Security Token einzustufen und somit keine Wertpapiere im Sinne des Depotgesetzes und unterliegen daher nicht dem eWPG sondern der EU-Prospektverordnung und MiFID. Diese wenigen Beispiele zeigen, dass man schon mal durcheinander kommen kann und erst einmal genau klären muss, wovon man eigentlich redet. Das sind Geburtswehen, die sich relativ schnell erledigen werden. Die entscheidende Frage ist, in welchen Bereichen und Anwendungsfällen der Nutzen von DLT und Blockchain-Technologie im Asset-Servicing bzw. Verwahrstellengeschäft am größten ist. Naturgemäß befinden sich die Vorzüge des Einsatzes von DLT dort, wo es zu massenhaften Vorfällen und Transaktionen kommt und sich keine Medienbrüche befinden. So scheint sich herauszukristallisieren, dass die Tokenisierung von Assets (Wertpapiere, Investmentfonds, Real Assets etc.), deren Emission, Handel, Rücknahme, Bewertung, Reporting sowie Abrechnung in einem digitalen Ökosystem die attraktivste Vision ist. Registerführung, Wallethosting, DVP-Prozesse (Delivery versus Payment), Authentifizierungsprozesse (Know Your Customer), Manipulationssicherheit und Cyber Security sind nur einige Schlagwörter, mit denen sich die Branche beschäftigt. Im Hinblick auf „Cash on Chain“ ist die Entwicklung eines digitalen Euros ebenfalls von Relevanz und eine entsprechende Bereitstellung könnte einen erheblichen Akzeptanzschub gegeben. Aktuell noch visionär ist, dass Marktsegmente wie Aktien und Bonds ebenfalls in tokenisierter Form Bestandteil eines solchen digitalen Ökosystems sind und alle spezifischen Ereignisse wie Zins- und Dividendenzahlungen, Emissionen, Splits und steuerliche Cashflows über Smart Contracts automatisch in ein Blockchainprotokoll fließen und entsprechend über Keys zugeordnet werden. Sehr viel kleinformatiger ist in der Praxis schon vieles entwickelt und live getestet worden wie beispielsweise die Emission von Schuldscheindarlehen oder Kryptofondsanteilen, was bei Weitem keine Sandkastenspiele mehr sind.

System wird eine Resilienz attestiert

COVID-19 hat die Digitalisierung zwangsweise forciert und war ein realer Stresstest für Börsen und Finanzintermediäre. Die Restriktionen im Hinblick auf dezentrales und sehr fragmentiertes Zusammenarbeiten mit einhergehender Volatilität und rekordverdächtigem Handelsvolumen haben nicht zu einem Zusammenbrechen der Infrastruktur oder großen Störfällen geführt. Dies hat ein jüngst veröffentlichter Bericht der International Organization of Securities Commissions (IOSCO) bestätigt. Dem System wird eine Resilienz attestiert. Es wird herausgestellt, dass die Pandemie die Verwendung von bestehender und neuer Technologie beschleunigt hat. Allerdings sind auch die Cyber-Security-Risiken gestiegen.

Das führt uns kurz zu den Digitalisierungsthemen, denn auch dort hat die Verwahrstellenbranche nicht geschlafen. Stichworte hier sind Language Generation, virtuelle Assistenzen, digitale Veranstaltungskonzepte, Robotics, API’s/Schnittstellenoptimierung, elektronischer Dokumentenaustausch und Datenbereitstellung und –analyse basierend auf künstlicher Intelligenz. Das zeitliche Zusammenfallen der Pandemie samt der kurz skizzierten Folgen mit dem Reifegrad der Entwicklung von DLT und Blockchain-Anwendungen sowie der fortschreitenden Digitalisierung läutet eine neue Ära im Verwahrstellen- und Custody-Geschäft ein. Das wird natürlich kein „Big Bang“ sein, sondern ein stetiger und sicher auch mühsamer Prozess. Die größte Herausforderung wird sein, globale oder zumindest europäische technische und regulatorische Standards zu etablieren. Dabei bildet der Kerngedanke von DLT und Blockchain-Technologie als dezentrales und „anarchisches“ digitales Ökosystem (Stichwort „trustless“) und dem zu erwartenden System, welches nur einige bereitstellende und vor allem kontrollierende Instanzen aufweisen wird, einen Zielkonflikt. Hier ist ein Spagat des Urgedankens von DLT und dem regulatorisch Praktikablen zu erwarten. Auf jeden Fall wird sich die Branche binnen der kommenden Jahre drastisch ändern. Der Anfang einer neuen Ära.

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