Die Distributed-Ledger-Technologie hat das Potenzial, die Prozess- und Abwicklungslandschaft im Verwahrstellen- und Custody-Geschäft grundlegend zu verändern. Mit Blick auf regulatorische Veränderungen und Entwicklung von Anwendungen seitens der Anbieter hat der Markt hat den Sandkasten verlassen. Diese und viele weitere Erkenntnisse sammelte Clemens Schuerhoff, Vorstand der Kommalpha AG, im Rahmen der diesjährigen Custody-Umfrage ein. Hier der erste Teil des Artikels.

Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Automatisierung sind seit vielen Jahren Themengebiete, hinter eine Vielzahl von konkreten Ausprägungen und Nutzungsmöglichkeiten für das Verwahrstellen- und Custodygeschäft stehen. Die Corona-Pandemie hat zusätzlich dafür gesorgt, dass das operative Geschäft und die Aufrechterhaltung der Systeme mit weitestgehend dezentraler Zusammenarbeit gestemmt wurden. Die Mehrzahl von Mitarbeitern war und ist teilweise noch im Home Office vergattert, was zwangsweise für einen zusätzlichen Schub für die eingangs genannten Themengebiete sorgte. Gleichzeitig hat sich in den letzten zwei Jahren sehr viel im Bereich Distributed-Ledger-Technologie (DLT) getan sowohl auf der regulatorischen Seite als auch auf Entwicklungsseite. Diese Gemengelage bietet insgesamt eine Konstellation für einen nächsten Evolutionsschritt des Verwahrstellen- und Custody-Geschäftes in eine neue Ära. Die Zeit ist vergleichbar mit der zweiten Hälfte der 90-iger Jahre, als das Internet und die E-Mail ebenfalls viele Prozesse, Geschäftsmodelle und Marktinfrastrukturen umgekrempelt haben mit entsprechend juristischen und regulatorischen Veränderungen. Gleichzeitig verzeichnet der Verwahrstellen- und Custody-Markt weiterhin signifikantes Wachstum insbesondere getrieben von hohen Cash-Flows in Spezialfonds. Diese begründen sich durch weitere Umschichtungen von Direktanlagen in Spezialfonds seitens der großen institutionellen Investorengruppen sowie der Tatsache, dass ohnehin sehr viel Liquidität im Markt ist. Der Trend der letzten Jahre der Spreizung und Differenzierung von institutionellen Kapitalanlagen im Hinblick auf Asset-Klassen, Stichwort alternative Investments / Private-Markets, Regionen und Spezialitäten ist ungebrochen. Das stellt weiterhin hohe Anforderungen an die Verwahrung und Abwicklung der Vermögensgegenstände. Aus produktionstechnischer und prozessualer Sicht ist hier die Welt getrennt in verwahrfähige und nicht-verwahrfähige Vermögensgegenstände.

Tradition und Innovation

Die diesjährige Verwahrstellen- und Custody-Umfrage ist traditionell wieder in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Kommalpha durchgeführt worden. Sie blickt auf eine über 20-jährige Historie zurück und ist hinsichtlich Struktur und Informationsdarstellung einzigartig im deutschen Markt. Dieses Jahr haben sich 17 Verwahrstellen an der Informationserhebung beteiligt. Die Landesbank Hessen-Thüringen hat von einer Teilnahme abgesehen, da sie das Verwahrstellengeschäft einstellt und gegenwärtig die Mandate an die Landesbank Baden-Württemberg überführt. Die Südwestbank ist dieses Mal ebenfalls nicht dabei. Nichts desto trotz sind die Summendaten der Teilnehmer beeindruckend. Die Häuser vereinen insgesamt über 6,2 Billionen Euro Assets under Custody in Deutschland auf sich. Das sind rund 140 Millionen Euro mehr als im vergangenen Jahr, wo die Bestände der beiden vorbezeichneten Häuser in den Summendaten enthalten waren. Die teilnehmenden Verwahrstellen weisen in Summe 2,6 Billionen Euro „Asset under Verwahrstelle“, also in Investmentfonds verwahrtes Volumen auf, davon 1.939 Millionen Euro Spezialfondsvolumen. Im Hinblick auf das gesamte Volumen des Spezialfondsmarktes in Deutschland bedeutet dies eine Abdeckung von 95 Prozent, was mehr als repräsentativ ist. Die Teilnehmer weisen in Summe eine Anzahl von 4.656 Spezialfonds für 3.581 institutionelle Investoren aus. Sie arbeiten im Durchschnitt mit 17 Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVG) und 91 Asset Managern zusammen, wobei die Bandbreite dieser beiden Größen unter den teilnehmenden Banken sehr hoch ist und die Anzahl stark variiert. Dies und mehr geht aus der Tabelle ab Seite 29 hervor, welche die wesentlichen Informationen der teilnehmenden Verwahrstellen aufführt. Eine Innovation bei der diesjährigen Umfrage ist, dass wir eine separate und exklusive Expertenumfrage zum Thema DLT und digitale Assets an die teilnehmenden Häuser adressiert haben. Die Ergebnisse sind auf den Seiten 36/37 dargestellt.

Kaum Unterschiede im Basisgeschäft

Eine Verwahrstelle sollte geräuschlos funktionieren. Je weniger man von der Verwahrstelle hört, desto besser, ist eine häufig gehörte Aussage von Investoren. In liquiden Assetklassen bzw. im Wertpapierbereich mit normalen Investmentuniversen unterscheiden sich die Anbieter nicht, außer im Preis, im Service bzw. der Kundenbetreuung und in Zusatzdienstleistungen wie beispielsweise einem (Online-)Reporting, aufsichtsrechtlichen Meldewesen oder dem Angebot von Wertpapierleihe. Dazu aber später mehr. Alle Anbieter bieten auch Quellensteuerrückerstattungen (Tax Reclaim) an, allerdings für eine zum Teil sehr unterschiedliche Anzahl von Ländern. Ähnlich sieht es beim Derivate-Clearing und dem Clearing von OTC-Derivaten aus. Auch dies ist im Angebot von fast allen teilnehmenden Verwahrstellen und hinsichtlich der Abdeckung der Kernländer sehr vergleichbar. In Sachen Anbindung und Kommunikation mit Kapitalverwaltungsgesellschaften und Asset Managern lassen sich ebenfalls keine wesentlichen Unterschiede feststellen. SWIFT ist das dominierende Format im Datenaustausch, gefolgt von E-Mail und in Ausnahmefällen noch das gute alte Fax. Insbesondere bei Anteilscheingeschäften schwirrt doch noch das ein oder andere Fax im Hause herum. Alles Themen im Maschinenraum der Häuser, von denen der institutionelle Investor in Bezug auf Wertpapiergeschäft in etablierten Märkten nichts mitbekommen sollte. Alle teilnehmenden Verwahrstellen haben übrigens auch ein eigenes Fondsbuchhaltungs- bzw. Bestandsführungssystem im Einsatz. Die Zeiten der „Draufschau“ bei der Kapitalverwaltungsgesellschaft sind endgültig vorbei.

Alternatives, Real Assets und Zusatzdienstleistungen trennen Spreu vom Weizen

Im Bereich Real und Private Assets unterscheiden sich die Profile der Verwahrstellen teilweise sehr deutlich. Das ist insofern spannend, da in diesen Themengebieten angesichts des jahrelangen Zinsdilemmas eine sehr hohe Nachfrage zu verzeichnen war. Es gibt nur vier Häuser unter den teilnehmenden Verwahrstellen, wo mit Private Equity, Immobilien, Debt und Infrastruktur alle wesentlichen Themen im Angebot sind. Bei den übrigen Banken ist das Angebot recht heterogen und es gibt sogar drei Häuser, die gar kein entsprechendes Angebot aufweisen. Ähnlich gemischt sieht das Angebot der teilnehmenden Verwahrstellen im Bereich der Zusatzdienstleistungen aus. Das gilt sowohl für Reporting in seinen diversen Ausprägungen (Performance, Risiko, Attribution, ESG etc.), Transaktionskostenanalysen als auch für das Angebot der verschiedenen Formen von Wertpapierleihe. Hinsichtlich Reporting gibt es gespaltene Meinungen, ob ein Angebot seitens Verwahrstellen sinnvoll und notwendig ist. Institutionelle Investoren beziehen für die Fondsanlagen das Reporting von der KVG und nicht wenige erachten ein Reportingangebot seitens Verwahrstellen als nicht notwendig. Andererseits existiert auch die Meinung, dass bei speziellen Sachverhalten wie ESG ein zweites und von der KVG unabhängiges Reporting sehr sinnvoll ist. Ein weiteres Argument in Richtung Verwahrstellen ist die Tatsache der Integration von Direktbeständen in ein konsolidertes Berichtswesen. Bezüglich Reporting gibt es eine Vielzahl von Konstellationen und Möglichkeiten. Bietet ein Haus kein Reporting an, muss dies nicht zwingenderweise ein Nachteil sein. Ein Angebot der gängigen Wertpapierleiheprogramme seitens Verwahrstellen macht Sinn und ist bei fast allen Häusern vorhanden. Allerdings ist Wertpapierleihe bei großen institutionellen Investoren ein so wichtiges Thema, dass es häufig separat betrachtet und gehandhabt wird in Bezug auf Ausschreibungen und Mandatierung von Dienstleistern. Neben diesen typischen Themenfeldern im Bereich Zusatzdienstleistungen von Verwahrstellen und Custodians existiert bei den Anbietern ein großer unterschiedlicher Strauß an weiteren Services in Bezug auf institutionelle Investoren und Asset Manager als die beiden Kundengruppen von Verwahrstellen und Custodians. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Risikomanagement, Portfolio-Optimierung, Allokationsberatung, Asset-Liability-Management, Asset-Manager-Selektion, Research-Dienstleistungen, Continous Linked Settlement, Devisenhandel, Services rund um Hauptversammlungen, Bestandsprovisionsservice, Swing Pricing, Margin-Segregation, Verwahrung von digitalen Assets, Registerführung, Front to Back-Insourcingdienstleistungen, Loan-Administration, Fondshandel, Overlay-Management, gattungsübergreifende Execution und Clearing, Handelssysteme, Datenmanagement in Bezug auf regulatorische Templates wie EMT/EPT oder TPT, Marketing-/Vertriebsunterstützung, Zahlungsverkehr, Finanzierungen oder Master-Record-Keeping. Die Aufstellung und Angebotstiefe der Verwahrstellen und Custodians ist in den genannten Themenfeldern recht unterschiedlich und es erscheint anspruchsvoll, den Überblick über die Profile der Häuser zu erhalten.

Differenzierte Preismodelle auf niedrigem Niveau

Die Vielfalt der Services von Verwahrstellen findet sich auch in den Preis- und Konditionenmodellen wieder. Die Zeiten, wo pauschal eine Gebühr in Basispunkten dem Sondervermögen belastet wird, sind endgültig vorbei. Insgesamt haben 15 der teilnehmenden Verwahrstellen eine dezidierte Preisliste für Services, die mandats- bzw. kundenspezifisch individuell zusammengestellt werden. Lediglich ein Haus gibt an, noch mit einem pauschalen Basispunktmodell zu agieren. Ein weiteres Haus weist ein anderes Modell auf, welches nicht in die genannten Modelle passt. Hinsichtlich der Preisentwicklung in den letzten 24 Monaten gaben sieben Verwahrstellen an, dass sich die Konditionen für Verwahrstellendienstleistungen verringert haben. Bei neun Banken blieben sie konstant und ein Haus hat keine Angaben dazu gemacht. Insgesamt befinden sich die Preise auf sehr niedrigem Niveau, was dem hohen Wettbewerb und dem Rendite- bzw. Kostendruck auf Seiten der institutionellen Investoren geschuldet ist. Bei Konditionen wird hart verhandelt und die Anzahl von Altverträgen, in denen ein höheres Preisniveau zu finden ist, nimmt stetig ab. Insbesondere große institutionelle Investoren führen regelmäßig Verfahren am Markt durch, um das Pricing mit dem bestehenden Anbieter zu überprüfen und auf Marktgerechtigkeit sicherzustellen. Dies erfolgt umso dynamischer, wenn sich Allokationen oder die Nutzung von Investmentvehikeln ändern. Ein allgemeines Kostenbenchmarking des gesamten Verwahrstellenmarktes als Richtlinie hingegen ist sehr anspruchsvoll bis unmöglich, da nur gleiches mit gleichem verglichen werden kann. Das begründet sich in der Heterogenität und Umschlagshäufigkeit der jeweiligen Kapitalanlagen von Investoren, der differenzierten Preismodelle der Anbieter sowie der unterschiedlichen Nutzung der Services. Zum Stichwort Verwahrentgelt ist festzustellen, dass sich das Thema aufgrund der Zinswende in Kürze erledigen wird. In der Vergangenheit und auch noch aktuell ist davon auszugehen, dass alle Verwahrstellen ein Verwahrentgelt, welches sich an der Einlagefazilität der Notenbank orientiert, erheben. Rund die Hälfte der befragten Häuser hat sich dazu entsprechend geäußert, der Rest hat keine Angaben gemacht. Mit Blick in die Zukunft ist davon auszugehen, dass sich das Konditionenniveau für Custody- und Verwahrstellenleistungen seitwärts bewegt und selektiv nach unten geht in Bezug auf Neuverhandlungen von älteren bestehenden Vereinbarungen.

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