Über die anstehende Regulierungswelle diskutieren Oliver Berger (J.P. Morgan), Thomas Grünewald (BNY Mellon Service KAG), Gerald Noltsch (BNP Paribas), Alexander Poppe (HSBC INKA), Holger Sepp (CACEIS) und Bernd Vorbeck (Universal-Investment) mit dpn. Statt über den hohen Aufwand zu klagen, wollen sie mit neuen Dienstleistungen bei ihren Kunden punkten.

dpn: Welche der zahlreichen regulatorischen Änderungen fordert Sie derzeit am meisten heraus? Oder sehen Sie die größte Herausforderung in einem anderen Bereich?

Grünewald: Ich sehe die größte Herausforderung in der Flut an Regularien, die auf uns zukommt. Diese beinhaltet aber auch eine Chance. Sie wird einen erheblichen Druck auf den Markt ausüben, von dem die Administratoren und Servicedienstleister am Ende profitieren werden. Klar ist, dass die Kunden neue Herausforderungen an uns stellen werden – gerade auch im Reporting. Wir werden darauf sehr individuell und flexibel reagieren müssen.

Vorbeck: Die Regulierungswelle fordert uns alle. Aber eine große Herausforderung ergibt sich auch aus dem aktuellen Anlageumfeld, also dem niedrigen Zinsniveau und den hohen Volatilitäten. Die Kunden suchen nach neuen Anlageklassen, neuen Konzepten und einer Risikosteuerung. Deshalb erhöhen sich die Anforderungen an die Anbieter: Sie müssen neue Asset-Klassen administrieren können. Sie müssen die Risiken steuern können. Sie müssen Anlagethemen in Vehikeln strukturieren können. Und sie müssen die Kunden bei der Suche nach Lösungen möglichst umfassend unterstützen.

Poppe: Bei einigen der neuen Anforderungen – etwa beim Dodd-Frank Act oder der European Market Infrastructure Regulation (EMIR) für den Handel mit OTC-Derivaten – stehen die genaue Ausgestaltung und der zeitliche Fahrplan noch nicht genau fest. Das erleichtert die Umsetzung nicht gerade. Hinzu kommt, dass derzeit viele unserer Kunden ihre Fonds- und Masterfonds-Mandate umschichten: also Asset Manager austauschen, neue Mandate vergeben, die Asset Allocation neu positionieren. Das alles zusammen macht das Anforderungsprofil derzeit sehr facettenreich.

Sepp: Die größte Herausforderung besteht aus meiner Sicht nicht in einer bestimmten regulatorischen Änderung, sondern in der Summe der anstehenden Themen. Daraus werden sich jedoch Chancen und Potenziale für uns ergeben, weil diese Entwicklung definitiv zu einer weiteren Konsolidierung im Markt führen wird.

Berger: Eine Herausforderung besteht darin, wie wir die Investitionen, die wir jetzt für die Umsetzung der neuen Vorschriften tätigen, später über die Gebühren refinanziert bekommen. Zudem sehen uns die Kunden vermehrt als Versicherer ihrer Assets – zum Beispiel bei der Haftung für die Unterverwahrung. Aber dann muss irgendwann auch eine Versicherungsprämie für diese Leistung platziert werden. Das ist eine große Herausforderung für die gesamte Branche. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Reporting. Mit einem maßgeschneiderten Angebot können Sie immer noch Mandate gewinnen.

Noltsch: Die Richtlinie zur Regulierung von Managern alternativer Investmentfonds (AIFMD) ist die maßgebliche Herausforderung. Sie wird die Veränderungsprozesse im deutschen Markt weiter vorantreiben. In anderen Märkten wie Italien oder Spanien ist die Konsolidierung schon stärker vorangeschritten. In Deutschland haben wir dagegen immer noch ungefähr 50 Depotbanken. Aber mit AIFMD kommt auch eine Haftungsfrage. Diese wird so manche kleinere deutsche Depotbank veranlassen, die eigene Aufstellung zu überprüfen. Sie könnte zum Beispiel mit einem großen Global Custodian zusammenarbeiten.

dpn: Unter den rund 50 Depotbanken in Deutschland sind viele kleinere Häuser mit einem lokalen Bezug. Wie viele von ihnen werden die Konsolidierung überleben und in fünf Jahren noch am Markt sein?

Sepp: Die Schätzungen schwanken meist zwischen 15 und 25. Rein auf die Assets bezogen hat aber bereits eine massive Konsolidierung stattgefunden. Die Top sieben in Deutschland vereinigen knapp zwei Drittel des Marktvolumens auf sich. Diese Entwicklung wird sich durch den Kostendruck in der Branche fortsetzen. Wie wollen Sie sonst die gestiegenen Aufwendungen für die Erfüllung der neuen regulatorischen Vorschriften und die verschärfte Haftung zum Beispiel für Lagerstellen im Ausland refinanzieren?

Vorbeck: Universal-Investment hat ungefähr 30 Depotbanken angebunden – neben Global Custodians auch kleinere Häuser. Ich habe bei vielen nicht den Eindruck, dass sie in den nächsten Jahren verschwinden werden. Die Zahl der Depotbanken in Deutschland wird nach meiner Einschätzung nicht auf unter 15 sinken.

Grünewald: Viele Anleger konzentrieren sich auf überschaubare Märkte und investieren gar nicht so global. Für diese ist ein Global Custody nicht die einzige Lösung.

Noltsch: Von den 50 Depotbanken bewegen sich nur etwa 20 in einem Wettbewerbsumfeld mit den Global Custodians. Die anderen Depotbanken haben eine Spezialnische gefunden. Sie sind beispielsweise Versicherern angeschlossen und haben dadurch ein eigenes Geschäftsmodell …

Sepp: … dort läuft das Geschäft mit. Es wird quersubventioniert. Oder man verzichtet gleich ganz darauf, genau zu rechnen …

Noltsch: … so ist es. Wenn man sich den Markt genauer anschaut, dann gibt es nur noch wenige Häuser mit großen Volumen, die ihre Positionierung in Zukunft womöglich überdenken müssen. Die Depotbanken, die danach noch kommen, sind von ihrem Volumen her nicht mehr so bedeutend.

Vorbeck: Man darf den Markt aber nicht nur durch die Global-Custody-Brille sehen. Das ist ein Segment des Marktes, das für institutionelle Anleger mit globalen Mandaten relevant ist. Daneben gibt es aber beispielsweise auch Fonds-Boutiquen und Vermögensverwalter, die Fonds auflegen und sich bei mittelgroßen Häusern sehr gut aufgestellt fühlen.

Poppe: Das sehe ich ähnlich. Neben den Global Custodians werden auch mittelgroße Depotbanken am Markt positioniert bleiben.

dpn: Stört es die Administratoren nicht, mit bis zu 30 verschiedenen Depotbanken zusammenarbeiten zu müssen?

Vorbeck: Aus der Sicht einer effizienten Abwicklung wäre eine niedrigere Zahl von Anbindungen natürlich vorteilhaft. Aber als neutrale Plattform wollen wir den Kunden auch eine breite Auswahl bieten. Die Mischung muss stimmen.

Grünewald: Durch die hohe Zahl von Depotbanken ist nicht immer eine automatisierte Zusammenarbeit möglich. Diese konzentriert sich auf ein paar Häuser. Aber auch die anderen Depotbanken machen ihr Geschäft gut. Hier bieten sich für uns als Administratoren Möglichkeiten, ergänzende Dienstleistungen anzubieten.

dpn: Wie schätzen Sie den Markt für die Master-KAGen ein?

Poppe: Dort ist der Konzentrationsprozess wesentlich stärker vorangeschritten. Aus meiner Sicht wurde er in den vergangenen Jahren bereits abgeschlossen. Nur eine Handvoll von Gesellschaften können die notwendigen Investitionen tätigen und die gesamte Bandbreite an Dienstleistungen anbieten. Ich sehe auch keinen Newcomer, der noch in diesen Markt eintreten könnte.

Grünewald: Bei den Master-KAGen ist der Markt weitestgehend verteilt. Aber viele der Investoren stellen ihre Entscheidung nach ein paar Jahren durchaus noch einmal infrage. Sie schreiben die Mandate neu aus, um zu prüfen, ob sie bei ihrem bisherigen Partner wirklich gut aufgehoben sind. Das beobachten wir derzeit verstärkt.

dpn: Gibt es aktuell eine starke Umverteilung von Mandaten?

Poppe: Wir beobachten signifikante Zuflüsse sowohl durch neue Gelder als auch durch eine Umverteilung unter den KAGen. Investoren achten verstärkt darauf, wie nachhaltig der Auftritt einer KAG im Markt ist.

dpn: Geht der Trend bei großen Investoren zu einer zweiten Master-KAG?

Poppe: Es gibt einige größere Häuser, die eine zweite Master-KAG aufbauen, weil sie nicht sicher sind, ob ihr bisheriger Partner langfristig weiter im Markt verbleiben wird. Das bedeutet natürlich doppelte Schnittstellen und komplexere Prozesse.

Vorbeck: So etwas hat es schon immer gegeben. Ich sehe darin keinen neuen Trend und glaube auch nicht, dass sich das am Markt durchsetzen wird. Die Investoren brauchen Transparenz, die Risiken sollten einheitlich gesteuert werden und die Daten müssen für das regulatorische Reporting zusammengeführt werden. Dies alles wird durch die Verwendung mehrerer Plattformen erschwert.

Grünewald: Der Trend geht eher in die andere Richtung. Anleger beauftragen ihre Master-KAG nicht mehr nur mit der Administration ihrer Fonds, sondern beziehen auch noch die Direktanlagen mit ein. Dadurch erhalten sie ein einheitliches Berichts- und Zahlenwerk. Die Master-KAG unterstützt ihren Kunden inzwischen oftmals weiter gehend bei der Rechnungslegung, als dies bisher der Fall war.

Sepp: Aus meiner Sicht gibt es beides. Zum einen die Auswahl nur einer Master-KAG, weil dies die höchste Effizienz verspricht. Auf der anderen Seite achten die Kunden inzwischen stärker als noch vor ein paar Jahren auf die finanzielle Stabilität eines Anbieters. Und einige Investoren wollen wegen der Risikodiversifizierung nicht nur mit einem Anbieter zusammenarbeiten.

Berger: Wir haben zwar auch Kunden mit einer solchen Doppelspurigkeit, aber das ist die Ausnahme. Die Investoren sind meistens schlank aufgestellt und daher auf effiziente Schnittstellen angewiesen.

Noltsch: Im Rahmen der Risikodiversifizierung wird die Bedeutung des Ratings und der Sicherheit eines Anbieters generell immer größer. Die Vorfälle der Vergangenheit …

dpn: … Sie meinen zum Beispiel Madoff und die Unterverwahrung …

Noltsch: … ja – spiegeln sich in der AIFMD wider. Wir werden künftig als Custodian für die Unterverwahrer mit in die Haftung genommen. Der Endinvestor möchte darüber hinaus auch, dass KAG und Depotbank möglichst reibungslos zusammenarbeiten. Wenn dabei zu viele Beteiligte im Spiel sind, wird er mit den Ergebnissen möglicherweise nicht zufrieden sein.

dpn: Es gibt auch Ratings für Custodians und Master-KAGen. Welche Bedeutung besitzen diese?

Berger: Ich halte die Aussagekraft solcher Ratings für eingeschränkt. Es sind nur wenige Anbieter für sie am Markt und die Spanne der Bewertungen ist relativ eng. Das Rating eines Global Custodians sollte sich angesichts seiner weltweiten Tätigkeit außerdem nicht nur auf die Aktivitäten in Deutschland beziehen.

Noltsch: Diese Ratings sind eher an der Servicequalität orientiert als an der Bonität des Hauses. In puncto Service mögen sie durchaus aussagefähig sein, aber die Kunden achten jedoch besonders stark auf die finanzielle Stabilität ihres Partners.

Sepp: Wenn ich mir ein solches Depotbanken- oder Master-KAG-Rating durchlese, bekomme ich einen ganz guten Überblick über die Prozesse und die Aufstellung der Gesellschaft in Deutschland. Die Investoren treibt seit drei Jahren aber besonders die Frage nach der finanziellen Stabilität des Anbieters um.

Grünewald: Es gibt meiner Meinung nach kein breit anerkanntes Master-KAG-Rating, das den gesamten Markt abdeckt. Deshalb nenne ich Interessenten bei Bedarf lieber gezielt vergleichbare Referenzkunden. Mit denen können sie sprechen und sich ein eigenes Bild verschaffen.

Poppe: Wir haben uns nicht einem Master-KAG-Rating unterzogen. Ich sehe keinen Sinn darin. Die Kunden machen sich heutzutage dezidierte Gedanken darüber, wen sie mandatieren. Dazu gehören umfangreiche Fragebögen und eine Vor-Ort-Begehung. Teilweise schalten sie auch noch einen Consultant ein.

dpn: Herr Vorbeck, Sie haben ein solches Master-KAG-Rating vor vier Jahren durchführen lassen, dann aber nicht wiederholt.

Vorbeck: Wir wollen uns nicht an diesem Wettrennen um ein Sternchen mehr oder weniger beteiligen. Die Kunden nutzen andere Informationsquellen: Sie holen sich von Consultants Empfehlungen ein oder fragen die Custodians nach ihren Erfahrungen mit Master-KAGen. Umgekehrt sollen KAGen Einschätzungen zu Custodians abgeben. Und auch Asset Manager werden nach ihrer Zusammenarbeit mit den KAGen und Depotbanken befragt. Aus meiner Sicht lässt sich das noch ausbauen. Zum Beispiel weiß die Deutsche Performancemessungs-Gesellschaft (DPG) ganz genau, von wem sie die Daten am schnellsten und saubersten bekommt. Das Rating ist da eher ein Stückchen Papier. Ausschlaggebend sind Referenzen von Marktteilnehmern ergänzt durch einen Vor-Ort-Besuch.

Berger: Das ist tatsächlich der effektivste Weg zu prüfen, wie realitätsnah die „wundervolle“ Präsentation eines Anbieters ist.

Noltsch: Referenzen sind ganz wichtig. Viele Kunden wollen im Auswahlprozess nicht nur die smarten Sales-Leute sehen, sondern auch diejenigen, die operativ die Arbeit machen. Bei einem Global Custodian geht es manchmal um Dinge wie: Sitzen die Mitarbeiter auch wirklich vor Ort?, Wie tief sind sie in Fachthemen und insbesondere Steuerfragen drin?

dpn: Das klingt fast so, als ob richtige Betriebsbesichtigungen stattfinden.

Poppe: Sie werden außerdem immer mehr – und das ist auch gut so. Häufig kommt ein großer institutioneller Kunde mit seinen Experten für einen oder mehrere Tage zur KAG oder Depotbank und sieht sich dort alles genau an. Die Beantwortung von Fragen auf 60 bis 100 Seiten Papier ist nur der erste Schritt bei einer Mandatsausschreibung. Beim Besuch vor Ort geht es dann in die Tiefe.

Sepp: Es geht den Kunden darum, ein Gespür für ihren Dienstleister zu bekommen. Sie wollen ihre künftigen Ansprechpartner kennenlernen, sehen, wo diese sitzen, und herausfinden, ob die Kommunikation klappen wird und wie es um die Fachkenntnisse der Experten des Anbieters bestellt ist. Die Operations-Leute des Kunden sprechen dann mit den Operations-Leuten des Anbieters beispielsweise darüber, in welchen Dateiformaten der Austausch läuft. Das sind die Diskussionen, die wirklich Mehrwert für die Entscheidung des Investors stiften.

Poppe: Der typische institutionelle Anleger will bei einem solchen Besuch herausfinden, ob der Dienstleister die kundenspezifischen Anforderungen versteht und erfüllen kann. Also, ob er passend liefern kann. Wichtige Stichworte sind dabei die individuellen Schnittstellen, die Anforderungen des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG) und der Großkredit- und Millionenkreditvorschriften (GroMiKV) des Gesetzes über das Kreditwesen oder die Rechnungslegungsvorschriften der International Financial Reporting Standards (IFRS).

Grünewald: Es geht auch darum, den Kunden bei einem solchen Besuch individuell zu beraten. Also beispielsweise zu besprechen, wie wir ihm die gewünschten Informationen am besten liefern. Manchmal gibt es Lösungen, die dem Kunden noch gar nicht bekannt waren.

Vorbeck: Außerdem gibt es Asset Manager, die keine eigene KAG haben und eine passende Plattform für sich suchen. Sie bieten teilweise sehr komplexe Dienstleistungen an – etwa Liability Driven Investments (LDI) oder ein Overlay mit speziellen OTC-Derivaten. Welche Plattform sich dafür eignet, lässt sich am besten durch persönliche Gespräche herausfinden. Es gibt fünf große Anbieter von Master-KAGen in Deutschland, die alle unbestritten sehr viel können. An den Grenzen zeigen sich jedoch Unterschiede – zum Beispiel bei der Abdeckung besonderer Anlageinstrumente oder ungewöhnlicher Asset-Klassen.

dpn: Bieten Sie alle Asset-Klassen an?

Vorbeck: Unser Anspruch ist es, alle Asset-Klassen und die passenden Vehikel anzubieten.

dpn: Alles auch automatisiert?

Vorbeck: Das ist sicherlich eine Wunschvorstellung, aber immerhin ist der Großteil automatisiert.

dpn: Herr Grünewald?

Grünewald: Alle Asset-Klassen anzubieten ist für uns nur ein Teil der Aufgabe. Darüber hinaus achten wir auch darauf, die jeweils passende Strukturierung und den optimalen Standort dafür im Portfolio zu haben. Private Equity decken wir zum Beispiel bereits ab. Aktuell arbeiten wir an Immobilien und Windkraftparks, weil solche Investitionen eine nachhaltige Rendite versprechen. Das suchen derzeit viele Anleger. Darlehensforderungen sind ein weiteres Thema.

dpn: Herr Poppe?

Poppe: Natürlich muss man die Wertschöpfungskette der Administration zu 100 Prozent anbieten. Das reicht vom quantitativen Datenmanagement hin bis zur qualitativen Beratung wie etwa zu Asset-Liability-Studien und dem strategischen Overlay. Eine große Nachfrage von Kundenseite sehe ich beim Reporting. Da ist es unser Anspruch weiterhin, der Innovationsführer zu sein etwa durch unser interaktives Ad-hoc-Reporting, bei dem der Kunde innerhalb von Sekunden Entscheidungsunterstützung erhält. Bei den Assets haben wir uns in den vergangenen zwölf Monaten zum Beispiel um die Loans erweitert, weil inzwischen institutionelle Kunden solche Mandate nachfragen.

dpn: Welche Auswirkungen haben die Wünsche der Kunden nach immer mehr Asset-Klassen auf die Custody-Gesellschaften?

Sepp: Im Immobilienbereich haben wir inzwischen fast 12 Milliarden Euro Nettoinventarvermögen under Depotbank in Deutschland. Nach der AIFMD brauchen künftig auch geschlossene Fonds eine Depotbank in Deutschland. Wir sehen uns dafür gut aufgestellt, weil die Strukturen und Prozesse bei Schiffen, Wäldern und so weiter dem ähneln, was wir schon von den Immobilien her kennen.

Berger: Wir sind bei den Immobilien in Deutschland nicht tätig, verfügen aber über eine große Kompetenz bei Private Equity/Real Estate sowie Hedgefonds. Der Fokus ist dabei außerhalb von Deutschland, zum Beispiel in Luxemburg oder Dublin.

Noltsch: International decken wir die gesamte Palette ab. In Deutschland sind wir aus historischen Gründen noch nicht als Depotbank für Immobilien aktiv. Unser Fokus liegt derzeit auf der Verwahrstellenfunktion für Private-Equity-Fonds, die mit der AIFMD erstmalig auch eine Depotbank benötigen.

dpn: Wie haben sich die Anforderungen der Kunden durch die Eurokrise geändert?

Vorbeck: Zunächst hat sich die Eurokrise vor allem auf die Anleihen ausgewirkt. Die Kunden haben verstärkt interaktive Ad-hoc-Reportings genutzt sowie zusätzliche Stresstests und Risikoanalysen bei der Master-KAG abgerufen. Mittlerweise ist auch das Collateral Management bei einer Wertpapierleihe zu einem Thema geworden – besonders die Auswahl der Kontrahenten.

Berger: Die Investoren teilen Kontrahenten inzwischen gezielt Kredit-Ratings und -Limits zu. Und mit manchen Gegenparteien wollen sie selbst bei einer Besicherung durch Collateral kein Geschäft mehr machen. Es gibt also ganz klar eine Klassifizierung des Kontrahentenrisikos durch die Kunden.

Grünewald: Die Investoren machen bei der Wertpapierleihe stärkere und strengere Vorgaben.

Berger: Ein Beispiel dafür: Wir geben bei der Wertpapierleihe eine Ausfallgarantie. Dennoch haben wir einen Kunden, der uns mit einem sofortigen Rückruf der Assets beauftragt hat, falls die Gegenseite unter eine bestimmte Rating-Stufe fällt.

dpn: Gibt es weitere Auswirkungen der Eurokrise auf Ihr Geschäft?

Berger: Wir haben eine Euro-Readyness. Wir bereiten uns zwar nicht gezielt darauf vor, dass ein bestimmtes Land aus dem Euro austritt. Falls es aber doch eine neue Währung geben sollte, können wir innerhalb von 24 Stunden ein Währungskonto dafür aufsetzen.

dpn: Wie stark ist das Interesse der Investoren an der Wertpapierleihe derzeit?

Berger: Die Investoren, die bei der Wertpapierleihe einen konservativen Ansatz verfolgt haben, fühlen sich bestätigt und führen die Programme fort. Verstärkt fragen auch weitere Kunden individualisierte Leihestrukturen nach, um sich neues Ertragspotenzial vor dem Hintergrund sinkender Portfoliorenditen zu erschließen.

dpn: Gibt es keine Bedenken wegen der erhöhten Risiken?

Berger: Das Risiko kommt nicht so sehr aus dem Verleihen der Wertpapiere – diese Risiken kann ein guter Leihe-Agent minimieren –, sondern mehr aus der Wiederanlage von Barsicherheiten. Legt der Investor das Cash bei einer Adresse mit BBB-Rating an, erhält er zwar einen hohen Zins und kann so einen zusätzlichen Ertrag generieren. Er trägt dann aber auch das Risiko eines Zahlungsausfalls. Wir haften nur für das verliehene Wertpapier, nicht aber für Verluste aus der Anlage von Barsicherheiten. Schließlich liegt die Investment-Entscheidung darüber nicht bei uns, sondern beim Investor. Etliche Pensionskassen nehmen zum Beispiel nur Wertpapiersicherheiten – beispielsweise als sicher eingestufte Staatsanleihen. Diese bieten natürlich eine geringere Rendite.

dpn: Was beobachten Sie bei der Wertpapierleihe, Herr Sepp?

Sepp: Kunden mit einer bestehenden Wertpapierleihe setzen diese meistens fort. Andere Kunden steigen derzeit neu ein, weil die Leihe attraktive Renditen verspricht. Einige Häuser haben sich aber auch grundsätzlich gegen die Leihe entschieden.

Berger: Welches Risikoprofil wählen die Neueinsteiger?

Sepp: Eher ein moderates und vorsichtiges.

dpn: Herr Grünewald?

Grünewald: Die Kunden, die bereits bisher die Wertpapierleihe nutzen, setzen sie meistens fort. Einige Kunden steigen neu ein. Aber diese Zahl ist eher rückläufig.

Vorbeck: Die Nachfrage ist bei uns immer noch gut. Mögliche Zusatzerträge sind in Zeiten mit gefühlten Null-Prozent-Zinsen attraktiv. Entscheidend ist die Frage, wie konservativ oder offensiv der Kunde das Collateral anlegen will. Manche Investoren meiden die Wertpapierleihe allerdings auch, weil sie die Hedgefonds am Markt nicht noch befeuern wollen.

dpn: Wie hoch kann ein solcher Zusatzertrag ausfallen?

Vorbeck: Das hängt von vielen individuellen Umständen ab. Aber der Zusatzertrag ist deutlich spürbar.

Noltsch: Die meisten Kunden stehen unter einem starken Renditedruck. Sie gehen deshalb jede risikoarme Möglichkeit, den Ertrag zu verbessern, aktiv an. Es gibt allerdings auch Endinvestoren, die ihre Asset Manager anweisen, auf die Wertpapierleihe aus ethisch-moralischen Gründen zu verzichten. Sie wollen die Spekulation auf den Finanzmärkten nicht anheizen.

dpn: Wie wichtig ist das Thema der Unterverwahrung und der damit verbundenen Risiken für die Kunden?

Vorbeck: Es gab vereinzelte Ausschreibungen, die sich stark damit beschäftigt haben. Aber insgesamt bewegt sich der Markt erst zu diesem Thema hin.

Grünewald: Eine Studie, die wir kürzlich gemeinsam mit den Beratungshäusern itechx Consulting und Faros Consulting durchgeführt haben, zeigt, dass vielen Kunden bisher gar nicht bewusst war, dass es bei der Unterverwahrung ein Risiko gibt. Sie dachten, dass die Depotbank dafür haften würde – was bisher aber nicht der Fall ist.

Berger: Dem würde ich widersprechen. Alle unsere Kunden kennen dieses Risiko. Es wird auch in den Vertragsverhandlungen mit den KAGen diskutiert.

dpn: Welche Auswirkungen werden die geplanten Haftungserweiterungen haben?

Berger: Die Kapitalausstattung der Global Custodians wird wichtiger werden. Falls wirklich einmal zum Beispiel eine Bank in Asien insolvent wird, haftet der Global Custodian uneingeschränkt für die Assets, die dort liegen. Unter den neuen Regularien wird er nur bei höherer Gewalt aus der Haftung herauskommen.

dpn: Werden Sie deshalb mehr eigene Lagerstellen einrichten?

Berger: Wir haben deren Zahl bereits auf 13 verdoppelt. Ende nächsten Jahres wollen wir bei 19 sein. Ansonsten setzen wir weiterhin auf eine sehr stringente Auswahl und Überwachung der Unterverwahrer. Außerdem haben wir aufgrund der Erfahrungen aus dem Jahr 2008 in jedem Markt ein Backup-Netzwerk eingerichtet: einen zweiten Anbieter, bei dem unsere Konten bereits eröffnet sind. Wir können daher notfalls in nur einem Settlement-Zyklus wechseln.

Noltsch: Es gibt sicherlich keinen Global Custodian, der eigene Lagerstellen für 100 Prozent der Märkte anbieten wird. Das rechnet sich einfach nicht. Deshalb wird die sorgfältige Auswahl der Unterverwahrer in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Die Prozesse dafür sind nach meiner Ansicht bei allen Global Custodians ausreichend professionalisiert.

dpn: Bieten eigene Lagerstellen eine höhere Sicherheit?

Noltsch: Sie bringen natürlich einen operativen Vorteil mit sich – insbesondere, wenn nach europäischem Recht sichergestellt wird, dass die Wertpapiere auch tatsächlich stetig segregiert sind. Dann sind die Assets selbst bei einer Pleite der Bank gut geschützt.

dpn: Wie wirkt sich die künftige Haftung für Unterverwahrer auf Ihr Haus aus?

Noltsch: In Frankreich haften wir als Depotbank auch jetzt schon ohne Einschränkungen für alle Verwahrrisiken. Die Ausweitung dieser Haftung auf Europa mag eine Herausforderung sein. Sie ist für uns aber nichts grundsätzlich Neues, da wir zum Beispiel für unsere deutschen Kunden mehr als 80 Prozent der Assets in eigenen Niederlassungen unterverwahren. Dafür haften wir auch heute schon für alle Verwahrrisiken.

dpn: Werden Sie die Zahl Ihrer eigenen Lagerstellen erhöhen?

Noltsch: Nicht nur aufgrund der neuen Haftungsregeln. Wir bieten derzeit 23 eigene Märkte an und werden weiter expandieren, wenn wir in neuen Märkten Wachstumspotenzial für uns sehen. Wir nutzen zum Beispiel in den USA noch einen Drittanbieter, planen aber im vierten Quartal dieses Jahres als Unterverwahrer aktiv zu werden.

dpn: Wie sehen die Chancen für die Durchsetzung einer Art Versicherungsprämie für die künftig strengere Haftung aus?

Sepp: Das ist noch nicht vorhersehbar. Aber wir werden diese Vorteile sowie eine entsprechende Vergütung gemeinsam mit den Kunden besprechen.

dpn: Haben Sie in Frankreich so etwas durchsetzen können?

Noltsch: Der Kunde nimmt gerne ein Mehr an Leistung mit. Die Zahlungsbereitschaft erhöht sich dadurch nicht immer …

dpn: Wie viel hätten Sie denn gerne mehr?

Berger: AIFMD könnte 10 bis 25 Basispunkte an zusätzlichen Kosten generieren. Der genaue Wert wird von der endgültigen Fassung der Richtlinie abhängen.

Vorbeck: Es hat in der Vergangenheit keine Fälle gegeben, bei denen Wertpapiere beim Unterverwahrer verloren gegangen sind …

dpn: … Madoff! …

Vorbeck: … das war aber ein Betrugsfall. Durch Bankinsolvenzen und Ähnliches sind meiner Kenntnis nach bisher keine Wertpapiere in größerem Stile verloren gegangen. Deshalb wird die Zahlungsbereitschaft der Investoren für die verschärfte Haftung vermutlich nicht sehr hoch sein.

Sepp: Im „Arabischen Frühling“ kam die Angst um unterverwahrte Wertpapiere in dieser Region hoch. Das hat die Wahrnehmung für ein solches Risiko geschärft.

dpn: Für welche Zusatzdienstleistungen sind die Kunden bereit zu zahlen?

Noltsch: Wir sehen gute Chancen für Services in den Bereichen Risikoanalyse, OTC-Derivate-Clearing und Collateral Management oder Solvency II.

dpn: Können Sie schon entsprechende Geschäftsabschlüsse vorweisen?

Noltsch: Wir haben in diesen Bereichen bereits Mandate gewonnen.

Poppe: Die institutionellen Kunden akzeptieren Zusatzgebühren beispielsweise für ein Datenmanagement, das passgenau in das System der Kunden hineinliefert. Ähnlich sieht es bei der Integration der Direktbestände in ein Gesamt-Reporting aus. Dort sehe ich noch erhebliches Potenzial. In diesem Bereich gibt es durch die wachsenden Berichtsanforderungen – Stichworte sind GroMiKV, Basel III, Solvency II – oder zukünftig beim Pension Pooling (Investment-KG) weitere Möglichkeiten, die Kunden zu unterstützen und zu entlasten.

Sepp: Im reinen Depotbank- und Custody-Geschäft sind wir am unteren Ende der Preisschraube angekommen. Zusatzerträge können von expliziten Dienstleistungen kommen, die der Kunde gesondert in Anspruch nimmt, wie etwa Wertpapierleihe, Fremdwährungsgeschäft oder ein besonderes Reporting.

dpn: Herr Grünewald, welche Ihrer Zusatzdienstleistungen ist am erfolgreichsten?

Grünewald: Das sind diejenigen, die das Treasury oder die Buchhaltung des Kunden gezielt entlasten. Stichworte dafür sind beispielsweise die Integration der Direktbestände, maßgeschneiderte Risiko-Reports oder IFRS-Zahlen, Durchschau-Lösungen und Ähnliches. Außerdem wird unser großer Trading Desk gerne in Anspruch genommen, weil er durch gute Konditionen Zusatzerträge für die Kunden erzielt.

Vorbeck: Die Kunden zahlen für Mehrwert. Dieser kann beispielsweise durch Handelsdienstleistungen, ein Transition Management, die Wertpapierleihe oder Verbriefungen entstehen. Es wurde jetzt öfters die Unterstützung des Kunden bei seinen eigenen regulatorischen Anforderungen genannt. Die Frage ist jedoch, welche Anbieter dabei tatsächlich einen substanziellen Nutzen für die Kunden schaffen werden. Banken, Versicherungen und Pensionskassen haben unterschiedliche Anforderungen. Wer diese jeweils spezifisch bedienen kann, schafft einen Mehrwert.

Noltsch: Es gibt auch eigenständige Dienstleistungen, die den Kunden nutzen können. Wir bieten zum Beispiel eine Performance-Messung mit der kompletten Attributions- und Risikoanalyse an und setzen dafür 300 Mitarbeiter weltweit ein. Das ist kein einfacher Zusatzservice, sondern eine eigenständige Dienstleistung.

dpn: Wird das Online-Reporting von den Kunden stark genutzt und auch separat bezahlt?

Berger: Das Online-Reporting ist ein Standardprodukt, das allerdings hohe Kosten für die Infrastruktur verursacht. Wir passen es inzwischen stark an die Bedürfnisse der Kunden an. Mittlerweile stellen wir es auch über mobile Endgeräte wie das iPad zur Verfügung.

Poppe: Beim Online-Reporting gibt es noch erhebliche Unterschiede zwischen Anbietern. Es ist kein homogenes Gut.

Vorbeck: Wir haben im Juni unser mobiles Reporting-Portal gestartet. Dieses Power-Portal stößt auf große Nachfrage. Der Nutzerkreis reicht vom Controller, der sich einen komplexen Bericht nach Hause schicken lässt, bis hin zum Vorstand, der im Zug oder im Flieger auf dem iPad kurz die wichtigsten Kennzahlen checken will.

dpn: Auf welche Innovation in den nächsten zwölf Monaten dürfen sich Ihre Kunden besonders freuen?

Sepp: Auf einen AIFMD-Service für geschlossene Fonds.

Grünewald: Auf eine Front-Office-Lösung für Fondsmanager, bei der diese ihr Portfolio modellieren können.

Vorbeck: Auf unsere gerade gestartete Reporting-Plattform mit Performance- und Attributionsanalyse.

Noltsch: Auf das Pension Pooling, sobald es in Deutschland die steuertransparente Investment-KG gibt. In Luxemburg, Irland, Holland und Belgien werden solche Lösungen bereits angeboten.

Berger: Auf ein maßgeschneidertes Segment-Reporting für den deutschen Markt.

Poppe: Auf ein interaktives Reporting 2.0.

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