“Das Thema Nachhaltigkeit ist Chefsache – daher muss es auch in den Vergütungssystemen verankert sein”, sagt Matt Christensen, Global Head of Sustainable and Impact Investing bei AllianzGI.

Allianz Global Investors (AllianzGI) hat 2021 weltweit auf 10.190 Hauptversammlungen (HV) über fast 110.000 Management- und Aktionärsvorschläge abgestimmt. In 68 Prozent der Hauptversammlungen stimmte AllianzGI gegen mindestens einen Tagesordnungspunkt oder enthielt sich der Stimme. Mehr als jeder fünfte Vorschlag weltweit wurde abgelehnt.

Die Zahlen des aktuellen HV-Reports spiegeln AllianzGIs aktiven und global einheitlichen Ansatz bei der Stimmrechtsausübung wider. Jeder einzelne Vorschlag wird kritisch geprüft. Anträge, die nicht im Interesse der Anleger sind, werden abgelehnt. Über die letzten Jahre zeigte sich weltweit bei den Corporate-Governance-Standards eine gewisse Verbesserungstendenz. Diese spiegelt sich in einer leichten Verringerung der Ablehnungsquoten wider. Dennoch gibt es in den verschiedenen Ländern und Regionen insgesamt weiter große Unterschiede.

“Als aktiver Investor ist die Ausübung unserer Stimmrechte eines unserer mächtigsten Instrumente, um Veränderungen zu bewirken. Im Einklang mit unserem Wunsch, eine nachhaltigere Zukunft mit messbaren positiven Ergebnissen zu gestalten, erhöhen wir daher weiter unsere Anforderungen. Das Thema Nachhaltigkeit ist Chefsache – daher muss es auch in den Vergütungssystemen verankert sein”, sagt Matt Christensen, Global Head of Sustainable and Impact Investing bei AllianzGI.

Vergütungspolitik auch 2021 konfliktträchtigstes HV-Thema

Erneut fielen Vergütungsvorschläge in fast der Hälfte der Fälle durch, in denen sie auf der Tagesordnung standen. Dabei schaute AllianzGI besonders kritisch auf die Vergütungssysteme derjenigen Unternehmen, die infolge der Covid-19-Pandemie staatliche Beihilfen erhalten, zu Entlassungen gegriffen oder Dividendenkürzungen vorgenommen hatten.

Nach vorne schauend hat AllianzGI die eigene Abstimmungspolitik verschärft. Künftig erwartet AllianzGI von großen Unternehmen in Europa, dass sie ESG-Erfolgskennziffern (ESG-KPIs) explizit in die Vergütungspolitik für die Unternehmensführung einbeziehen. Ab 2023 wird AllianzGI gegen Vergütungssysteme stimmen, bei denen dies nicht der Fall ist. Darüber hinaus verschärft AllianzGI die Abstimmungsregeln in Bezug auf die ethnische Vielfalt in den Entscheidungsgremien in Großbritannien und den USA. AllianzGI erwartet von Unternehmen in diesen Ländern, dass sie einen Diversity-Ansatz verfolgen, der über das Thema Geschlechterzugehörigkeit hinausgeht.

Erstmalig standen Klimastrategien zur Abstimmung

In der HV-Saison 2021 stellten Unternehmen erstmalig Klimastrategien zur Abstimmung. AllianzGIs Proxy-Voting-Richtlinie hierzu erfordert das Setzen klarer unternehmensindividueller Ziele und Meilensteine sowie die Verpflichtung zu einer jährlichen Berichterstattung, die Anlegern eine Beurteilung der Fortschritte ermöglicht. In vielen Fällen trat AllianzGI vor der Abstimmung mit den jeweiligen Unternehmen in einen konstruktiv-kritischen Klima-Dialog (Engagement Process). Letztlich unterstützte AllianzGI im letzten Jahr 31 klimabezogene Managementvorschläge von 30 Unternehmen. Der Investor erkennt damit auch die Vorreiterrolle dieser Unternehmen an. In Zukunft werden jedoch strengere Maßstäbe angelegt werden, da sich „Say on Climate“-Beschlüsse immer stärker durchsetzen und die Marktstandards hierfür weiterentwickeln werden.

HV-Dauerbrenner: Zusammensetzung von Aufsichts- oder Verwaltungsräten

Die Ablehnung von Aufsichts- oder Verwaltungsratsmitgliedern ist leicht zurückgegangen. Dennoch bestehen hier weiter vielfach große Bedenken. AllianzGI stimmte bei vielen Unternehmen gegen Wahlvorschläge, wenn Aufsichts-/Verwaltungsräte und/oder deren Ausschüsse nicht hinreichend unabhängig besetzt waren. Etwa dann, wenn die Mitglieder schon lange im Amt oder Vertreter von Großaktionären waren.

Aber auch die Ämterhäufung, das sogenannte ‚Overboarding‘, bleibt ein großes Problem. Die Anzahl der Verpflichtungen von Aufsichts-/Verwaltungsratsmitgliedern ist dann kritisch überprüft worden, wenn die Unternehmen wirtschaftlich stark von der Covid-19-Pandemie betroffen waren oder die Gremienmitglieder gleichzeitig exekutive Führungspositionen in anderen Firmen innehatten.

Deutschland: Deutlich mehr Vergütungsvorschläge angelehnt

In Deutschland votierte AllianzGI 2021 gegen 17 Prozent aller HV-Vorschläge und enthielt sich bei weiteren 4 Prozent der Stimme. Im Detail gab es aber Verschiebungen: So wurden letztes Jahr deutlich mehr Vergütungsvorschläge abgelehnt. Auch mit Kapitalgenehmigungen war AllianzGIs etwas häufiger als im Vorjahr nicht einverstanden.

“Im Rahmen der Vorgaben der Shareholder Rights Directive II (SRD II) stellten 2021 viele deutsche Unternehmen ihre Vergütungssysteme zur Abstimmung. Ein häufiger Ablehnungsgrund für uns war dabei eine großzügig bemessene variable Vergütungskomponente trotz Underperformance oder zu große diskretionäre Ermessensspielräume. Darüber hinaus lehnten wir bei einzelnen Firmen Boni ab, die trotz Erhalts staatlicher Covid-Unterstützung gezahlt werden sollten. Beim Thema Kapitalgenehmigungen schließlich bleibt in Deutschland der zu großzügige Ausschluss von Bezugsrechten ein Dauerbrenner“, erläutert Dr. Antje Stobbe, Head of Stewardship.

Die Corporate-Governance-Expertin fasst die zentralen Anforderungen an Unternehmen in Deutschland wie folgt zusammen: „Zielorientierte und nachvollziehbare Vergütungssysteme, ausgewogen und fachkundig besetzte Gremien mit hinreichend unabhängigen Vertretern sowie Kapitalmaßnahmen unter Wahrung der Interessen der bestehenden Anteilseigner. Dies kommunizieren wir in Hauptversammlungen, aber auch im unterjährigen Dialog mit den Unternehmen.“

 

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