Wie schafft man es, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen? Und womit kann man heute dauerhaft tragbare Anlagestrukturen schaffen? Fragen an Dr. Oliver Lang, Mitglied des Vorstands, Leiter Kapitalanlagen bei der KZVK. 

Herr Dr. Lang, am 1. Januar 2020 ist das neue Finanzierungssystem der Kirchlichen Zusatzversorgungskasse (KZVK) in Kraft getreten. Wie fühlen Sie sich jetzt?

Ja, wir fühlen uns gut. Insbesondere im letzten halben Jahr haben wir 34 Road-shows – wie wir das nennen – absolviert und haben damit rund 1.500 Teilnehmer unserer 5.410 beteiligten Arbeitgeber im unmittelbaren persönlichen Gespräch erreicht. Am Ende dieses Wegabschnitts steht das gute Gefühl, alle mit ins Boot geholt zu haben. Aber das Thema ist noch nicht zu Ende. Es wird uns auch über die anstehende Übergangsphase beschäftigen, die nach heutigem Planungsstand sieben Jahre andauern wird. Da wird es sicher noch Härtetests geben. Aber Stand heute interpretieren wir die Signale, die bei uns angekommen sind, dahingehend, dass ein gemeinsames Verständnis entstanden und im Sinne aller Beteiligten eine tragfähige Lösung entwickelt worden ist.

Warum hat die Umstellung von Umlage- auf Kapitaldeckungsverfahren so tiefgreifende Probleme bereitet? Sie sind mit dieser Entscheidung ja nicht der einzige AV-Träger.

Wir waren die Ersten, die die höchstrichterliche Entscheidung 2015 herbeigeführt haben. Diese BGH-Entscheidung war für andere dann auch der Leitfaden. In der Sache führte dieses Urteil dazu, dass das sogenannte Sanierungsgeld, das seit 2002 als Sonderbeitrag zum Ausgleich der Deckungslücke zwischen Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren eingeführt wurde, zurückgezahlt werden musste. Hinzu kam, dass 2002 aus heutiger Sicht mit zu optimistischen aktuariellen Annahmen kalkuliert worden war, zum Beispiel einer Kapitalmarktverzinsung von 6 Prozent. Beides führte dazu, dass sich über die Jahre eine erhebliche Lücke aufgetan hat. Ein weiteres Problem war, dass aufgrund der zwangsläufig hohen Komplexität eines solchen Systems beteiligte Arbeitgeber den Eindruck hatten, über Gebühr belastet zu werden.

Welche Lehre ziehen Sie daraus?

… dass es unglaublich wichtig ist, die Beteiligten von Anfang an mit ins Boot zu nehmen, um zu vermeiden, dass Misstrauen über eine vermeintlich ungleiche oder ungerechte Behandlung aufkommen kann und sich damit letztendlich auch Klagedruck aufbaut. Der Erfolg der vergangenen zwei Jahre ist, dass wir bestehende Klageandrohungen vom Tisch bekommen haben. Damit starten wir jetzt in die „neue Welt“ – mit dem guten Gefühl, neben den fachlichen Veränderungen eine neue Vertrauensbasis geschaffen zu haben. Das ist ein entscheidendes Standbein.

Wie sehr drückt Sie die inzwischen aufgelaufene Finanzierungslücke von 7,5 Milliarden Euro?

Diese Lücke ist natürlich unstrittig ein Problem – aber ein Problem, das weit in die Zukunft reicht. Wichtig für das Verständnis ist dabei, dass dies nichts mit Insolvenz zu tun hat. Denn diese Zahl „Finanzierungslücke“ ist der Barwert aller künftigen versicherungsseitigen Verpflichtungen, der durch den heutigen Kapitalanlagebestand nicht bedeckt ist. Unsere aktuellen Zahlungen an die Versorgungsempfänger sind dagegen 28-fach durch die Kapitalanlage bedeckt. Aber natürlich müssen wir nach Lösungswegen für die Zukunft suchen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass wir als Pflichtversicherung stets Neuzugänge haben – sogar relativ kräftige. Solange die Gewissheit besteht, dass es diesen Neuzugang weiterhin gibt, rechtfertigt dies aus aktuarieller Sicht immer die Existenz einer Deckungslücke. Das ist bei jeder Zusatzversorgungskasse so.

Konkret gefragt: Welche Finanzierungslücke könnte dann für Sie als tragfähig gelten?

Nach unserem heutigen Planungsstand ist das eine Deckungslücke in Richtung 10 Prozent. Anders gesagt, wir kommen aktuell von einem Kapitaldeckungsgrad um etwa 72 Prozent und wollen uns langfristig – unter Ausnutzung einer gewissen Schwankungsbreite – in Richtung 90 Prozent bewegen. Das ist nach unserer Einschätzung eine ambitionierte, aber lösbare Aufgabe, wobei die Planungsprämissen natürlich fortlaufend auf ihre Plausibilität hin überprüft werden müssen.

Kern des Finanzierungskonzepts ist die Zusammenlegung der beiden Abrechnungsverbände. Welchen Vorteil bringt das?

Es ist eine harte aktuarielle Anforderung in allen kapitalgedeckten Altersversorgungssystemen, dass in dem Moment, in dem das System nur noch aus Versorgungsempfängern besteht, es vollständig ausfinanziert sein muss. Das war das Problem des alten Abrechnungsverbandes, der alle bis 2002 aufgelaufenen Anwartschaften enthält. Dead-line dafür wäre das Jahr 2051 gewesen, wenn der letzte Anwärter im alten Abrechnungsverband in Rente geht.

Dies auszufinanzieren hätte den Handlungsspielraum der Kapitalanlage sehr eingeschränkt: Wir hätten die Kapitalanlage praktisch immer stärker auf das Ziel der Cashflow-Bedeckung ausrichten müssen. Und das verbleibende Renditeportfolio hätte einen immer höheren Renditebeitrag leisten müssen. Dadurch, dass wir jetzt beide Verbände in einem offenen Versicherungssystem zusammenführen, in das alle Neuzugänge seit 2002 fließen, haben wir natürlich viel mehr Flexibilität und Risikospielraum, weil wir noch über viele Jahre einen Beitragsüberschuss in der Versicherungstechnik haben. Der Gewinn an Handlungsfähigkeit ist enorm.

Sie haben sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben. In welcher Form geschieht das?

Dort, wo wir Nachhaltigkeitskriterien vorgeben, sind es Ausschlusskriterien. Das Wichtigste ist aber für uns, die ESG-Prinzipien in die Auswahlprozesse einzugliedern, um passende Partner zur Umsetzung unserer Leitlinien zu finden. Gleichzeitig denken wir auch über andere Verfahren nach. So sind wir gerade dabei, das Engagement-Thema neu aufzusetzen. Allerdings sind wir derzeit damit noch im Experimentierstadium. Ein zweites Vorhaben sind echte Impact Investments. In relativ kleinem Umfang ist dazu beispielsweise eine Private-Equity-Strategie in Emerging Markets aufgelegt worden, um dort – sozusagen als messbaren Impact – Mikrofinanzstrukturen aufzubauen. Das ist ein echtes Leuchtturmprojekt.

Wie interessant ist Infrastruktur für Sie im Rahmen der Nachhaltigkeit?

Hochinteressant, nicht nur wegen der positiven ESG-Bewertung von Projekten wie Solar- oder Wasserkraftwerken. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Infrastruktur ist eine strukturell wachsende Asset-Klasse. Während andere Asset-Klassen abgegrast sind, haben wir hier den Vorteil, dass nicht nur die Nachfrage, sondern auch das Angebot kräftig wächst. Denn weltweit werden bislang sicherlich noch weniger als 5 Prozent der Objekte privat finanziert.

Und von der Rendite her …?

… ist dies für uns auch sehr interessant. Wenn wir da, wie in unseren bisherigen Projekten, weiterhin eine Vier vor dem Komma sehen, passt das genau.

Welchen Stellenwert hat die Nachhaltigkeitsstrategie für Sie?

Nachhaltigkeit ist ein wesentlicher Aspekt von Kapitalanlage. Ethisch-nachhaltige Kriterien einzubinden, das ist für uns keine Abwägungsentscheidung. Es ist Grundbestandteil einer vernünftigen, langfristig ausgelegten Rendite-Risiko-Abwägung in der Kapitalanlage.

Dr. Oliver Lang ist Mitglied des Vorstands, Leiter Kapitalanlagen bei der Katholischen Zusatzversorgungskasse KZVK. Das Interview wurde am 4. März 2020 geführt.

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