Im Oktober 2021 kletterte die Inflation in den USA auf ein neues 30-Jahreshoch. Die US-Notenbank Fed gerät damit zunehmend unter Druck.

An diese Größenordnungen muss man sich erst gewöhnen: Bei stolzen 6,2 Prozent lag die Inflation in den USA im Oktober 2021. Das ist höchste Rate seit 30 Jahren und sie fiel zugleich deutlich höher aus als von Analysten erwartet. Auch im Vergleich zum Vormonat sticht der Oktober noch einmal heraus. Denn im September hatte die jährliche Teuerungsrate bei 5,4 Prozent gelegen.

Was die Preisentwicklung treibt, ist seit Monaten offensichtlich: Die Preise für Energie und auch Nahrungsmittel explodieren. So kletterte die Kernrate – also die Inflation ohne die volatilen Energie und Nahrungsmittel – um “nur” 4,6 (Vormonat: 4,0) Prozent höher gegenüber dem Vorjahresmonat. Aber auch andere Preise ziehen an, insbesondere etwa die Mieten.

Inflation: Strukturelle Veränderungen

Es gibt ein paar gewichtige Faktoren, die für eine anhaltende Inflation sprechen – wenngleich nicht auf diesem hohen Niveau. Dazu gehören die bald anstehende Pensionierungswelle der Baby Boomer in den USA, die Klimakrise, Deglobalisierung und der Fachkräftemangel und damit einhergehend eine einsetzende Lohn-Preis-Spirale.

Gerade erst ist die COP26 zu Ende gegangen. Die führenden Stakeholder in Sachen Klimaschutz trafen im schottischen Glasgow zusammen, um gemeinsam Maßnahmen gegen den Klimawandel zu beschließen. Dies könnte die Preisentwicklung stützen.

Hinter dem politischen Begriff “Transitionsrisiken” steht unter anderem die Warnung, dass sich fossile Energieträger verteuern oder verknappen, Gerichte Schadenersatzklagen gegen Unternehmen stellen oder diese vom Staat gezwungen werden könnten, beispielsweise Atommüllendlager zu finanzieren, bemerkt etwa Andreas Gilgen von der Bank Alpinum. Unternehmen, die ihre Strategie nicht zeitnah anpassen, werden vom Staat, von Aktionären und von Kunden bedrängt.

“Umdenken und Handeln sind dringend notwendig, die Risiken – sprich Kosten für Unternehmen, Steuerzahler und Konsumenten – werden jedoch kaum transparent gemacht. So droht Ungemach von zwei Seiten mit einer nicht zu unterschätzenden Gefahr, dass beide Faktoren potentiell inflationstreibend sind”, bemerkt Gilgen.

Umbau der Energiewirtschaft führt zu Ungleichgewichten

Die jüngste Inflation gewähre auch Einblicke in eine wohl ungewisse Zukunft. Vermehrte Engpässen werden immer wieder zu unberechenbaren Preisschüben führen, so Gilgen. “Ist das feine Gefüge von Angebot und Nachfrage außer Balance, drohen große Preisbewegungen. Der Wandel der Wirtschaft wird zuerst enorme Ressourcen verbrauchen, bevor eine Dekarbonisierung möglich ist. Hierzu benötigen wir Rohstoffe wie Kupfer, elektronische Komponenten, neue Batterietechnologien und vor allem Fachkräfte”, lautet die Einschätzung von Bank Alpinum.

Der notwendige Umbau der Energiewirtschaft werde auf Widerstand stoßen. Konflikte sind vorprogrammiert. Ein Angebot reduzieren ohne ein neues zu schaffen, führt zu Preisexplosionen. Hierzu gesellen sich neue Abhängigkeiten von wenigen Anbietern für Länder ohne eigene Rohstoff- oder Energiequellen. Ein Beispiel hierfür seien die explodierenden Gaspreise in Europa.

Inflation: Demographie und Arbeitsmarkt

Laut Dr. Jan Viebig, Chief Investment Officer der ODDO BHF AG, ist die entscheidende Frage nun: Wie eng ist der Arbeitsmarkt? Die Demografie spricht dafür, dass zumindest ein Teil der in der Corona-Krise aus dem Arbeitsmarkt ausgeschiedenen nicht an die Werkbank zurückkehren. Die Baby-Boomer – also die Jahrgänge der in den 1950er und frühen 1960er geborenen – wechseln nun in den Ruhestand. Die kräftigen Kursgewinne an den Aktienmärkten der vergangenen Jahre erleichtern diesen Übergang vermutlich, mutmaßt Viebig.

“Die Statistik zeigt aber auch, dass die Erwerbsbeteiligung speziell bei jungen Frauen (Altersgruppe 25-34 Jahre) sehr deutlich gesunken ist. Dafür dürfte vor allem der Betreuungsbedarf für Kinder ausschlaggebend gewesen sein”, so Viebig. Mit der Normalisierung des Schulbetriebs sollte dieser Effekt jedoch abklingen.

Mit 4,6 Prozent im Oktober 2021 lag die Arbeitslosigkeit unter der Quote, die der Offenmarktausschuss der Fed (FOMC) im September für das Ende des Jahres veranschlagt hatte (4,8 Prozent). “Die Aktien- und – vielleicht überraschender – die Anleihemärkte haben den Arbeitsmarktbericht für Oktober 2021 als positive Nachricht aufgenommen. Für die Marktteilnehmer scheint entscheidend gewesen zu sein, dass das Arbeitskräfteangebot (vorerst) noch ausreichend groß und „elastisch“ ist, den wachsenden Personalbedarf zu decken”, lautet die Einschätzung von Viebig.

Allerdings legten auch die durchschnittlichen Stundenlöhne im Oktober um 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Wenn die Nachfrage stark bleibt, dann wird auch der Lohndruck hoch bleiben. Somit könnten die Hoffnungen auf eine rasche Beruhigung der Preisentwicklung im nächsten Jahr enttäuscht werden. Der Anstieg der US-Verbraucherpreise lasse erkennen, dass die Preisdynamik bereits deutlich höher ist als das FOMC erwartet hatte. “Viel spricht deshalb dafür, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik über die bisher angekündigte Rückführung der Anleihekäufe hinaus straffen wird“, erwartet Viebig.

Druck auf Fed steigt

Auch Tiffany Wilding, Ökonomin bei PIMCO, sagt: Der unerwartet starke Anstieg der US-Inflation lässt stark vermuten, dass die US-Notenbank ihren Zeitplan für die Anhebung der Leitzinsen vorziehen wird. “Im Dezember wird die Fed aktualisierte Zinserhöhungsprognosen veröffentlichen. Unter Berücksichtigung der jüngsten US-Inflationsdaten gehen unsere Prognosen im Mittel davon aus, dass wir im Jahr 2022 zwei und im Jahr 2023 drei bis vier Zinsanhebungen erleben werden”, berichtet Wilding.

Das Tapering-Tempo dürfte zunächst beibehalten werden. “Es würde uns jedoch auch nicht überraschen, dass die Rufe nach einem rascheren Tapering lauter werden, sobald die Fed im Januar 2022 ihr weiteres Vorgehen publik macht”, so die Ökonomin.

Fed wird Inflation länger tolerieren als zuvor

Institutionelle Investoren sollten aber nicht in Panik verfallen, rät Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz. Denn die Fed werde höhere Inflationsraten länger tolerieren als in der Vergangenheit, solange die Zweitrundeneffekte begrenzt ausfallen. “Die Sorgen vor den Folgen einer zu raschen Zinswende sind innerhalb der Fed ebenso so hoch wie die Sorgen hinter die Kurve zu fallen”, so Mayr. Darauf deute der Stabilitätsbericht der Fed hin. Gleichzeitig ist eine rasche Entspannung auf der Preisseite nicht in Sicht. Der Hochpunkt der Inflation dürfe erst zum Jahreswechsel erreicht werden.

 

 

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