Bundesbankpräsident Jens Weidmann legt zum Jahresende sein Amt nieder. Die Nachfolge dürfte wohl weniger kritisch am Mehrheitskurs des EZB-Rates sein.

Der amtierende Bundesbankpräsident Dr. Jens Weidmann will nach mehr als zehn Jahren zum 31. Dezember 2021 sein Amt niederlegen. Er führt persönliche Gründe an. Die Resignation kommt zu einer Zeit steigender Inflation, weiterhin akkommodierender Geldpolitik  – und einer Regierungs-Neubildung. Weidmann galt als Falke der Eurozone, bemängelte Mal um Mal die ultralockere Geldpolitik innerhalb des Rats der Europäischen Zentalbank (EZB). Gerade die Wertpapierankaufprogramme waren ihm ein Dorn im Auge. Laut Analysten dürfte der oder die neue Bundesbank-Chefin in jedem Fall taubenhafter daherkommen.

Jens Weidmann Bildquelle: Deutsche Bundesbank

“In Anbetracht der aktuell erkennbaren Präferenzen der neuen Bundesregierung wird der nächste Präsident wahrscheinlich eher ein Befürworter einer lockereren Geldpolitik sein und seine Ansichten stärker mit der aktuellen Politik der EZB in Einklang bringen”, sagt Tomasz Wieladek, International Economist bei T. Rowe Price. Kurzfristig werde dies den lockeren Kurs der EZB weiter unterstützen.

An Spekulationen zu potenziellen Kandidaten für das Amt mangelt es nicht. Eine Möglichkeit: Die Wirtschaftswissenschaftlerin Isabel Schnabel, die bereits Mitglied des Direktoriums der EZB ist. Oder Marcel Fratzscher, der derzeitige Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und ein Befürworter der SPD-Politik, so Wieladek.

Darüber hinaus zählen Staatssekretär Dr. Jörg Kukies vom Bundesministerium der Finanzen sowie Jakob von Weizsäcker, der derzeitige Chefvolkswirt des Finanzministeriums, zu den weiteren Kandidaten. Auch Veronika Grimm, Mitglied der fünf „Wirtschaftsweisen“, gilt als eine potenzielle Anwärterin.

EZB-Rat wird pragmatischer

Eine Auswirkung auf die geldpolitischen Ausrichtung der EZB sei nicht zu erwarten, heißt es indes im CIO Flash der DWS. “Wir gehen nach wie vor davon aus, dass die EZB im Dezember 2021 – wenn Bundesbankpräsident Weidmann noch im Amt sein wird – ihre Geldpolitik neu kalibrieren wird. Wir erwarten, dass sie 2022 ihr Anleiheankaufprogramm deutlich reduzieren wird”, heißt es. Über den Nachfolger oder die Nachfolgerin könne nur spekuliert werden. Es sei jedoch fraglich, ob er oder sie ein ähnlich ausgewiesener Falke sein werde. “Damit würde der EZB-Rat womöglich noch etwas pragmatischer sein als er ohnehin schon ist”, so die DWS. “Wir gehen jedenfalls nicht davon aus, dass die Entscheidung von Jens Weidmann zum Rückzug Ende diesen Jahres wesentliche Auswirkungen auf die Zinsen im Euroraum haben wird.”

Weidmanns Positionen repräsentierten häufig nicht die Mehrheitsmeinung im EZB-Rat, schreibt Commerzbank-Chefvolkswirt Dr. Jörg Krämer. “Dass sich Weidmann häufig nicht durchsetzen konnte, könnte bei seinem Rücktritt eine Rolle gespielt haben”, vermutet er. Eine neue Bundesregierung werde wohl kaum einen Bundesbankpräsidenten berufen, der im EZB-Rat wieder im Gegensatz zur Mehrheitsmeinung steht. “Insofern dürfte der Nachfolger oder die Nachfolgerin Weidmanns weniger falkenhaft sein als Jens Weidmann.”

Es werde damit noch unwahrscheinlicher, dass die EZB auf absehbare Zeit aus der ultralockeren Geldpolitik aussteigt, obwohl die Inflationsrisiken zuletzt deutlich gestiegen sind. “Ich teile nicht die Erwartung der Zinsmärkte, dass die EZB ihren Leitzins schon im nächsten Jahr anhebt. Stattdessen erwarte ich weiter, dass die EZB nach einem Ende des PEPP-Kaufprogramms im Frühjahr 2022 das APP-Kaufprogramm aufstocken wird”, erwartet der Chefvolkswirt. So wird sie weiter die hochverschuldeten Staaten vor allem im Süden der Währungsunion unterstützen.

Weidmann: “Inflationsgefahren nicht aus dem Blick verlieren”

Weidmann mahnte in seinem Statement zur Vorsicht. Es werde entscheidend sein, „nicht einseitig auf Deflationsrisiken zu schauen, sondern auch perspektivische Inflationsgefahren nicht aus dem Blick zu verlieren“. Eine stabilitätsorientierte Geldpolitik werde dauerhaft nur möglich sein, wenn der Ordnungsrahmen der Währungsunion weiterhin die Einheit von Handeln und Haften sichere, die Geldpolitik ihr enges Mandat achte und nicht ins Schlepptau der Fiskalpolitik oder der Finanzmärkte gerate, so seine mahnenden Worte. „Dies bleibt meine feste persönliche Überzeugung genauso wie die hohe Bedeutung der Unabhängigkeit der Geldpolitik.“

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