Im Januar 2022 stieg die Teuerungsrate für den Euroraum um 5,1 Prozent. Erwartet wurde ein leichter Rückgang gegenüber dem Dezember-Peak von 5 Prozent. Mit Spannung richten sich die Blicke nun auf die Währungshüter in Frankfurt.

Die überraschend hohe Inflation in der Euroraum erhöht den Druck auf Europäische Zentralbank (EZB), die geldpolitische Wende einzuleiten. „Die allgemeine Bloomberg-Prognose ging davon aus, dass die Gesamtinflationsrate im Jahresverlauf von ihrem Höchststand im Dezember auf 4,4 Prozent fallen würde. Tatsächlich stieg sie auf 5,1 Prozent und lag damit sogar noch höher als im Dezember”, bemerkt Sandra Holdsworth, Head of Rates UK bei Aegon Asset Management. Im Vormonat hatte das Plus bei 5 Prozent gelegen. Gleichzeitig befindet sich die Arbeitslosigkeit in der Eurozone auf einem Rekordtief, so dass Löhne und Gehälter anziehen.

Am 3. Februar 2022 kommen die Währungshüter in Frankfurt zusammen. “Es wird nicht viel erwartet, aber Daten wie diese dürften die Chancen für eine hawkishe Wende erhöhen“, meint Holdsworth. Auch Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei der DWS, erwartet vom heutigen Zusammentreffen keine neuen Impulse. Allerdings bemerkt auch sie: “Angesichts des Kaufkraftverlustes dürfte dies auch denjenigen Notenbankern die Sorgenfalten ins Gesicht treiben, die bisher für eine Beibehaltung des geldpolitischen Kurses votiert haben.”

Keine konkreten Schritte, aber rhetorische Kehrtwende?

Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz, mahnt institutionelle Investoren, sich auf das Risiko einer verbalen Kehrtwende der EZB einstellen. Nach dem Vorbild der US-Notenbank Fed könnte sie ihre Zinspläne stärker am Risikoszenario ausrichten. Auch vonseiten der Falken im Rat steige nun der Druck, wozu auch der Richtungswechsel der Fed beitrage. “Beobachter sollten sich deshalb zumindest auf das Risiko einer verbalen Kehrtwende von EZB-Chefin Christine Lagarde einstellen.

Nach dem Vorbild der Fed könnte sie ihre Zinspläne stärker an den tatsächlichen Inflationsdaten und am Risikoszenario eines „higher for longer“ ausrichten und einen ersten Zinsschritt im Jahr 2022 nicht mehr ausschließen”, so Mayr. Eine deutliche Anhebung der Zinsen in Europa leibt aber nach wie vor unwahrscheinlich.

Auch Jupiter Asset Management erwartet nicht den großen Wurf. “Wir gehen davon aus, dass die EZB auf ihrer bevorstehenden Sitzung und anschließenden Pressekonferenz “Geduld” betonen wird, ohne dass es zu einer Änderung der Zins- oder Bilanzpolitik kommt”, sagt Talib Sheikh, Head of Strategy, Multi-Asset bei Jupiter Asset Management. “Wir glauben: Die EZB wird dem Druck, sich 2022 zu bewegen, weiterhin widerstehen. Die langfristigen Inflationserwartungen liegen nach wie vor unter 2 Prozent. Daher wird die EZB Geduld walten lassen.” Denn es gebe zaghafte Anzeichen, dass sich die Inflationstreiber – Versorgungsengpässe, Arbeitskräftemangel und hohe Energiepreise – etwas abschwächen. Auch erwartet Sheik keine Lohn-Preisspirale wie auf der anderen Seite des Atlantiks.

Am europäischen Zinsmarkt wird zurzeit der Beginn eines Normalisierungsprozesses mit einer einmaligen Anhebung um 25 Basispunkte im Jahr 2022 eingepreist. Gefolgt von zwei Anhebungen im Jahr 2023, die die Zinsen in den positiven Bereich bringen. “Wir halten dies für zu aggressiv”, betont Sheikh.

Weiter hohe Inflation im Euroraum?

Skeptisch zeigt sich die Commerzbank, dass die Inflationsdynamik schnell abschwächen werde. Denn die Energiepreise sind zu Jahresbeginn noch stärker gestiegen als Anfang 2021. Auch die Material- und Lieferengpässe halten den Preisdruck hoch. Diese Verteuerungen sind noch nicht in allen Ländern vollständig bei den Verbrauchern angekommen.

EZB-Chefin Christine Lagarde dürfte eine Festlegung auf konkrete Maßnahmen vermeiden, um die ohnehin bestehenden Zinserhöhungserwartungen nicht noch weiter zu befeuern, so Christoph Weil von der Commerzbank. Beispielsweise könnte sie wie bereits Ende Januar betonen, dass die EZB offen für jede Änderung beim Inflationsausblick sein müsse und es keine Frage sei, dass die Notenbank reagieren werde, wenn die in der Forward Guidance festgelegten Bedingungen erfüllt seien. “Die konkrete Aussage von Dezember, dass Zinserhöhungen 2022 unwahrscheinlich seien, dürfte sie vermeiden” so Weil.

Preistreiber für das Plus bei der Inflation im Euroraum waren auch im Januar wieder die Energiepreise (+28,6 Prozent). Nahrungsmittel legten um 3,6 Prozent zu, während die Kernrate leicht von 2,6 Prozent auf 2,3 Prozent zurückging.

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