In den USA und in Europa zeichnet sich angesichts der stark steigenden Inflationsraten eine Zinswende an. Der MSCI World legte in Folge den schlechtesten Jahresauftakt seit der Finanzkrise hin.

Die Zinswende könnte auch in Europa früher kommen als noch zu Jahresbeginn erwartet. Das deutete EZB-Chefin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz am 3. Februar 2022 zumindest an. Die Märkte reagierten prompt. Der Euro verteuerte sich gegenüber dem US-Dollar, die Renditen der Bundesanleihen zogen an und der Geldmarkt preiste ein Zinsplus ein. Der MSCI World Index brach seit Jahresbeginn bisher um etwa 6 Prozent ein.

Die EZB scheint sich mit den Vorstellungen des Marktes schwer zu tun, kommentiert Prof. Dr. Jan Viebig, Chief Investment Officer der ODDO BHF. So habe sich Lagarde bei ihrem Auftritt vor dem Europäischen Parlament am 9. Februar 2022 bemüht, die Markterwartungen „einzufangen“. Sie sprach von einem graduellen Vorgehen der EZB. Auch EZB-Vizepräsident Luis de Guindos wies in einer Rede am folgenden Tag auf die unterschiedliche wirtschaftliche Ausgangslage im Euroraum gegenüber den USA hin.

“Aus unserer Sicht wird der hohe Inflationsdruck dazu führen, dass die Leitzinsen in den USA mindestens vier Mal im Jahr 2022 erhöht werden. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit stark gestiegen, dass die EZB noch in diesem Jahr die Zinsen anheben wird”, so die Einschätzung von Viebig.

Anleihen und Aktien im Umfeld steigender Zinsen

Die Implikationen fürs Portfolio sind vielschichtig. So müsse die Duration bei Anleihen weiterhin kurz sein in einem Umfeld steigender Zinsen. Auch das Aktien-Exposure müsse im Auge behalten werden. “Wir meiden teure Wachstumswerte, die keine, geringe oder sehr unsichere Cashflows aufweisen. Extrem hoch bewertete Aktien, deren Bewertung allein auf weit in der Zukunft liegenden Cashflows basiert, korrigieren in einem Umfeld steigender Zinsen besonders stark, wenn die Gewinnerwartungen der Aktionäre enttäuscht werden”, führt der Experte aus.”Wer Qualitätsaktien zu einem angemessenen Kurs – wie wir – sucht, meidet solche Werte auch weiterhin.”

Auch Anleihen der höher verschuldeten EU-Mitgliedstaaten meidet der Asset Manager, da die Zinsen dort am stärksten steigen und die Anleihekurse fallen werden, wenn die EZB die Ankaufprogramme von Staatsanleihen zurückfährt.

Aegon Asset Management blickt auf die USA und meint: “Entscheidend für die Anleger wird sein, wie aggressiv die US-Notenbank ihre Politik im Laufe des Jahres 2022 straffen wird. Nach der letzten Sitzung der US-Notenbank besteht eine begründete Wahrscheinlichkeit von sieben Zinserhöhungen in diesem Jahr sowie einer quantitativen Straffung, auch wenn dies noch im Raum steht.”

Zinswende: Risiko Inflation

Doch die Märkte könnten durch einen schnellen Rückgang der Inflation überrascht werden. “Der Großteil der weltweiten Überraschungseffekte bei der Inflation ist auf den Druck bei langlebigen Gütern zurückzuführen, da die steigenden Preise für Güter Unterbrechungen der Lieferketten widerspiegeln”, so Stephen Jones, Global CIO, Multi Assets Solutions & Equites.

Es werde erwartet, dass die Inflation in den nächsten Monaten hoch bleibt, aber dann abebbt. Das Risiko für die Inflation bleibe aber bestehen, sofern die Lieferunterbrechungen nicht nachlassen. “Die Inflation bleibt jedoch ein Risiko – viele der Faktoren, die zu einem starken Anstieg der Inflation geführt haben, könnten in den kommenden Quartalen nachlassen, insbesondere wenn die Verbraucher von Waren auf Dienstleistungen umsteigen”, so Jones. Dies werde einen erheblichen Einfluss auf die Geldpolitik haben.

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