Institutionelle Investoren und Aufsichtsbehörden messen der Integration von Nachhaltigkeitskriterien in Investmentprozesse immer größere Bedeutung bei. dpn sprach darüber mit Manuela von Ditfurth und Georg Elsaesser, Senior Portfolio Manager bei Invesco Quantitative Strategies.

Sie halten Factor Investing und ESG für eine ideale Kombination. Warum?

Manuela von Ditfurth: Faktorbasierte Strategien mit ESG-Integration verbinden zwei an Bedeutung gewinnende Anliegen in einem Produkt: die steigende Nachfrage nach evidenzbasierten Anlagestrategien und die zunehmende Priorisierung nachhaltiger Kapitalanlagen durch Investoren und Regulierungsbehörden. Beim Factor Investing stehen Faktoren als Renditequellen im Fokus – bei ESG-Anlagen die gezielte Verdichtung des Anlageuniversums für ein nachhaltigeres Portfolio.

Georg Elsaesser: Der Multi-Faktor-Ansatz mit ESG-Integration kombiniert das Beste aus beiden Welten: die Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei gleichzeitiger Beibehaltung der gewünschten Faktorexposures. Im Fall von IQS sind das die Faktoren Qualität, Momentum und Bewertung als unserer Ansicht nach wichtigste Treiber des Portfoliorisikos und -ertrags. Die IQS-Erfahrung zeigt: Eine gut durchdachte Integration von ESG-Kriterien in den Multi-Faktor-Ansatz von IQS kann das Mehrertragspotenzial traditioneller Faktorportfolios erhalten und zugleich ihr ESG-Profil verbessern. Damit ermöglicht unser ESG-integrierter Multi-Faktor-Ansatz den Aufbau risikokontrollierter Portfolios, die Mehrerträge gegenüber ihrem Referenzindex und ein besseres ESG-Profil anstreben.

Wie funktioniert die ESG-Optimierung konkret?

Elsaesser: Faktorbasierte Anlagestrategien gründen auf der Annahme, dass Portfolios mit ähnlichen Faktoreigenschaften ähnliche Rendite- und Risikoerwartungen zur Folge haben. Gemäß dieser Logik setzt der Multi-Faktor-Prozess von IQS auf den Austausch von Aktien mit negativen ESG-Werten durch alternative Aktien mit einem besseren ESG-Profil, durch die die Faktoreigenschaften und damit die Risiko- und Renditeerwartungen des Portfolios unverändert bleiben. Auf die ESG-Orientierung zahlt auch unser Qualitätsfaktor ein, der proprietäre Signale zur Abbildung von Governance-Kriterien umfasst. Aktien, deren ESG Score sich erheblich verschlechtert, werden bei unserem Ansatz ebenfalls ausgeschlossen, um eine negative ESG-Dynamik zu vermeiden.

Können Sie auch kundenindividuelle Nachhaltigkeitsziele berücksichtigen? Investoren fordern ja vermehrt Ansätze, die über eine einfache Vermeidung kontroverser Investments hinausgehen.

Von Ditfurth: Das ist richtig. Für die meisten bedeutet eine nachhaltige Geldanlage heute mehr, als zum Beispiel nur die größten Klimasünder zu meiden. Viele Investoren möchten heute mit ihren Anlagen auch eine bestimmte Nachhaltigkeitswirkung erzielen bzw. einen Beitrag zu bestimmten Nachhaltigkeitsanliegen leisten. Dadurch gewinnen entsprechende maßgeschneiderte Lösungen an Bedeutung. Unser Ansatz ermöglicht solche kundenindividuellen Lösungen, mit denen bestimmte ESG-Eigenschaften eines Portfolios wie zum Beispiel der CO2-Fußabdruck verbessert werden sollen. Neben der Möglichkeit einer flexiblen Anwendung kundenindividueller ESG-Kriterien profitieren die IQS-Lösungen vom aktiven Dialog mit den Unternehmen und einer an den Anlegerinteressen orientierten Stimmrechtsausübung über die hauseigene Proxy-Voting-Plattform von Invesco. Dadurch können sie auch gezielt auf positive Veränderungen hinwirken.

Können Sie Ihren Ansatz an einem praktischen Beispiel erläutern?

Elsaesser: Die Carbon-Managed UK Multi-Factor Strategy von IQS ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich das ESG-Profil eines Portfolios mithilfe des angepassten IQS-Multi-Faktor-Ansatzes gemäß kundenspezifischen Anforderungen deutlich verbessern lässt. Die maßgeschneiderte Lösung wurde für einen britischen Kunden entwickelt, der die CO2-Emissionen einer bestehenden Multi-Faktor-Strategie auf ein deutlich unter dem CO2-Fußabdruck des FTSE All Share ex IT Index liegendes Niveau reduziert sehen wollte. Ziel war die Generierung von Mehrerträgen gegenüber dem Index innerhalb einer risikogesteuerten Struktur.
Durch einen Ausschluss bestimmter Branchen hätten sich die CO2-Reduktionsziele leicht erreichen lassen. Eine derartige Vorgehensweise hätte aber bestimmte Merkmale der bestehenden Multi-Faktor-Strategie wie einen niedrigen Tracking Error gegenüber dem Referenzindex und ähnliche Risikoeigenschaften einschließlich der Branchenlimits gegenüber dem Index gefährdet. Um ein mit dem Index vergleichbares Risiko-/Ertragsprofil beizubehalten, musste bei der Verringerung des CO2-Fußabdrucks auf das gewünschte Niveau vorsichtig vorgegangen werden.

Wie kann man sich das vorstellen?

Elsaesser: Aufbauend auf einem zweistufigen Ansatz der Portfoliooptimierung stellte IQS ein Portfolio mit einem minimalen Tracking Error gegenüber einer kapitalisierungsgewichteten Benchmark zusammen, welche die gewünschte CO2-Reduktion darstellt. Im Anschluss wurde der aktive Multi-Faktor-Investmentprozess von IQS auf dieses CO2-reduzierte Portfolio angewandt. Die zweistufige Optimierung hat bedeutende Vorteile: Erstens sorgt sie für eine transparente Attribution, die eine klare Abgrenzung des Renditebeitrags der CO2-Reduktion auf der einen und des Multi-Faktor-Managements auf der anderen Seite ermöglicht. Zweitens verhindert die zweistufige Optimierung eine Verzerrung des optimalen Portfolios durch zu starke Beschränkungen. Nachdem die Vorgabe der CO2-Reduktion im ersten Schritt umgesetzt wird, orientiert sich die Portfoliooptimierung im zweiten Schritt an einer geeigneten Benchmark, ohne Tradeoff zwischen der CO2-Reduktion und den erwarteten faktorbasierten Aktienprognosen.

Können Sie sagen, wie sich die Performance dieser ESG-optimierten Strategie mit der der Originalstrategie vergleicht?

Von Ditfurth: Die von IQS in diesem Zusammenhang durchgeführten Simulationsanalysen zeigen, dass die neue, Anfang 2020 umgesetzte Carbon Managed UK Multi-Factor Strategy in der Vergangenheit durchweg ähnliche Faktoreigenschaften wie die Originalstrategie aufgewiesen hätte – und damit auch ähnliche Risiko- und Ertragserwartungen. Gleichzeitig hat sie die CO2-Emissionen mithilfe eines stabilen, verlässlichen und streng risikogesteuerten Prozesses auf das angestrebte, unter der Benchmark liegende Niveau reduziert. Zusätzliche Analysen von IQS haben zudem gezeigt, dass das CO2-optimierte Portfolio auch eine bessere Resilienz gegenüber klimabezogenen Risiken aufweist. Damit ist die IQS Carbon Managed UK Multi-Factor Strategie ein gutes Beispiel dafür, wie unser Ansatz Kunden helfen kann, einen Beitrag zur Bewältigung der Klimaherausforderung zu leisten.

Wie flexibel ist Ihr Ansatz, das heißt, für was für Strategien kommt er in Betracht?

Elsaesser: Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich das allgemeine ESG-integrierte Multi-Faktor-Konzept auch auf andere Anlageuniversen und Multi-Faktor-Ansätze übertragen lässt – zum Beispiel auf globale Portfolios oder Low-Volatility-Strategien. In allen Fällen ermöglicht der IQS-Ansatz eine flexible Umsetzung individueller ESG-Kriterien wie Ausschlüsse, Positivscreenings oder Optimierungen bestimmter ESG-Indikatoren.

Frau von Ditfurth, Herr Elsaesser, vielen Dank für das Gespräch.

Manuela von Ditfurth. Quelle: Invesco

Georg Elsaesser. Quelle: Invesco

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