Die VPV Versicherungen ernennt Steffen Fuchs zum Nachhaltigkeitsbeauftragten und schärft damit den ESG-Fokus. Im Gespräch mit dpn erläutert der vorige Investmentstratege für liquide Assets die Hintergründe und das geplante Vorgehen.

Herr Fuchs, Sie beginnen in Ihrem Unternehmen in einer neu geschaffenen Funktion als Verantwortlicher für Nachhaltigkeitsthemen. Was verbirgt sich strategisch hinter dem Schritt?

Fuchs: Ja, zum 1. März wechsele ich von der klassischen Kapitalanlage, in der ich groß geworden bin und die ich seit vielen Jahren betreue, zu dem Thema Nachhaltigkeit und werde künftig als Nachhaltigkeitsbeauftragter direkt dem Vorstand unterstellt sein. Hintergrund ist, dass ich bereits 2018 das Thema Nachhaltigkeit in die Kapitalanlage eingebracht habe. Seinerzeit habe ich dem Vorstand nahegelegt, das Thema zu forcieren.

In 2019 konnten wir gemeinsam ein erstes Ziel für eine mögliche Umsetzung erarbeiten. Ein Jahr später war es dann soweit und wir haben zum ersten Mal unsere Kapitalanlage nach Nachhaltigkeitskriterien gesteuert. Dazu haben wir uns bestimmte Nachhaltigkeitsregeln auferlegt, die sich an dem UN Global Compact orientieren.

Zeitgleich wurde aber auch deutlich, dass das Thema insgesamt an Relevanz gewinnt. Insbesondere die BaFin verlangt immer mehr Berichte und aus diesem Grund gehen mittlerweile viele Versicherer dazu über, Nachhaltigkeitsteams zu gründen oder einzelne Nachhaltigkeitsbeauftragte zu ernennen. Ähnlich war es bei uns der Fall. Dadurch, dass ich mich sehr für das Thema eingesetzt habe und es gleichzeitig wichtig ist, das Thema ESG verantwortungsvoll zu behandeln und den Anforderungen gerecht zu werden, fiel die Wahl am Ende auf mich.

Für uns als VPV kann ich nur sagen, dass unser Vorstand die Nachhaltigkeitsziele in vollem Umfang unterstützt. Ich finde es gut, dass wir hier alle in die gleiche Richtung denken.

Das heißt, Sie werden dann übergreifend von der Geldanlage, den Immobilien bis hin zur Aktie das Thema Nachhaltigkeit koordinieren?

Fuchs: Ja, bis hin zu unserem eigenen Gebäude, den Versicherungsprodukten, dem Fuhrpark und sogar dem Stromeinkauf. Aber das ist ein laufender Prozess, die Details entstehen und das gesamte Feld muss noch genau definiert werden.

Wie groß wird Ihr Team sein?

Fuchs: Wir haben tatsächlich schon ein Nachhaltigkeitsteam, das den Nachhaltigkeitsbeauftragten unterstützen kann. Das sind sechs Personen, die diese Rolle neben ihrem Hauptjob einnehmen. Dieses Team gibt es schon seit anderthalb Jahren, doch die Mitglieder haben andere Funktionen außerhalb der Kapitalanlage. Im Rahmen meiner neuen Position, die ich ab März einnehmen werde, berichte ich direkt an den Vorstand. So können wir größere Nägel mit Köpfen machen. Hierbei denken ich zum Beispiel an Solarzellen auf dem Dach oder auch ein Blockheizkraftwerk. Das sind Themen, die dann durchdacht und gegebenenfalls angegangen werden.

Bei den festverzinslichen Wertpapieren und der Aktienanlage wird meine Nachfolgerin das Thema von mir übernehmen. Hier geht es darum, Unternehmen zu identifizieren, die auf dem richtigen Weg sind. Aber auch hier stehe ich weiterhin als Sparringspartner bereit und gebe gerne Input. Außerdem muss die Geldanlage mit den Anforderungen der Regulatorik abgeglichen werden. Diese Themen wollen wir sauber bearbeiten. Darauf werde ich ein Auge haben, genauso wie auf die Berichtspflichten wie beispielsweise den CSR-Bericht und die Offenlegungsverordnung. Bei mir laufen künftig die Fäden aus den einzelnen Abteilungen zusammen.

Wie geht man so etwas operativ an? Werden Sie ein ESG-Komitee implementieren?

Fuchs: Ich vermute ja, wissen tun wir es aber noch nicht. Die Idee war anfänglich, dass Personen aus dem Risikomanagement, aus der Rechtsabteilung und ich zusammengeführt werden, um die Regulatorik im Auge zu behalten. Aber das entsteht jetzt erst. Da werden wir vielleicht auch aus anderen Häusern lernen. Am Ende des Tages ist es auch eine Frage der Manpower. Als kleines Unternehmen können wir nicht einen Stab mit zehn Leuten besetzen.

Gehen wir einen Schritt zurück zu ESG in der Kapitalanlage. Sie sind mit Ausschlusslisten gestartet?

Fuchs: Ja, Ausschlusslisten waren der erste Schritt. Wir haben anfangs gesagt, wir wollen die fossilen Brennstoffe deutlich reduzierter sehen, als es bei den meisten Versicherungen ist. Wir sind dabei auf maximal 20 Prozent Umsatzanteile in fossilen Brennstoffen gegangen. Wir haben zudem auch das Thema Ölförderung in der Arktis ausgeschlossen.

Das gilt für das ganze Portfolio?

Fuchs: Genau, das gilt im Prinzip über alle Assets. Schwierig ist es noch bei Private Equity und Private Debt. Aber auch da sind wir auf der Suche nach Lösungen. Auch im Bereich Immobilien ist es im Moment schwierig, eine einheitliche Filterung über die Anlagen zu legen. Natürlich hat jeder Immobilienfonds und jeder Private-Equity- Investor irgendwelche Nachhaltigkeitsregeln, aber die sind leider nicht vergleichbar. Ich denke, dies wird die Europäische Kommission in der nächsten Zeit angehen.

Also der erste Schritt waren Negativlisten. Was ist der zweite Schritt?

Fuchs: Genau, wir möchten in Zukunft nicht mehr nur mit Negativ-/Positivlisten arbeiten. Wir wollen auch Lösungen finden, wie wir die Unternehmen selektieren, die heute vielleicht noch nicht allen Nachhaltigkeitskriterien entsprechen, aber in ein paar Jahren ganz vorne dabei sind. Die sich einen Weg überlegt haben und diesen Weg auch überprüfbar verfolgen. Inzwischen sagt jedes Unternehmen von sich, es sei nachhaltig. Aber reden kann jeder und wir möchten die finden, die heute „schlecht“ sind, aber einen echten und ehrlichen Weg eingeschlagen haben. Die wollen wir in Zukunft investierbar machen, auch wenn sie heute vielleicht noch auf unserer Negativliste sind.

Wie gehen Sie vor?

Fuchs: Im Moment fangen wir auf der grünen Wiese an. Wir haben mit unseren verschiedenen Asset Managern gesprochen, ob sie schon Ansätze in diese Richtung haben. Wir haben dies auch bei diversen Rating-Agenturen, die Nachhaltigkeit beurteilen, angesprochen. Dieser Ansatz steckt unseres Erachtens überall noch in den Kinderschuhen, aber da ist Bewegung drin. Und ich denke, auf diesem Zug wollen wir ganz vorne aufsitzen. Wir wollen dort unser Geld allokieren, wo es Sinn macht.

Nehmen wir die klassischen Ölkonzerne, die nun Wälder aufforsten − ist das wirklich nachhaltig? Bringt uns das als Welt voran mit den CO2-Emissionen, mit der Erderwärmung?

Die Richtigen zu finden ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Und immer stellt sich die Frage: Was ist nachhaltig, was ist nicht nachhaltig? Ist Daimler nachhaltig? Sie bauen Notarztwagen, Hilfsgütertransporter, oder vielleicht auch Motoren und Turbinen für Rettungsflugzeuge und Hubschrauber. Aber die Technologie kann genauso gut auch in Panzern oder in Lastwagen für Boden-Luft-Raketen stecken.

So gesehen ist es sehr schwierig klar zu sagen, was nachhaltig ist und was nicht. Natürlich gibt die Taxonomie-Verordnung der Europäischen Kommission uns etwas an die Hand, aber auch Brüssel wird nicht final entscheiden können, was wirklich ‚gut‘ ist. Bestes Beispiel ist die Atomkraft, das hat die Entscheidung der EU-Kommission gezeigt. Es gibt kein echtes Richtig und Falsch.

Was geben Sie sich denn für einen Zeitrahmen, um zu entscheiden: das Unternehmen XY ist zurzeit zwar „schlecht“ – bis wann muss es denn „gut“ sein?

Fuchs: Sehr gute Frage. Das ist ein Thema, das wir im Hause diskutieren. Bisher haben wir noch keine Lösung. Das eine oder andere Unternehmen wird es sicherlich in zwei, drei, vier Jahren schaffen. Aber als reiner Kohlebergbaukonzern wird man nicht von heute auf morgen auf umweltfreundlich gebatikte T-Shirts aus ökologisch angebauter Baumwolle umstellen. Am besten geht alles natürlich möglichst schnell. Wir haben schließlich nicht fünf vor zwölf, wir haben fünf nach zwölf, was das Thema Erderwärmung angeht. Da ist wirklich Gefahr im Verzug. Andererseits muss die ganze Welt mitziehen.

Heißt das, dass Sie für die nächsten zwei, drei Jahre doch ein ziemlich „schmutziges“ Portfolio haben werden?

Fuchs: Es ist bereits jetzt nicht sehr schmutzig, weil wir seit zwei Jahren schon nach solchen Maßstäben unterwegs sind. Nach unserer Definition sind über 80 Prozent unserer Assets nachhaltig beziehungsweise ESG-konform. Das ist eine recht hohe Quote bei unseren strengen Filtern, würde ich sagen. Wir haben kein großes Universum mehr, in das wir noch investieren könnten, weil wir so strenge Regeln haben.

Über 80 Prozent der Anlagen sind nachhaltig, obwohl Sie erst seit zwei Jahren den Nachhaltigkeitsfilter implementieren?

Fuchs: Ja. Das liegt natürlich auch daran, dass eine Versicherung tendenziell immer schon sehr stark in Staatsanleihen geht und sehr konservative, „langweilige“ Werte im Portfolio hat, zum Beispiel viele Banken, und die sind tendenziell, was zum Beispiel den CO2-Abdruck angeht, eher „gut“.

Als wir mit den Nachhaltigkeitsfiltern angefangen haben, waren schon rund 74 Prozent unserer Assets ESG-konform. Das hat mich damals selbst überrascht. Wir haben unsere Filter durch verschiedene Asset Manager überprüfen lassen und unisono war die Aussage, dass wir schon recht gut dastehen.

Deswegen haben wir nach dem ersten Jahr auch nicht bloß unsere Zielzahlen erhöht, sondern auch die Filter schärfer gestellt: Wir haben im zweiten Jahr das Thema Atomkraft (maximal 20 Prozent Umsatzanteil) und arktische Ölbohrungen ausgeschlossen. Außerdem haben wir den Filter für Menschenrechtsverletzungen schärfer gestellt − schärfer, als es der UN Global Compact vorsieht.

Wissen Sie schon, wie ein dritter Schritt aussehen wird?

Fuchs: Ich denke, der zweite Schritt ist ein Thema, in das wir erst einmal viel Kraft hineinstecken müssen. Im gleichen Zug möchte die VPV natürlich auch selbst ESG-konformer werden. Auch unser CO2-Fußabdruck muss kleiner werden. Außerdem wollen wir die Punkte S und G natürlich vorantreiben.

Die Frage, die nie fehlen darf: Kostet ESG Rendite in der Kapitalanlage oder nicht?

Fuchs: Ich habe eine ganz klare Meinung dazu: Es kostet keine Rendite, sondern kann eine zusätzliche Rendite bringen. Außerdem schließe ich damit gewisse Reputationsrisiken aus. Deswegen denke ich, hat eine nachhaltige Kapitalanlage ähnliche Renditen, aber es gibt ein Upside und das Downside ist deutlich begrenzter.

Also ein klassisches Risikomanagement-Tool?

Fuchs: Am Ende ist es wie ein Risikomanagement-Tool. Aber ganz ehrlich: Ein guter Analyst wird sich schon früher Nachhaltigkeitsthemen angeschaut haben. Vielleicht hieß es noch nicht so. Ob eine Ölfirma im Naturschutzgebiet bohrt, ob Bestechungsskandale am Laufen sind – vielleicht hat man das früher nicht als ESG tituliert. Aber: Wenn man vernünftig unterwegs war, hat man sich das angeschaut. Das Kind hat jetzt halt einen (anderen) Namen.

Was sehen Sie in Sachen Greenwashing?

Fuchs: Das ist ein sehr kompliziertes Thema. Es fängt schon damit an, dass die Emission eines grünen Bonds und die eines klassischen Wertpapiers in die gleiche Bilanz laufen. Ob Gelder zum Beispiel nur in die Entwicklung und Anschaffung von Elektroautos fließen, kann ich nicht sauber abgrenzen. Das Geld geht in einen großen Topf. Als institutioneller Investor tue ich mich schwer damit, dafür dann einen höheren Preis zu zahlen oder weniger Rendite zu erhalten.

Ich würde mir als Investor eine separate Bilanz oder ein separates Unternehmen wünschen, so dass ich weiß: Das ist tatsächlich nachhaltig. Natürlich wird ein Unternehmen erst einmal bezeugen, dass das Geld tatsächlich in den nachhaltigen Zweck investiert wurde. Bestimmt gibt es auch Wirtschaftsprüfer, die das testieren. Aber ich finde das ein bisschen dünn.

Das heißt, Sie schließen Green Bonds für sich in der Anlage aus?

Fuchs: Wir haben sie bisher nicht ausgeschlossen, aber wir suchen sie auch nicht gezielt. Wir selektieren tatsächlich über das ESG Rating und über die Einstufung des Unternehmens selbst. Ob das Papier ein Green Bond ist oder nicht, ist derzeit egal. Wenn das Unternehmen gut ist oder auf dem richtigen Weg, dann ist es für uns investierbar. Ob das dann ein Green Bond oder ein klassischer Bond ist, ist ganz egal.

Sehen Sie das denn bei anderen Anlageklassen auch Greenwashing?

Fuchs: Ein anderes Beispiel sind Waldinvestments. Ich kann als Unternehmen natürlich Waldfläche kaufen. Aber der Wald ist ja vorher auch schon da, er entsteht ja nicht neu, nur weil ich jetzt investiere. So gesehen habe ich die Welt nicht besser gemacht. Dafür müsste man eher Brachfläche kaufen und den Wald neu aufforsten. Dies in ein Wertpapier verpackt, wäre in meinen Augen wirklich grün.

Aber da ist wieder die Gefahr der Doppelzählung. Ein Beispiel: Ein Land forstet Urwald auf und spart damit CO2 ein. Der Erfolg wird im Länderkonto verbucht. Gleichzeitig investieren private Investoren dort und jeder beansprucht den Erfolg für sich. Letztlich reden alle vom gleichen CO2.

Sie sprachen das Thema der Additionalität an. Wäre nicht Impact Investing dann ein guter Weg für Sie?

Fuchs: Genau. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Impact Investing und Engagement, nur über den Weg kann man wirklich etwas bewegen. Deswegen ist diese Positiv-/Negativliste, mit der wir angefangen haben, nur anfangs eine schöne Lösung. Aber am Ende des Tages muss es tatsächlich um den Impact und das Engagement gehen. Es müssen wirklich Projekte entstehen, die zusätzlich Nachhaltigkeit bringen. Das „Zusätzliche“ ist der Punkt.

Und es geht um den Dialog mit dem Vorstand eines Unternehmens, zu sagen: ihr müsst dieses und jenes ändern, oder wir stimmen in der Hauptversammlung dagegen oder entziehen Kapital. Impact Investing und Engagement, dies wird in der Zukunft forciert werden müssen.

Wie wird nachhaltiges Investieren in Zukunft aussehen?

Fuchs: Ich denke, dass nicht nur wir, sondern alle Kapitalsammelstellen das Thema massiv vorantreiben werden. Einerseits aus eigenem Antrieb, so wie bei uns, aber auch durch Antrieb von der Regulatorik. Und das geht nur übers Geld. Über die Finanzindustrie ist der Hebel deutlich größer, als wenn eine Regulatorik den CO2 -Ausstoß einzelner Unternehmen begrenzt.

Das Engagement wird auch über die Regulatorik vermehrt forciert werden, und es wird der Königsweg sein. Negativ- und Positivlisten bringen uns im ersten Schritt ein bisschen was. Aber uns völlig zu verändern, um nachher Verbesserungen auch ausweisen zu können, dafür brauchen wir das Engagement und das Impact Investing.

Lesen Sie mehr über die VPV Versicherungen in der dpn-Ausgabe Nr. 121.

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