Soziale Faktoren werden bei Investitionsentscheidung zunehmend wichtiger, sagt Anthony Eames, Vice President, Director of Responsible Investment Strategy, Calvert Research and Management/Eaton Vance Management.

Wie hat die Corona-Krise die Sichtweise auf nachhaltiges Investieren verändert?

Wenn es um Investitionen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance (ESG) geht, war die „soziale“ Säule für Investoren oft am schwierigsten zu bewerten. Aktuell erwartet fast jeder, dass Unternehmen bei ihrer langfristigen Planung den Klimawandel, Wasserrisiken und andere Umweltfragen berücksichtigen, und es ist schwer, gegen eine gute Unternehmensführung zu argumentieren. Aber soziale Faktoren, wie die Bereitstellung fairer Löhne, das Management der Versorgungskette sowie die Gesundheit und Sicherheit von Mitarbeitern und Kunden sind im Zuge der globalen Corona-Virus-Pandemie verstärkt in den Fokus gerückt.

Bei Calvert wurde und wird die Bedeutung sozialer Faktoren immer wieder betont, insbesondere in Sub-Industrien wie dem Einzelhandel. Wie die Unternehmen bei diesen Faktoren abschneiden, ist wichtig, weil es ihnen wahrscheinlich helfen oder schaden wird, Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten zu halten und anzuziehen und folglich langfristigen Wert für die Aktionäre zu schaffen. Calvert untersucht, wie die Unternehmen in dieser Pandemie-Periode reagieren, als mögliche Blaupause für den wahrscheinlichen Umgang mit künftigen Krisen.

Es hilft, die Antworten der Unternehmen nach kurz-, mittel- und langfristigen Zeithorizonten aufzuschlüsseln. Auf kurze Sicht haben wir analysiert und analysieren weiterhin, wie Unternehmen auf Regierungsanweisungen zur Aufrechterhaltung der sozialen Distanzierung reagieren. Mittelfristig beginnen wir zu untersuchen, wie Unternehmen mit der Lockerung dieser Beschränkungen umgehen wollen oder umgehen. Langfristig schließlich werden wir die Unternehmen untersuchen, wenn sie in ein stärker normalisiertes Umfeld eintreten; insbesondere werden wir untersuchen, welche der COVID-19-Trends anhalten und welche Auswirkungen sie haben werden.

Die Krise hat gezeigt, dass soziale Faktoren in der Vergangenheit oft zu kurz gekommen sind. Wird die Bedeutung des S (Soziale Faktoren) in ESG künftig zunehmen?

In den ersten Wochen der Pandemie untersuchten wir, wie die Unternehmen diejenigen behandelten, die weiterhin an physischen Standorten arbeiteten, manchmal mit niedrigen Löhnen, ohne Gesundheitsfürsorge-Leistungen oder bezahltem Krankheitsurlaub. Wir waren erfreut zu sehen, dass einige Unternehmen mit Anreizen wie Boni, vorübergehenden Lohnerhöhungen, Arbeitsschutzbekleidung und erhöhten Gesundheitsleistungen reagierten. Unternehmen, deren Geschäftsmodelle vorübergehend nicht aufrechtzuerhalten sind, haben ihre Mitarbeiter oft so lange wie möglich auf der Lohnliste gehalten und verlagerten einen größeren Teil ihrer Tätigkeiten online. Auch im Vergleich zur globalen Finanzkrise, als die meisten Unternehmen ihre Beschäftigten entlassen haben, haben wir mehr beurlaubte Arbeitnehmer gesehen.

Da die Länder sich wieder geöffnet haben, prüfen Investoren, wie Mitarbeiter und Kunden behandelt werden. Werden die Lohnerhöhungen für wichtige Arbeitnehmer beibehalten?  Werden die Arbeitgeber Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen einführen und werden Tests und Arbeitsschutzbekleidung bereitgestellt? Werden die beurlaubten Mitarbeiter technisch gesehen ihre Arbeitsplätze behalten, wenn die Einzelhändler wieder öffnen? Wird es für die Beschäftigten in der Lieferkette eine wirtschaftliche Entlastung durch die Betriebs- und Beschaffungsunternehmen geben? Wir werden auch beobachten, ob diese Maßnahmen zur Loyalität der Mitarbeiter und Kunden und damit zu einer Verbesserung der Mitarbeiterbindung und des Umsatzwachstums führen.

In Phase 3 werden wir uns auf die Auswirkungen langfristiger Trends auf die Gesellschaft konzentrieren. Wenn sich der Betrieb normalisiert hat, werden wir vielleicht mehr Klarheit darüber haben, ob einige Trends beständiger werden und welche langfristigen ESG-Auswirkungen sie haben werden. Wir werden beobachten, welche Unternehmen in der Lage sind, sich an das sich verändernde Umfeld anzupassen.

Die Notwendigkeit für Unternehmen, „Vielfalt und Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsplatz, auf dem Markt und in den Gemeinden zu fördern“, wird in den Calvert-Prinzipien für verantwortungsbewusstes Investieren ausdrücklich festgestellt, und dies ist ein Thema, dem wir seit langem sowohl auf der Research-Ebene als auch in unserem Engagement Priorität eingeräumt haben. Unser Research zeigt, dass Vielfalt einen positiven Einfluss auf die Leistung haben kann, während unser Engagement die Unternehmen auffordert, das Niveau ihrer Transparenz zu erhöhen und finanziell-materielle Sozialkennzahlen zu verbessern.

Eine von Calvert im Jahr 2019 durchgeführte Studie ergab, dass Faktoren der Geschlechterdiversität sowohl für den US-amerikanischen als auch für den internationalen Markt eine starke Wirkung auf die Aktienrendite haben. Genauer gesagt ist die Bewertung von Unternehmen im Zusammenhang mit Geschlechter- und Inklusionsfragen der Hauptgrund für die bessere finanzielle Leistung von US-Großunternehmen, während die Geschlechterdiversität auf Vorstandsebene am besten bei US-Kleinunternehmen und auf Nicht-US-Märkten funktioniert.

US-Großunternehmen mit mindestens vier Frauen im Vorstand schneiden im Vergleich zu Unternehmen mit weniger als vier Frauen im Vorstand am besten ab. Auf dem US-Aktienmarkt für Small Cap-Unternehmen und auf den Nicht-US-Aktienmärkten liegt der gegenwärtige Wendepunkt nach wie vor bei zwei Frauen in den Unternehmensvorständen.

Ab Anfang 2022 müssen Investoren und Asset Manager ihre Nachhaltigkeitsstrategie transparent machen. Wie sind da Ihre Erwartungen?

Unser Engagement-Team konzentriert sich auf eine verstärkte Offenlegung und Transparenz der Unternehmen, weil es die notwendige Transparenz darüber schafft, was die Unternehmen tun, wenn sie ihre Bemühungen um die Vielfalt propagieren. Unternehmen berichten oft in allgemeiner Form über Programme für Vielfalt und Management-Systeme, aber sie berichten nicht im Detail darüber, wie diese Programme durchgeführt werden.

Einige Unternehmen behaupten, in großem Umfang in Bemühungen um Vielfalt zu investieren, ohne nähere Angaben zu machen, und einige haben ihre Investitionen in Vielfalt als „Geschäftsgeheimnisse“ oder geschützte Geschäftsinformationen bezeichnet. Wir haben den Verdacht, dass einige Unternehmen durch die Möglichkeit einer Rufschädigung infolge eines wenig schmeichelhaften Berichts motiviert sind, während andere möglicherweise nicht ganz verstehen, wie Investoren diese Informationen nutzen, um ihre Investitionsentscheidungen zu treffen und wie sie ihre Stimmrechtsvertreter einsetzen.

 

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