Wegen Menschenrechtsverletzungen trennt sich die dänische AkademikerPension von Aktien und Staatsanleihen im Wert von rund 54 Millionen Euro aus dem Reich der Mitte. Anders Schelde, Chief Investment Officer, erläutert Hintergründe und Umsetzung.

Die AkademikerPension hat im Sommer 2020 entschieden, wegen Menschenrechtsverletzungen bestimmte China-Investments aus dem Portfolio zu streichen. Was ist der Hintergrund?

Anders Schelde: Unser ESG-Komitee hat in einer außerordentlichen Sitzung einstimmig entschieden, Investments in chinesische Staatsanleihen und vom Staat kontrollierte Unternehmen zu devestieren. Wir hatten China schon länger unter Beobachtung. Konkreter Auslöser waren dann die Situation in Hongkong, die Internierung von über einer Millionen Uiguren und die anhaltende Verfolgung von politisch Andersdenkenden und Minderheiten. Es war eine große Entscheidung, schon allein wegen der Symbolwirkung. Die war letztlich größer als der Einfluss der Entscheidung auf das Portfolio.

Investitionen in private chinesische Unternehmen sind also nicht betroffen?

Schelde: Wir wollen nur nicht mehr in den chinesischen Staat investieren. Im Unternehmensbereich betrifft dies vor allem die größeren, staatlich kontrollierten Unternehmen, zum Beispiel aus dem Banken- oder Energiesektor. Wir können aber weiterhin in private Unternehmen anlegen, sowohl im Anleihen- als auch im Aktienbereich, wie beispielsweise in Alibaba. Natürlich könnte man auch da argumentieren, dass sie von der chinesischen Regierung kontrolliert werden. Dies ist oft sehr schwer abzugrenzen. Wir haben es für uns so definiert, dass bei mehr als 50 Prozent Besitz durch Peking eine staatliche Kontrolle besteht, oder aber wenn wir konkrete, verlässliche Hinweise erhalten, dass das Unternehmen trotz einer Minderheitsbeteiligung durch den Staat kontrolliert ist.

Ein Beispiel ist Hikvision, ein Unternehmen, das Überwachungssysteme herstellt. Die Systeme werden vom chinesischen Staat unter anderem in den Umerziehungslagern für Uiguren eingesetzt. Unsere Analysen haben zwar ergeben, dass das Unternehmen nur zu etwa 40 Prozent in staatlichem Besitz ist. Aber Hikvision hat uns seit 2019 Zusagen gemacht, die eigene Rolle im Hinblick auf Menschenrechtsverletzungen in der Province Xinjiang darzulegen. Da wir Ende 2020 noch immer keine vertrauenswürdigen Unterlagen erhalten hatten, haben wir die Geduld verloren und unsere Anteile abgestoßen.

Sind Sie First Mover mit dem Schritt?

Schelde: Ich kenne bisher keine Pensionskasse, die so vorgeht wie wir. Sicher sind wir eine der ersten weltweit.

Wie gehen Sie bei der Entscheidungsfindung vor?

Schelde: Der Vorstand hat sich generell für eine strikte Einhaltung von Governance-Richtlinien entschieden, und aufgrund dieser Vorgaben hat das ESG-Komitee beschlossen, Länder zu exkludieren, die Menschenrechte verletzen. Einmal pro Jahr erstellen wir eine Reihe von Scores für alle Länder der Welt. Enthalten sind vor allem bestimmte Parameter im Hinblick auf Menschenrechte, aber auch ein paar andere Aspekte. Wenn Schwellenwerte überschritten werden, analysieren wir tiefer. Sind die Länder auf einem guten Weg, beobachten wir sie zunächst weiter und können investiert bleiben. Wenn sie aber unter den Schwellenwerten abrutschen und sich nach unserer Einschätzung in die falsche Richtung bewegen, dann trennen wir uns von den Investments.

Wir untersuchen zudem, inwiefern ein Desinvestment die Performance beeinflussen würde. Sollte sich zeigen, dass unsere Renditen oder unser Risikoprofil zu sehr negativ beeinflusst würden, dann können wir investiert bleiben. Gegenüber unseren Mitgliedern haben wir für solche Fälle allerdings das Versprechen abgelegt, sie zu informieren und unsere Gründe darzulegen. China ist ein gutes Beispiel dafür, dass so eine Entscheidung das Potenzial haben kann, unser Portfolio stark zu betreffen.

Die Entscheidung im Sommer war übrigens außer der Reihe unserer normalen Scorings. Normalerweise führen wir sie am Jahresende durch, um mit einer aktuellen Länderliste ins neue Jahr zu starten.

Ein weiteres Land, dass wir im Moment diskutieren, ist Belarus. Es ist gerade sehr schwierig zu sagen, ob sich das Land in die richtige oder falsche Richtung bewegt. Wir haben allerdings auch nur eine Position in Weißrussland. Daher wäre dies vor allem eine Entscheidung aus Prinzip.

Insgesamt haben wir zurzeit 36 Länder ausgeschlossen. In erster Linie betrifft dies unser Emerging-Market-Debt-Portfolio.

Sie haben im vergangenen Jahr 8,2 Prozent Wertzuwachs gesehen. Sie bereuen die Entscheidung wohl nicht?

Schelde: Nein, wir machen uns keine Sorgen, gute Renditen erzielen zu können. Der chinesische Anleihenmarkt ist meiner Meinung nach nicht besonders attraktiv. Aber natürlich haben wir ohne China einen großen Tracking Error gegenüber unserer Benchmark und eine Menge „Noise“. Das erschwert es, unser Portfolio und die Performance zu analysieren und überwachen. Deshalb lassen wir uns von J.P. Morgan eine eigene, maßgeschneiderte Benchmark erstellen, in der nur die Länder berücksichtigt werden, in die wir auch investieren können.

Und was ist mit dem E und dem S?

Schelde: Historisch war der Fokus wohl auf dem G, aber alle drei sind wichtig. Wir arbeiten schon seit über zehn Jahren mit Negativlisten. Waffen sind zum Beispiel schon lange ausgeschlossen. Außerdem haben wir früh begonnen, den Dialog mit Firmen zu suchen, in die wir investiert sind. Der Fokus war dabei zunächst der dänische Aktienmarkt. Aber die wohl wichtigste Entscheidung war, Öl- und Gasunternehmen im Upstream-Sektor aus dem Portfolio zu entfernen. Den Entschluss haben wir im März 2018 gefällt und wir hatten bis Ende 2020 Zeit, den Schritt umzusetzen. Wir haben jedes Unternehmen daraufhin überprüft, ob das Geschäftsmodell unserer Einschätzung nach mit den Pariser Klimazielen übereinstimmt und wie es um die Lobbyarbeit bestellt ist.

Hierbei arbeiten wir mit NGOs wie Carbon Tracker zusammen. Im Sommer 2019 hatten wir dann zehn Ölkonzerne identifiziert, von denen wir uns trennen wollten – etwa ExxonMobil, Shell, BP und Sinopec. Dies haben wir dann schrittweise umgesetzt.

Jetzt sind noch zwei Upstream-Konzerne im Portfolio: Repsol und ENI. Die Unternehmen sind zwar nach unserer Einschätzung noch nicht ganz auf Paris ausgerichtet, befinden sich aber auf gutem Weg. Deshalb haben wir beschlossen, eine Entscheidung über die Desinvestments beider Firmen mindestens ein Jahr aufzuschieben.

Auch den Bankensektor haben Sie im Blick.

Schelde: Wir sind Teil einer Gruppe von 15 Investoren, unter anderem Amundi, die HSBC auffordert, den CO2-Fußabruck zu verringern. Die Bank hat zwar schon angekündigt, dass sie bis 2050 CO2-neutral aufgestellt sein will, aber wir möchten kurz- und mittelfristige Ziele und Strategien sehen, die diese Ziele untermauern. HSBC ist in Europa zweitgrößter Finanzierer von Investments in fossile Brennstoffe, so dass es ein großes potenzielles Risiko für die Bank gibt, das es zu mindern gilt.

Lesen Sie in der dpn-Ausgabe Februar/März 2021 mehr zum Thema.

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