Nachhaltigkeit – Chance oder Belastung?

Neue regulatorische Vorgaben und gesellschaftlicher Handlungsdruck fordern einen Beitrag der Finanzindustrie zu Klimaschutz- und Nachhaltigkeitszielen. Die Ausrichtung auf Sustainable Finance stellt institutionelle Investoren dabei nicht nur vor neue Herausforderungen, sondern bietet auch Chancen im Wettbewerb.

Unbestritten gehört das Thema Nachhaltigkeit zu den Megatrends in der Investmentindustrie. Ob das Thema nun aus dem Blickwinkel neuer Investmentchancen oder aber aus dem Blickwinkel der Risikovermeidung betrachtet wird: Es wird sowohl Investoren als auch die Anbieter von Investmentlösungen weiter begleiten und hohe Aufmerksamkeit erfordern. Getrieben durch Klimawandel und neue Technologien, wird die Industrie einem Transformationsprozess unterworfen, viele Investitionen und Produktlinien werden wohl in Zukunft an Wert verlieren und zu Stranded Assets werden.

Die Wissenschaft ist sich weitgehend darin einig, dass der Klimawandel längst begonnen hat. Dies zeigt etwa die Tatsache, dass die zehn wärmsten Jahre, die seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1880 aufgetreten sind, in den vergangenen 16 Jahren gemessen wurden. Bis zum Jahr 2100 wird – abhängig von den zukünftigen Treibhausgasemissionen – von einem mittleren globalen Temperaturanstieg zwischen 1,6 und 4,7 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ausgegangen. Selbst bei einer Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen bis 2100 wird sich das Klima über das 21. Jahrhundert hinaus ändern. Problematisch ist insbesondere der zu erwartende Anstieg des Meeresspiegels, der bis zum Ende des 21. Jahrhunderts je nach Szenario zwischen 18 und 59 Zentimeter höher liegen könnte als zum Ende des 20. Jahrhunderts. Viele Küstenregionen gelten damit als gefährdet, und Ökosysteme könnten verschwinden oder sich gravierend verändern. Auch die dichtbesiedelten Regionen der Welt wären zunehmend betroffen. Schon heute sind Auswirkungen von heißen Sommern und Starkregenereignissen in den Industrieländern zu spüren. Unwetterkatastrophen wie die Überschwemmungen vom Juli 2021 im Westen Deutschlands zeigen, dass die Erderwärmung auch bei uns zunehmend sichtbare Folgen hinterlässt.

Im Jahr 2015 wurde auf dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel die Agenda 2030 beschlossen, die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung – Sustainable Development Goals, kurz SDG – formuliert. Wenig später wurde dann das Pariser Klimaschutzabkommen verabschiedet. Ziel dieses globalen Vertrags ist es, die Klimaerwärmung auf weniger als 2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Obwohl das Pariser Abkommen von einzelnen Ländern verzögert oder torpediert wurde, bildet es zusammen mit den SDG der UN heute einen Aktionsplan für eine nachhaltige Entwicklung, der direkten Einfluss auch auf die Investmentindustrie hat.

Finanzindustrie wird eingebunden

Der Finanzsektor muss sich darauf einstellen, dass die Auswirkungen seines Handelns künftig nicht mehr nur in Rendite und Risiko, sondern auch in seiner Wirkung auf die Umwelt gemessen werden. Die Politik hat dazu auf nationaler wie auch auf EU-Ebene eine Vielzahl von Regelungen erlassen. Allen voran ist hier der „Action Plan on Sustainable Finance” der EU-Kommission aus dem Jahr 2018 zu nennen.

Mit der Gesetzesinitiative sollen Nachhaltigkeit in das Risikomanagement von Investoren eingebettet und privates Kapital langfristig gezielt in nachhaltige Investitionen gelenkt werden. Eine eigene Taxonomie – das heißt eine Klassifizierung für Finanzprodukte nach Gesichtspunkten der ökologischen Nachhaltigkeit – sowie eine Offenlegungsverordnung, die Finanzdienstleister dazu verpflichtet, transparent über die Nachhaltigkeitsaspekte ihrer Fondsprodukte zu informieren, soll die Finanzindustrie in den Aktionsplan der EU einbinden. Dass der regulatorische Druck bereits Wirkung zeigt, belegt die jüngste Statistik des BVI (Bundesverband Investment und Asset Management e.V.) sehr eindrucksvoll. Allein im ersten Quartal des Jahres 2021 ist das in nachhaltigen Publikums- und Spezialfonds verwaltete Vermögen um 147 Milliarden Euro auf insgesamt 254 Milliarden Euro angestiegen.

Auch der gesellschaftliche Druck, Umweltaspekte bei Finanzinvestitionen zu beachten, steigt: Investoren müssen künftig damit rechnen, kritische Fragen zu ihrem Nachhaltigkeitsmanagement zu beantworten und zu erklären, welche Aspekte der Nachhaltigkeit ihnen besonders wichtig sind. Die Finanzindustrie hat damit begonnen, sich auf dieses New Normal einzustellen: Ratingagenturen haben Nachhaltigkeitskriterien in ihre Bewertungsschemata eingefügt, Fondsgesellschaften bieten Produkte an, die Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen oder gar in den Mittelpunkt stellen, Manager von liquiden wie auch illiquiden Investments dokumentieren ihren Umgang mit dem Thema. Nachhaltigkeit ist also kein Modethema oder eine Randerscheinung, sondern wird zum selbstverständlichen Teil von Investitionsentscheidungen.

Die Umsetzung des New Normal

Investoren, die dieses New Normal in ihren Kapitalanlageprozess integrieren wollen, müssen Schritt für Schritt vorgehen. Zunächst einmal gilt es herauszufinden, welches Ziel mit der Festlegung auf Nachhaltigkeit verfolgt werden soll: Will man die Vorgaben mit möglichst wenig Aufwand erfüllen, oder nimmt man mit Blick auf Mandanten und Öffentlichkeit die neue Herausforderung an, um sich zu positionieren und bestimmte Nachhaltigkeitsziele mit besonderem Engagement zu erfüllen?

In einem zweiten Schritt muss dann definiert werden, was überhaupt als nachhaltig betrachtet wird. Welche Schwerpunkte sollen gesetzt und welche Toleranzen sollen akzeptiert werden? Alle 17 Sustainable Development Goals der UN gleichzeitig als Zielvorgabe für ein Portfolio zu definieren ist schwerlich möglich. Und kaum eine Investition kann alle SDG-Anforderungen zu 100 Prozent erfüllen. Also ist ein pragmatischer Ansatz gefragt. Nachhaltigkeitsziele unterscheiden sich nach Umwelt-, Sozial- und Unternehmenszielen, kurz ESG, was für Environmental, Social und Governance steht. Diese Ziele stehen gleichberechtigt nebeneinander und überschneiden sich. So wird etwa gute Unternehmensführung (Governance) stets soziale und Umweltaspekte berücksichtigen.

Im dritten Schritt gilt es, Maßstäbe für die Balance zwischen Rendite und Nachhaltigkeit zu entwickeln. Wie im richtigen Leben gibt es auch in der Finanzwelt nicht nur weiß und schwarz, sondern viele Schattierungen dazwischen: Unternehmen, die sich um Nachhaltigkeit bemühen, stoßen dennoch Schadstoffe aus. Arbeitgeber mit vorbildlichen sozialen Standards können nicht alle Menschen erreichen. Kurz: Die perfekte nachhaltige Welt gibt es nicht, das perfekte nachhaltige Investment auch nicht.

Wieviel Nachhaltigkeit soll es sein?

Um den Grad der Nachhaltigkeit von Produkten, Produktionsprozessen und Dienstleistungen eines Unternehmens zu bestimmen, kommen zwei verschiedene Ansätze in Betracht. Zum einen können Unternehmen eigene Standards entwickeln, in denen sie definieren, wie weit von den Vorgaben der SDG abgewichen werden darf. Stellt ein Unternehmen zum Beispiel umweltfreundliche Motoren her, die auch in Armeefahrzeugen zum Einsatz kommen, könnte festgelegt werden, wie viel Prozent des Umsatzes maximal auf solche Geschäfte entfallen darf, um die Aktien und Anleihen des Unternehmens dennoch für ein nachhaltiges Investment zu qualifizieren.

Zum anderen können Unternehmen ein bereits bestehendes Nachhaltigkeitsrating, wie es etwa von Agenturen oder Index-Anbietern entwickelt wurde, einfach übernehmen. Große Anbieter wie MSCI, Moody´s, Standard & Poors oder Scope haben ihr Angebot in diesem Bereich erweitert. Daneben gibt es Anbieter wie ISS ESG, Sustainalytics (Morningstar) oder Vigeo Eiris, die sich auf ESG-Daten spezialisiert haben. Die Agenturen liefern entweder Rohdaten, die der Investor selbst auswerten kann, oder Ratings, die nach den Standards der einzelnen Agenturen erstellt sind.

Unabhängig davon, ob Rohdaten oder fertige Ratings besser geeignet sind und welcher Anbieter bevorzugt wird, bieten Ratings zwei wichtige Vorteile: Sie stellen sicher, dass Investitionen nach einheitlichen und definierten Kriterien ausgewählt werden, und schließen damit Greenwashing aus, also den Versuch, sich als Unternehmen besonders umweltfreundlich darzustellen, obwohl es bei näherer Betrachtung dafür keine hinreichende Grundlage gibt. Es lohnt daher, die Angebote der Ratingagenturen zu vergleichen und zu prüfen, welche Beurteilungskriterien für den eigenen Investmentansatz geeignet sind, da sich die Ratings teilweise auch in wichtigen Punkten unterscheiden. Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Festlegung auf Nachhaltigkeitsregeln ist die Vereinbarkeit mit den Vorgaben für die regelmäßigen Asset-Liability-Management (ALM)-Studien. Für eine deutliche Mehrheit der institutionellen Anleger bringt die Beachtung von Nachhaltigkeit nach eigener Einschätzung keine Nachteile bei der Performance mit sich. Das bedeutet, dass die Performance-Ziele, die einer ALM-Studie zugrunde liegen, generell nicht verändert werden müssen. Im Gegenteil: Unter Rendite-Risiko-Aspekten bedeutet die Beachtung von Nachhaltigkeitsaspekten meist sogar eine Verbesserung, weil die Gefahr negativer Einflüsse auf die Kursentwicklung sinkt. Es sollte aber auch beachtet werden, dass Performance-Vorteile nachhaltiger Investments vom Zyklus, also dem Zeitintervall, abhängen können. Zum anderen sollte man nicht darauf verfallen, in ALM-Studien einen Vergleich von nachhaltigen und nicht nachhaltigen Investments in einer Anlageklasse rein über Rendite- und Risikoparameter durchzuführen. Geht hier die Annahme von Rendite- und / oder Risikovorteilen ein, ist das Ergebnis der Optimierung schon vorbestimmt.

Illiquide Assets rücken in den Blickpunkt

Der Markt bietet heute eine große Auswahl an Investmentprodukten zum Thema Nachhaltigkeit an. Nicht zuletzt durch die EU-Offenlegungsverordnung, die Anbieter von Publikumsfonds seit März 2021 dazu verpflichtet, transparent über die Nachhaltigkeitsaspekte ihrer Finanzprodukte zu informieren, hält heute praktisch jeder Fondsanbieter oder Asset-Manager ein entsprechendes Angebot bereit. Investoren haben damit die Wahl und können bei Neuinvestitionen prüfen, ob ein nachhaltiges Produkt verfügbar ist, welches dem klassischen Produkt zumindest ebenbürtig ist. Noch konzentrieren sich die Angebote zu nachhaltigen Investments allerdings vornehmlich auf den Bereich der liquiden Assets. Wenn es um nachhaltige illiquide Investments geht, müssen dagegen noch einige Hürden genommen werden. Das Interesse und die Bereitschaft auf Seiten der Manager sind dabei vielfach vorhanden. Denn viele Investitionsangebote im illiquiden Sektor sind geradezu idealtypisch für das Thema geeignet, sei es die Wind- und Solarenergie im Bereich Infrastruktur oder die Finanzierung zukunftsweisender Technologien im Bereich Private Equity. Was jedoch fehlt, sind einheitliche Bewertungskriterien für diese Anlagemöglichkeiten. Da es einen Branchenstandard oder Ratings zur Nachhaltigkeit im illiquiden Marktsegment (noch) nicht gibt, bleibt dem Investor nichts anderes übrig, als selbst oder mit Hilfe eines Beraters eine Due Diligence durchzuführen.

Die Branche hat diese Herausforderung erkannt. In einer Studie des Bundesverbandes Alternative Investments (BAI) sagen über 80 Prozent der befragten Manager, dass die Implementierung von Nachhaltigkeitsstandards für sie das wichtigste Thema sei (siehe hierzu BAI Investor Survey 2020, besonders ab Seite 28). Die Manager Alternativer Investments reagieren damit auf die verstärkte Nachfrage der großen Kapitalanleger, denn diese benötigen den Nachweis der Nachhaltigkeit bei ihren Anlageentscheidungen zunehmend auch im Bereich der Alternativen Investments.

Umsonst gibt es nichts: Reporting und Kosten von Nachhaltigkeit

Beim Reporting beschränken sich Investoren bislang auf eine rein quantitative Betrachtung und nutzen dazu vor allem die öffentlich jederzeit verfügbaren Daten und Bewertungen, zumindest im regulierten Markt. Daraus werden dann sowohl langfristige strategische als auch kurzfristige taktische Allokationsentscheidungen abgeleitet und umgesetzt. Durch die Integration von nachhaltigen Entscheidungsparametern kommt jedoch eine Vielzahl von qualitativen und damit auch subjektiven Bewertungskriterien hinzu. Dass diese qualitative Betrachtung nicht – oder noch nicht – so effizient gelingen kann, liegt zum einen an den fehlenden Standards. Zum anderen wird die Messbarkeit – je nach Assetklasse – aufgrund fehlender Daten erschwert, was wiederum zu höheren Kosten bei der Bewertung führt. Die am Markt verfügbaren Ratings, Standards, Labels und Richtlinien können sowohl für liquide als auch für illiquide Assetklassen eine erste Orientierung bieten. Dennoch werden Investoren die genannten Nachteile oder Einschränkungen momentan noch in Kauf nehmen müssen. Die gute Nachricht ist jedoch, dass der Markt mit Hochdruck daran arbeitet, eine entsprechende Datenbasis und Standards zu entwickeln. Hier könnten in Zukunft auch durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz vollkommen neue Möglichkeiten entstehen.

Wie man klar erkennen kann, fehlen noch einheitliche Standards und damit eine direkte Vergleichbarkeit. Eine Orientierung kann die EU-Taxonomie geben, aber diese ist bisher auf ökologische Risiken ausgerichtet. Die Kriterien zu Social und Governance sollen erst noch im Laufe der Zeit ausgearbeitet und implementiert werden.

New Normal: Schöne neue Welt oder zusätzliche Belastung?

Die Durchsetzung von Nachhaltigkeitsstandards in der Investmentindustrie fordert alle Marktteilnehmer heraus. Anlagestrategien, Reporting, Controlling und die Kommunikation gegenüber Stakeholdern müssen erweitert und mit den regulatorischen Anforderungen in Einklang gebracht werden. Doch dem zusätzlichen Aufwand stehen auch Chancen gegenüber, denn unter dem Leitgedanken der Nachhaltigkeit entstehen in vielen Wirtschaftssektoren wie etwa der Mobilität, der Energieversorgung, der Lebensmittelindustrie oder der Immobilienwirtschaft neue Investmentmöglichkeiten.

Zum anderen müssen Risiken wie zum Beispiel die Investition in Stranded Assets vermieden werden, also Anlagen mit drastisch sinkendem innerem Wert, weil sie in neuen Wirtschaftszyklen nicht mehr benötigt werden. Die politische Zielsetzung, über eine Steuerung der Kapitalströme einen positiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, ist durchaus vereinbar mit Renditezielen. Das beweist der Erfolg nachhaltiger Investments, die vielfach ein besseres Rendite-Risiko-Verhältnis aufweisen als konventionelle Anlagen. Schon heute zeigt sich, dass Versicherungskunden oder Vorsorgesparer bei Fondsprodukten verstärkt zu nachhaltigen Produkten greifen. Auch bei institutionellen Investoren hat das Umdenken längst begonnen. Viele Institutionelle spüren den Druck der Investoren – das sind häufig Versorgungsberechtigte in der Altersvorsorge.

Die Beachtung von Nachhaltigkeitskriterien im Investmentprozess und die offene Kommunikation darüber sind daher schon allein aus Reputationsgründen das Gebot der Stunde. Und einem Trend, der sich gerade durchsetzt, soll man sich bekanntermaßen nicht entgegenstellen. Oder anders ausgedrückt: neue Chancen frühzeitig erkennen und sie als Investor und Marktteilnehmer zu seinem Vorteil gewinnbringend nutzen.

 

 

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