Die Regulatorik hat Bewegung in den Markt für nachhaltige Anlagen gebracht. Aber Asset Manager könnten durchaus noch ambitionierter sein, wünscht sich Jana Desirée Wunderlich, Leiterin der Abteilung Kapitalanlage bei den Hannoversche Kassen.

Wie implementieren Sie Nachhaltigkeit in den unterschiedlichen Asset-Klassen?

Wunderlich: Bei uns wird das Thema Nachhaltigkeit über alle Anlageklassen gelegt, es ist die Basis für alle Entscheidungen, die wir in der Kapitalanlage fällen. Wir haben eine Nachhaltigkeitsleitlinie, in der wir die Kriterien fixiert haben. Darin verankert sind klare Ausschuss- und Positiv-Kriterien. Wir unterscheiden dabei zwischen den Basiskriterien für die gesamte Asset Allocation, Kriterien, die für alle Anlageklassen gelten, und individuellen Kriterien für die einzelne Asset-Klasse. Dabei berücksichtigen wir, dass die Investments auch Bezug zu den Lebenswelten unserer Versicherten haben. So ist zum Beispiel insbesondere gemeinschaftliches Wohnen bei unseren Mitgliedern ein großes Thema.

Für die Nachhaltigkeitsbewertungen arbeiten wir mit externen Dienstleistern, in erster Linie mit imug Rating, zusammen. Außerdem haben wir selber ein Nachhaltigkeits-Rating entwickelt, das am Ende des Tages auf die gleiche Bewertungsskala für alle Asset-Klassen hinausläuft. Hierfür vergeben wir Noten von 1 bis 4 – 1 ist sehr gut, das sind die Vorreiter, und 4 ist überhaupt nicht nachhaltig.

Aber wir betrachten eben nicht nur die Anlage, sondern auch den Asset Manager. Mit diesem 360-Grad-Blick gehen wir über die klassischen ESG-Kriterien hinaus. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Nachhaltigkeitsrat?

Wunderlich: Ich würde es so beschreiben: Der Rat ist ein Sparringspartner für uns. Wir bekommen Tipps, Ratschläge und Handlungsempfehlungen und wir bringen die Themen, die uns bewegen, über den Vorstand mit ein.

Wenn aus dem Nachhaltigkeitsrat die Empfehlung kommt, wir sollen bestimmte Investments nicht mehr tätigen, diskutieren wir diese Empfehlung mit dem Rat und versuchen zu einem Konsens zu kommen, der dann für uns handlungsleitend ist. Wir schauen die Ratings, die Datenlage durch und eruieren, was aus Sicht unserer Versicherten die bestmögliche Lösung ist. Außerdem führen wir die neuen Erkenntnisse in die künftigen Screening-Prozesse mit ein.

Denn natürlich bewerten wir Papiere nicht nur einmal zum Zeitpunkt des Erwerbs, sondern auch den Bestand in einem regelmäßigen Turnus. Spätestens alle fünf Jahre haben wir den Bestand einmal gescreent. Bei größeren Investitionen ist der Turnus dabei kürzer als bei kleineren Investitionen.

Unser Team weiß aber letztendlich auch, wo Probleme auftauchen könnten. Wenn man täglich mit diesen Themen arbeitet, weiß man, wo die Fallstricke schlummern und wo welche Themen auf die Tagesordnung kommen könnten.

Gibt der Nachhaltigkeitsrat Ihnen einen Zeithorizont vor?

Wunderlich: Wir vertreten die Ansicht, dass ein Investment aus Nachhaltigkeitsgründen nicht unverzüglich veräußert werden muss. Wir steuern dies so, dass wir das Papier im besten Sinne unserer Versicherten veräußern. Das heißt, wir bekommen keine konkrete Zielvorgabe, aber schon einen gewissen Druck, und müssen uns bei jedem Vorhaben zu diesem Titel rechtfertigen.

Aber auch in solchen Situationen gilt Offenheit und Ehrlichkeit, sich einzugestehen: Wir haben einen Zielkonflikt. Hier ist ein Titel, den wir nicht mehr wollen, aber wir warten auf den Marktmoment, um ihn zu veräußern. Und der kommt bei uns dann vielleicht ein bisschen früher als bei den anderen, weil eben die Nachhaltigkeit in den Entscheidungsprozess einfließt; weil wir schon früh die wirtschaftliche Auswirkung der negativen nachhaltigen Bewertung erkennen.

Das bringt mich zu der Frage, die natürlich nicht fehlen darf: Kostet Nachhaltigkeit Rendite oder nicht?

Wunderlich: Auf lange Sicht sage ich: nein. Unsere Rendite ist genauso gut oder wenn nicht sogar besser als die von manch anderem, der konventionell agiert. Es ist sogar eher so, dass sich das Risiko minimiert und Verluste reduziert werden können.

Was fehlt Ihnen am Markt? Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie finden?

Wunderlich: Ich fände es natürlich schön, wenn es eine breitere Palette geben würde an nachhaltigen Produkten, die nicht nur die Pflichtvorgaben erfüllen, sondern mehr auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) einzahlen würden. Die Dynamik am Markt stimmt, das stellen wir schon fest. Aber wir würden uns wünschen, dass Asset Manager noch ein bisschen ambitionierter an den Start gehen.

Hilft der Druck von Seiten der Regulatorik? Wie bewerten Sie die Offenlegungsverordnung?

Wunderlich: Wir begrüßen, dass es diese Entwicklung gibt, dass nun endlich eine Regulatorik vorhanden ist, und dass es einen externen Anstoß gibt. Man hat ja auch gemerkt, dass dies Bewegung in den Markt gebracht hat. Dass viele, obwohl es keine Pflicht gibt, nachhaltig zu investieren, trotzdem den Anstoß nutzen und das Thema für sich aufgreifen. Aber natürlich sollte uns allen klar sein, dass es hiermit nun nicht zu Ende ist.

Jana Desirée Wunderlich

Jana Desirée Wunderlich Bildquelle: Hannoversche Kassen

Die Offenlegungsverordnung ist ein Anfang, ein Start, um die Klimaziele und die SDGs erreichen zu können. Natürlich ist es notwendig, dass noch weitere Vorgaben kommen, dass es weitere Veränderungen geben wird von Seiten der Regulatorik und der Gesetzgebung.

Was natürlich noch fehlt, ist die Datenbasis. Auch als nachhaltiger Investor sind wir noch nicht so weit, dass wir sofort ad hoc auf Knopfdruck alle Informationen generieren könnten. Auch wir mussten uns mit der Offenlegungsverordnung auseinander- setzen und schauen, wie wir die Anforderungen erfüllen. Was gliedern wir bei uns wo ein? Das ist für die ganze Branche neu.

Aber wir sind da relativ entspannt und befürworten, dass die Entwicklung in diese Richtung geht und vorangetrieben wird und dass wir alle mehr darauf achten, was mit unserer Umwelt, mit uns und der Welt passiert. Wir kratzen an den planetaren Belastungsgrenzen und müssen alle gemeinsam gegensteuern.

Wie wird nachhaltiges Investieren in fünf Jahren aussehen?

Wunderlich: Ich denke, wir werden alle ein größeres Bewusstsein darüber entwickeln, was unser Tun für Auswirkungen auf die Welt und unser Klima hat, auf unsere Umwelt und auf unser soziales Beisammensein. Wir werden klarer über den eigenen Beitrag zu diesen Themen Bericht erstatten müssen. Die Transparenz wird höher, und zwar nicht nur hinsichtlich der positiven Dinge, sondern auch der negativen. Daraus wird sich Neues ergeben: Investitionen in nicht nachhaltige Titel werden mit einem höheren Risiko bewertet werden. Natürlich werden wir in der Zukunft auch Ausfälle sehen, aber die werden wir klarer zuordnen können in dem Sinne, dass sie auf den globalen Wandel zurückzuführen sind.

Auch unsere Kunden werden sich anders orientieren, werden stärker auf diese Ausrichtung schauen. Kunden werden informierter und achten zunehmend auf Nachhaltigkeit.

Meine Wunschvorstellung ist natürlich, dass es in fünf Jahren für jeden Asset Manager und jeden Investor selbstverständlich ist, Nachhaltigkeit in den Portfolios zu berücksichtigen, genauso wie das heutige Risikomanagement in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Und wir müssen nicht heute schon in Perfektion denken, sondern mit dem arbeiten, was wir haben und können. Dann können wir alle auf jeden Fall schon mal einen ganz großen Schritt nach vorne gehen.

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