Nachhaltiges Investieren sieht bei einem mittelgroßen Investor anders aus als in den großen Häusern. Jana Desirée Wunderlich, Leiterin der Abteilung Kapitalanlagen, erläutert, wie die Hannoversche Kassen mit rund 500 Millionen Euro AuM ihre Geldanlage auf ESG ausgerichtet haben.

Transparenz wird bei den Hannoversche Kassen großgeschrieben. Die Vorsorgekasse zieht blank in Sachen Asset Allocation, Transaktionen und Impact. Drei Transparenz- und Investitionsberichte sind bereits erschienen, Nummer vier fürs abgelaufene Geschäftsjahr ist gerade in Arbeit, erläutert Jana Desirée Wunderlich. Dies ist eine freiwillige Initiative der Niedersachsen. „Für uns gehört zur Nachhaltigkeit die Transparenz wie die zweite Seite einer Medaille“, heißt es seitens des Unternehmens.

Die Hannoverschen Kassen bestehen aus zwei Pensionskassen, der Hannoverschen Alterskasse VVaG und der Hannoverschen Pensionskasse VVaG. Beide agieren für Unternehmen und Einrichtungen aus dem sozialwirtschaftlichen, ökologischen und anthroposophischen Bereich und unterliegen der BaFin-Aufsicht. Die Vorständin der Hannoverschen Kassen Silke Stremlau ist seit 2019 Co-Vorsitzende im Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung.

Asset Allocation im Umbruch

Traditionell ist die Gewichtung von festverzinslichen Wertpapieren im Portfolio der Hannoverschen Kassen hoch. Nicht zuletzt wegen des Fokus auf Nachhaltigkeit schichtet die Pensionskasse allerdings die festverzinsliche Wertpapieranlage um Richtung Unternehmenstitel und damit weg von Kreditinstituten.

„Wir sehen darin eine größere nachhaltige Wirkung. Denn wir können im Unternehmensbereich direkter steuern als im Bereich der Kreditinstitute“, erläutert Wunderlich. Die Risikoprofile vieler Banken weisen ihrer Einschätzung nach noch nicht ausreichend deren Exposure zu nicht nachhaltigen Geschäftsmodellen aus. „Wir erwarten, dass die Risikobetrachtungen der Investitionen von Kreditinstituten noch nach oben angepasst werden, weil die Institute ESG-Kriterien im Investment-Prozess oft nicht genug berücksichtigen“, erläutert sie.

„Wir nutzen Fälligkeiten und Möglichkeiten am Markt, um Umstrukturierungen durchzuführen.“ So ergaben sich in der Pandemie attraktive Möglichkeiten, Papiere aus dem Altbestand zu veräußern und stattdessen nachhaltige Titel ins Portfolio aufzunehmen.

Im vergangenen Jahr schrumpfte der Anteil der Wertpapiere von Kreditinstituten um 3,7 Prozentpunkte auf nun 48,3 Prozent der Gesamtallokation. So trennt sich die Hannoversche Kasse insbesondere von Namensschuldverschreibungen und Pfandbriefen von Banken.

Im gleichen Einjahreszeitraum haben die Hannoverschen Kassen den Bestand an Unternehmensanleihen um 2,7 Prozent aufgestockt auf nun 8,7 Prozent. Zielgröße für die nächsten fünf Jahre sind 10 Prozent des Gesamtportfolios.

Auch Aktien in Form von ESG-konformen Publikumsfonds sowie Beteiligungen – in 2020 mit 2 Prozent und 2021 bereits mit 4,1 Prozent im Portfolio vertreten – stehen auf dem Einkaufszettel. Auch diese Allokation soll im Fünfjahreszeitraum auf 10 Prozent anwachsen. Ein wichtiger Fokus dabei: erneuerbare Energien.
„Aktienfonds werden einem sehr intensiven Screening unterzogen. Nicht nur der Fonds muss nachhaltig sein, sondern auch der Anbieter muss ein Nachhaltigkeitskonzept vorweisen“, erläutert Wunderlich. „Jeder, der mit der Fondskonstruktion zu tun hat, muss unserer Nachhaltigkeitsbewertung standhalten. Anhand unserer ESG-Kriterien selektieren wir dann die Fonds.“

Hannoversche Kassen navigieren stabil durch die Corona-Krise

Der größte Teil des Spuks an den Kapitalmärkten während des Corona-Einbruchs im Frühjahr 2020 war zum Ende des Geschäftsjahres 2020 längst vorbei – wobei den Hannoveranern in die Karten spielte, dass das Geschäftsjahr am 31. Juli endet. Außerdem profitierten sie von der nachhaltigen Ausrichtung des Portfolios, ist Wunderlich überzeugt. „Insbesondere die nachhaltigen Titel waren von der Bewegung nicht so stark betroffen wie andere Papiere. Denn die Zukunftsperspektive dieser Titel ist einfach besser“, so die Anlageexpertin. „Es hat uns gefreut, dass es sich bewahrheitet hat, dass ESG einen guten Schutz bietet.“

Dabei zahle sich der 360-Grad-Blick auf Unternehmen und Fonds aus. „Wir betrachten nicht nur finanzielle Kennzahlen eines Unternehmens, sondern zum Beispiel auch, wie es mit Ressourcen umgeht, wie strategische Ausrichtung und Konzernstrukturen sind und ob das Unternehmen planetare Grenzen respektiert“, erläutert Wunderlich. Wegen der Nutzung fossiler Brennstoffe ist etwa die Automobilbranche auf der Ausschlussliste. „Aber es fließen natürlich nicht nur Umweltkriterien in die Betrachtung ein, sondern auch soziale Aspekte.“

Wohnimmobilien auf dem Prüfstand

Und eben die „S“-Faktoren veranlassten die Hannoverschen, Immobilien-Investments noch einmal zu überdenken. Die Immobilien- und Darlehensquote soll von zurzeit 8,1 auf dann 10 Prozent erweitert werden. Den größten Teil bei den Immobilien-Direktinvestments nehmen zurzeit Wohnimmobilien mit 35 Prozent ein. Ob dies so bleiben wird, ist zu diesem Zeitpunkt unklar.

Denn der Immobilienmarkt ist aufgeheizt. Die Preise für Wohnraum sind oft so hoch, dass sich Gering- und Normalverdiener in manchen Städten keine Wohnung mehr leisten können. Dabei winken Immobilieninvestitionen mit Renditen von 3,5 Prozent oder mehr, so die Hannoverschen. Mieterhöhungen und höhere Nebenkosten machen den Mietern ebenfalls zu schaffen. Damit standen die Norddeutschen vor der Frage: „Wie hoch darf eine gesellschaftlich verträgliche Miete sein? Und ist es überhaupt ethisch korrekt, dieses Geschäftsmodell als Investment für die Zahlung von Renten zu forcieren?“

„Wir sehen einen Zielkonflikt im Bereich der Immobilien: Ist es richtig, Mieten zur Erwirtschaftung von Renten heranzuziehen? Die Spekulation und der Umgang in der Immobilienbranche sehen wir aus dem sozialen Aspekt heraus kritisch“, erläutert Wunderlich.

Bisher wurde keine finale Entscheidung in der Sache gefällt. „Wir sind nicht so weit zu sagen, dass wir uns aus dem Bereich zurückziehen. Aber wir sehen schon, dass in der Branche vieles anders gestaltet werden muss“, so Wunderlich zum Stand der Diskussion. Die Suche nach neuen Wohnimmobilien wurde aufgrund dieses ethischen Dilemmas vorerst eingestellt.
Senioren- und Studentenwohnheime indes zahlen auf die soziale Komponente ein. Zusammen mit der Stiftung trias wurden Grundstücke erworben, auf denen gemeinschaftliche Wohnprojekte für generationsübergreifende, sozial gemischte, nachbarschaftliche Wohnformen in möglichst energieeffizienten Gebäuden entstehen werden, erläutert Wunderlich. Die Stiftung trias wurde gegründet, „um Menschen und Projekte gegen Bodenspekulation und für ökologische Verhaltensweisen und das soziale Zusammenleben zu fördern“.

Renditeerwartungen der Hannoversche Kassen

Den Jahresabschluss hatten die Hannoverschen zu Redaktionsschluss noch nicht veröffentlicht. Die laufende Bruttoverzinsung wird bei etwa 3,2 Prozent liegen. Verluste gab es keine. Die Erwartungen an die Rendite für Neuanlagen im Festzinsbestand liegen bei rund 1,5 Prozent. Bei den Aktien wird mit 2,0 Prozent Dividendenertrag und bei den Erneuerbaren wird immerhin mit 3 bis 3,5 Prozent Ertrag geplant.

Lesen Sie mehr hierzu in der dpn-Ausgabe Dezember 2021/Januar 2022.

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