Joshua Kendall, Senior ESG-Analyst bei Insight Investment, über die Bedeutung von Nachhaltigkeitsfaktoren während der Corona-Krise, die Gefahren von Impact Washing und Investmentopportunitäten für Pensionsanleger.

Herr Kendall, haben ESG-Risikoanalysen eine neue Bedeutung – auch vor dem Corona-Hintergrund mit starken Marktschwankungen – erhalten?

ESG wurde schon immer bei uns als Risikofaktor betrachtet, der gemanaged und analysiert werden muss. Daran hat auch Corona nichts geändert. Aber was wir in einer aktuellen Studie festgestellt haben ist, dass Bonds von Emittenten, die bessere ESG-Ergebnisse aufweisen als andere, Outperformance in der Corona-Krise erzielt haben. Wir sind der Ansicht, dass die Positionierung zugunsten von Unternehmen mit besseren ESG-Ratings und die Sektor-Allokationen in nachhaltigere Wirtschaftszweige dazu beigetragen haben, dass sich ‘ESG’-Portfolios während der jüngsten Turbulenzen besser entwickelt haben.

Welche Daten stehen für Investoren dabei im Vordergrund – und was hat sich mit Blick auf die Verfügbarkeit von Daten und Bewertungen verändert?

ESG-Themen wie der Klimawandel, der demografische Wandel und die Corporate Governance sind kurz- und langfristig wichtige Treiber des Kapitalanlagewertes. Die Berücksichtigung dieser Fragen im Rahmen unseres Investment Researchs und bei unseren Anlageentscheidungen ist wesentlich, um die Risiken, die den Anlagen der Kunden schaden könnten und die Chancen, die sich aus diesen Fragen ergeben, effektiv zu identifizieren und zu managen.

Nehmen Sie die Automobilindustrie. Hier geht es mehr um Energieeffizienz als Biodiversitätsrisiken. Wir haben uns beispielsweise dazu entschieden, unsere Beteiligung an einem Automobilunternehmen unterzugewichten, nachdem unser Analyst einen Mangel an Forschungs- und Entwicklungsausgaben im Vergleich zu ihren Konkurrenten für Elektro- und autonome Fahrzeuge festgestellt hatte.

Wie unterscheidet sich Ihr ESG-Ratingsystem von anderen Ratings?

Wir bieten eine Reihe unterschiedlicher Ratings an, etwa für Staatsanleihen, Risiko-Ratings für Unternehmen, ESG-Ratings für Privatunternehmen, von denen wir keine externen Daten haben und für Impact Bonds. Jedes dieser Ratings passen wir individuell auf die Faktoren an, die unserer Meinung nach für unsere Anforderungen am relevantesten sind. Im Corporate-Bereich haben wir die umfassendste Expertise. Ein wichtiger Unterschied zu anderen Rating-Anbietern liegt auch darin, wie wir die verschiedenen Risiken einschätzen und gewichten.

Wir verfolgen keinen universellen Ansatz, der für alle Investoren passt. Denn dies würde bedeuten, dass es keinen Unterschied gibt, wie etwa ein Income-Investor oder ein traditioneller Aktienanleger die Risiken beurteilt. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Breite unseres Rating-Universums. Seit der Einführung Ende vergangenen Jahres haben mehr als 6500 Emittenten, die jeweils 850.000 zugehörige Tochtergesellschaften repräsentieren, ein ESG-Rating von uns erhalten.

Es gibt das Rating für 99 Prozent der Unternehmen in Euro-dominierten Investment-Grade-Indizes, für circa 95 Prozent der Unternehmen in globalen Investment-Grade-Indizes und für alle Unternehmen, die in Insights ESG-Portfolios vertreten sind.

Warum ist die Gefahr von Impact Washing noch einmal gestiegen? Was können Anleger dagegen tun?

Immer mehr Unternehmen entscheiden sich dazu, Social Bonds zu begeben. Ihr Volumen ist inzwischen auf über eine Billion Dollar angestiegen. Ein Problem vor diesem Hintergrund ist, dass viele dieser Emissionen keinen sozialen Mehrwert schaffen. Zudem bleiben große Teile des Marktes durch die geringe Offenlegung verdeckt, was die Vergleichbarkeit in Frage stellt und Bedenken hinsichtlich des Impact Washing aufkommen lässt.

Daher verwundert wenig, dass von den 126 neuen Impact-Anleihen, die wir 2019 analysiert haben, nur 33 unsere Anforderungen erfüllen konnten. Anleger benötigen daher eine umfassende Analyse und entsprechende Due-Diligence-Prüfungen, um sich vor Impact Washing zu schützen. Insight Investment verfolgt diesen Ansatz seit 2017. Fast ein Viertel aller Impact-Anleihen, die durch unsere Prüfung ging, weisen Anzeichen von Impact Washing auf.

Was bedeutet dies für Pensionskassen?

Pensionskassen müssen zukünftig vermehrt einen Teil ihrer Portfolios über Impact Bonds diversifizieren. Doch gerade sie brauchen valide ESG-Ratings in allen Anlageklassen, um die mit Impact Washing verbundenen Risiken zu minimieren. Dies sollte ihnen von den Portfolio Managern zur Verfügung gestellt werden. Auf Regulierungen seitens der Behörden zu warten, ist zum jetzigen Zeitpunkt wenig zielführend.

Joshua Kendall, Insight Investment

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