Die aktuelle Krise hat das Bewusstsein für Nachhaltigkeit geschärft. Doch die Umsetzung gestaltet sich für institutionelle Investoren nicht immer einfach. Nicole Becker, Referentin für Vorstandsangelegenheiten und Nachhaltigkeit im Bereich Kapitalanlagen bei der Bayerischen Versorgungskammer (BVK), und Dieter Lehmann, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Volkswagenstiftung, geben Einblicke in die Strategien ihrer Organisationen.

Frau Becker, wie ist das Thema Nachhaltigkeit bei der Bayerischen Versorgungskammer verankert?

Becker: Die BVK führt gemeinschaftlich die Geschäfte von 12 eigenständigen Versorgungseinrichtungen. Bei dieser heterogenen Struktur ist es schwierig, die einzelnen Bedürfnisse der Pensionsschemata zu erfüllen, denn jedes hat ein anderes Verständnis von Nachhaltigkeit. Die BVK hat aber bereits 2011 als erster deutscher Altersversorger die UN Prinzipien für verantwortungsvolles Investment (UNPRI) unterzeichnet, und seit dem beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit.

Wir haben uns für den Engagement-Ansatz entschieden, um im Dialog mit Unternehmen möglichst großen Einfluss ausüben zu können. In unserem Aktienbestand unterstützen wir über unsere Stimmrechte Unternehmen dabei, ihre Nachhaltigkeitsziele umzusetzen und zum Beispiel ihre Klimaziele zu erreichen. Aber in unserem Investment-Universum haben wir es mit einer Vielzahl von Asset-Klassen zu tun. Zum Beispiel sind wir allein mit 25 Milliarden Euro in Immobilien investiert.

Auch in diesem Segment monitoren wir, dass jeder unserer Manager und Mieter im Sinne der Nachhaltigkeit agiert. Das geht bis in die Verwaltungsebene der einzelnen Mieter hinein und wo möglich bis in den einzelnen Mietvertrag. Zudem sind wir seit März dieses Jahres Mitglied bei GRESB, um so anhand eines globalen Standards unser Immobilienportfolio in Bezug auf die Erreichung bestimmter Nachhaltigkeitsziele bewerten und weiter verbessern zu können.

Aktuell prüfen wir einen Beitritt zur Net-Zero Asset Owner Alliance und schauen, wie wir diese Strategie bei uns verankern können und wo wir auf dem Pfad zum 1.5-Grad-Ziel stehen. Vor einem Jahr hätte man wohl noch nicht so konkrete Schritte ergriffen.

Hat die aktuelle Corona-Krise also die Nachhaltigkeitsdebatte verändert?

Becker: Als ich letztes Jahr zur Zeit des New Yorker Klimagipfels als Nachhaltigkeitsreferentin bei der BVK eingestiegen bin, gab es einen regelrechten Nachhaltigkeits-Hype, und jetzt stelle ich diese enorme Fokussierung auf das Thema wieder fest. In allen Gremien und an den Anfragen unserer Mitglieder erkenne ich das Bedürfnis, sich in Nachhaltigkeitsthemen weiterzuentwickeln. Wir bekommen zudem viele Anfragen anderer Organisationen dazu, wie wir als BVK das Thema umsetzen.

Seit März gibt es eine neue Qualität des Interesses. Es findet schon ein Umschwung statt. Ich erlebe, dass wir das Thema Nachhaltigkeit nicht nur theoretisch leben, sondern auch praktisch ein ganz anderes Bewusstsein entwickelt haben. Es gibt eine stärkere Glaubhaftigkeit und ich merke auch, dass die Bestrebungen ernsthafter gemeint sind. Auch kleinere Institutionen wollen ESG-Themen anpacken.

Aktuelle Studien diverser Institute belegen, dass auch in der aktuellen Krise die Erträge besser waren, wenn verantwortungsbewusst gewirtschaftet wird. Wir erleben die Stabilität gerade am eigenen Leibe. Unsere Nachhaltigkeitsstrategie haben wir durch die Krise nicht verändert, sondern sehen uns eher bestätigt.

Herr Lehmann, wie gehen Sie bei der Volkswagenstiftung das Thema Nachhaltigkeit an?

Lehmann: Nachhaltigkeit ist für die Volkswagenstiftung ein sehr wichtiges Thema. Schon seit 2011/2012 haben wir unseren eigenverwalteten Aktienbestand komplett auf nachhaltig zertifizierte Titel umgestellt. Wir sind ein vorrangig passiver Investor: Wir haben einen nachhaltigen Index gewählt, den wir nachbilden.

Es ist im Aktienbereich sehr viel einfacher, Nachhaltigkeit abzubilden als im Rentenbereich. Gleichwohl haben wir uns auch diesen Bereich angeschaut. Seit zwei Jahren implementieren wir ein von der Stiftung entwickeltes Nachhaltigkeitsscreening. Für den Aktienbereich nutzen wir hierfür ein Nachhaltigkeitstool von Thomson Reuters als Informationssystem und für den Rentenbereich unterschiedliche Informationsquellen, wie etwa Freedom House, Transparency International, Reporter ohne Grenzen oder Germanwatch, um zu definieren, inwieweit Emittenten von Rentenpapieren als nachhaltig wirtschaftend anzusehen sind.

So haben wir mit sehr hohem Aufwand jeden Einzeltitel, den wir in Eigenverwaltung oder in unseren Spezialfonds halten, gescreent und einem Ranking unterzogen. Das Ergebnis stellen wir für jedes Einzelportfolio in einem Farbband, gewissermaßen einer Ampel, dar, wobei Grün „sehr nachhaltig“ signalisiert. Die Skala reicht von 0 bis 100.

Für jedes Teilportfolio können wir so identifizieren, ob es in den gelben oder roten Bereich abdriftet, und können bei Bedarf entsprechend umschichten und nachjustieren. Das ist zum Glück jedoch noch nicht notwendig gewesen. Wir führen dieses Screening jährlich durch, was nach unserer Erfahrung genügt, da sich die Datenlage zu den einzelnen Unternehmen nicht so schnell ändert. Wir denken, wir sind mit diesem Verfahren auf einem guten Weg.

Zudem haben wir auch seit Jahren Ausschlusskriterien definiert für Unternehmen in Branchen, die für uns nicht in Frage kommen – beispielsweise Hersteller oder Zulieferer international geächteter Waffen. Wir haben auch keine Agrarrohstoffe im Portfolio, weil wir uns nicht an Lebensmittelpreisspekulationen beteiligen wollen.

Seit 2011 betreiben wir auch keine Aktienleihegeschäfte mehr, weil wir festgestellt haben, dass der Markteinbruch 2011 durch Hedgefonds bedingt war, die seinerzeit die traditionell umsatzschwachen Monate im Sommer in Verbindung mit der damals sehr ausgeprägten Angst vor einem Auseinanderbrechen des Euro ausnutzten, indem sie massive Aktienverkäufe vornahmen. Dies geht aber unter anderem nur, wenn sie Anleger finden, die ihnen Aktien mittels Leihe zum Eingehen von Short-Positionen zur Verfügung stellen. Als wir das für uns realisiert haben, haben wir diese Geschäfte aus ethischen Gründen eingestellt.

Wie beurteilen Sie die EU-Regulierung zur Nachhaltigkeit für die Finanzbranche?

Becker: Die Themen Klassifizierung und Vergleichbarkeit finde ich ganz wichtig. Auch das Thema Daten ist eine große Baustelle. Deshalb unterstütze ich die Bemühungen der EU sehr. Es geht letztlich darum, aus dem ganzen Angebot verschiedener Stakeholder und verschiedener Bereiche eine Standardisierung für ESG zu erzielen. Es braucht regulatorische Vorgaben für jede Asset-Klasse, die auch den Asset Managern mitgegeben werden können. Wir Asset Owner würden uns damit leichter tun, die Asset Manager und auch die Produkte in den einzelnen Asset-Klassen zu vergleichen.

Kritiker sagen, das dauert alles zu lange, die Zeit haben wir nicht mehr, um die Folgen des Klimawandels in Schach zu halten. Handelt die Branche schnell genug?

Becker: Einerseits sind wir natürlich zu langsam. Andererseits ist auch jeder gefangen in seinem System, und das bedeutet Herausforderungen zu bewältigen. Wir sind bei der BVK aber gut aufgestellt und werden in den nächsten zwei Jahren sicher große weitere Schritte machen. Viele davon sind formaler Art. Es geht darum, Schritte zu formalisieren und in den Anlagebedingungen festzulegen.
Ganz wichtig ist aber, nicht zu warten, bis wir perfekte Standards haben, und sich bis dahin die Aufgaben gegenseitig hin- und herzustoßen. Wenn aber jeder auf seinem Gebiet via Ausschlüsse, Engagement oder nachhaltige Projekte die Sache vorantreibt, dann sind wir gut beraten.

Lehmann: Wir sind in Deutschland immer schnell dabei, alles regulieren zu wollen und Zwänge und Korsette anzulegen. Das mag auch teils gut und richtig sein, aber wir haben in der Vergangenheit auch Alibiaktionen erlebt. Zum Beispiel haben manche Anleger einfach einen nachhaltigen Fonds zum Vorzeigen bei entsprechender Nachfrage gekauft, um das ganze Thema für sich abhaken zu können. Ähnlich verhält es sich nach meinem Eindruck oft mit der Unterzeichnung mancher Absichtserklärungen. Als die bessere Variante erscheint mir, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir globale Probleme haben, etwa durch Klimawandel oder Ressourcenknappheit, um daraus dann ein eigenes, individuelles und vor allem authentisches Handeln zu entwickeln.

Die Regulierung sollte aufpassen, keine Abwehrreaktionen hervorzurufen, wenn sie zu starr vorschreibt, was ein Investor tun darf und was nicht. Anleger sollten innerhalb von Bandbreiten eigene Strategien aufbauen können, in denen sie authentisch begründen können, warum sie bestimmte Investments tätigen und andere nicht.

Begleitende Regulierung, Leitplanken und Hilfestellungen sind sehr wichtig, insofern ist auch die europäische Initiative sehr zu begrüßen. Ich weiß aber auch, wie unterschiedlich die Meinungen unserer europäischen Kollegen sein können, insofern ist es auch höchst schwierig, alle Vorstellungen unter einen Hut zu bekommen. Wir sollten nicht nur unsere deutsche Sicht der Dinge zulassen, sondern respektvoll berücksichtigen, dass es auch andere Sichtweisen geben kann.

Vielleicht ist es aber auch eine Aufgabe der europäischen Politik, die Länder voranzubringen, die noch nicht den anzustrebenden Standards entsprechen. Und natürlich müssen wir rasch vorangehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Jedoch muss die berechtigte Ungeduld dabei auch ein Stück weit mit Realismus verknüpft werden. Ich möchte auch daran erinnern, was wir in den letzten 20 Jahren schon alles erreicht haben.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Corona-Krise?

Lehmann: Bezüglich der Nachhaltigkeit hat sich durch Corona für uns nichts verändert. Wir verfolgen unsere Ansätze und Überlegungen genauso weiter wie vorher. Durch die Pandemie hat sich ja auch nichts geändert an den globalen Problemen.
Wir haben auch festgestellt, dass der nachhaltige Index, den wir für unsere Aktien-Investments heranziehen, durchaus besser abschneidet als verschiedene herkömmliche Indizes. Dass nachhaltige Kapitalanlage per se mit Renditeeinbußen einhergeht, können wir auch durch unsere eigenen Anlagen widerlegen.

Losgelöst vom nachhaltigen Aspekt kann ich sagen: Wir hatten in den letzten 20 Jahren einige Krisen mit teils großen Marktverwerfungen. Natürlich war der Auslöser der Corona-Krise ein neuer, aber es gibt Parallelen zu früheren Krisen. Als Anleger ist man in jedem Fall gut beraten, immer die Nerven zu bewahren.

Was wünschen Sie sich in Sachen nachhaltiges Investieren für die Zukunft?

Lehmann: Wir werden unseren Weg weitergehen, weil wir überzeugt sind, dass es ein guter Weg ist. Das heißt aber nicht, dass wir an Erfahrungen anderer Investoren nicht interessiert sind. Immer mehr erkennen, dass man über Anlageentscheidungen Zeichen setzen kann. Je mehr man zusammenrückt, desto mehr kann man bewegen.

Becker: Ich wünsche mir eine Bündelung der Netzwerke in der Investmentbranche und den Zusammenschluss mit der Wissenschaft, so dass man Wissen und Vorgehensweisen fokussiert voranbringt.

Frau Becker und Herr Lehmann waren zu Gast auf der digitalen F.A.Z.-Konferenz Nachhaltigkeit & Kapitalanlage.

Lesen Sie mehr über die BVK und die Volkswagenstiftung in der dpn-Ausgabe Oktober/November 2020.

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