Beim dpn-Roundtable ESG & Impact Investing diskutierten fünf Experten intensiv über Begrifflichkeiten, Abgrenzungen, regulatorische Themen sowie aktuelle Herausforderungen und zukünftige Chancen.

In der institutionellen Community wird viel über Nachhaltigkeit, über ESG und über Impact Investing gesprochen. Doch was kam zuerst: die Nachhaltigkeit, ESG oder Impact Investing? Und wie grenzen Sie die einzelnen Bereiche voneinander ab?

Florian Esterer: Wir reden oft über nachhaltiges Investieren in einer Art und Weise, als ob wir wüssten, wovon wir reden. De facto weiß jedoch keiner von uns, was unter den Begriffen ESG und Impact Investing im Detail alles subsumiert wird. Jeder Gesprächspartner hat dazu eine andere Meinung. Ich glaube, eine große Herausforderung in den Gesprächen mit unseren Kunden, aber auch in dieser heutigen Diskussionsrunde wird es deswegen sein, zuerst einmal zu definieren, was man unter den einzelnen genannten Begriffen genau versteht.

Christian Schubert: Impact Investing ist für uns ein Teil von ESG. Bei ESG geht es um das große Ganze. Allgemein kann ESG bei der Auswahl von Zielfondsmanagern eine Rolle spielen. Sind keine Prozesse zu ESG vorhanden, kann man von einem schwachen Risikomanagement eines Managers ausgehen. Beim Impact Investing hingegen stehen für uns die Strategie, die Zielsetzung, wie zum Beispiel die Umsetzung eines Carbon Journey Plans, und die nachhaltige Investitionsentscheidung einer Anlage im Vordergrund.

Eva Meyer: Es gibt keine wissenschaftlich einheitliche Definition für diese Begriffe. Bei BNP Paribas beschreiben wir Nachhaltigkeit immer mit den drei P − Planet, People und Profit. Wenn eine Investition nachhaltig sein soll, müssen die drei P erfüllt sein. Dabei ist es wichtig zu verstehen, welche Maßnahmen ein Unternehmen ergreift, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben Beispielsweise dadurch, dass es sich umweltkonform verhält. Um diese Bemühun- gen zu dokumentieren, kann die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) als Offenlegungsverpflich- tung helfen. Beim Thema ESG wiederum steht insbesondere die Messbarkeit mittels Key Performance Indicators (KPIs) im Vordergrund. Hier sollten Fragen diskutiert werden wie: Welche Ziele werden mit der E-Komponente, mit der S- und mit der G-Komponente definiert und wie werden diese Ziele gemessen und erreicht? Und last, but not least: Impact Investing ist für mich die Königsdisziplin beim nachhaltigen Investieren. Im Endeffekt ist Impact Investing aber auch schwer zu greifen. Es gibt ja kein Investment ohne Impact. Also gibt es auch keine wirkungsfreien Investments. Wie man diese Herausforderung meistern kann, werden wir im Rahmen unserer heutigen Diskussion sicherlich noch intensiver beleuchten.

Inka Schulte: Wir bei NN Investment Partners haben beim nachhaltigen Investieren drei Kategorien definiert. Das fängt damit an, dass wir zuerst von „ESG integriert“ sprechen. Bei diesen Strategien ist eine Analyse der Kriterien E, S und G integraler Bestandteil der Fundamentalanalyse und damit dann auch der Investment- Entscheidung. Das erlaubt uns, die ESG-Risiken besser verstehen, einschätzen und berücksichtigen zu können. Gleichzeitig sehen wir, wie die Unternehmen für zukünftige Herausforderungen aufgestellt sind. In diesem Moment hat diese Analyse einen vorwärtsschauenden Charakter und erlaubt uns, fundiertere Investment- Entscheidungen zu treffen. Die zweite Kategorie, die wir definiert haben, sind „Sustainable“-Strategien. Sustainable-Strategien legen einen Fokus darauf, nachhaltige Entwicklungen in den Unternehmen und in der gesam- ten Gesellschaft zu fördern. Unsere dritte Kategorie ist das bereits genannte „Impact Investing“. Beim Impact Investing legen wir besonderen Wert darauf, dass die Unternehmen, in die wir investieren, mit ihren Produkten und Dienstleistungen eine gezielte und messbare Wirkung entfalten sowie einen klaren und positiven Beitrag zu den UN Sustainable Development Goals leisten. Inzwischen fallen über 90 Prozent der Assets, die wir bei NN Investment Partners managen, in eine dieser drei Kategorien. Impact Investing nimmt dabei mit etwa 10 Prozent einen vergleichsweise kleinen Anteil ein, einfach deswegen, weil diese Investments die strengsten Kriterien erfüllen müssen.

Johannes Weber: Die Position der Bundesinitiative Impact Investing kommt sehr nah an das, was bereits gesagt wurde. ESG ist auf jeden Fall der breitere Ansatz. Es ist der Ansatz, bei dem E-, S- oder G-Kriterien in irgendeiner Weise in der Investment-Entscheidung berücksichtigt wer- den. Quasi die breiteste Definition. Beim Impact Investing will man eine gezielte, messbare, positive gesellschaftli- che oder ökologische Wirkung erzielen. In jedem Impact Investment müssen auch ESG-Kriterien geprüft werden. Somit würde ich immer sagen, ESG und Impact Investing sind zwei Perspektiven einer Investment-Entscheidung, die beide relevant sind. Impact Investing – da gebe ich Ihnen vollkommen Recht – ist natürlich der relativ kleinere Teil, der aber perspektivisch ausbaubar ist.

Esterer: Man muss verschiedene Dinge auseinanderhalten: Zuerst schauen wir, welchen Datenkranz man zur Verfü- gung hat. Dann unterscheiden wir, welche Faktoren finanzi- ell-materiell relevant sind und welche nicht. Wenn wir fest- stellen, finanziell-materielle ESG-Informationen in einem Datenkranz zu haben, ist es unsere treuhänderische Pflicht als Anleger, diese in den Anlageprozess zu integrieren. Wir berücksichtigen natürlich auch eine gewisse Werthaltigkeit oder Werterhaltung der Investitionen. Das ist oft Wunsch der Kunden. Darüber lässt sich relativ schwierig diskutie- ren. Das fällt bei uns dann unter nicht finanziell-materielle Kriterien. Außerdem unterscheiden wir die ESG-Kriterien die eher firmeninterne Produktionsprozesse beschreiben, während sich Impact Investing häufig auf Dinge bezieht, die produktbezogen sind. Die Herausforderung als Investor ist es nun, Produkte zu finden oder zu produzieren, die positive Externalitäten generieren, sowie interne Prozesse herzustel- len, die geringe negative Externalitäten erzeugen. Also Investitionen zu finden, wo es diesen Trade-off im besten Falle nicht gibt oder wo dieser minimiert wird. Das ist die Kunst.

Meyer: Wenn es um ESG-Investitionsentscheidungen geht, ist es essenziell, Vergleichbarkeit zu bekommen. Diese ist aktuell noch nicht gegeben.

Schulte: Ich stimme Ihnen beim Thema materielle ESG-Kri- terien voll und ganz zu. Die Analysen, die auch wir durch- führen, beziehen sich auf klar definierte, wirtschaftlich relevante Kriterien, die wir in unseren Entscheidungspro- zess einbeziehen. Auf dieser Grundlage sind wir in der Lage, die Portfolios besser zusammenzustellen und die Rendite- Risiko-Profile der Investitionen zu optimieren.

Esterer: Die aktuellen Begrifflichkeiten sind noch zu schwammig. Wir benötigen klare Dimensionen.

Weber: Zu diesen Themen gibt es unterschiedliche Meinungen. Sie sprachen die Wertorientierung an. Ich glaube, Impact-Investoren, die wirklich einen genuinen Impact- Investment-Ansatz verfolgen, haben eine klare Intention, mit ihren Investments eine positive gesellschaftliche oder ökologische Wirkung zu erzielen. Meines Erachtens sollte man deswegen wegkommen von einer reinen Trade-off- Betrachtung, da diese im Zweifel gerne zugunsten der finanziell-materiellen Seite ausfällt. Ich glaube, ein genu- iner Impact-Ansatz sollte immer zuerst die zu erzielende Wirkung – den gewünschten Impact – im Blick haben.

Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen EU-Taxonomie? Sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?

Esterer: Meines Erachtens gibt es Regularien, die Transparenz schaffen wollen. Die Auswirkung der Offenlegungsverordnung (SFDR) ist ein Beispiel hierfür. Und es gibt Regularien, beispielsweise den Green Deal oder die Taxonomie, die klare politische Ziele verfolgen. Hier geht es nicht darum zu überlegen, was die Finanz- märkte attraktiver macht, sondern darum, Finanzströme in Aktivitäten umzulenken, die die Politik für sinnvoll hält. Die Diskussion um den Atomstrom ist ein offensichtliches Beispiel hierfür. Diese politischen Vorstellungen haben als Ziel, das Angebot- Nachfrage-Verhalten von Investoren zu verändern.

Können Sie mit diesen politischen Vorstellungen leben?

Esterer: Als Volkswirt weiß man seit dem Stern-Report, dass eine Carbon Tax die effizienteste Möglichkeit wäre, die Klima- ziele zu erreichen. Das ist jedoch politisch nicht gewollt oder umsetzbar. Deswegen versucht man, die Finanzindustrie zu regulieren. Das ist ein politischer Prozess. Wir stellen fest, dass es einen Unterschied zwischen der Umsetzung von politischen Zielen und dem Fakt gibt, schlicht Transparenz zu schaffen. Wenn ich in einer Demokratie lebe und akzeptiere, dass ich in einer Demokratie lebe, dann muss ich auch die Ergebnisse des demokratischen Prozesses akzeptieren.

Meyer: Ich möchte noch einmal auf das Regulatorik- und Taxonomie-Thema eingehen. BNP Paribas ist Teil der Sustainable-Finance-Plattform. Die Idee, ein Klassifizierungssystem mit technischen Kriterien zu haben, ist sehr gut. Bis jetzt wurden innerhalb der EU-Taxonomie von sechs Umweltzielen erst für zwei Um- weltziele Kriterien definiert. Daneben soll noch eine Social Taxonomy kommen. Das schafft Vergleichbarkeit und ist eindeutig zu begrüßen. Nichtsdestotrotz ist dieses Unterfangen sehr komplex und mit großem Aufwand verbunden. Es ist noch viel Work in Progress. Daten müssen verfügbar sein, erfasst werden und in Reportings umgesetzt und ausgewertet werden. Das ist noch nicht überall der Fall. Bei der Offenlegungsverpflichtung SFDR beispielsweise haben wir noch immer die Problematik, dass Interpretationsspielraum besteht, da das Level 2 dieser Direktive erst noch kommt.

Schulte: Ich denke, der positive Nutzen dieser Regulierung ist ganz klar die Transparenz und das gesteigerte Bewusst- sein bei Anlegern und Asset Managern. Das kann dazu beitragen, dass tatsächlich besser informierte Anlageent- scheidungen getroffen werden. Es kann darüber hinaus dazu beitragen, dass Kapitalströme umgelenkt werden. Sei dies nun politisch und gesellschaftlich gewollt oder werte- getrieben. Wir sehen ja gerade auch, die Wertediskussion ist in vollem Gange und bei Weitem noch nicht am Schluss angelangt. Das ist zu begrüßen. Alles ist ein Prozess und entwickelt sich weiter, auch die Regulierung.

Schubert: Das stimmt sicherlich. Auch die Regulierung und die Produkte werden sich weiterentwickeln. Das braucht natürlich Zeit. Wenn man als Multi Asset Manager wie wir aktuell den Markt betrachtet, stellt man fest, dass es immer noch sehr schwierig ist, insbesondere nachhaltige Produkte nach Artikel 9 zu finden.

Weber: Vielleicht gibt es aktuell einfach nicht so viele Artikel-9-Produkte. Ist das wirklich so schlimm? Artikel-9-Produkte sind quasi die Speerspitze, die Königsklasse. Die Königsklasse ist meistens eine schmale Schicht ganz oben und nicht die breite Masse der Fonds. Ich glaube, da muss man realistisch sein. Was ich noch ergänzen wollte. Wir werden immer unterschiedliche Einschätzungen haben, was Nachhaltigkeit bedeuten soll. Ich glaube, das ist auch gut so. Wir werden durch die Taxonomie eine Grundlage schaf- fen, die ein Grundverständnis erzeugt, was Nachhaltigkeit ist. Aber letztlich wird das Nachhaltigkeitsverständnis zu einem ge- wissen Grad immer individuell bleiben und von der persönlichen Werthaltung abhän- gen. Deswegen ist es umso wichtiger, sich auf vernünftige Daten verlassen zu kön- nen. Wenn man sich auf die Daten nicht verlassen kann, wird es für einen Investor wirklich schwierig und demotivierend.

Meyer: Wir haben letztes Jahr bei BNP Paribas Securities Services eine globale Umfrage mit Asset Managern und Asset Ownern durchgeführt, die der Frage nachging, wie stark ESG in den Anlageprozess integriert wird. Dabei kam unter anderem heraus, dass es fast keine Asset Manager oder Asset Owner − zumindest im letzten Jahr war das noch der Fall − gab, die sich ausschließlich auf ihre eigenen ESG-Analysen bezogen haben. Sondern zu der eigenen Analyse wurden meistens bis zu drei oder vier externe ESG-Rating-Provider hinzuge- nommen. Das Problem ist: Diese Nachhal- tigkeits-Ratings sind noch nicht reguliert und können deswegen zu sehr unterschied- lichen Ergebnissen führen, je nachdem wie die Gewichtungen bei den Faktoren E, S und G vorgenommen werden. Das ist noch eine weitere Herausforderung. Apropos, nebenbei kam dabei auch heraus, dass sich in Deutschland fast die Hälfte der befrag- ten Asset Manager und Asset Owner dafür ausgesprochen haben, ihre Portfolios bis 2040 klimaneutral zu stellen.

Esterer: Stichwort Rating-Agenturen. Dazu gibt es eine interessante Studie mit dem Titel „Aggregate Confusion: Divergenz der ESG-Ratings“. Das Erschreckende an dem Paper war aus meiner Sicht nicht, dass die Rating-Agenturen unterschiedliche Kriterien anlegen oder unterschiedliche Gewichte verwenden. Das kann ich akzep- tieren. Das folgt einer gewissen Werthal- tigkeit. Was ich erschreckend fand, ist die Tatsache, dass sich die Rating-Agenturen nicht einig sind bei der Bewertung einzel- ner identischer Kriterien. Beispielsweise ob eine Board Structure gut oder schlecht ist. Ein weiteres Problem bei den Rating- Agenturen ist zudem die äußerst ungleiche Verteilung ihrer Marktmacht.

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