Professor Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher und Beirat von Aquila Capital, sowie Dr. Dieter Rentsch, Mitgründer und CIO von Aquila Capital, im dpn-Gespräch über Nachhaltigkeit und Green Investments.

Sie sagen, die grüne Revolution ist in vollem Gange, und Institutionelle Investoren treiben die Politik vor sich her. Dabei sehen europäische Bürger den Klimawandel als eine Hauptsorge. Warum reagiert die Investmentgemeinschaft schneller als die Politik?

Prof. Schellnhuber: Die Politik hat den Ernst der Lage mittlerweile weitgehend erkannt und das Thema steht nicht erst seit “Fridays for Future” deutlich weiter oben auf der Agenda – in vielen europäischen Ländern. Teilweise schlägt sich dies auch auf den einzelnen politischen Ebenen in konkreten Gesetzesvorhaben nieder, allerdings fehlt hier manchmal die letzte Konsequenz.

Professor Hans Joachim Schellnhuber Bildquelle: Frédéric Batier

Es gibt viele interessante Vorschläge aus verschiedenen Richtungen, doch die Maßnahmen mit Aussicht auf Umsetzung sind zu bescheiden oder kleinteilig – etwa das neue allgemeine Tempolimit von 100km/h in den Niederlanden. Solche Maßnahmen sind zwar per se wirksam in der Reduktion des CO2-Ausstoßes, doch macht der PKW-Verkehr nur einen relativ kleinen Anteil der Treibhausgas-Emissionen in Europa und der Welt aus. Wichtiger wäre eine Reduktion in der Energieerzeugung, dem Gebäudesektor und etwa der Landwirtschaft.

Dr. Rentsch: Es braucht mehr als meist nur symbolische Verbote, vor allem erhebliche, zielgerichtete Investitionen in bestehende und neu zu schaffende Infrastruktur. Diese Investitionen kann die öffentliche Hand in den meisten Ländern nicht mehr alleine tragen. Wir sehen derzeit unabhängig vom Gesetzgeber einen starken Anstieg nachhaltiger Investments seitens privater und vor allem institutioneller Kapitalgeber.

Ein Grund dafür mag in der jeweiligen Organisation und der Zahl der Entscheidungsträger liegen. Es ist bisweilen einfacher, den eigenen Unternehmensvorstand und Aufsichtsrat beziehungsweise Investmentgremium von einer Anpassung der Anlagestrategie zu überzeugen, als die diversen politischen Institutionen und Parteigremien.

Dr. Dieter Rentsch, Mitgründer von Aquila Capital Bildquelle: Aquila Capital

Wichtiger ist aber die Entscheidungsgrundlage der institutionellen Investoren. Hier spielt der meist lange Investment-Horizont von Versicherern und Pensionsfonds eine wichtige Rolle – man denkt in Jahrzehnten, nicht Quartalen. Da liegen Investments in langfristige Infrastruktur-Projekte natürlich nahe – ganz ohne politischen Druck.

Was müsste die EU-Politik tun, um Europas Beitrag zum Erreichen des Klimaziels von 2 Grad noch zu erreichen? Was sind die dinglichsten zwei oder drei Punkte?

Prof. Schellnhuber: Grundsätzlich braucht es einen wirklich europäischen Ansatz, der sich an natürlichen Gegebenheiten und wirtschaftlicher Effizienz ausrichtet. Das bedeutet, dass wir national wie auf EU-Ebene ehrgeizigere Ziele setzen und umsetzen. Es wäre etwa technisch ohne Konsumverzicht möglich, bis 2040 oder spätestens 2050 weltweit zu 100 Prozent auf Erneuerbare Energien umzusteigen. Wer sich nicht intensiv mit dem Thema auseinandersetzt, mag verpasst haben, wie schnell in nur wenigen Jahren die Kosten besonders bei Photovoltaik gesunken und die Kapazität parallel gestiegen ist.

Möglich und wirksam sind verschiedene politische Ansätze: Vom Klimazertifikate-Handel über CO2-Steuern bis hin zu Subventionen. Doch es fehlt die Vision beziehungsweise die übergeordnete Gesamtstrategie zur konsequenten und kompletten Energiewende und Dekarbonisierung. Die Koordination und der Interessenausgleich auf EU- oder gar globaler Ebene ist leider extrem schwierig.

Dr. Rentsch: Eine weitere Steuerungsgröße ist die vorgegebene Kapitalunterlegung der Investments, die die unterschiedlichen Risikoprofile der Investitionsmöglichkeiten widerspiegeln sollen. Aufgrund der Notwendigkeit und gesellschaftlichen Unterstützung nachhaltiger Infrastruktur-Investments und des daher verringerten Risikos ist hier noch erheblicher Lockerungsspielraum vorhanden.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten regulatorischen und politischen Hindernisse auf EU-Ebene, die Investitionen in Erneuerbare Energien blockieren?

Prof. Schellnhuber: Nehmen wir die deutsche Debatte um den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstand von Windrädern zu Siedlungen. Ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Regulierung eine grundsätzlich wirtschaftliche Technologie aus dem Bereich Erneuerbare Energien massiv limitieren kann. Derartige Beispiele gibt es zuhauf, ob nun vorgetragen von Arten- oder Landschaftsschützern oder etwa um Lärmbelastung besorgten Anwohnern. Relativ kleine Gruppen können sich erfahrungsgemäß effektiver organisieren und ihre Interessen politisch vertreten.

Ich erhoffe mir gerade von der neuen EU-Kommission Impulse für mehr staatliche Anreize und einen vorteilhafteren gesetzlichen Rahmen zur Dekarbonisierung unserer Gesellschaft.

Wie können institutionelle Investoren an Investments in Erneuerbare Energien partizipieren und was für Vorteile bietet diese Anlageklasse?

Dr. Rentsch: In Zeiten auslaufender staatlicher Subventions- und Preisgarantien sind andere risikosteuernde Mechanismen notwendig, um institutionellen Investoren weiterhin Investitionen in Erneuerbare Energien zu ermöglichen. Die wenigsten Anleger können und wollen die volatilen Spotmärkte für Strompreise bei ihrer Risiko-Rendite-Kalkulation hinnehmen.

PPAs, also langfristige Stromabnahmeverträge mit industriellen Großverbrauchern oder Energieunternehmen, können Anlegern eine höhere Verlässlichkeit bieten und machen Erneuerbare Energien je nach Strukturierung überhaupt erst bankingfähig und investierbar. PPAs sind das heutige Risikomanagement-Instrument für institutionelle Energie-Investments und in manchen Märkten bereits sehr weit entwickelt – zum Beispiel in Skandinavien und auf der Iberischen Halbinsel.

Welche Regionen in Europa sind für Investments in Erneuerbare Energien besonders attraktiv?

Prof. Schellnhuber: Die Energiewende ist in den einzelnen europäischen Staaten unterschiedlich weit gediehen. Auf der einen Seite gibt es Länder, die bereits heute ihren Energiebedarf weitgehend nachhaltig decken, wie Österreich oder Norwegen. Auf der anderen Seite stehen Deutschland und die meisten anderen EU-Staaten, deren Energiemix noch substantielle fossile Komponenten aufweist. Das sollte aber nicht den Blick darauf verstellen, dass auch Vorreiter wie Norwegen noch deutliches Potenzial aufweisen.

Denn im Rahmen des Zusammenwachsens der europäischen Energienetze könnte man mehr klimafreundlichen Strom in Norwegen erzeugen und über Interkonnektoren in Märkte einspeisen, wo die natürlichen Voraussetzungen etwa für Wasser- oder Windkraft weniger vorteilhaft sind. Dies geschieht derzeit schon in relativ kleinem Umfang und wird zukünftig noch entscheidender für das Gelingen der Energiewende.

Dr. Rentsch: In der Tat bieten sich grundsätzlich in vielen Regionen Europas attraktive Opportunitäten im Bereich Erneuerbare Energie-Infrastruktur. Ob ein Markt ein interessantes Investmentziel ist, hängt von natürlichen und klimatischen Faktoren wie Windstärke vor Ort, Anzahl der Sonnentage und anderen ab. Daneben spielt auch der regulatorisch-rechtliche Rahmen eine wichtige Rolle – und natürlich die jeweilige Anlagestrategie eines institutionellen Investors.

Wir empfehlen, diese europaweiten Möglichkeiten zu nutzen und ein Erneuerbares Energie-Portfolio breit regional und nach Stromerzeugungstypen zu diversifizieren. Durch den Übergang zu individuellen Stromabnahmeverträgen sind die Risiken auch weniger länder- als vielmehr abnehmerspezifisch und Länderrisiken werden geringer.

Warum wird so selten in Wasserkraft investiert, verglichen mit Solar und Wind?

Prof. Schellnhuber: Wasserkraft ist ein Kernelement der derzeitigen und umso mehr der zukünftigen Energieversorgung Europas und der Welt. Ob Laufwasser- oder Pumpkraftwerke, ohne Wasserkraft ist eine Dekarbonisierung nicht vorstellbar – zumal Wasserkraft sich für die Grundlast-Bereitstellung vergleichsweise gut eignet, wie einige Länder bereits unter Beweis stellen.

Dr. Rentsch: Trotz dieser unbestreitbaren Vorteile gibt es allerdings deutlich weniger Möglichkeiten, in Hydroprojekte zu investieren, da sie oftmals in der Hand großer, zum Teil öffentlicher Versorger liegen. Daher ist gerade der Wasserkraft-Markt oft relativ geschlossen und weniger zugänglich für Investoren. Dabei bietet diese erprobte Technologie enormes Potenzial etwa durch die niedrigen laufenden Betriebskosten. Gerade in Verbund mit Energiespeicherkapazitäten lassen sich Schwankungen bei den Strompreisen zur Renditeoptimierung nutzen.

 

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