Back to business – investieren post Corona. Wie wird sich die institutionelle Kapitalanlage nach der Pandemie entwickeln?

1. Denken Sie, es wird eine Reallokation des Portfolios geben, und wenn ja, wie sieht diese aus?

Frank Stefes, Geschäftsführer und Head of Institutional Business bei State Street Global Advisors: Aktuell weisen Schwellenländer durchschnittlich ein stärkeres Wachstum und eine geringere Schuldenlast als ihre entwickelten Nachbarn auf, daher rechnen wir weiterhin mit Zuflüssen in Schwellenländeranlagen. Zudem sind Schwellenländer möglicherweise besser für einen Abschwung positioniert als die entwickelten Märkte, da sie deutlich mehr Spielraum für geld- und fiskalpolitische Stimuli haben.

Josef Scarfone, Managing Director Germany von Skagen Fund: Im Aktienbereich wird der schon zu beobachtende Trend zu einer stärkeren Berücksichtigung von ESG-Faktoren weiter deutlich an Momentum gewinnen. Insbesondere eine Ausrichtung an den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens dürfte dabei im Fokus stehen. Schon jetzt haben sich bereits große institutionelle Anleger der Net-Zero Asset Owner Initiative angeschlossen.

Dimitri Ivanov, Geschäftsführer von Freedom Finance Deutschland: Ja, die findet bereits statt, die Flucht aus Wachstumsaktien, IT, Telekommunikation und Biotechnologie, hin zu Value-Aktien und zyklischen Aktien, die auf die Wirtschaftserholung empfindlich reagieren: Industrie, Energie, Rohstoffe, Unterhaltung und Tourismus. Vor dem Hintergrund der steigenden Preise für Rohstoffe und landwirtschaftliche Erzeugnisse, ist ein Anstieg des Anteils dieser Sektoren an den globalen Portfolios unvermeidlich.

Guillaume Brisset, CEO und Fondsmanager bei Clartan Associés: Die Reallokation hat schon in den vergangenen zwölf Monaten stattgefunden und sie findet fortlaufend statt. Entscheidend hierbei ist die Börsenbewertung und das intrinsische Wachstumspotenzial der Firmen. Wenn eine Firma starke Wettbewerbsvorteil hat und der Börsenkurs sich analog zum intrinsischen Wertwachstum der Firma entwickelt, kann man bis in alle Ewigkeit investiert bleiben.

2. Globalisierung ade. Hat der Home Bias nach der Pandemie wieder Konjunktur?

Stefes: Ein verstärkter Home Bias ist nicht zu erkennen. Die globalen Aktienmärkte haben sich gut entwickelt und Wachstum findet vor allem in den Schwellenländern statt. Die niedrige Korrelation und das höhere Engagement in Wachstumsfaktoren von Schwellenländeranlagen bieten Investoren Vorteile bei der Diversifizierung ihres Anleihen- und Aktienportfolios.

Scarfone: Definitiv nein. Die Globalisierung wird nicht zurückgedreht. Sicher wird es aber in einzelnen Bereichen im Lichte der Erfahrungen während der pandemiebedingten Lockdowns eine Stärkung der lokalen Produktion zur Absicherung von Lieferketten, beispielsweise bei Impfstoffen, geben. In Bezug auf die Kapitalmärkte wird auch weiterhin global investiert werden, da die arbeitsteilige Organsiation der Weltwirtschaft große Wohlfahrtsgewinne ermöglicht und attraktive Investitionschancen eröffnet.

Ivanov: Einen Home Bias sehen wir oft bei Börsengängen, denn die Menschen vertrauen den Unternehmen, deren Produkte sie kaufen. In den letzten Jahren gab es allerdings eine Verschiebung zu amerikanischen Börsen, die neue Möglichkeiten bei der Wahl der Instrumente sowie bessere Bedingungen für Margin-Darlehen oder Absicherungsmöglichkeiten durch Optionen bieten. Ich denke daher nicht, dass der Home Bias zurückkehrt, er wird eher schwächer und Anleger zunehmend global denken und investieren.

Brisset: Wir haben seit über 30 Jahren einen gewissen Home Bias und damit über 800 Prozent Performance erzielt. Es zahlt sich also aus in das zu investieren, was man kennt, und es dann zu tun, wenn es günstig ist. In Übersee sein Glück zu suchen, nur weil andere es tun, kann einen sehr teuer zu stehen kommen. Man erinnere sich an das US-Subprime-Debakel der deutschen Landesbanken.

3. Wo lauern in diesem Zusammenhang die größten Risiken für institutionelle Investoren?

Stefes: Anleger müssen sich der potenziell höheren Volatilität und der Ausfallquoten sowie der idiosynkratischen Risiken von Schwellenländeranlagen bewusst sein. Zudem sollten Investoren potenzielle Risiken aus der Zusammenarbeit zwischen China und den USA im Hinterkopf behalten.

Scarfone: Übergeordnet betrachtet sehen wir auf Sicht der kommenden Monate drei wesentliche Risiken: Erstens, die Entwicklung der Pandemie. Zweitens gewinnen die ESG- und hier vor allem die Klimarisiken in den Portfolios an Bedeutung und sind im Rahmen des Risikomanagements besser zu steuern. Drittens birgt auch die Inflations- und in deren Folge die Zinsentwicklung Risiken, da der derzeitige Konsens von einem nur temporären Anstieg der Preissteigerungsraten ausgeht.

Ivanov: Angesichts der steigenden Inflation werden die Portfolios trotz des prognostizierten Anstiegs der Zentralbankzinsen zunehmend mit Aktien und Aktien-ETFs beladen. Die traditionelle Aufteilung von 60/40 Prozent ist nicht mehr relevant. Gleichzeitig entsteht aber ein neuer Risikofaktor – die zwölf Billionen Dollar, die die Regierungen in den letzten 14 Monaten in die Weltwirtschaft gepumpt haben, ließen amerikanische Börsenindizes auf historische Höchststände steigen. Korrekturen sind in einzelnen Sektoren und im Gesamtmarkt unvermeidlich.

Brisset: Meines Erachtens sollte ein institutioneller Investor niemals der Versuchung erliegen, einem angesagten Trend hinterher zu laufen. Erfolgreiches Investieren benötigt immer eine intensive Auseinandersetzung mit der Sache und eine maximal mögliche Informationsgrundlage, die nicht nur auf Datenbankinfos beruhen sollte, sondern auch auf persönlichen Gesprächen mit Verantwortlichen, Kunden und Zulieferern.

 

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