Kristina Church, Head of Responsible Strategy bei BNY Mellon Investment Management, blickt auf ein Jahr mit der Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) zurück und betont einige ihrer Erfolge und Herausforderungen.

Autor: Kristina Church, Head of Responsible Strategy bei BNY Mellon Investment Management

In allen Wirtschaftssektoren stehen die entsprechenden Stakeholder unter erheblichem Druck, gleichzeitig den Umstieg zur Klimaneutralität einzuleiten und positive gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Anleger müssen Unternehmen zunehmend aus drei Blickwinkeln betrachten: Soziales, Umwelt und Wirtschaft beziehungsweise „People, Planet, Profit“.

Da sich zu wenige Marktakteure diesem Ziel verpflichtet sahen, wurde am 10. März 2021 die Offenlegungsverordnung eingeführt. Deren erklärtes Ziel ist die Bekämpfung von Greenwashing und höhere Transparenz im Finanzsektor. Ein Jahr später blicken wir zurück auf die Umsetzung der SFDR und heben Bereiche hervor, in denen hinsichtlich des verantwortungsbewussten Anlegens („Responsible Investment“, RI) noch Verbesserungsbedarf besteht.

 

Ein Schritt in die richtige Richtung

Die Asset-Management-Branche muss zwingend in der Lage sein, ihren Kunden rund um das Thema „verantwortungsbewusstes Anlegen“ maximale Klarheit zu verschaffen. Und genau hieran mangelte es den regulatorischen Rahmenbedingungen vor Einführung der Offenlegungsverordnung.

Wir haben die Offenlegungsverordnung als positiven ersten Schritt begrüßt, da Privatanleger und institutionelle Investoren dadurch besser verstehen, mit welchem Maß an Verantwortungsbewusstsein ihre Portfolios verwaltet werden. Zum einen hat die neue Verordnung Anleger dazu gebracht, sich auf verantwortungsbewusstes Anlegen zu fokussieren. Zum anderen dient die SFDR als dringend benötigter Weckruf für Fonds, die hinsichtlich der Dringlichkeit des Klimawandels und anderer wichtiger Nachhaltigkeitsthemen allzu träge waren. Allerdings hat die Offenlegungsverordnung verantwortungsbewusstes Anlegen auch komplexer gemacht und dazu geführt, dass nach wie vor Diskrepanzen und Graubereiche vorhanden sind.

 

Es sind weiterhin Hürden zu überwinden

Wir betrachten verantwortungsbewusstes Anlegen als Anlagespektrum – selbstverständlich können regulatorische Vorgaben dazu führen, dass einige Nuancen dieses Spektrums verschwimmen.

Was der eine Anleger als „verantwortungsbewusstes Anlegen“ einstuft, ist für den anderen eine „nachhaltige Anlage“. Was der eine als „Impact Investing“ versteht, ist für den anderen eine „ESG-Integration“. Angesichts der nicht standardisierten Terminologie muss sichergestellt werden, dass RI-Begrifflichkeiten klar definiert werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass sie in der gesamten Anlagelandschaft einheitlich verwendet werden.

Die Qualität und Konsistenz von Daten ist ebenfalls ein äußerst wichtiger Gesichtspunkt. Diskrepanzen bei den externen Daten-Providern und der wachsende Bedarf an stärker szenariobasierten, zukunftsgerichteten Unternehmensdaten stellen weiter ein Problem dar. Die Offenlegungsverordnung legt zwar Berichterstattungs- und Offenlegungsanforderungen für die Asset-Management-Branche fest, doch die unternehmensseitige Datenbereitstellung ist weiterhin freiwillig und unvollkommen.

Die wichtigen globalen Stakeholder müssen, eng miteinander abgestimmt, obligatorische Anforderungen an die Berichterstattung zu ökologischen, sozialen und Governance-Faktoren (ESG) entwickeln. Eine verpflichtende Meldung konsistenter, standardisierter und hochwertiger Unternehmensdaten könnte entscheidend dazu beitragen, das Vertrauen der Anleger in die Produkte und Anlagevehikel, in die sie investieren, zu stärken.

Zahlreiche Anleger haben den Eindruck, dass Unternehmen nicht als „nachhaltig“ bezeichnet werden können, solange sie sich noch in der Umbruchphase befinden. Bislang fließen RI-Mittel verstärkt in Unternehmen, die bereits die höchsten ökologischen oder sozialen Standards erfüllen. Das kann jedoch zu einem Overcrowding-Risiko führen.

Viele Wirtschaftssektoren müssen sich noch auf den Weg in Richtung Klimaneutralität machen. Zahlreiche Wirtschaftszweige, die zu den sogenannten „Hard-to-abate“-Sektoren – mit den meisten CO2-Emissionen und den höchsten Dekarbonisierungskosten – gehören, könnten von den Anlegern vollständig gemieden werden, wenn noch zusätzlich Aufsichtsvorgaben wie in der Offenlegungsverordnung zu berücksichtigen sind. Gleichzeitig sprechen wir hier jedoch von Sektoren, die für das künftige Wirtschaftswachstum unverzichtbar sind, etwa die Chemie-, Stahl-, Schwertransport- und Zementbranche. Damit der weltweite Wandel der breiteren Wirtschaft gelingen kann, müssen diese Unternehmen jetzt die besten Ansätze für die Dekarbonisierung entwickeln. Sie sind daher am dringendsten auf das Geld der Anleger angewiesen.

Die Pandemie hat soziale Aspekte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt und das Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig Gleichstellung und eine „gerechte Transformation“ für uns alle sind. Unternehmen, die sich durch eine gute Governance, ein entschiedenes Eintreten für Umweltschutz und gesellschaftliche Fortschrittlichkeit auszeichnen, werden zunehmend als das attraktivere Investment betrachtet.

Wir erleben derzeit, dass Biodiversität und gesellschaftliche Fragen politisch an Relevanz gewinnen, so wie es in den vergangenen Jahren auch beim Klimawandel der Fall war. Es ist jedoch weiterhin eine äußerst komplexe Frage, wie ökologische und soziale Kriterien in einer Anlagestrategie zu messen und zu melden sind. Ein marktübergreifend einheitlicher Anlageansatz dürfte kurzfristig nicht funktionieren, da insbesondere gesellschaftliche Werte in den unterschiedlichen Weltregionen stark variieren können.

Die Anleger-Community darf diese sozialen Aspekte unter keinen Umständen ignorieren. Die sozialen Folgen von Investments sind eindeutig mit dem Umstieg auf Klimaneutralität verknüpft. Der jüngste lPCC-Bericht zeigt die direkten Zusammenhänge zwischen Klima, Ökosystemen (einschließlich Biodiversität) und menschlicher Gesellschaft. Nach unserer Überzeugung wird 2022 das Jahr sein, in dem sich die Aufsichtsbehörden auf die Notwendigkeit besinnen, zielführendere und klarere Klassifikationen oder Taxonomiesysteme festzulegen.1

 

Blick nach vorn

Verantwortungsbewusstes Anlegen muss letztlich zur Norm werden und in sämtlichen Anlageformen präsent sein. Nach unserer Einschätzung wird man sich künftig stärker darauf konzentrieren, Unternehmen zu identifizieren, die bislang noch nicht „best-in-class“ sind, aber die Anpassung an eine kohlenstoffärmere Welt eingeleitet oder Richtlinien eingeführt haben, die die Auswirkungen ihres Handelns auf Umwelt und Gesellschaft verbessern. Die Offenlegungsverordnung ist ein Schritt in diese richtige Richtung. Jedoch hat die Asset-Management-Branche noch viele Hürden zu überwinden.

 

Verweise

1 The Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) finalized the second part of the Sixth Assessment Report, „Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability“, 22. Februar 2022.

 

Wichtige Informationen

Ausschließlich für professionelle Kunden; in der Schweiz ausschließlich für qualifizierte Investoren.

Sofern nicht anders angegeben, handelt es sich bei den hierin enthaltenen Auffassungen und Meinungen um die des Investmentmanagers. Diese Auffassungen und Meinungen stellen keine Anlageberatung dar. Hierbei handelt es sich im aufsichtsrechtlichen Sinne weder um Investment-Research noch um eine Research-Empfehlung.

Für weitere Informationen gehen Sie zur „BNY Mellon Investment Management“-Website: http://www.bnymellonim.com.

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