Nicht zuletzt durch die Corona-Krise haben sich – wie in ganz Deutschland – auch in der Finanzbranche eklatante Lücken in Sachen Digitalisierung aufgetan. Was hat sich in den letzten zwei Jahren getan und hat das Asset Management den nächsten großen „Big Bang“, die Blockchain-Technologie, ausreichend auf dem Radar?

„Natürlich wurden während der Lockdowns Stift und Papier durch elektronische Formate ersetzt. Dass eine gesamte Prozesskette im Sinne einer Modularisierung digitalisiert wurde und bestehende Systeme auf einer Plattform angedockt wurden, konnten wir jedoch nicht beobachten“, sagt Maren Schmitz, Partnerin bei KPMG im Bereich Financial Services und Leiterin des Asset Management Beratungsgeschäfts in Deutschland. Durch fehlende Prozesse und zentralisierte Plattformen gehen Daten allerdings schlichtweg verloren.

Doch Schmitz zufolge verläuft die Entwicklung im Asset Management rasant. Künstliche Intelligenz (KI) etwa wurde vor zwei, drei Jahren im Frontoffice vielleicht für Marktanalysen und Nachrichtenauswertungen genutzt, aber längst hat die Technologie Einzug in Mid- und Backoffice erreicht und ersetzt zunehmend Tätigkeiten, die Mitarbeiter zuvor händisch ausgeführt haben.

Dies schaufelt dringend benötigte Kapazitäten frei. Schließlich werden die Anlageklassen immer komplexer. „Asset Manager müssen ihre Ressourcen dorthin allokieren, wo die Manufaktur wirklich gebraucht wird. Ich denke da an die alternativen Asset-Klassen und das Thema Nachhaltigkeit. In diesen Bereichen kommen ganz neue Herausforderungen auf das Asset Management zu, die nicht leicht automatisiert werden können“, so die KPMG-Expertin.

Frank Dornseifer, Geschäftsführer vom BAI, attestiert der Branche eine hohe Technologieaffinität. Schon lange wird KI etwa im Rohstoff-Futures Trading oder bei einigen Hedgefonds-Strategien eingesetzt.

Aber das Thema Digitalisierung ist vielschichtig: Es reicht von der Arbeitsunterstützung durch Computerprogramme bis hin zu komplexen Anwendungen. „Der Distributed-Ledger-Technology (DLT) kommt eine Schlüsselrolle zu und auch hier übernimmt der Finanzbereich die Technologieführerschaft“, betont Dornseifer. Dies zeige etwa die Entwicklung der Krypto-Assets, also digitalisierter Vermögenswerte auf Basis der Blockchain-Technologie.

Die drei Facetten der Blockchain

„Für uns hat die Blockchain drei Facetten“, erläutert Schmitz von KPMG. Da ist zum einen die so genannte Tokenisierung von Sachwerten – etwa Immobilien oder Kunst – sowie von immateriellen Vermögenswerten wie beispielsweise Musikrechten. Mittels dieser Techologie werden diese illiquiden Assets liquide und handelbar.

„Durch die Tokenisierung werden Sachwerte und andere illiquide Vermögensgegenstände liquide und jederzeit in Echtzeit an entsprechenden Börsenplätzen oder direkt zwischen Marktteilnehmern handelbar. Prinzipiell lässt sich fast jedes Investment so digitalisieren“, erläutert Ludger Wibbeke, Geschäftsführer der Hansainvest. Erstmals wurde ein von der BaFin gebilligter Immobilien-Token im Frühjahr 2019 platziert. Inzwischen gebe es „eine Handvoll weiterer Blockchain-basierter Immobilieninvestment-Angebote“, so Wibbeke. Allerdings: die Token repräsentieren kein direktes Eigentum an Immobilienanteilen. „Vielmehr handelt es sich bei den bisherigen Security-Token-Offerings (STOs) um indirekte Immobilieninvestments in Form qualifiziert nachrangiger Schuldverschreibungen.“

Und was ist die zweite Facette der Blockchain-Technologie nach KPMG-Lesart? Hier dreht sich alles um die Abwicklung von Transaktionen und Prozessen. Dies wird das Asset Management wie wir es heute kennen auf den Kopf stellen. Assets aller Art einschließlich der Euros für deren Erwerb können künftig in Echtzeit den Besitzer wechseln – Stichwort Smart Contracts.

Veränderung des Kerngeschäfts im Asset Management

Durch die voranschreitende Automatisierung wird sich das Kerngeschäft der Asset Manager zukünftig vor allem auf die Selektion und den Vertrieb konzentrieren. “Diese Entwicklung ist durchaus disruptiv”, so Schmitz. “Die Wertschöpfungskette im Asset Management wird in 5 bis 10 Jahren nicht mehr sein, wie sie jetzt ist.”, betont sie und ordnet ein: “Bei Themen wie KI und Automatisierung von Prozessen können Asset Manager noch bewusst entscheiden, Stück für Stück mitzugehen. An der Blockchain-Technologie kommen sie aus meiner Sicht jedoch nicht vorbei.“

Und mitmachen wollen die Anbieter sicher auch beim dritten Punkt auf der KPMG-Skala: Der Tokenisierung von Fonds. Denn wenn Investmentsfonds erst einmal immer und überall handelbar sein werden – genau wie Aktien -, dann eröffnet das neue Möglichkeiten der Transparenz und Geschwindigkeit und damit auch der Art und Weise, wie ein Asset Manager seine Fonds hält und vertreibt.

Blockchain-Regulierung: Vorreiter Deutschland

Zurück zum Istzustand. Deutschland ist, man mag es kaum glauben, recht führend im Bereich der Krypto-Regulierung, da sind sich die dpn-Gesprächspartner einig. Den ersten Schritt hatte die damalige Bundesregierung damit unternommen, zum Januar 2020 das Kryptoverwahrgeschäft als neue Finanzdienstleistung in das Kreditwesengesetz (KWG) aufzunehmen. Es folgte das Gesetz zur Einführung von elektronischen Wertpapieren (eWpG), das ermöglichte, Schuldverschreibungen auf Blockchain-Basis zu notieren. Quasi vor Torschluss ebnete der Gesetzgeber darin auch noch den Weg zur digitalen Begebung von Fondsanteilen. So entstehen die ersten digital Assets in Deutschland. Was in dem Gesetz noch nicht zu finden ist, ist allerdings die Aktie auf Blockchain-Basis – hierzu gibt es nun aber einen Vorstoß im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, so  Dornseifer.

Dritter im legislativen Bunde ist das 2021 eingeführte Fondsstandortgesetz, das erlaubt, dass Spezial-Investmentfonds bis zu 20 Prozent ihrer Assets in Kryptowährungen investieren dürfen.

Aber auch in Brüssel wird getüftelt. Die europäische Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID) wird gewissermaßen ein Krypto-Pendant bekommen: Markets in Crypto-Assets (MiCA). Diese Verordnung soll den künftigen Regulierungs- und Aufsichtsrahmen für unterschiedliche Arten von Krypto-Assets darstellen, soweit entsprechende Krypto-Assets nicht bereits als Finanzinstrumente unter MiFID zu qualifizieren sind, wie Dornseifer erläutert. Ein entsprechender Entwurf wurde im September 2020 vorgestellt und befindet sich derzeit in der finalen Abstimmung.

Neue Generation: Technikaffine Millenials

Letztlich kommt auch Druck von Seiten der jüngeren Generation. Denn die technikaffinen Millenials tauchen nicht nur am Arbeitsmarkt auf, sondern auch auf der Kundenseite – und sie werden bei ihren Pensionskassen oder Lebensversicherungen entsprechende Produkte nachfragen, zeigt sich Daniel Andemeskel, Managing Director von UI Enlyte und Head of Innovation Management der Universal-Investment Gruppe, überzeugt.

Mit UI Enlyte hat Universal-Investment eigenen Angaben zufolge eine der ersten regulatorisch konformen Investmentplattformen für Digital Assets weltweit gestartet, die die Qualitätsansprüche institutioneller Anleger erfüllt und den gesamten Anlageprozess von digitalen Assets abdeckt. Als neue Gesellschaft der Gruppe bietet UI Enlyte eine modular aufgebaute und auf Distributed-Ledger-Technologie basierte Investmentplattform an.

Klassische Assets auf neuer Plattform

Institutionelle Investoren finden dort auch klassische Assets wieder, in die sie im Rahmen ihrer regulatorischen Auflagen ohnehin schon investieren. Neu ist lediglich die auf der Blockchain-Technologie basierte Plattform, über die sie angeboten werden. „Vertrauen aufzubauen ist wichtig. Deshalb haben wir auch viel Zeit auf das Sicherheitskonzept verwendet und sind ISO-zertifiziert“, so Andemeskel.

„UI Enlyte ist der digitale Zwilling der KVG“, betont der Experte. Bisher ist der kommunikative Aufwand zwischen Asset Manager, KVG und Verwahrstelle sehr hoch, häufig seien die Systeme nicht miteinander kompatibel. „Die Blockchain ändert das. Über diese neue Technologie gibt es nicht mehr verschiedene Systeme, sondern ein dezentrales System, in dem Asset Manager, Investoren, Banken, Kapitalverwaltungsgesellschaft aber auch die Verwahrstelle die Daten entsprechend eingeben und sichern können. Unser Ziel ist der digitale Fonds, sobald es der regulatorische Rahmen erlaubt“, sagt Andemeskel. UI Enlyte bilde dabei den ganzen Investmentprozess von KYC zum Kauf über die Verwahrung bis hin zur Wallet-Funktion.

DJE hat mit Solidvest einen Robo-Advisor an den Start gebracht, der Anlegern einen digitalen Zugang zu den DJE-Leistungen bereits ab einem Anlagevolumen von 10.000 Euro bieten soll. Wobei Advisor im Prinzip ein Fehlbegriff ist, denn ausgerechnet die Beratung gehört nicht zum Leistungsprofil. Die Vermögensverwaltung ist eine Dienstleistung für Kunden und kein beratungsintensives Produkt, erklärt Sebastian Hasenack, Leiter Online-Vermögensverwaltung bei dem Unternehmen aus Pullach.

„Außerdem geht es darum, Prozesse durch Digitalisierung skalierbar, effizienter und im Ergebnis das Angebot für viele Kundengruppen zugänglich zu machen“, so Hasenack. Die Strategie in der Geldanlage entstammt indes weiter dem Expertenteam von DJE.

Social Impact durch die Blockchain

Letztlich, so der einhellige Tenor, bringt die Blockchain auch eine gewisse soziale Komponente mit sich. Denn sie ermöglicht auch kleineren Geldbeuteln den Zugang zu Assets, die vorher den großen Bankkonten vorbehalten waren. Zudem dürfte auch die Anbieterseite künftig diverser werden, wenn die Technologie Klein- und Kleinstunternehmern den Marktzugang vereinfacht.

 

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