Down Under scheint die Sonne mittags von Norden, und auch die bAV ist mit europäischen Systemen kaum vergleichbar. Doch nachhaltig ist sie.

Australien. Eines der beliebtesten Ziele für Auswanderer und Touristen aus aller Welt. Für viele der ­Inbegriff von Freiheit, unberührter Natur und unbeschwertem Lebensstil. Diese Stereotype mögen einen wahren Kern haben, doch sind die augenfälligsten Unterschiede beispielsweise zu Großbritannien in erster Linie das verlässliche Wetter, die atemberaubende Landschaft und die Freundlichkeit der Australier, die mit britisch-distinguierter Höflichkeit wenig ­gemein hat.

Darüber hinaus aber ist das reale Australien von heute in erster Linie eine kulturell, ökonomisch und soziologisch angelsächsisch geprägte, westliche Industrienation, die vor den gleichen Herausforderungen steht wie andere reife Volkswirtschaften auch. Das gilt nicht zuletzt für die Altersvorsorge. Der demografische Druck, die steigende Lebenserwartung, das Ringen um die Fragen der Einwanderung, das anhaltende Niedrigzinsumfeld und eine schwankungsanfällige, von äußeren Entwicklungen abhängige Volkswirtschaft – das sind die üblichen Parameter westlicher Industrienationen, mit ­denen sich mehr oder weniger auch Australien betreffend die Altersvorsorge seiner Einwohner auseinanderzusetzen hat.

Doch schenkt man den jüngsten Analysen des „Melbourne Mercer Global Pension Index“ vom Oktober 2013 Glauben, dann ist zumindest in Fragen der Altersvorsorge die Welt Down Under weitestgehend noch in Ordnung: Unter den Altersvorsorgesystemen von 20 untersuchten Staaten belegt Australien mit einem Indexwert von 77,8 hinter Dänemark (80,2) und nur knapp hinter den Niederlanden (78,3) Platz drei.

Der Index untersucht und bewertet die Altersversorgung hinsichtlich Angemessenheit, Nachhaltigkeit und Integrität.

Dabei wurden neben den staatlichen Rentensystemen und der bAV auch private Anlagen und Vorsorgemaßnahmen berücksichtigt, aufgeschlüsselt nach über 40 Indikatoren – bei aller teilweise eingeschränkten Vergleichbarkeit, wie die Verfasser der Studie betonen.

Ungeachtet dessen zum Vergleich: Deutschland belegt in dem Index mit ­einem Wert von 58,5 Platz zehn, Großbritannien (65,4) Platz neun und die USA mit 58,2 Platz elf. Die Schweiz rangiert mit einem Wert von 73,9 immerhin auf Platz vier. Schlusslichter: das hochindustrialisierte, aber schnell alternde Südkorea (43,8) vor den Schwellenstaaten Indien (43,3) und Indonesien (42,0). Bemerkenswert schlecht schneidet das ebenfalls hochindustrialisierte und bereits sichtliche Überalterungserscheinungen zeigende Japan mit Platz 17 und einem Wert von nur 44,4 ab.

Wie nun kommt dieser australische ­Erfolg zustande? Zunächst zu dem System an sich: Die Altersvorsorge ruht auch in Australien auf drei Säulen, ist aber darüber hinaus besonders bezüglich der betrieblichen Säule kaum mit den Systemen in anderen Industrienationen, einschließlich der ­angelsächsischen Länder Großbritannien, USA und Kanada, zu vergleichen. Konventionell ist nur die erwähnte Säuleneinteilung. Dabei ist die erste Säule zurückhaltend ­gestaltet, stellt sie doch nicht mehr als eine gesetzliche Rente mit dem Ziel der Grundversorgung dar. Diese sogenannte „Age Pension“ ist komplett steuerfinanziert, kennt ein Renteneintrittsalter von 65 Jahren (schrittweise Anhebung auf 67 bis Mitte 2023) und richtet sich nach der Bedürftigkeit der Empfänger: Der Maximalbetrag liegt bei rund 20.000 australischen Dollar (entsprechend rund 13.500 Euro) jährlich für Alleinstehende, für Paare bei rund 30.000 Dollar. Mittels sogenannter „Income- and Assets-Tests“ wird anhand verschiedener Einkommensgrenzen ermittelt, inwieweit die Age Pension voll, eingeschränkt oder gar nicht gezahlt wird. Weitere Bausteine der gesetzlichen Rente über die Age Pension hinaus existieren nicht. Die dritte Säule stellt wie üblich die private Vorsorge, die hier nicht weiter interessieret. Umso mehr tut dies zwischen den beiden genannten Säulen die zweite, die betriebliche Altersversorgung, die Down Under dominiert.

Die bAV in Australien hört auf den ­Namen „Superannuation Guarantee“, wird von den Einheimischen kurz „Super“ gerufen und ist dort als freiwillige, wenig regulierte Sozialleistung der Arbeitgeber ­bereits seit dem späten 19. Jahrhundert ­bekannt. In ihrer heutigen Form eingeführt wurde sie jedoch erst 1992. Seitdem zeichnet sich die Superannuation durch zwei Charakteristika aus, die sie fundamental beispielsweise vom deutschen System unterscheiden und im Zusammenwirken offenbar ursächlich für ihren Erfolg sind: Schlankheit und Obligatorium.

Die Superannuation ist obligatorisch, weil der Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet ist, einen Betrag in Höhe von 9,25 Prozent des Gehaltes eines jeden seiner Mitarbeiter in einen Superannuation Fund abzuführen. Und schlank, weil die Angelegenheit damit für ihn weitestgehend ­erledigt ist.

Wie in angelsächsischen Ländern üblich, ist der öffentliche Dienst samt Beamten Teil des Spiels. Ausgenommen sind nur Menschen unter 18 und über 70, ­Geringverdiener (unter 450 Dollar pro Monat) und die Streitkräfte. Für Selbständige ist die Teilnahme freiwillig. Die Beitragsbemessungsgrenze liegt bei circa 175.000 Dollar Jahresgehalt.

Großzügige Arbeitgeber zahlen – besonders für Führungskräfte – freiwillig mehr als die vorgeschriebenen 9,25 Prozent oder matchen die durchaus möglichen freiwilligen Zusatzbeiträge der Arbeitnehmer. Absicherung für Tod und Invalidität sowie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall können problemlos integriert werden, nicht selten beteiligen sich die Arbeitgeber an den zusätzlichen Kosten. Die Fonds sind als Trusts aufgelegt, gesetzliche Anlagevorschriften oder gar eine Beitragsgarantie existieren faktisch nicht. Jeder Arbeitnehmer hat damit im Prinzip seine eigene, portable Superannuation mit individueller Wertentwicklung, da die Fonds zumeist eine Reihe wählbarer Anlagestrategien und Versicherungsbausteine anbieten.

Bereits im zarten Alter von 55 Jahren darf der Australier heute auf sein Altersvermögen aus seiner Superannuation zugreifen. Allerdings wurde Ende des letzten Jahrhunderts für ab 1960 Geborene diese Grenze schrittweise auf 60 Jahre ­angehoben. Die Auszahlungen erfolgen in aller Regel als „Lump Sum“, also als Einmalzahlung.

Wenig überraschend sind folglich die Durchdringung bei Jüngeren und die Transparenz der Performance im Wesentlichen total. Steuervorteile gewährt der Staat gleichwohl: Beiträge und Kursgewinne werden mit nur 15 Prozent besteuert, bei Spitzenverdienern ab 300.000 ­Dollar Jahreseinkommen seit Mitte 2012 mit 30 Prozent (der Spitzensteuersatz in Australien liegt bei 46,5 Prozent). Entnahmen ab dem Alter 60 sind steuerfrei.

Kostenbelastung durch Beratung und Asset Management ist zwar ein Thema, doch halten Regulierung und Wettbewerb (wo die kostenarmen und auch auch für Externe offenen Branchenfonds die Benchmark stellen) sowie die häufigen Rahmenvereinbarungen von Unternehmen mit den Finanzdienstleistern die Problematik offenbar im Zaum. Von provisionsgetriebenen Umdeckungsexzessen, wie sie angesichts der noch zu besprechenden hohen Volumina naheliegend wären, ist nichts bekannt.

Nicht ausreichende Durchdringung war es aus Sicht der Regierung, die diese seinerzeit bewogen hatte, ein Obligatorium einzuführen – ein nachvollziehbarer Schritt angesichts der beschränkten ersten Säule. Dabei hatte das System in der Vergangenheit Zeiten, in denen die Anreize massiv waren. So waren vor 1983 Einzahlungen wie Erträge der Superannuations faktisch komplett steuerbefreit – man stelle sich die Folgen einer solchen Förderung in Deutschland vor. 1986 erfolgte eine tarifgebundene Einführung, ausgehandelt von der damaligen Labor-Regierung und den Gewerkschaften. 1992 – die Durchdringung lag bei rund 70 Prozent – folgte dann das landesweite Obligatorium. Da kann es kaum überraschen, dass nach rund 22 Jahren Pflicht-bAV immer noch runde 75 Prozent der heutigen australischen Rentner auch Age Pension ­beziehen. Laut Ross Clare, Direktor des ­Research and Resource Centre der ASFA, der Association of Superannuation Funds of Australia, „verfügen heute rund 14 Millionen Australier über eine Superannuation. Damit haben circa 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung keine Super.“

Der Trend, flächendeckend von Defined Benefit auf Defined Contribution umzustellen, macht dabei auch vor dem fünften Kontinent nicht halt. Wie häufig im ­angelsächsischen Raum waren DB-Fonds – zum Teil unfunded – besonders im öffentlichen Dienst weit verbreitet, doch werden auch hier Versorgungswerke geschlossen und für Neueintritte DC-Fonds aufgelegt.

Unternehmenseigene Pensionsfonds, wie man sie aus Europa und Nordamerika kennt, gibt es zwar noch, doch sind diese auf dem Rückzug. Es sind im ­Wesentlichen die großen Industrie-Player wie Telstra, Quantas, Commonwealth Bank oder RioTinto, die noch eigene Fonds unterhalten. Heute dominieren von den Tarifparteien getragene, dabei aber auch für Branchenfremde offene Branchenfonds sowie Retail-Fonds der ­Finanzdienstleister, die oft Rahmenvereinbarungen mit Unternehmen haben. Hinzu treten die Fonds des öffentlichen Dienstes sowie schließlich die 1997 eingeführten sogenannten „Self-Managed ­Superannuation Funds“. Diese SMSF ­abgekürzten Vehikel, die man selber oder gemeinsam mit maximal drei weiteren Gleichgesinnten auflegt und mit Hilfe ­eines Accountants verwaltet, erfreuen sich besonders bei Gutverdienern und Selbständigen großer Beliebtheit. Diese in dieser Form wohl nur in Australien ­anzutreffende Eigenverwaltung der ­betrieblichen Vorsorge stellt derzeit das am schnellsten wachsende Segment im Markt dar, das betrifft Anzahl wie Höhe der Vorsorgevermögen gleichermaßen. Der ASFA zufolge machten die SMSF im Juni 2013 nur knapp drei Prozent (circa 510.000) aller Super-Konten aus, vereinigen aber rund 30 Prozent der Assets auf sich.

2005 wurde die „Choice-of-Funds“-Regelung eingeführt: Von Ausnahmen abgesehen, kann seitdem jeder Arbeitnehmer den Fonds zur Verwaltung seiner Superannuation frei wählen. Entsprechend müssen Arbeitgeber auch einen „Default Fund“ für diejenigen vorhalten, die keine Wahl treffen, und das scheint bitter nötig. „Wenn man von den selbstverwalteten SMSF und den Retail Funds, bei denen meist ein Anlageberater involviert ist, absieht, also nur die unternehmenseigenen und industrieweiten Fonds betrachtet, kann man davon ausgehen, dass runde 80 Prozent der Super-Vermögen in Default Funds oder Default Strategien investiert werden“, schätzt Brad Jeffrey, Director Superannuation Services bei Towers Watson in Sydney.

Diese Default Funds unterliegen im Zuge der großangelegten Reform „MySuper“ seit Anfang 2014 einer speziellen ­Lizenzierungspflicht, die an Voraussetzungen geknüpft ist; das bedeutet vor ­allem: nur eine Investment-Strategie, Mindestversicherungsschutz für Tod und Invalidität, Transparenz und Grenzen bei den Gebühren.

Alles in allem sind die Gestaltungsspielräume des Einzelnen allerdings nicht nur in den SMSF, sondern in der Superannuation insgesamt beachtlich. Auch wenn die MySuper-Reform gewisse Mindeststandards zumindest für die Default Funds eingeführt hat, billigt das australische System seinen Bürgern im internationalen Vergleich damit erfrischend viel Eigenverantwortung zu – alles andere als selbstverständlich für ein Land, in dessen Alltag wie in allen angelsächsischen ­Gesellschaften Regeln und Vorschriften selbst in profansten Angelegenheiten ­gehäuft auftreten, einen hohen Stellenwert haben und strikt befolgt werden.

Angesichts von Funding und Obligatorium können hohe Planvermögen nicht überraschen, gleichwohl ist das Volumen in Australien bemerkenswert: Im November 2013 belief sich laut ASFA die Summe der Assets in den Superannuations landesweit auf 1,747 Billionen Dollar. Die Australier rühmen sich damit, nach den USA, Großbritannien und Japan das nach absoluten ­Assets viertgrößte betriebliche Pensionssystem der Welt zu unterhalten – wohlgemerkt für nur runde 24 Millionen Einwohner. Das macht knapp 73.000 Dollar Pensionsvermögen pro Kopf, allerdings vom Neugeborenen bis zum Greis. Die ASFA taxiert das durchschnittliche Super-Vermögen auf circa 120.000 Dollar. Einen staatlichen Pensionsfonds braucht es da nicht. Nur zum Vergleich: Das sind Größenordnungen, die selbst die pessimistischsten Schätzungen bezüglich der derzeitigen Haftungsdimensionen der Deutschen pro Kopf im Zuge der Eurorettung um ein Mehrfaches übersteigen – von den verhältnismäßig geradezu kümmerlichen bAV-Vermögen hierzulande ganz zu schweigen.

Und das australische System legt derweil munter an Kampfgewicht zu: Der ­abzuführende Beitrag soll – nachdem der amtierende konservative Premierminister Tony Abbott den Zeitraum jüngst etwas gestreckt hat – bis 2021 auf 12 Prozent ansteigen. Bei der Einführung 1992 – damals unter Premierminister Paul Keating (Labor) – war das System mit drei Pro­zent gestartet. Auch infolge des Prämienanstiegs rechnet man für das Jahr 2033 mit einem Volumen aller Superannuations von über 7,5 Billionen Dollar.

Die rekordverdächtige Volumenstärke des australischen Systems deckt sich mit individuellen Eindrücken. Spricht man beispielsweise in Sydney mit Beamten ­Anfang 40, erfährt man, dass deren ­Superannuation durchaus Beträge von ­einer viertel Million Dollar ausmacht – real gefundet in Produkten des Kapitalmarktes. Man vergleiche das mit der Pension der meisten deutschen Beamten. Die muss zwar nicht unbedingt niedriger liegen – wenn man sie denn aktutariell ­berechnen und diskontieren würde. Doch das erfolgt ebensowenig wie ein Funding, sondern man verlässt sich hierzulande im Wesentlichen plump auf die Leistungsfähigkeit kommender Generationen (am Rande: Auch bei denjenigen Pensionsfonds manch deutscher Bundesländer, die ausschließlich in Anleihen des ­eigenen Bundeslandes investieren, wird kein Denkender von Funding sprechen).

Bei der Bewertung all dieser Größenordnungen gilt es zu berücksichtigen, dass (beim gegenwärtigen Wechselkurs des nach wie vor verhältnismäßig starken australischen Dollars) die Lebenshaltungskosten in Sydney gefühlt bei dem Doppelten derer in Berlin liegen – von in Deutschland vor ­allem durch Staatseingriffe verteuerten ­Gütern wie Strom und Benzin einmal abgesehen. Besonders der Immobilienmarkt in den Metropolen Sydney und Melbourne hat in den letzten 20 Jahren allen Krisen zum Trotz stetige und massive Preissprünge ­erfahren, was die Mieten teuer und Wohneigentum für viele Australier auf Lebenszeit unerschwinglich macht.

Demografisch sieht sich Australien wie andere Industrienationen mit mäßiger Geburtenrate und steigender Lebenserwartung konfrontiert. Spürbare Entlastung kommt dabei von der Einwanderung, doch achten die Australier äußerst penibel darauf, dass die Immigration sich an den langfristigen Bedürfnissen ihrer Volkswirtschaft ausrichtet. Beispielsweise ergreift das Land gegenüber Flüchtlingen vor den Küsten Maßnahmen, die in Europa wohl undenkbar wären. Jede Einwanderung in die Sozialsysteme ist Down Under praktisch unmöglich. Insgesamt zeichnet sich für die Zukunft ein kräftiges Bevölkerungswachstum ebenso ab wie eine Überalterung.

Zwischenfazit: Rekordwerte gleichermaßen bei Assets pro Kopf wie bei der Durchdringung, gepaart mit minimaler bürokratischer Belastung der Arbeitgeber. Im internationalen Vergleich – nicht zuletzt mit Deutschland – ist das australische System der Altersvorsorge zweifelsohne nachhaltig aufgestellt. Diese Effizienz ist bei ­einer auf die Grundsicherung beschränkten ersten Säule auch unerlässlich. Gleichwohl ist das System nicht frei von Defiziten.

Da ist zunächst die Frage nach dem richtigen Verhältnis aus Umlagefinanzierung und Kapitaldeckung, eine der Gretchenfragen in jeder Diskussion um die Altersversorgung. Umlagefinanziert ist in Australien im Wesentlichen nur die Grundsicherung der Age Pension – wenn man bei Steuerfinanzierung denn von Umlage ­reden will. Und da es auch kaum eine ­Finanzierung der bAV über Book Reserves, also Rückstellungen, gibt und folglich die Altersvermögen der Australier praktisch komplett am Kapitalmarkt investiert sind, sollte das System eigentlich anfällig für Verwerfungen sein. In der Tat wurden 2008 die Pensionsvermögen vieler Australier ordentlich durchgeschüttelt – wegen des starken Home Bias der Investments und der seinerzeit Down ­Under verhältnismäßig stabileren Börsen allerdings nicht so stark wie in anderen angelsächsischen Ländern. Wie dem auch sei, zumindest gegenwärtig ist von Problemen wenig zu spüren. Grundsätzlich ist das Land nicht nur geografisch von den Staatsschuldenkrisen des Westens weit entfernt. Die Staatsverschuldung liegt bei sagenhaften 20 bis 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, und die Nationalbank musste sich dem für Rendite wie Realwirtschaft schädlichen Trend zum Mini-Zins anders als praktisch alle ihrer westlichen Kollegen nicht in dieser Radikalität anschließen; derzeit liegt der Leitzins mit 2,5 Prozent immerhin beim Zehnfachen desjenigen der EZB.

Jedoch ist die Niedrigzinsproblematik nicht nur weniger ausgeprägt, sondern wegen des Investment-Verhaltens auch von geringerer Bedeutung, die Fonds fahren nicht selten 60 bis 70 Prozent Aktien und sind auch Real Estate, Infrastruktur und Alternatives gegenüber alles andere als abgeneigt.

Gleichwohl sieht Ashley J. Palmer, Prinzipal und Aktuar bei Aon Hewitt in Sydney, hier eine gewisse Verwundbarkeit: „Landesweit liegen die Assets aus den ­Superannuations heute ungefähr bei der Höhe unseres Bruttoinlandsproduktes. In 20 Jahren werden sie geschätzt das 1,8-Fache des BIP erreichen. Angesichts dieser Größenordnungen stellt die starke Konzentration auf heimische Aktien und Immobilien, besonders bei Berechtigten nahe oder in der Rentenphase, für die ­Angemessenheit der Pensionsvermögen durchaus ein Risiko dar.“

Kritischer als das Fehlen eines echten umlagefinanzierten Elementes wirkt dagegen der Mangel an dem Bewusstsein, Altersvorsorge als kollektive Herausforderung zu begreifen. Nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass jeder Australier sein individuelles Altersvorsorgekonto mit individueller Performance hat, kann auf der Ebene des Arbeitnehmers respektive Beamten kaum das Bewusstsein entstehen, einer Versichertengemeinschaft anzugehören – freilich, ob das ein Defizit oder ein Vorteil ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Befürworter mögen das als Vertrauen in die Eigenverantwortung des Bürgers loben, Kritiker den Verzicht auf das versicherungsartige Pooling der Risiken der Bevölkerung ­rügen. Doch betrifft diese Problematik auch die Arbeitgeber selbst, da einige – so Palmer – die Superannuation zuweilen nur als „Payroll Issue“ sehen. Er spricht auch von einer „Set and forget“-Haltung mancher Arbeitgeber. Palmer verspricht sich hier einen gewissen Mentalitätswandel von der erwähnten MySuper-Reform: „Im Zuge der Reform ­haben viele Arbeitgeber zum ersten Mal seit zehn Jahren ihre Superannuation- und Versicherungsangebote neu bewertet. MySuper macht die Angebote vergleichbarer, und die Arbeitgeber haben zunehmend Interesse an der Angemessenheit und Wettbewerbsfähigkeit der Gestaltungen ihrer Superannuation für ihre Mitarbeiter.“ Immerhin ist der Beitrag zur Super für viele  Arbeitgeber der größte Posten der Lohnnebenkosten.

Paulina Vamos, Chefin der ASFA, bemängelt ungeachtet aller Stärke und Verbreitung des australischen Systems die trotz Obligatorium partiell unzureichende Verbreitung: „Zwei Gruppen sind nicht hinreichend gut versorgt. Zum einen ältere Menschen, die einen Großteil des Arbeitslebens vor der Einführung des Obligatoriums verbracht haben. Zum andern Selbständige.“ Darüber hinaus sieht sie das System grundsätzlich nicht optimal ausbalanciert: „Insgesamt ist die Super stark in der Ansparphase, aber hat Schwächen in der Rentenphase.“ Ins Auge sticht in der Tat die mangelhafte Absicherung von Langlebigkeitsrisiken, auch, da nur noch rund zehn Prozent der Berechtigten über DB-Zusagen verfügen. Jede Form der Verrentung, beispielsweise über Versicherungen, ist in Australien offenkundig außerordentlich unpopulär. Außerhalb von Fachkreisen findet eine öffentliche Diskussion darüber, dass für den durchschnittlichen Australier am Ende des Geldes noch viel Leben übrig sein könnte und ­somit die Age Pension mit Steuergeld die Lücke zu schließen hätte, ebensowenig statt wie die, dass in einem Land mit hoher privater Verschuldung die Versuchung groß sein könnte, mit der fälligen Super-Einmalzahlung das Haus oder Auto abzubezahlen, um dann die Age Pension zu beziehen. ­Dabei legt wie in jedem Industriestaat die Lebenserwartung im frühen 21. Jahrhundert auch in Australien weiter zu. Ein 2010 geborener Junge kann mit einer Lebenserwartung von 80 Jahren, ein Mädchen mit gut 84 Jahren rechnen, Tendenz steigend.

Entsprechend ist auch für Jeffrey die Wirkung der Langlebigkeit auf die Alterseinkommen eine der Kardinalfragen, vor denen die Superannuation steht: „Der derzeitige Fokus von Regierung und Industrie liegt auf dem Umgang mit der Rentenphase. Denn wir müssen Wege finden, weg von der Einmalzahlung zu kommen und hin zu Investment- und Versicherungslösungen, die die Risiken und Bedürfnisse der Menschen für ihren gesamten Ruhestand adäquat abbilden.”

Palmer rechnet mit gesetzlichen Maßnahmen, um zu mehr Verrentung anstelle der üblichen Lump Sum zu ermutigen. Diese werden zwar nicht in Kürze, doch eher früher als später erfolgen müssen. Doch er weiß auch um die Sensibilität in dieser Frage in Australien: „Wählerstimmen gewinnt man damit nicht.“

Auch Mercer empfiehlt in der eingangs erwähnten Studie vor allem, die Verrentung der Altersleistungen teilweise obligatorisch zu machen, die Durchdringung bei älteren Arbeitnehmern zu verbessern, das Renteneintrittsalter dynamisch an die steigende Lebenserwartung zu koppeln und schließlich das Mindestalter für den Bezug des Vermögens aus der ­Superannuation anzuheben.

So weit zu dem Vergleich der Systeme an sich. Jedoch: Die Nachhaltigkeit der Altersvorsorge eines jeden Staates wird nicht nur von der unmittelbaren Gestaltung eben dieses Systems bestimmt, sondern auch von Makrofaktoren, also von übergeordneten politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Vor knapp ­einem Jahr berichtete diese Zeitschrift ­unter dem Titel „Die Sorgen möchten man haben“ über das verhältnismäßig nachhaltig aufgestellte kanadische Pensionssystem. Das seinerzeitige Fazit des Autors über die prägenden Makrofaktoren, die mittelbar die Nachhaltigkeit auch der kanadischen Altersvorsorge im Vergleich zu dem deutschen und vielen europäischen Systemen ausmachen, kann man im Wesentlichen auch auf Australien anwenden; nämlich ­indem man auf der Makroebene vor allem das betrachtet, was das Land anders als ­Europa gerade nicht hat, als da wären: keine Abgabe der nationalen Souveränität an ein supranationales Staatensystem, keine übereifrige und regulierungsfreudige EU-Kommissionen und EU-Aufsichtsbehörden mit rasenmäherartigen Einheitsvorstellungen, keine mit allen Mitteln zusammengehaltene Währungsunion mit völlig unterschiedlich aufgestellten Volkswirtschaften, keine übergreifende, ineinander verzahnte Währungs-, Banken- und Staatsschuldenkrise und schließlich auch keine ungeordnete Einwanderung in die Sozialsysteme, die gerade in Deutschland mit der weiteren Freizügigkeit ab dem Jahr 2014 neue ­Dimensionen annehmen könnte.

Doch Obacht: Erstens sind auch das dänische (allerdings ohne Währungsunion) und das niederländische System mit den erwähnten europäischen Krisenparametern konfrontiert und zumindest laut der Mercer-Studie trotzdem nachhaltig. Und zweitens ist Down Under auch auf der Makroebene nicht alles Gold, was glänzt. Insbesondere kann man den Eindruck gewinnen, dass die australische Volkswirtschaft – zu stark auf Rohstoffe fokussiert, als Produktionsstandort eher unbedeutend und von einem aus der ­Balance geratenen Immobilienboom fehlgesteuert – im digitalen Zeitalter schlicht den industriellen Anschluss verlieren könnte. Doch summa summarum kommt man nicht umhin, dass bei der Analyse sowohl des Altersvorsorgesystems an sich als auch der Makrofaktoren die positiven Faktoren eindeutig überwiegen. Insofern gilt tatsächlich analog zum kanadischen System auch für die Altersvorsorge auf dem fünften Kontinent frei nach Goethe: Australien, du hast es besser. ■

Superannuation: Die 2. Säule?

Die Tatsache, dass im Rahmen der australischen Superannuation Guarantee ein landesweit einheitlicher Beitragssatz von 9,25 Prozent des Gehalts vom Arbeitgeber obligatorisch abgeführt wird, ohne dass der Arbeitgeber noch wesentliche Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen einer ­Zusage hätte, mag die Frage aufkommen lassen, ob es sich bei „Super“ weniger um bAV als möglicherweise eher um Altersvorsorge der ersten Säule handelt. Doch sprechen zu viele Aspekte für die Einstufung der „Super“ als betriebliche, vor allem aber gegen die Einstufung als gesetzliche Vorsorge, als da seien: individuelle Fondsauswahl und Wertentwicklung, Asset­Management durch private Finanzdienstleister, Möglichkeit der Selbstauflage und -verwaltung, Bezug bereits mit 55 bis 60 Jahren, keine Arbeitnehmerbeiträge, keine Anlagevorschriften, keine staatlichen ­Garantien, keine Zwangsverrentung sowie keinerlei bevölkerungsweites Pooling der Risiken. Abgesehen davon würde im ­Umkehrschluss eine Einstufung der ­Superannuation als Vorsorge der ersten Säule bedeuten, dass es eine betriebliche Altersversorgung in Australien ex definitione nicht gäbe. PBA

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