Teil 2 des Gesprächs mit Dr. Michael Leinwand, dem Vorstand für die Kapitalanlage bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL).

Wie ist die Aufgabenverteilung im Team?

Michael Leinwand: Die VBL hat ihren Anlageprozess neu ausgerichtet und strukturiert diesen entlang der wichtigsten Stufen, auf denen üblicherweise die anlagepolitische Wertschöpfung und Risikosteuerung bei Pensions– und Versicherungsunternehmen erfolgt. Das Team kümmert sich in diesem Rahmen um die Aufgaben, von denen wir überzeugt sind, dass sie besser von eigenen Mitarbeitern übernommen werden können beziehungsweise müssen und nicht von externen Partnern. Hierbei handelt es sich vor allem um das Asset-Liability-Management, die Ableitung der Strategischen Asset Allocation, die Selektion und Steuerung der externen Asset Manager und um die klare Formulierung und Konstruktion der jeweiligen Mandate. Hinzu kommt ein rund 30-köpfiges Team, das den direkt und indirekt gehaltenen Immobilienbereich managt. Ergänzt wird der Bereich des Anlagemanagements durch die Governance- und Risikofunktionen, die für die Kontrolle und das Reporting zuständig sind. Neben der funktionalen Neustrukturierung haben wir auch eine Änderung der Aufbauorganisation vorgenommen: Künftig werden wir die Gesamtsteuerung unserer Kapitalanlage über zwei Leitungsfunktionen steuern. Die eine Abteilung ist für das ALM und die SAA samt der Risikobudgetierung zuständig. Die andere Abteilung ist für die Implementierung der Kapitalanlage, die Umsetzung der SAA in Mandaten und die Steuerung der Asset Manager verantwortlich. Damit trennen wir sehr bewusst die Ableitung der Strategie von der Implementierung in Mandaten, so dass trennscharf erkennbar wird, auf welchen Stufen wir welchen Teil der Anlageergebnisse produzieren beziehungsweise wo und wie die zugewiesenen Risikobudgets genutzt werden. Wichtig ist außerdem, dass wir über einen klaren und stringenten Prozess für die Manager-Auswahl verfügen und von unseren externen Asset Managern erwarten, dass sie über den Zyklus auch bei volatilen Märkten einen positiven Ergebnisbeitrag gegenüber ihrer Benchmark produzieren.

Was sind die Treiber für die neue Anlagestrategie der VBL?

Michael Leinwand: Der Treiber ist die Diversifizierung und strategische Positionierung in Anlageformen, die konzeptionell und empirisch belegbar Risikoprämien versprechen. In der Vergangenheit war die VBL neben Immobilien stark in liquiden Anlageformen allokiert und hat dabei verstärkt auf die aktuellen Marktgegebenheiten reagiert und die Anlagepolitik stärker taktisch ausgerichtet. Diese Art der Portfoliosteuerung stößt aber aufgrund verschiedener marktbedingter und struktureller Veränderungen an seine Grenzen. Zugleich gewinnen Private Assets immer mehr an Relevanz, was in Summe die zuvor beschriebene Neuausrichtung bedingt. Zu berücksichtigen sind dabei vor allem die personal- und budgetpolitischen Aspekte: Der Aufbau einer Allokation in Private Assets geht nur mit einer personellen Begleitung von Spezialisten und verursacht initial Fixkosten. Dies muss jede Organisation berücksichtigen und im Kontext der zu erwartenden Zusatzerträge ihren eigenen Weg finden, was uns in diesem Jahr gelungen ist. Wir werden natürlich weiterhin externe Manager mit der Steuerung der Mandate beauftragen, aber wir wollen uns auch selbst intensiver mit bestimmten Asset-Klassen auseinandersetzen. Der zweite Anstoß für unsere strategische Neuausrichtung ist die Frage, wie wir generell den gesamten Anlageprozess steuern wollen – über Quoten und formale Aspekte oder inhaltlich und über die Betrachtung der Substanz und unterliegenden Risiken. Hier haben wir uns klar für Letzteres entschieden.

Was bedeutet das für die illiquide Seite?

Michael Leinwand: Ich erwarte, dass Private Assets sowohl auf der Equity- als auch auf der Debt-Seite in den kommenden Jahren für uns deutlich an Gewicht gewinnen. Der Ausbau alternativer Assets ist eines unserer Hauptthemen. Bei Private Equity werden wir einen Marktzugang über Fonds suchen. Wir haben intern ein Team aufgebaut, das künftig wie ein Dachfondsmanager agieren wird, um die passenden Fonds zu selektieren, zu managen und zu monitoren. Ähnlich werden wir auch im Infrastrukturbereich vorgehen, wobei wir dort sicher auch das eine oder andere Investment direkt tätigen werden. Bei den Immobilien nutzen wir bereits jetzt schon den indirekten Marktzugang über Fonds neben dem Management des Direktbestands. Perspektivisch werden auch im Immobiliensegment Fonds für uns das effizientere Vehikel sein als das Managen eines Direktbestands. Im Hinblick auf die Allokation setzt sich unser gesamter Immobilienbestand zu drei Vierteln aus Wohnimmobilien und ansonsten aus Nahversorgungsmärkten zusammen. Hier können wir uns mit dem Wachstum des Kapitalanlagebestands und angesichts der Bewertung des Wohnimmobiliensegments eine weitere Diversifikation vorstellen.

Sie sprachen Quoten an. Welcher Aufsichtsbehörde ist die VBL unterstellt?

Michael Leinwand: Unsere Pflichtversicherung untersteht der Aufsicht des Bundesfinanzministeriums, für die freiwillige Versicherung ist hingegen die BaFin zuständig. Für die freiwillige Versicherung gelten die Anlagevorschriften des Versicherungsaufsichtsgesetzes, des VAG, während für die Pflichtversicherung eine Eigenverpflichtung bindend ist. Dementsprechend lehnt sich die VBL in der Pflichtversicherung im Hinblick auf die Quoten an das VAG an. In den Anlagerichtlinien unserer beiden Produktbereiche geht es uns aber weniger um Quoten, sondern mehr um Strukturen und Prozes­se. Die wollen wir perspektivisch für beide Versicherungsbereiche näher zusammen­bringen. Ähnlich wie beim Übergang vom Solvency-I- auf das Solvency-II-Regime trete ich bei der VBL für den Ansatz der „substance over form“ ein, so dass wir auf allen Stufen der Anlage- und Risikosteuerung in erster Linie auf Inhalt und Substanz achten. Gleichzeitig müssen wir jedoch die historischen Quoten der Anlageverordnung beachten, so dass zum Beispiel die Quote für Alternatives mit ihrer Begrenzung auf 7,5 Prozent perspektivisch eine Limitation darstellen kann und ich mir hier eine großzügigere Quote wünschen würde, um die anspruchsvollen Anlageziele effizient zu erreichen.

Also sollten die zuständigen Behörden die starren Quoten für die Kapitalanlage anfassen?

Michael Leinwand: Ich erwarte auch für regulierte Einrichtungen wie Pensionskassen, dass sich bei den Quoten in absehbarer Zeit etwas ändert. Nehmen Sie das BaFin-Rundschreiben zu den aufsichtsrechtlichen Mindestanforderungen an die eigene Risikobeurteilung von EbAVs oder den Nachhaltigkeitsleitfaden der BaFin. Hier erwartet die Aufsicht von allen Unternehmen eine inhaltliche Auseinandersetzung und Selbsteinschätzung. Dies sind für mich Signale, dass auch Pensionseinrichtungen stärker auf die Inhalte und weniger auf Quoten schauen müssen – insbesondere dann, wenn sie eine gewisse Größe besitzen. Wir als VBL haben durch unsere stillen Reserven eine hohe Risikotragfähigkeit und anspruchsvolle Anforderungen durch die Verpflichtungen. Wenn wir dann nachweislich eine risikobasierte Anlagestrategie verfolgen, die nicht mit einzelnen historischen Quoten konform geht, dann werden wir mit der Aufsicht in den Dialog gehen.

Keine Kapitalanlage mehr ohne ESG: Wie ist die VBL beim Thema Nachhaltigkeit aufgestellt?

Michael Leinwand: Mir persönlich ist Nachhaltigkeit eine Herzensangelegenheit, und ich habe mich schon an meinen früheren beruflichen Stationen sehr dafür engagiert. Die VBL hat ihre Nachhaltigkeitsstrategie in diesem Jahr deutlich nachgeschärft, und wir werden diese den zuständigen Gremien in den nächsten Wochen zur Abstimmung vorlegen. Unabhängig davon haben wir schon weitere Schritte unternommen. So haben wir eine dezidierte Stelle für Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage geschaffen. Angesichts der wirtschaftspolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen brauchen wir meiner Überzeugung nach zum einen einen stringenten ESG-Integrationsansatz, da sich hierdurch die regulatorischen Anforderungen und die verschiedenen anlagestrategischen Ziele am effektivsten verknüpfen lassen. Konkret bedeutet das für uns, unsere liquiden und künftig auch illiquiden Anlageklassen gemäß den ESG-Kriterien gut zu managen. Zum anderen befürworte ich auch das Element des Impact Investings, indem wir dazu passende Teile des Portfolios identifizieren, um mit der Art, wie wir investieren, einen gezielten und messbaren positiven Beitrag zu leisten. Im Infrastrukturbereich wollen wir in den nächsten Jahren Projekte aktiv begleiten, die gesellschaftlich im Sinne der Nachhaltigkeit relevant sind. Auch zähle ich hierzu künftige Investments in Sustainable-Finance-konforme Anlagen und Green Bonds. Solche Mandatsstrukturen werden wir zeitnah implementieren. Unsere mandatierten Manager agieren entsprechend den Guidelines für die Kapitalanlage und für Nachhaltigkeit, die wir ihnen vorgeben. So können wir E, S und G in der Kapitalanlage durchaus steuern, wobei der Fokus derzeit eindeutig auf den Klimavorgaben liegt. So, wie sich auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit die Regulatorik und Datenverfügbarkeit entwickeln, werden sich auch die Schwerpunkte in den nächsten Jahren in der Steuerung der Anlagen verändern. Hier sehe ich insbesondere in der inhaltlichen Gestaltung des sozialen Ziels, des S, großes Potenzial. Dem gesamten Feld der Nachhaltigkeit haben wir im Rahmen der Neuausrichtung eine tragende Bedeutung beigemessen.

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