Wie sich Pensionsrückstellungen für eine Direktzusage mindern lassen – ein Praxisbeispiel

Unternehmen, die nach HGB bilanzieren, müssen sich auch im Niedrigzins mit 6 Prozent Rechnungszins in der Steuerbilanz herumschlagen. Ein inhabergeführtes Technologieunternehmen wollte die rasant steigenden Rückstellungen für die eigene Direktzusage nicht mehr tatenlos hinnehmen, sondern tüftelte De-Risking-Maßnahmen und damit einen Weg aus der Rückstellungsspirale aus.

„Ein gutes bAV-Angebot für unsere Mitarbeiter ist ein zentrales Element in der Vergütungsstruktur unseres Unternehmens“, sagt Marcus Meier, Finanzchef der ABCD GmbH (alle Namen in diesem Beitrag sind auf Wunsch der Gesprächspartner geändert). „Die soziale Fürsorge war schon für die Gründer unseres Unternehmens eine Pflicht“, ergänzt Vera Wagner, Personalleiterin des inhabergeführten Technologieherstellers mit Sitz in Norddeutschland, „und sie ist es für uns heute immer noch.“

Die ABCD GmbH wurde in den 1970er Jahren gegründet. Heute ist der Technologieanbieter in rund 100 Ländern vertreten und beschäftigt fast 10.000 Mitarbeiter, davon rund die Hälfte in Deutschland. Von Anfang an gewährte die ABCD GmbH den Beschäftigten in Deutschland eine Betriebsrente in Form einer Direktzusage. Damit ging der Arbeitgeber eine unmittelbare Verpflichtung gegenüber den Mitarbeitern in der Altersvorsorge ein. Er konnte sich den Benefit auch noch leisten, solange Gesetzgeber und Zinsen mitspielten.

„Wie so viele andere Unternehmen traf auch uns der extreme Anstieg der Rückstellungen vollkommen unvorhergesehen“, sagt Marcus Meier. „Doch war unsere Geschäftsführung in diesen Jahren so weitsichtig, zu erkennen, dass die Rückstellungen für eine Direktzusage wie unsere langfristig nicht mehr zu finanzieren sind.“ Die ABCD GmbH brauchte die eigenen Finanzmittel damals dringender für das Wachstum des Kerngeschäfts als für Pensionsrückstellungen.

Von der unmittelbaren zur mittelbaren Zusage

Anfang der 2000er Jahre suchte die Geschäftsführung eine Lösung für die unmittelbare Versorgungszusage. Zunächst reduzierte sie die Betriebsrentenzusagen für alle Neueintritte, musste aber rasch feststellen, dass die Entlastung durch diesen Einschritt allein nicht ausreichte. „Es ging kein Weg mehr an einem Bruch mit der bisherigen Altersvorsorge vorbei“, so Marcus Meier. Deshalb schlossen die Unternehmen die unmittelbare Direktzusage letztlich komplett für alle zukünftig neu eintretenden Beschäftigten.

Gleichzeitig boten sie den Mitarbeitern mit einer Direktversicherung und einer rückgedeckten Unterstützungskasse mittelbare Versorgungszusagen bei externen Anbietern neu an. „Diese beiden Durchführungswege bestehen bei uns bis heute fort“, sagt Vera Wagner. „Und unsere Mitarbeiter nehmen sie gut an.“ Das neue Modell schöpft in der Direktversicherung alle Freibeträge und Fördergrenzen aus. Zudem belohnt der Arbeitgeber die Entgeltumwandlung der Beschäftigten durch eigene Aufstockungsleistungen.

Die Bestandsbelegschaft mit Anwartschaften aus dem nun alten Versorgungswerk verblieb in der Direktzusage. Anwartschaften auf eine Betriebsrente blieben gewahrt und wuchsen mit zunehmender Betriebszugehörigkeit weiter an. Heute beschäftigt die ABCD GmbH noch rund 1.000 Personen mit Anwartschaften im alten Versorgungswerk, während die Gesamtzahl der Beschäftigten in Deutschland inzwischen fünfmal so hoch ist. „Ein solches Wachstum bei den Mitarbeitern hätten wir niemals mit der alten Direktzusage finanzieren können“, betont Vera Wagner. „Wir haben uns damals andere Unternehmen angeschaut, die ihren Future Service komplett geschlossen haben.“ Das sei keine Option für die ABCD GmbH gewesen. „Wir sind als Unternehmen innovativ, aber auch sozial und überlegen uns deshalb eigene Lösungen.“

BilMoG und die Folgen

Das De-Risking der 2000er Jahre war nur ein erster Schritt. Damals konnte die Personalabteilung die Rückstellungen für das unmittelbare Versorgungswerk noch selbst berechnen. Doch die wachsende Regulatorik und die steigenden Aufwendungen für die Rückstellungen brachten das Thema schließlich auf den Schreibtisch des Finanzchefs. „Das Inkrafttreten des Bilanzmodernisierungsgesetzes am 29. Mai 2009 hat unsere Lage drastisch verschärft“, sagt Marcus Meier. „Wir hatten bereits vorher mit der Rückstellungsproblematik zu kämpfen, doch jetzt kam das Zinsthema noch dazu.“ Die ABCD GmbH bilanzierte damals wie heute nach HGB.

Das BilMoG ordnete die Handelsbilanzierung aller Unternehmen, die nach HGB zu Buchführung verpflichtet waren, erstmals zum 31. Dezember 2010 neu. Unverändert blieb die steuerliche Spezialvorschrift des § 6a EStG. Demnach wurden die steuerlichen Pensionsrückstellungen wie bisher mit einem Rechnungszinsfuß von 6 Prozent unter Anwendung des Teilwertverfahrens ermittelt. Ebenso blieb die Maßgeblichkeit der Handelsbilanz für die Steuerbilanz bestehen.

Entscheidend geändert wurde die Bewertung der Pensionsrückstellungen für die Handelsbilanz. Die Höhe der Pensionsrückstellungen richtete sich nach dem Zinssatz, der der Bewertung zugrunde gelegt wurde. Dieser Zinssatz wurde in § 253 Abs.2 des HGB als Durchschnitt bestimmter Marktzinssätze der vergangenen sieben Jahre abgeleitet. Damit wich die Ermittlung des Zinssatzes von der steuerlichen Methode ab.

Steigender Zinsänderungsaufwand belastet die Bilanz

„Wir waren also durch das BilMoG verpflichtet, den aktuellen Marktzins in der Bilanzierung anzuwenden“, sagt Marcus Meier. „Daraus ergab sich für uns ein Zinsänderungsaufwand, der von Jahr zu Jahr immer größer wurde.“ Für die ABCD GmbH entstand daraus ein jährlicher Aufwand, der das Konzernergebnis de facto halbierte. „Zwar räumt der Gesetzgeber an dieser Stelle verschiedene Möglichkeiten ein, die Berechnungsmethodik zu ändern, um den Zinsänderungsaufwand in der Handelsbilanz zu reduzieren, besser gesagt, ihn in die Länge zu ziehen“, so der Finanzchef. „Trotzdem müssen wir jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag als Rückstellung bilden.“

Zur handelsrechtlichen Seite des BilMoG kam das Zinsthema in der Steuerbilanz. „Damit, dass wir weiterhin mit dem Zinsfuß von 6 Prozent in der Steuerbilanz zu bilanzieren haben, haben wir als Unternehmen enorme Bauchschmerzen“, unterstreicht Marcus Meier. „Für mich ist es nicht logisch, dass wir in der Handelsbilanz mit dem Marktzins runtergehen müssen und in der Steuerbilanz bei fixen 6 Prozent verbleiben müssen.“ Sicher habe der Gesetzgeber 2009 nicht das langfristige Absinken des Marktzinses vorhersehen können. „Aber jetzt befinden wir uns in einem zementierten Niedrigzinsumfeld, und der Steuergesetzgeber reagiert nicht“, so der Finanzchef. „Wir bilanzieren in der Steuerbilanz deutlich weniger Aufwand, woraus sich liquiditätswirksame Steuerabflüsse in erheblichem Umfang ergeben.“

Der korrespondierende Ausgleich über die Bildung von aktiven latenten Steuern auf diesen Bewertungsunterschied stellt quasi ein zinsloses Darlehen der Unternehmen gegenüber dem Fiskus dar. Durch diese Schieflage belastet der Gesetzgeber die Unternehmen zusätzlich zur eigentlichen betrieblichen Altersvorsorge. „Dieser Umstand konterkariert die ursprüngliche Absicht des Staates, die Attraktivität der betrieblichen Altersversorgung zu fördern“, sagt Marcus Meier.

„In den Rücken gefallen“

Die steigenden Rückstellungen wollten die Verantwortlichen bei der ABCD GmbH irgendwann nicht mehr tatenlos hinnehmen. Deshalb nahmen sie vor drei Jahren die Lasten aus den Rückstellungen für die Direktzusage in der Bilanz erneut in Angriff. Gemeinsam mit Beratern entwickelten sie Ende der 2010er Jahre De-Risking-Lösungen, die rechtlich wasserdicht sind, die für die Beschäftigten auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen und die eine messbare finanzielle Entlastung für die Bilanz des Unternehmens schaffen.

Beim De-Risking galt für die Personalchefin ebenso wie für ihre Kollegen in der Geschäftsführung immer ein Grundsatz. „Wir wollen die Versorgungsleistungen für unsere Beschäftigten auf keinen Fall mindern“, so Vera Wagner. „Konkret wollen wir gegenüber den Kolleginnen und Kollegen, denen wir in der Vergangenheit eine Zusage gegeben haben, absolut vertragstreu bleiben.“ Damit mache es sich das Unternehmen zwar nicht leicht auf dem Weg zu einer Entlastung der Bilanz, aber diese Linie entspreche den gesellschaftspolitischen und sozialen Grundsätzen des Inhabers.

Als erste De-Risking-Maßnahme entwickelte die Projektgruppe ein Zusatzangebot für rund 1.000 Beschäftigte mit Anwartschaften im alten Versorgungswerk. Das Angebot bestand aus drei Elementen:

  • Die ABCD GmbH friert im ersten Schritt den Past-Service der Mitarbeiter bis zu diesem Zeitpunkt ein und rührt ihn in Zukunft nicht mehr an.
  • Das Unternehmen zinst im zweiten Schritt den Future Service ab und zahlt ihn als Einmalbetrag unmittelbar aus.
  • Im dritten Schritt haben die Beschäftigten die Möglichkeit der mittelbaren Zusage, also in die Direktversicherung und die Unterstützungskasse einzusteigen.

„Riesenaufwand und Riesenerleichterung“

Informationen zum neuen Angebot erhielten die Mitarbeiter auf Versammlungen. Jeder einzelne Beschäftigte war berechtigt, für sich individuell über das Angebot zu entscheiden. Dafür räumte das Unternehmen ein Zeitfenster von sechs Wochen ein, innerhalb dessen sich die Mitarbeiter erklären mussten. Am Ende nahm etwa jeder dritte Berechtigte das Angebot an. „Diese Zustimmung gab uns bilanzielle Planungssicherheit und ermöglichte es uns, den gesamten Verpflichtungsumfang fast um 10 Prozent zu reduzieren“, rechnet Marcus Meier vor. „Das Unternehmen kann somit in den nächsten 30 Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag sparen.“ „Für uns war das Projekt ein Riesenaufwand, aber am Ende auch eine Riesenerleichterung“, ergänzt Vera Wagner.

Die Personalchefin räumt ein, dass der Erfolg des Projektes nicht selbstverständlich war. „Wir haben anfangs gezweifelt, ob wir überhaupt eine relevante Zahl an Mitarbeitern für den Vorschlag begeistern können“, so Vera Wagner. „Uns ging es um eine langfristige Perspektive für die Entlastung der Bilanzstruktur und ebenso um eine marktgerechte, ausgewogene Ausgleichsleistung für unsere Beschäftigten.“ Dafür braucht es ein sensibles Vorgehen. Wenn verschiedenen Gruppen unterschiedliche Betriebsrentenmodelle angeboten werden, drohen Misstrauen, Neid und Unfrieden. „Das konnten wir durch viel offene Kommunikation vermeiden“, resümiert Vera Wagner.

Gerade die interne Kommunikation war ein Drahtseilakt. Es sollte an keiner Stelle der Eindruck entstehen, verdiente Mitarbeiter für schlechtere Betriebsergebnisse verantwortlich machen zu wollen. „Wir wollten keine Mitarbeitergruppen gegeneinander ausspielen“, betont die Personalchefin. Dass nicht alle Mitarbeiter mit Anwartschaften aus dem alten Versorgungswerk ein Angebot erhielten, hatte rechtliche Gründe. „Die Einmalzahlungen dürfen nicht im Zusammenhang mit einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses erfolgen“, sagt Vera Wagner. „Das Abfindungsverbot untersagt die Abfindung speziell rentennaher Jahrgänge.“

Verhandlungen mit den Betriebsräten

Aufwendig waren nicht nur die Informationsgespräche mit den Beschäftigten. Bereits zuvor hatten die Verantwortlichen der ABCD GmbH mit den Betriebsräten entsprechende Vereinbarungen geschlossen. Im ersten Gespräch stieß der Vorschlag des Zusatzangebots bei den Betriebsräten auf Widerspruch und löste Zweifel an der Solvabilität des Unternehmens aus. Hier konnte die Arbeitgeberseite beruhigen: Die ABCD GmbH war trotz der steigenden Rückstellungsverpflichtungen nicht existenziell gefährdet. Auch übte der Arbeitgeber keinerlei Druck auf die Beschäftigten zur Annahme aus. „Es galt doppelte Freiwilligkeit für jeden Mitarbeiter bei den Zusatzoptionen“, betont Vera Wagner.

Zudem hielt die Geschäftsführung bei den Namen der teilnehmenden Kollegen dicht. „Wir haben im Unternehmen keiner dritten Person erzählt, wer das Abfindungsangebot angenommen hat“, betont die Personalchefin. „Auch in die Beratungsgespräche haben wir nicht eingegriffen – es sei denn, jemand hat unser Modell überhaupt nicht verstanden.“ Oft waren die Entscheidungen der Beschäftigten für oder gegen das Abfindungsmodell von persönlichen Lebenslagen geprägt.

Schließlich fuhr die ABCD GmbH einen dritten De-Risking-Ansatz in Form einer Kapitalauszahlung. Dabei erweiterte das Unternehmen das alte Versorgungswerk um die Option einer Einmalzahlung. In der Vergangenheit hatten angehende Betriebsrentner, die Rentenleistungen aus der Direktzusage zu erwarten hatten, nie die Wahl zwischen monatlichen Renten und einer Einmalzahlung. Jetzt bietet die ABCD GmbH ihren künftigen Betriebsrentnern beide Optionen an. Damit bekommen sie beim Eintritt in die Rentenphase die Möglichkeit, ihr Geld in einer abgezinsten Einmalzahlung zu erhalten.

Mit der Mitbestimmung schloss die Geschäftsführung Betriebsvereinbarungen zur zusätzlichen Wahlmöglichkeit nur der Mitarbeiter ab. Die Kapitaloption ist zeitlich nicht befristet. Das Unternehmen informierte die Mitarbeiter über die Möglichkeit der Kapitalauszahlung. Ein Teil der Belegschaft nahm die Option sofortiger Liquidität bei Renteneintritt direkt an. Inzwischen gehen bei der ABCD GmbH die ersten Kollegen mit einem gemischten bAV-Portfolio in Rente.

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