Henning Busch, Managing Director für das institutionelle Geschäft in Deutschland & Österreich bei der Capital Group, sprach mit Michael Lennert über deren Research-Initiative „Night Watch“, die Stimmung in der institutionellen Branche sowie über die aktuellen Chancen bei Fixed-Income-Anlagen.

Herr Busch, Sie haben bei der Capital Group hier in Frankfurt 2015 das Büro eröffnet? Welche Entwicklung hat die Capital Group seither in Deutschland genommen?

Henning Busch: Die Büroeröffnung 2015 in Frankfurt war Teil der Wachstumsstrategie der Capital Group mit dem Ziel, in den für uns wichtigsten Ländern näher am Kunden zu sein. Wir erweitern seitdem unser Produktangebot und das Team vor Ort kontinuierlich und sind mittlerweile sowohl für das institutionelle Geschäft wie auch für das Geschäft mit Finanzintermediären gut aufgestellt.

Wie viele Assets under Management verwalten Sie in Deutschland?

Busch: Wir berichten unsere Zahlen nur auf globaler Ebene. Per 31. Dezember 2020 managen wir weltweit mehr als 2,3 Billionen US-Dollar.

Was zeichnet die Capital Group aus?

Busch: Die Capital Group unterscheidet insbesondere drei Dinge von anderen Asset Managern. Erstens: Obwohl wir einer der größten Asset Manager der Welt sind, befinden wir uns seit unserer Gründung unverändert in einer klassischen privaten Partnerschaftsstruktur. Das bedeutet, die Capital Group hat 400 Anteilseigner, von denen keiner mehr als 2,5 Prozent der Anteile hält. Das gibt uns die Möglichkeit, sowohl in unserem eigenen Handeln als auch beim Investieren für unsere Kunden langfristiger denken zu können als unsere börsennotierten Wettbewerber. Wir sind nicht getrieben von Quartalsergebnissen oder Kennzahlen, sondern können sowohl unsere Strategie als auch unsere Portfolios langfristig umsetzen beziehungsweise steuern. Dieser strategische Vorteil spiegelt sich zudem im Bezahlungs- und Bonusmodell für unsere Analysten und Portfoliomanager wider. Diese werden auf Basis ihrer Ein-, Drei-, Fünf- und Acht-Jahres-Performance – mit einem Schwerpunkt auf den fünf und acht Jahren – bezahlt. Zweitens: Unsere Größe ist ein entscheidender Vorteil, da unsere Analysten und PMs dadurch schlichtweg einen besseren Zugang zu den Unternehmen weltweit haben. Als größter aktiver Aktienmanager weltweit nehmen wir unsere Verantwortung darüber hinaus sehr ernst, unseren Einfluss zur Verbesserung unserer Umwelt richtig zu nutzen. Und drittens: Wir sind ein aktiver Asset Manager mit einem sehr klaren Profil: nur Long- Only-Investments, basierend auf fundamentalem Research. Unser Investment-Ansatz, wir nennen diesen Capital System, ist sehr besonders und unterscheidet uns deutlich von unserem Wettbewerbern.

Was ist das Besondere am Capital System?

Busch: Capital System bedeutet, dass wir unsere Portfolios in so viele Teilportfolios unterteilen, wie wir Manager auf der Strategie haben. Jedes einzelne Teilportfolio wird von einem Portfoliomanager völlig autark und nach seinen besten Überzeugungen gemanagt. High-conviction ist damit der Kern unseres Ansatzes. Die Aggregation dieser Teilportfolios ergibt dann die Gesamtstrategie. Dieser Prozess hat ganz klar den Vorteil, dass dies zu einer Synthese von High Convictions unserer Portfoliomanager einerseits und gleichzeitiger Diversifizierung durch die verschiedenen Teilportfolios pro Strategie führt. Dies gibt uns die Möglichkeit zur Erzielung deutlich stabilerer und geglätteter Performance-Verläufe.

Sie tätigen nur Long-only-Investments. Um welche Asset-Klassen handelt es sich hierbei?

Busch: Wir investieren im Wesentlichen in drei Asset-Klassen: Aktien, Renten und Multi-Asset-Portfolios. Der deutlich größte Teil, rund 1,9 Billionen US-Dollar, sind Aktienportfolios und ungefähr 441 Milliarden US-Dollar managen wir im Bereich Fixed Income.

Welche Erfahrungen haben Sie während der Pandemie gemacht?

Busch: Ich bin höchst beeindruckt gewesen, mit welcher Verantwortung die Capital Group intern die Krise gemeistert hat. Wir hatten und haben zu jeder Zeit das Gefühl, dass die Gesundheit der Mitarbeiter an erster Stelle steht. Wir sind im März des letzten Jahres mit 8.000 Leuten ins Homeoffice gegangen. Dabei funktionierte die Technik nahezu reibungslos. Es gab im Grunde überhaupt keine Unterbrechungen im Geschäftsablauf. Das gilt auch für unsere Research-Analysten, die auf ihre langjährig aufgebauten Netzwerke zurückgreifen konnten.

Haben Sie irgendwelche Lehren aus der Covid-Pandemie gezogen?

Busch: Eine Lehre aus der Pandemie ist sicher, dass das Geschäft auch virtuell funktioniert. Gleichwohl fehlte eine wesentliche Komponente. Und das ist der notwendige, intensive persönliche Kontakt, insbesondere in finalen Phasen von Mandatsvergaben.

Sie sagten, die Capital Group betreibt ein intensives Research. Gibt es dazu aktuelle Projekte?

Busch: Eine bemerkenswerte Research-Initiative ist sicher „Night Watch“. Dies leitet sich aus dem Rembrandt-Gemälde „Die Nachtwache“ ab. Wenn man sich das Bild anschaut, stellt man fest, dass alle Menschen auf diesem Bild in unterschiedliche Richtungen blicken. Auf Basis dieses Sinnbildes wollen wir die Dinge interdisziplinär aus völlig unterschiedlichen Blickrichtungen betrachten. Das Ziel von „Night Watch“ ist es dabei, die großen Umwälzungen an den Finanzmärkten zu analysieren und daraus Investment-Szenarien zu erarbeiten. Dabei wollen wir die Risiken verstehen und Langfristchancen ableiten. Betreffend die Covid-Krise haben wir zwei große Unbekannte analysiert, um abzuschätzen, was jenseits der kurzfristigen Folgen in 5 Jahren sein wird: das Ausmaß der staatlichen Intervention und den Einfluss der Krise auf den sozialen Zusammenhalt. Dies führte zu 4 Langfristszenarien mit entsprechend unterschiedlichen Folgen für Investoren.

Welche Stimmung verspüren Sie im Moment in der Branche?

Busch: Der Druck und die Not, ausreichend hohe Erträge zur Erreichung der Anlageziele zu erwirtschaften, zunehmend hoch. Diese Not hat meines Erachtens dazu geführt, dass die tatsächlichen Risiken zum Beispiel in den Pensionsplänen im Laufe der Zeit deutlich gestiegen sind. Dabei haben wir im vergangenen Jahr verschiedene Szenarien gesehen. Es gab Investoren, die risikobehaftete Asset-Klassen und Mandate zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt auflösen mussten, da sie sehr strengen internen Restriktionen unterworfen waren. Daneben gab es wiederum andere Investoren, die mit dem Marktrisiko bewusster umgehen konnten und durch die Nutzung der Marktverwerfungen in 2020 großartige Ergebnisse erzielten.

Bedeutet dies, dass Sie sich grundsätzlich eher für eine weniger restriktive Steuerung der Portfolios aussprechen?

Busch: So pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten, aber vom Grundsatz her denke ich, dass viele Investoren durch übermäßige externe und interne Restriktionen unangemessen in ihrer Renditeoptimierung beschränkt werden.

Sie haben einen sehr starken Fokus auf Aktienanlagen. Welche Rolle spielen bei Ihnen Fixed-Income-Anlagen im Portfolio?

Busch: Ja, wir sind als sehr erfolgreiches Aktienhaus bekannt. Dennoch managen wir weltweit 442 Millarden US-Dollar in Anleihen, was uns zu einem der größten Fixed-Income-Manager weltweit macht. Wir haben uns schon vor Längerem entschlossen, den strategischen Fokus auf Fixed-Income-Anlagen zu legen. So haben wir unsere Assets auf der Fixed-Income-Seite seit 2015 bereits verdoppelt. Dabei sind wir besonders erfolgreich bei Fixed-Income-Anlagen, die sehr Research-intensiv sind, und das sind Corporate Bonds und Emerging-Markets-Debt-Anlagen. Bei Investment Grade Corporate Bonds sprechen aus Rendite-Risiko-Gesichtspunkten einige Gründe für ein global diversifiziertes Portfolio gegenüber einem nur europäisch ausgerichteten. Warum? Bei einem global diversifizierten Portfolio lässt sich zurzeit eine Überrendite von rund 75 Basispunkten nach Hedging erzielen. Zudem kann man mit einem globalen Ansatz eine deutlich breitere und tiefere Diversifizierung des Portfolios erreichen. Daneben glauben wir, dass derzeit insbesondere Emerging-Markets-Lokalwährungsanlagen attraktiv sind. Warum? Hier signalisiert unser eigenes Währungsbewertungsmodell, dass es im Moment deutlich mehr Emerging-Markets-Lokalwährungen gibt, die im Verhältnis zum US-Dollar unterbewertet sind als solche, die überbewertet sind.

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