Marcus Stollenwerk, Leiter des Bereichs Vermögensverwaltung bei Flossbach von Storch, spricht mit Michael Lennert darüber, mit welcher Anlagephilosophie man relativ unbeschadet durch Krisen kommt und was einen erfolgreichen Asset Manager ausmacht.

Herr Stollenwerk, Sie leiten seit April den Bereich Vermögensverwaltung bei Flossbach von Storch, gemeinsam mit Kurt von Storch, einem der Gründer des Unternehmens. Wie läuft die Aufgabenteilung?

Marcus Stollenwerk: Sehr vertrauensvoll und von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Wobei sich das Zusammenspiel ab Januar insofern ändert, als ich das operative Geschäft komplett übernehme und Kurt von Storch sich künftig als Vorstand verstärkt um unternehmensstrategische Dinge kümmern wird.

Welche Kunden betreut Ihr Bereich?

Stollenwerk: Institutionelle und private Investoren, Unternehmerfamilien, Family Offices.

Wie groß ist dieser Bereich heute?

Stollenwerk: Wir betreuen rund 24 Milliarden Euro. Das sind etwa 40 Prozent der gut 60 Milliarden Euro, die wir insgesamt verwalten.

Was zeichnet die Vermögensverwaltung von Flossbach von Storch aus?

Stollenwerk: Unsere Unabhängigkeit im Denken und Handeln. Als eigentümergeführtes Haus sind wir allein unseren Kunden verpflichtet – und nicht den Vorgaben Dritter. Dazu eine sehr klare Anlagephilosophie, die sich beispielsweise im Flossbach von Storch Pentagramm widerspiegelt und dort durch die Begriffe Diversifikation, Flexibilität, Wert, Qualität und Solvenz beschrieben ist. Unsere Leitlinien, wenn Sie so wollen.

Was bedeutet das Pentagramm für die tägliche Arbeit?

Stollenwerk: Aus dem Pentagramm leitet sich unsere Anlagestrategie ab, mehr noch: Jedes einzelne Investment muss sich daran messen lassen. Diversifikation, nicht nur bezogen auf Anlageklassen und Einzeltitel, sondern auch auf Währungen. Flexibilität bedeutet, handlungsfähig zu sein und auf Veränderungen am Kapitalmarkt schnell reagieren zu können, insbesondere in Krisen. Unter Qualität verstehen wir die Vorhersehbarkeit künftiger Erträge; diese Qualität muss mit einer realistischen Bewertung korrespondieren, Wert und Preis müssen zueinander passen. Auch Qualität kann zu teuer sein. Nicht zu vergessen die Solvenz: Zu hohe Schulden sind der häufigste Grund für Vermögensverluste.

Wer sich an das Pentagramm hält, muss also Verluste nicht fürchten …

Stollenwerk: Es gibt keine Garantie, auch wenn wir das gerne hätten. Das Pentagramm ist vielmehr unsere Antwort auf eine Welt, in der immer wieder Unvorhergesehenes geschieht, es zu Strukturbrüchen kommt. Eine Brandmauer, die helfen soll, Risiken zu reduzieren und Vermögen zu schützen. Entwickelt wurde das Pentagramm übrigens zur Jahrtausendwende, als die Dotcom-Blase platzte, also inmitten einer Krise. Seither hat sich die Brandmauer in verschiedenen Krisen bewährt.

Apropos Krisen: Seit der Finanzkrise ist das Unternehmen rasant gewachsen. Woran liegt das?

Stollenwerk: Wachstum lässt sich leider nicht auf dem Reißbrett planen. Zuallererst geht es uns darum, einen sehr guten Job zu machen. Die Erwartungen unserer Kunden an uns zu erfüllen, besser noch überzuerfüllen. Wenn uns das dauerhaft gelingt, wird das auch honoriert werden.

Was haben Sie während der Corona-Zeit gelernt?

Stollenwerk: Dass schwarze Schwäne immer anders aussehen. Wer hätte vor zwölf Monaten gedacht, dass wir heute mit Mund-Nasen-Schutz in den Supermarkt gehen müssen. Genauso wenig konnten wir ahnen, dass 2001 Terroristen mit zwei entführten Flugzeugen in das World Trade Center fliegen würden oder dass 2011 ein Tsunami eine Atomkatastrophe in Japan auslösen würde. Es ist praktisch unmöglich, den nächsten schwarzen Schwan und sein Erscheinen exakt vorherzusagen.

Was könnte als nächste Krise kommen? Eine Schuldenkrise oder Inflation?

Stollenwerk: Ich habe leider keine Kristallkugel, von daher könnte ich nur raten. Aber Sie haben natürlich recht: Was wir als Investoren im Blick haben, ja haben müssen, sind die massiven Notenbankhilfen und – damit einhergehend – die rasant steigenden Schuldenniveaus. Nicht ausgeschlossen, dass die Geldflut irgendwann zu einem Vertrauensverlust der Menschen in unser Finanz- und Papiergeldsystem und damit zu deutlich höheren Inflationsraten führt. Diesem Umfeld müssen Sie als Investor Rechnung tragen.

Und was bedeutet das konkret?

Stollenwerk: In einer Welt ohne Zins sollte ein robust aufgestelltes Portfolio unseres Erachtens zu einem signifikanten Teil aus erstklassigen liquiden Sachwerten bestehen. Allen voran aus Aktien sehr guter Unternehmen und Gold.

Gold ist mittlerweile recht teuer. Würden Sie jetzt dennoch Gold kaufen?

Stollenwerk: Gold ist für uns eine strategische Position, eine Versicherung für den Fall, von dem Sie nicht wollen, dass er eintritt. Wir denken deshalb weniger in Euro oder US-Dollar, sondern vielmehr in Unzen und Barren. Gold ist für uns zuallererst eine Währung – die Währung der letzten Instanz.

Welchen strategischen Anteil empfehlen Sie?

Stollenwerk: Das lässt sich pauschal leider nicht beantworten, weil es nicht zuletzt eine sehr individuelle Angelegenheit ist. Vielleicht als grobe Richtlinie: Irgendwo zwischen fünf und 15 Prozent sollte der Goldanteil unseres Erachtens bei einem breit aufgestellten Vermögen liegen.

Welche Asset-Klassen sind für Sie grundsätzlich besonders relevant?

Stollenwerk: Wir investieren traditionell in Aktien, Anleihen und Gold. Liquidität betrachten wir ebenfalls als Anlageklasse; sie gibt uns die nötige Flexibilität, bei Bedarf handeln zu können. Wenn wir es für nötig erachten, setzen wir zudem Absicherungsinstrumente ein, zumindest zeitweise. Im Februar beispielsweise hatten wir, nachdem die ersten COVID-Fälle in Europa bekannt wurden, große Teile unseres Aktien-Exposures über Termingeschäfte abgesichert. Absicherungen dürfen aber niemals zum Selbstzweck werden, denn sie kosten Geld und schmälern langfristig die Rendite.

Spielen Immobilien bei Ihnen eine Rolle?

Stollenwerk: Wir raten Anlegern zur selbst genutzten Immobilie im Rahmen einer ganzheitlichen Altersvorsorge, mehr nicht. Will heißen: Wir nutzen sie nicht als Anlageklasse, sondern konzentrieren uns stattdessen lieber auf die Bereiche, in denen wir über deutlich mehr Expertise verfügen. Wie heißt es so schön: Schuster, bleib bei Deinem Leisten!

Alternativen Anlagen gewinnen für etliche Investoren an Bedeutung. Für Sie auch?

Stollenwerk: Wenn es sinnvoll für uns ist, dann ja. Der Anteil ist allerdings sehr überschaubar. Im Bereich Private Equity beispielsweise sind wir seit mehr als zehn Jahren aktiv, weil es gut zu uns passt: unternehmerisches Eigenkapital. Wenn es dann sehr gut umgesetzt ist, kann das eine Bereicherung für Investoren sein. Ansonsten halten wir uns, was die oft genannten Alternativen Anlagen betrifft, eher zurück.

Warum?

Stollenwerk: Für uns ist wichtig, genau zu verstehen, was sich hinter einer Anlageklasse verbirgt. Wir mögen keine konstruierten, mehrfach abgeleiteten Wertpapiere oder Strukturen. Letztlich geht es für einen Investor immer darum, Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen, so wie gute Kaufleute das tun. Die Chancen müssen die Risiken deutlich übersteigen. Je komplexer und intransparenter eine Anlageklasse, umso schwieriger ist die Abwägung und umso größer sind auch die versteckten Risiken.

Welche Anlagethemen beschäftigen Sie derzeit am meisten?

Stollenwerk: Der Niedrigzins und seine Folgen. Das wird uns auch in den kommenden Jahren nicht loslassen. Viele Investoren haben jahrzehntelang einen Großteil der Gelder in erstklassige Anleihen gesteckt und dann mit den jährlichen Zinskupons gut verdient. Das ist vorbei! Und viele von diesen Investoren tun sich immer noch schwer damit, ihre Anlagestrategie der neuen Realität anzupassen. Mit ihnen Strategien zu entwickeln, wie sich vorausschauend ordentliche Erträge erwirtschaften lassen, ist eine sehr spannende Aufgabenstellung.

Herr Stollenwerk, vielen Dank für das Gespräch.

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