Die demographische Entwicklung belastet die gesetzliche Rente und stellt ihre Leistungsfähigkeit in Frage. Professor Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik skizziert auf der „dpn ASSETS & LIABILITIES CONVENTION“ Wege, wie sich die drei Rentensäulen fit für die Zukunft machen lassen. Guido Birkner zeichnet nach.

Die demographische Entwicklung belastet die gesetzliche Rente und stellt ihre Leistungsfähigkeit in Frage. Reformen sind notwendig, um eine Überlastung der öffentlichen Haushalte zu vermeiden. Professor Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik skizziert auf der „dpn ASSETS & LIABILITIES CONVENTION“ Wege, wie sich die drei Rentensäulen fit für die Zukunft machen lassen. Guido Birkner zeichnet nach.

Das makroökonomische Umfeld für die Altersvorsorge ist unwirtlich. Auf absehbare Zeit bleibt uns der Niedrigzins erhalten, zugleich steigt die Inflation, und es ist unklar, ob dieser Anstieg vorübergehend oder dauerhaft sein wird. Gleichzeitig sind niedrige Produktivitätszuwächse zu erwarten, und die demographische Entwicklung verstärkt das Ungleichgewicht zwischen Berufstätigen und Rentenbeziehern. Zwar helfen der Niedrigzins und die Inflation den Regierungen dabei, ihre Schuldenberge abzubauen, doch für die Renten und die Altersvorsorge sind beide Gift. Hinzu kommen historisch niedrige Produktivitätszuwächse.

„Meine Sorge ist, dass die Produktivität in unserem Land nicht weiterwächst“, sagt Axel Börsch-Supan in seiner Keynote. „Damit sie sich weiterentwickeln kann, brauchen wir eine bessere Infrastruktur und bessere Bildung.“ Das Geld für solche Investitionen würde aber in Zukunft fehlen, wenn der Staatshaushalt durch Rentenzahlungen überfrachtet würde.

Drei Ursachen für die demographische Entwicklung

Im Hinblick auf die demographische Entwicklung und die gesetzliche Rentenversicherung zeigt sich Börsch-Supan nicht vollkommen pessimistisch: „Hier gibt es Lösungen, und die Fallstricke haben wir uns selbst gebaut.“ Fest steht, dass der Altersquotient bis 2060 kräftig steigen wird. Er bezeichnet die Relation von jüngeren Menschen im Alter von 20 bis 65 Jahre und älteren Menschen über 65 Jahren in der Bevölkerung.

Als wichtigste Ursachen für die demographische Entwicklung nennt der Sozialwissenschaftler drei Punkte: den Rückgang der Geburtenrate, die zahlreichen Renteneintritte der Babyboomer in den kommenden zwei Jahrzehnten und die steigende Lebenserwartung in der Bevölkerung. „Lange hatten wir in Deutschland eine Geburtenrate von 1,3 Kindern je Familie“, so Börsch-Supan. „Das ist zu wenig, um die Entwicklung der Bevölkerung langfristig stabil zu halten.“ Gerade die geringe Geburtenrate ist die Hauptursache für die Schieflage in den Altersvorsorgesystemen, insbesondere im Umlageverfahren der gesetzlichen Rente. Gleichzeitig wird die Lebenserwartung der Menschen in Zukunft weiter steigen. Das erfordert vor allem ab Mitte der 2040er Jahre hohe zusätzliche Aufwendungen für die Altersvorsorge. Hingegen ist der Babyboom-Effekt aus den 1960er Jahren zwar stark, aber nur vorübergehend. Er wird die Rente vor allem in den nächsten beiden Jahrzehnten stark beschäftigen.

Gerade die geringe Geburtenrate ist die Hauptursache für die Schieflage in den Altersvorsorgesystemen, insbesondere im Umlageverfahren der gesetzlichen Rente.

Die These, dass schon allein eine verstärkte Einwanderung das Ungleichgewicht in der demographischen Entwicklung ausgleichen wird, hält Börsch-Supan für Unsinn. „Ein Szenario von 500.000 Einwanderern in jedem Jahr ist für Deutschland unrealistisch.“ Selbst eine solche Einwanderung behebt nicht das Grundproblem, dass die Gesellschaft immer älter wird. Unter den Einwanderern, die nach Deutschland kommen, sind in der Regel nur 50 Prozent Arbeitskräfte, die andere Hälfte sind Angehörige, die in der Regel dem Arbeitsmarkt nicht oder nicht sofort zur Verfügung stehen. Auch ein weiterer Anstieg der Geburtenrate über die aktuellen 1,6 hinaus würde die Situation nur langfristig verbessern. „Hierfür brauchen wir 20 Jahre Vorlauf, ehe sich in den Rentensystemen etwas tut.“ Deshalb müsste schon im Zeitraum dazwischen etwas für die Altersvorsorge getan werden.

Haltelinien versus Nachhaltigkeitsfaktor

Denn bereits in den nächsten Jahren erwartet die gesetzliche Rente ein Finanzierungsschock. Der ist laut Börsch-Supan zum Teil künstlich erzeugt. So zeigt sich der Sozialwissenschaftler darüber entsetzt, dass die Politik weiterhin den Irrweg der Haltelinien diskutiert. Zwar bieten sich aus seiner Sicht nur wenige Alternativen zum ab 2025 wieder vollumfänglich geltenden Nachhaltigkeitsfaktor an, doch es gebe Wege, um den Finanzierungsschock für die gesetzliche Rentenversicherung abzufedern.

Die Belastung des Rentensystems durch den Eintritt des Babybooms in den Ruhestand wächst durch die Rentenpolitik der Großen Koalition in den vergangenen Jahren weiter an. Das geht zum einen auf die Aushebelung des Nachhaltigkeitsfaktors durch die sogenannten Haltelinien zurück, die die frühere Bundesregierung eingezogen hat – 48 Prozent für das Rentenniveau und 20 Prozent für den Beitragssatz. „Diese Haltelinien haben bei vielen Menschen die falsche Erwartung geweckt, dass die Schranken dauerhaft eingehalten werden“, sagt Axel Börsch-Supan. „Doch die Demographie lässt sich durch Haltelinien nicht aufhalten.“ Zudem belasten die Mütter- und die Grundrente die gesetzliche Rentenversicherung finanziell zusätzlich. Dadurch wird die Nachhaltigkeitsreserve im nächsten oder im übernächsten Jahr verbraucht sein.

Als die Große Koalition an den Start ging, belief sie sich noch auf 32 bis 36 Milliarden Euro. „Das Geld wird bald verbraten sein.“ Die Rente mit 63 hat das Rentenverhalten umgekehrt: Während das Renteneintrittsalter in den Jahren davor laufend anstieg, hat die Rente mit 63 diesen Trend inzwischen abgeschnitten. Zwar nährt die Rente mit 63 die Illusion, der Renteneintritt und der Anstieg der Lebenserwartung ließen sich entkoppeln, doch tatsächlich werden die Menschen immer älter und leben immer länger.

„Furcht einflößende Dynamik“

Die drei Faktoren verursachen bei der Rente einen Finanzierungsschock. Im Jahr 2025 läuft das Gesetz über die Haltelinien aus. Noch werden die Beitragssätze künstlich flach gehalten, doch schon in den beiden nächsten Jahren werden sie drastisch steigen. Nach der derzeitigen Gesetzgebung wird das Rentenniveau nach dem Jahr 2025 sinken. „Die Dynamik, die dahinter steckt, ist Furcht einflößend“, warnt Börsch-Supan.

Und der Corona-Effekt verstärkt dies aufgrund des ausgesetzten Nachholfaktors noch einmal. Perspektivisch steigert das Aussetzen den Beitragssatz um fast einen Prozentpunkt, weil es das Sicherungsniveau erhöht, was die Renten verteuert. „Wir stecken in einem rentenpolitischen Dilemma“, so der Wissenschaftler. „Die Menschen erwarten stabile, relativ niedrige Beitragssätze und gleichzeitig ein relativ hohes Rentenniveau – das wird so nicht mehr gehen.“

Eine direkte Rückkehr zum Nachhaltigkeitsfaktor würde zu einem stark steigenden Beitragssatz und einem fallenden Rentenniveau führen und viele Menschen enttäuschen. Andererseits würde das Fortschreiben der Haltelinien massiv steigende Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt erfordern – zu Lasten von Zukunftsinvestitionen in Infrastruktur und Bildung. Wie teuer wird das Fortschreiben der Haltelinien? Eine einfache Beispielrechnung verdeutlicht die Lage. Ausgehend von einer Haltelinie von 48 Prozent beim Sicherungsniveau, würden die Rentenbeiträge in den nächsten Jahren schrittweise auf 22 Prozent steigen. Das reicht aber nicht langfristig aus, deshalb werden zusätzliche Mittel aus dem Bundeshaushalt zur Finanzierung der Haltelinien notwendig. Der Finanzbedarf wird sehr schnell ansteigen, so dass ein neuer Bundeszuschuss in Höhe von rund 100 Milliarden Euro für die gesetzliche Rente erforderlich ist. Damit kann ein solcher Zuschuss schnell den Umfang von etwa der Hälfte des Bundeshaushalts erreichen. „Das halte ich für vollkommen unfinanzierbar, auch nicht über Steuererhöhungen“, sagt Axel Börsch-Supan.

In drei Phasen aus der Rentenfalle

Wo liegt der Weg aus der Rentenfalle? Laut Börsch-Supan gliedert er sich in drei Phasen. Die erste muss unmittelbar nach der jüngsten Bundestagswahl einsetzen. „Die Bundespolitik sollte sich sofort überlegen, wie sich die Lasten der demographischen Entwicklung gerecht zwischen Jung und Alt verteilen lassen.“ Er plädiert dafür, die Zusatzlasten, die durch den Renteneintritt der Babyboomer entstehen, auf möglichst viele Schultern und Instrumente zu verteilen. Spannungslinien zeigen sich zwischen Alt und Jung, Arm und Reich sowie Bestand und Zugang. Eine erste Option sieht vor, den Zugang zu schützen und den Bestand zu senken. Eine zweite Option ist, niedrige Renten zu schützen, eine dritte, den jetzigen Kompromiss beizubehalten. Auf die Phase 1 folgt die Phase 2. Die eilt noch nicht, weil sie erst ab dem Jahr 2030 anläuft. „Wir brauchen jedoch spätestens 2025 ein Gesetz, das die Zukunft der gesetzlichen Rente tatsächlich regelt, damit die Menschen wissen, wie es weitergeht.“

„Wir brauchen jedoch spätestens 2025 ein Gesetz, das die Zukunft der gesetzlichen Rente tatsächlich regelt, damit die Menschen wissen, wie es weitergeht“

Axel Börsch-Supan mahnt, jetzt keine Zeit mehr zu verlieren. „Wir dürfen die Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung nicht stoppen, auch wenn vor der Wahl keine Partei darüber sprechen wollte.“ In einer späteren Phase 3 sollten sich die Verantwortlichen darüber Gedanken machen, was für die Altersvorsorge der nächsten Generation zu tun ist. An dieser Stelle kommt die Stärkung der Kapitaldeckung ins Spiel. Um das Rentenalter der demographischen Entwicklung anzupassen, wählt die Politik meistens einfache Modelle wie beispielsweise die Rente mit 67.

Börsch-Supan empfiehlt stattdessen eine dynamische Anpassung des Rentenalters, geknüpft an die Lebenserwartung. Wenn also die Lebenserwartung steigt, muss auch das Renteneintrittsalter steigen. Wenn sie sinkt, muss auch das Renteneintrittsalter sinken. Die Rentenfinanzierung lässt sich auf eine einfache Formel bringen: In rund 40 Berufsjahren lassen sich 20 Jahre Rente finanzieren. Daraus lässt sich die 2:1-Formel für die Dynamisierung der Renten ableiten. Zudem empfiehlt der Sozialwissenschaftler ein mehrjähriges Rentenfenster statt eines starren Rentenalters. „Ein Rentenfenster stabilisiert die Finanzierung der Renten deutlich.“ Demnach senkt es den Beitragssatz, und auch das Rentenniveau wird nach einem Zeitraum von zehn Jahren mit einer eher rückläufigen Entwicklung wieder ansteigen. „So lässt sich eine gerechte Aufteilung zwischen Alt und Jung, Reich und Arm bewerkstelligen.“

Viel Luft in der kapitalgedeckten Altersvorsorge

Die langfristige Reparatur des Rentensystems ist deutlich komplizierter. Börsch-Supan verweist darauf, dass mit dem Nachhaltigkeitsfaktor der Rürup-Kommission von vor 18 Jahren bereits ein gutes Instrument bei der Hand ist. „Damit lässt sich die Last aus der Demographie prozentual gleich auf Jung und Alt verteilen“, betont er. „Eigentlich müssen wir das Gesetz, wie wir es jetzt haben, nur geringfügig anpassen und dann weiterlaufen lassen.“ Alternativen wie etwa das österreichische Rentensystem hält der Wissenschaftler für zu teuer. Zudem seien nur die Anfangsrenten in Österreich höher, während dort die Dynamisierung der Renten aufgrund der Bindung an die Kaufkraft – nicht an die Gehälter – schwächer ausfällt als in Deutschland. Dadurch sind die Renten der über 80-Jährigen im Vergleich geringer als in Deutschland.

Eine weitere Alternative kann eine stärkere Umverteilung der Renten sein, verbunden mit einem Abweichen vom Äquivalenzprinzip. Beispielsweise könnte das untere Drittel der Einkommen einfach höhere Rentenleistungen bekommen, während die bisherigen Bezieher höherer Renten abgeben müssten. „Das würde helfen, Altersarmut zu verhindern, wäre aber eine revolutionäre Idee für Deutschland.“ In der kapitalgedeckten Rente sieht Axel Börsch-Supan noch viel Luft nach oben, vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen. Zudem empfiehlt er für die kapitalgedeckte Altersvorsorge konsequent aktienbasierte Lösungen statt Ansätze über eine höhere Staatsverschuldung.

Den Wettbewerb zwischen privater und betrieblicher Altersvorsorge hält der Wissenschaftler für falsch. „Wir müssen Vorsorgemodelle konstruieren, die sowohl privat als auch betrieblich funktionieren.“ Solche Modelle würden sich auch für den Mittelstand und für KMU eignen. „Damit könnte der Bäckermeister eine Betriebsrente gewähren, ohne selbst dafür einstehen zu müssen.“ Der Arbeitgeber kann hier geringere administrative Kosten nutzen, während das finanzielle Risiko, das kurzfristig hoch, aber langfristig sehr niedrig sei, durchaus von den Beschäftigten getragen werden könne. Modelle wie Mutual Funds bieten zudem ein hohes Maß an Flexibilität und erleichtern die Portabilität der Anwartschaften bei Arbeitgeberwechseln. „In den USA funktionieren solche Modell sehr gut“, unterstreicht Börsch-Supan. „Die Beschäftigten können ihre Anwartschaften ein Berufsleben lang von Arbeitgeber zu Arbeitgeber mitnehmen.“ Und aus der Produktpalette können sich die Beschäftigten den für sie passenden Tarif und das passende Produkt aussuchen.

„Wir müssen Vorsorgemodelle konstruieren, die sowohl privat als auch betrieblich funktionieren. Solche Modelle würden sich auch für den Mittelstand und für kleine und mittlere Unternehmen eignen.“

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