Die Redensart „etwas auf die lange Bank schieben“* bedeutet, eine möglicherweise schwerwiegende, folgenschwere Entscheidung so lange wie irgend möglich zu verzögern. Wurden Pensionsrisiken in der Vergangenheit häufig auf die lange Bank geschoben, hat sich das in den vergangenen Monaten rasant geändert. Was ist passiert?

Autor: Olaf John, Partner, Mercer

Wachsende Unsicherheit! Nach Pandemie, Lieferengpässen, Krieg, restriktiverer Geldpolitik und damit verbundenen Rezessionsängsten haben sich Inflation und Zinsniveau erhöht. Bei der Bewertung der Pensionsverpflichtungen bewirken die gestiegenen Diskontierungszinsen stark gefallene Rückstellungen und somit eine günstige Gelegenheit für eine Absicherung.

Neben der Zinsentwicklung und deren Wirkung auf die Pensionsrückstellungen beeinflussen auch Inflation und Langlebigkeit die Rentenleistungen und damit die bilanzierten Verpflichtungen. Steigt die Inflation unerwartet, gehen auch die Rentenzahlung und somit die Verpflichtungen in die Höhe. Es ist vereinzelt möglich bzw. sinnvoll, alternative Anpassungsmethoden, zum Beispiel über Nettolohnentwicklung, 1-Prozent-Regelung oder Teilanpassungen zu berücksichtigen. Doch für den überwiegenden Teil der Versorgungssysteme ist dies derzeit keine Option. Auch die darauf anfallenden zukünftigen Zinskosten erhöhen zusätzlich die Pensionsrückstellungen für die Zukunft. Damit hat die realisierte − über der Erwartung liegende − Inflation eine indirekte, zeitverzögerte Auswirkung auf die Höhe der Pensionsrückstellungen. Abweichungen von den angenommenen Entwicklungen führen bei Unternehmen zu Gewinnen oder Verlusten mit dem entsprechenden positiven oder negativen Niederschlag in der Bilanz. Doch wie ist die Inflation in der Zukunft einzuschätzen?

Absicherung gegen Inflationssteigerungen

Inflationserwartungen können aus Umfragen und von Expertenmeinungen bestimmt beziehungsweise eingeholt werden. Allen Methoden zur Bestimmung der Inflationserwartung ist allerdings gemein, dass diese nur Erwartungen sind und selbstverständlich nicht die tatsächlichen Werte für die Zukunft darstellen. Jedoch kann man sich gegen unerwartete Inflationssteigerungen absichern. Am Kapitalmarkt lässt sich eine implizite Markterwartung für Inflation ablesen, die sogenannte Break-Even-Inflation, das heißt die Inflationsrate aus der Differenz der Renditen von Nominal- und Inflationsanleihen. Seit September letzten Jahres sind die Break Even Rates kontinuierlich gestiegen und liegen selbst für lange Laufzeiten mittlerweile deutlich über 2 Prozent. Die Absicherung von Inflationsrisiken hat sich seit September letzten Jahres verteuert, waren es damals noch 2,1 Prozent über 50 Jahre so sind es mittlerweile für den gleichen Zeitraum 2,6 Prozent. Eine Absicherung mag teuer erscheinen, immerhin reden wir von aktuell 0,6 Prozent pro Jahr über dem EZB-Inflationsziel, beseitigt aber die Unsicherheit. Hierbei akzeptiert man die entsprechenden Break-Even-Niveaus und erhält einen ausgleichenden Gewinn, wenn die Inflation höher liegen sollte als die Niveaus der Break-Even-Inflation. Diese Sicherheit erkauft man sich durch einen potenziellen Verlust für den Fall, dass in Zukunft die realisierte Inflation unter den Break Even Rates liegt.

Die Auslagerung der Rentenverpflichtungen an einen Pensionsfonds oder eine externe Rentnergesellschaft bietet viele Vorteile darunter auch den bilanziellen Vorteil, dass zukünftige Rentenanpassungen nicht mehr automatisch in der Unternehmensbilanz erscheinen, sondern in den Auslagerungsvehikeln.

Andere allgemeine Möglichkeiten zur Absicherung der Inflation – auch betreffend das Portfolio als Ganzes, sind über eine Reihe von Anlageklassen möglich. Hierunter fallen zum Beispiel Aktien, Private Debt, Immobilien, Gold, Infrastruktur sowie Rohstoffe. Das richtige Instrument ist nicht nur vom Zeitraum und Zweck, sondern auch von dem jeweiligen wirtschaftlichen Szenario abhängig.

Inflationsanleihen, Inflationsswaps und Private Debt (häufig mit Floating Rates) schützten in den meisten Wirtschaftsszenarien vor Inflation. In einem Szenario ohne Wachstum, hoher Arbeitslosigkeit und hoher Inflation (Stagflation) konnten in der Vergangenheit Rohstoffe und Gold den Wert der Portfolios sichern. Für eine langfristige allgemeine Werterhaltung sind Instrumente wie Aktien, Immobilien und Infrastruktur sinnvoll. Bei extremen Marktereignissen hat sich Gold bewährt. Über kurze Zeiträume sind die sogenannten Real Assets wie Aktien, Gold und Immobilien kein guter direkter Hedge wie die Entwicklung dieser Anlageklassen seit Anfang des Jahres deutlich gezeigt hat.

Fazit

Das erste Mal seit über einer Generation müssen sich institutionelle Anleger wieder mit dem Thema Inflation ernsthaft auseinandersetzen. Viele Investoren verfügen bereits zum Teil über Vermögenswerte, die vor höheren Inflationsszenarien schützen, wie zum Beispiel Investments in Infrastruktur oder Immobilien. In Stagflationsszenarien haben sich rohstofforientierte Strategien und Gold als wertvolle Ergänzungen der Portfolios erwiesen. Bei Szenarien, in denen die Inflation mit einer aggressiven Zinsreaktion einhergeht, sind Portfolios mit langer Duration anfällig. Letztlich wird die für einen Investor geeignete Mischung von Vermögenswerten zum Schutz vor Inflation von einer Reihe von Faktoren abhängen, insbesondere von der Zielsetzung.

Weitere Informationen zum Thema Ausfinanzierung finden Sie hier.

*Die Redewendung ist seit dem 15. Jahrhundert belegt; sie stammt aus dem Bereich der Gerichtssprache und aus einer Epoche vor der Einführung von Aktenschränken. https://de.wikipedia.org/wiki/Lange_Bank

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