Über aktuelle Empfehlungen für institutionelle Investoren und die Unterschiede und Parallelen zur Finanzkrise sprach Antje Schiffler mit Alexander Kosanke, Sales Director Institutional, bei Fidelity International.

Herr Kosanke, was ist in dieser Zeit der Krise das wichtigste Gebot der Stunde für institutionelle Investoren?

Vorweg ist zu sagen, dass einige institutionelle Investoren regulatorischen beziehungsweise Risikobudget-Restriktionen unterliegen. Das heißt, sie müssen aktuell Risiko in ihren Portfolien abbauen. Sofern diese Restriktionen nicht bestehen beziehungsweise nicht zwangsweise zu einer Reaktion der Unternehmen führen müssen, raten wir, drei Dinge zu beachten:

  1. Investoren sollten sich gut überlegen, ob sie aktuell verkaufen: Die Märkte sind bereits sehr schnell, sehr stark gefallen. Es handelt sich um den schnellsten Bärenmarkt der Geschichte und die Bewertungen haben sich bereits sehr stark angepasst. Zusätzlich ist Handeln aktuell sehr teuer: Die Transaktionskosten lagen Ende letzter Woche (26. März) zum Beispiel bei über 3 Prozent in Emerging Market Debt und High Yield. Das heißt, dass man nur durch den Verkauf und die Wiederanlage in EMD aktuell 3 Prozent verlieren würde.
  2. Langfristige Investoren können das aktuelle Bewertungsniveau nutzen, um attraktive Renditen einzukaufen: Unsere Portfoliomanager im Bereich Emerging Market Corporate Debt waren zum Beispiel in der Lage, in den letzten Wochen Anleihen zu zweistelligen Renditen (13 Prozent bis 26 Prozent  prro Jahr) zu erwerben. Und die Bewertungen können kurz- und mittelfristig noch attraktiver werden. Im Verhältnis zum Risiko sind viele Unternehmensanleihen attraktiv bewertet. Ähnliches gilt für die Aktienmärkte.
  3. Wichtig ist natürlich, selektiv vorzugehen. Die Bilanzstärke der Unternehmen wird in den kommenden Wochen und Monaten wichtig sein. Deshalb sollten Investoren Unternehmen auswählen, die über solide Bilanzen verfügen. Diese Unternehmen können sogar von der Krise profitieren, weil es nach dem Ende weniger Wettbewerber geben wird

Corona versus Lehman – was ist aus Kapitalmarktsicht anders, wo sind Parallelen?

Die Arten der Bärenmärkte beziehungsweise der Rezessionen sind unterschiedlich. Bei der Lehmankrise handelte es sich um eine strukturelle Rezession, beim Corona-Virus aktuell noch um eine Event-getriebene Rezession. Das ist insofern wichtig, weil Event-getriebene Rezessionen in der Vergangenheit kürzere Bärenmärkte zur Folge hatten und die Aktienmärkte sich auch schneller erholt haben (jeweils weniger als ein Jahr), wohingegen strukturelle Bärenmärkte deutlich länger anhielten (im Schnitt über 3 Jahre) und auch deutlich länger brauchten, bis sich Preise wieder erholten (im Schnitt fast 10 Jahre)

Zudem war die Lehman-Krise primär eine Bankenkrise, die durch „toxische Assets“ ausgelöst wurde. Entsprechend war auch das Heilmittel der Regierungen: Aufkaufen der toxischen Assets. Beim Coronavirus ist die Wirkung breiter, mehr Unternehmen sind unmittelbar betroffen. In Folge der Finanzkrise haben insbesondere die Zentralbanken die Kapitalmärkte unterstützt. Jetzt unterstützt der Staat auch sehr stark durch Fiskalpolitik. Als Prozentsatz des BIP sind die Zahlen schon sehr beeindruckend: USA 10 Prozent, Deutschland 16 Prozent, Frankreich 14 Prozent und das Vereinigte Königreich 15 Prozent.

Eine interessante Parallele in die Zukunft geschaut könnte die Reaktion der Regierungen sein: Die Lehman-Krise hat zu deutlich stärkerer Bankenregulierung geführt, weil man mangelnde Regulierung des Finanzsektors als Ursache der Krise ausgemacht hatte. Corona wird wahrscheinlich auch zu bestimmten Staatseingriffen führen, die für Anleger interessant sein könnten (Investitionen ins Gesundheitssystem, Investitionen in relevante Infrastruktur wie Internet und ähnliches).

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »
Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »