Johannes Müller, Head of Macro Research DWS, über die Auswirkungen der Kreise auf das institutionelle Portfolio.

Herr Müller, wie stark wird sich die Coronavirus-Epidemie auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte auswirken?

Die wirtschaftlichen Auswirkungen, insbesondere für dieses Jahr, sind noch überhaupt nicht absehbar. Sie hängen in erster Linie von der Dauer und dem Ausmaß der verhängten präventiven Sicherheitsmaßnahmen ab. Wir müssen sicherlich damit rechnen, dass viele westliche Länder in eine Rezession rutschen werden. Das Gesamtjahr könnte, theoretisch, in einer schweren Rezession für die Eurozone enden. Wir sind derzeit noch am Modellieren, die Bandbreite der Schätzungen ist aufgrund der noch recht kurzen Krankheits-Historie in Europa und der entsprechend dürftigen Datenlage noch sehr groß. In den nächsten Wochen werden wir ein deutlich besseres Bild für den Fortgang der Pandemie erhalten. Allerdings bleiben wir, trotz der derzeitigen Stilllegung eines großen Teils des öffentlichen Lebens in vielen Ländern Europas, verhalten optimistisch.

Neben den medizinischen Fortschritten, mit denen wir auf jeden Fall noch in diesem Jahr rechnen, wird es auch Entlastung über einen geübteren Umgang mit der Situation und Ausweichbewegungen von Personen und Unternehmen geben. Bis jetzt ist das Verbreitungsmuster des Virus noch zu sprunghaft, um schon Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Vieles, auch Negatives, bleibt möglich, aber eben auch viel Positives. Allein die Bestätigung einer Mortalitätsrate von deutlich unter einem Prozent könnte dem Virus viel von seinem Bedrohungspotenzial nehmen. Aber letztlich hängt es daran, wie lange die nun beschlossenen Präventivmaßnahmen aufrechterhalten werden, und welchen Schaden über Insolvenzen und Arbeitsniederlegungen sie anrichten, wo wir am beim Wachstum am Ende des Jahres stehen.

Welche Asset-Klassen sind angesichts des Risikos einer Pandemie stärker gefragt, welcher weniger?

Grundsätzlich haben wir an den Märkten viele Bewegungen gesehen, die für so einen plötzlichen Einbruch typisch sind. Zunächst verlieren die zyklischen Werte überproportional, insbesondere jene mit schlechter Bilanz. Unter den Sektoren leiden, wie zu erwarten, Tourismus, Freizeit, Fluggesellschaften, aber auch Autowerte, Ölwerte und Finanztitel aufgrund der neuen Zinslage am meisten. Defensive Werte (wie Gesundheit, Versorger, Basiskonsum, Telekommunikation) halten sich (relativ) gut, ebenso wie die als sicherer Hafen geltenden Anleihen erstklassiger Schuldner und natürlich Gold. Allerdings waren in diesem Monat die Marktverwerfungen so heftig, dass teilweise auch diese Anlageklassen ins Rutschen kamen, da so viele Anleger umgehend Kasse machen mussten und daher vor allem die liquidesten Titel am Markt verkauften. Angesichts dieser Marktvolatilitäten gibt es Abschläge auf die illiquideren Anlagen.

Wie sollten institutionelle Anleger ihre Portfolien umschichten?

Die Pandemie wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein zeitlich begrenztes Phänomen bleiben. Ein längerfristiger Nachlass ist jedoch jetzt schon deutlich: noch niedrigere Zinsen, wahrscheinlich für noch längere Zeit. Deutsche Zehnjährige sind wieder tief im negativen Bereich, und die US-Treasuries nähern sich langsam der Nulllinie. Damit drückt der Markt auch seine Erwartung über längerfristig niedrige Wachstumsraten aus – von der Aufholphase direkt im Anschluss an die Pandemie einmal abgesehen. Das spricht für zweierlei Anlagen: Zum einen für jene, mit einem weitgehend konjunkturunabhängigen Wachstumsprofil. Dazu zählen auch, aber nicht nur die US Tech- und Medienwerte. Allerdings sind sie aus genau diesem Grunde bisher auch noch nicht richtig billig geworden.

Zum anderen spricht es im alternativen Bereich für Anlagen mit einem weitgehend sicheren Einnahmeprofil. Hier locken zudem Illiquiditätsprämien für die langfristiger orientierten Anleger. Infrastrukturanlagen, aber auch Immobilien fallen in diese Kategorie, die Wichtigkeit der richtigen Selektion versteht sich dabei von selbst. Langfristig orientierte Anleger sollten sich aber auch überlegen, ab wann sie Positionen in den aktuell am schwersten gebeutelten Anlagesegmenten aufbauen wollen. Wie etwa Nebenwerte, Unternehmensanleihen, Schwellenländer – hier würden wir den Fokus auf Asien belassen -, oder aber auch Zykliker. Auf jeden Fall lohnt jetzt ein Blick unter die Indexoberfläche, denn es zeigen sich aktuell große Unterschiede im Ausmaß der Korrektur und der Bewertung, die wir nicht immer für gerechtfertigt halten.

 

Auch Michael Herzum, Leiter Macro & Strategy, Union Investment, äußerte sich zuvor im dpn-Gespräch. Mehr den Auswirkungen der Corona-Krise können Sie in der neuen Ausgabe des dpn-Magazins lesen, die am 24. April erscheint.

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