Die Corona-Krise wird den Investment-Trends aus den Megathemen Klimawandel, Digitalisierung, Demographie und Niedrigzins Schub geben. Ein Stimmungsbild unter Investoren in den Wochen nach dem historischen Börsencrash hat Antje Schiffler eingefangen.

Mit 9/11, Lehman und Covid-19 hat jedes der vergangenen Jahrzehnte eine handfeste Krise mit sich gebracht – die aktuelle mit beispiellosen Auswirkungen auch auf die Realwirtschaft. Immerhin waren zum Hochpunkt der Krise im März/April rund zwei Drittel der weltweiten Wirtschaftsaktivität durch Lockdown-Maßnahmen gelähmt, lautet die Schätzung von Invesco.

Langfristig ausgerichtete institutionelle Investoren wenden den Blick aber unabhängig von temporären Rückschlägen auf die grundlegenden Megatrends. Die strategische Asset Allocation (SAA) ändern sie in der Regel nicht.

Eine Krise ist ein Test für die SAA, denn diese sollte Korrelationen der diversen Asset-Klassen für verschiedene Stress-Szenarien adäquat berücksichtigen, sagt Tobias Bockholt, Senior Investment Consultant bei Willis Towers Watson (WTW). „Wenn bekannt ist, wo die Risiken im Portfolio sind, kann ein institutioneller Investor zeitnah agieren, sofern die internen Anlagegremien entsprechend aufgesetzt sind“, betont Bockholt.

So wird in schlechten Kapitalmarkt-Phasen ein Portfolio-Rebalancing mit antizyklischen Käufen verfolgt. „Die stark gestiegenen Risikoprämien wollen wir ernten und ins Portfolio allokieren“, erläutert Stefan Friesenecker, Fiduciary Portfolio Manager. Die wenigen Wochen mit Kaufgelegenheiten in den Aktien- und Anleihemärkten nach dem Kapitalmarkt-Crash Ende März nutzen die Strategen daher für Nachkäufe.

Gelegenheiten ergaben sich angesichts der besseren Spreads etwa bei Unternehmensanleihen guter Bonität, aber auch bei riskanteren Anlagen im Kreditbereich und bei Aktien. Doch standen den höheren Renditeerwartungen auch gestiegene Kosten gegenüber. „Durch die hohe Illiquidität haben sich die Transaktionskosten zum Beispiel im Investment-Grade-Bereich in etwa verdoppelt. Aber durch den Kursverfall war dies tragbar und teilweise war es möglich, zu minimalen Transaktionskosten aufzustocken“, blickt Friesenecker zurück. Auseinanderlaufende Bid-Offer-Spreads machten besonders auch dem Bereich Alternative Credit zu schaffen. Hier galt: je nischiger die Anlageklasse, desto illiquider wurde sie, konstatiert Friesenecker.

PE: Starke Abschläge erwartet bei viel Erholungspotenzial

Das kontinuierliche Investieren in schlechten Zeiten zahlt sich aus, bekräftigt auch Dr. Matthias Reicherter, Geschäftsführer und CIO bei Golding Capital Partners. So haben die PE-Fonds, die in den Jahren 2008/2009 auf den Markt gebracht wurden, überdurchschnittlich gut performt. „In der Krise liegt eine Chance“, betont Reicherter. Bei den Investoren stößt dieses Credo auf offene Ohren, zeigt eine aktuelle Umfrage unter Limited Partners: 29 Prozent wollen ihre Allokation erhöhen.

Performance-Zahlen fürs krisengeschüttelte 2. Quartal 2020 sind noch nicht verfügbar, denn die Bewertungen laufen den öffentlichen Märkten mit mehreren Monaten hinterher. Golding Capital rechnet bei PE mit Abschlägen von bis zu 20 Prozent, bei Infrastruktur von 5 bis 15 Prozent und im Private-Debt-Portfolio von bis zu 10 Prozent. Basierend auf den Erfahrungen aus der Finanzkrise besteht aber Erholungspotenzial im gleichen Umfang im Zeitraum von ein bis zwei Jahren.Insgesamt, werden die alternativen Anlageklassen auch aufgrund der vergleichsweise geringen Volatilität durch der Krise gewinnen, so Reicherter.

Infrastruktur und Immobilien: Die Spreu trennt sich vom Weizen

Zudem ergibt sich aus der verzögerten Bewertung ein Bilanzierungsvorteil fürs institutionelle Portfolio. Weiterer Charme der Anlageklasse: steter Cashflow bei gleichzeitiger Unterlegung mit einem Real Asset. So werden nach Einschätzung der Investoren Infrastruktur und Immobilien an Attraktivität gewinnen – wenngleich sich in den Sub-Asset-Klassen zunehmend die Spreu vom Weizen trennt.

Logistik wird, getrieben durch steigenden E-Commerce und Neuausrichtung der Lieferketten, als klarer Gewinner der Krise gesehen. Jan von Graffen, Geschäftsführer beim Anlagespezialisten für Real Estate Debt BF capital, erwartet einen Fokus auf lokale Anlagen: „Renditen lassen sich auch in heimischen Gefilden erzielen, wo man einen besseren Blick auf die Anlagen hat.“ Die Pandemie habe erneut gezeigt, wie schwierig es ist, die wirtschaftliche Lage aus der Ferne zu beurteilen.

Weitere Gewinner dürften Erneuerbare Energien und digitale Infrastruktur sein. Beides wird im europäischen wie auch im deutschen Konjunkturpaket favorisiert. Gewisse Büroimmobilien und Einzelhandelsflächen dürften indes Federn lassen, ebenso touristiknahe Anlagen wie Hotels und Flughäfen.

Soziale Infrastruktur von Krankenhäusern über Kitas – Profiteure des Konjunkturpakets – bis zu Seniorenheimen – Profiteure der demographischen Entwicklung – sollten indes ohne Probleme durch die Krise kommen. Die Assets bestechen durch einen weiteren Punkt: Sie zahlen direkt ein auf die Nachhaltigkeits-Ambitionen des Investors.

ESG: Resilient in der Krise

ESG-Investitionen haben sich in der Krise als sehr resilient erwiesen, resümiert Hendrik-Jan Boer, Head of Sustainable Investments bei NN Investment Partners. Und nicht nur während Corona: Bereits in der Finanzkrise oder während der Dotcom-Blase haben nachhaltige Anlagen outperformt. Das zeigt die 20-jährige Erfahrung von NN IP im Bereich der Sustainable Fonds. Schließlich sind Unternehmen, die gewissen Nachhaltigkeitskriterien genügen, oft in Zukunftsbranchen tätig oder entwickeln sich zu Branchenführern.

Edelmetalle waren in der Krise ebenfalls gefragt. „Gold hat sich in den vergangenen Monaten recht ähnlich wie die Aktienmärkte entwickelt”, sagt Steffen Orben, Geschäftsführer Deutsche Börse Commodities. „Im März ist der Goldpreis von rund 50 Euro je Gramm auf 42 Euro gesunken, im Mai haben wir dann wieder neue Höchststände bei 52 Euro gesehen”. In diesem Umfeld habe sich der Bestand von Xetra-Gold um rund zehn Prozent auf über 218 Tonnen Gold erhöht. Das entsprach einem Gegenwert von knapp 11 Milliarden Euro.

Strategie der ruhigen Hand

Somit bewährt sich auch in dieser Phase die Strategie der ruhigen Hand. „Krisen sind Einzelereignisse. Sie sind Brandbeschleuniger für Entwicklungen, die ohnehin schon vorherrschen“, lautet das Fazit von Hans Ohlrogge, Geschäftsführer von Ohlrogge Consulting.

 

Lesen Sie mehr über die Asset Allocation institutioneller Anleger in der neuen Ausgabe der dpn.

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »
Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »