05.11.2019 | Von Erika Neufeld

Nachhaltiges Investieren bewährt sich

Die Integration von ESG im Portfolio bietet Chancen im Hinblick auf das Wachstum und das Risikomanagement, sagt Marie Niemczyk, Head of Insurance Relations bei Candriam, im Gespräch mit Erika Neufeld.

Bildquelle: maxsattana/iStock/GettyImagesPlus

Erst kürzlich hat der Asset-Manager Candriam seine Geschäftszahlen für die erste Jahreshälfte 2019 bekannt gegeben und damit die Wachstumschancen einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Vermögensverwaltung unter Beweis gestellt: Ein erheblicher Teil der Mittelzuflüsse entfiel im ersten Halbjahr auf Fonds oder Mandate mit ESG-Ansatz (Umwelt, Soziales und Governance). Anlagestrategien mit spezifischen und expliziten ESG-Prozessen machen bereits über ein Drittel des Gesamtvermögens von Candriam aus. Bei den restlichen zwei Dritteln wird eine ESG-basierte Ausschluss-Politik angewandt. Aktuell werden ESG-Faktoren in das Portfolio-Management integriert – bei spezifischen Assetklassen und Fonds wurde diese Integration schon fertiggestellt.

“Fehlen ESG-Faktoren im Portfolio, können potenziell finanzielle und Reputationsrisiken für Investoren entstehen”, erklärt Marie Niemczyk, Head of Insurance Relations bei Candriam. “Die Berücksichtigung und Integration von ESG dagegen kann Wachstumsopportunitäten und Unterstützung bei der Risikominimierung bieten – und kann zugleich helfen, sich auf zunehmende regulatorische Anforderungen vorzubereiten.” Denn die ESG-Initiative der EU zum Beispiel, mit der die Finanzwirtschaft zu Nachhaltigkeit verpflichtet werden soll, kommt. In naher Zukunft werden Finanzunternehmen womöglich offenlegen müssen, wie sie die ESG-Faktoren bei Investitionen berücksichtigen und in ihre Entscheidungsprozesse integrieren. “Durch die Regularien kommt Bewegung in die ESG-Thematik”, so Niemczyk, die sich durch einheitliche EU-Standards zudem mehr Klarheit und Transparenz erhofft.

Unternehmen werden im Hinblick auf Nachhaltigkeit analysiert

Candriam hat sich schon früh, bereits im Jahr 1996, Nachhaltigkeit und Verantwortung auf die Fahne geschrieben und noch im selben Jahr den ersten Nachhaltigkeits-Fonds aufgelegt. In den folgenden Jahren wurde das hauseigene ESG-Research ausgebaut, mit dem die ESG-Kriterien und die Nachhaltigkeit und Verantwortung der einzelnen Anlagen analysiert werden. Im Augenmerk der Analyse liegen auch umstrittene Aktivitäten und Konformität mit internationalen Normen. Negativ selektiert werden etwa Unternehmen und Länder, die in kontroverse Aktivitäten involviert sind, die den ethischen Grundsätzen eines institutionellen Investors nicht entsprechen, beispielsweise die Produktion oder der Vertrieb von Waffen.

Für die Umsetzung der Resultate dieser Analysen im Portfolio wird mit unterschiedlichen Ansätzen gearbeitet, je nach Anleger und Anlageklasse. Beim Ansatz “ESG-Integration” zum Beispiel werden bei jeder einzelnen Anlageentscheidung neben finanziellen Kriterien auch ESG-Faktoren betrachtet, während bei den “Best-in-Class” und “Best-in-Universe”-Ansätzen Unternehmen und Länder positiv selektiert werden, weil sie im Hinblick auf ESG im Vergleich zu anderen besonders gut notiert sind.

Produkte mit Impact stehen im Fokus

Immer mehr institutionelle Investoren, insbesondere Versicherer, berücksichtigen ESG-Faktoren für die eigenen Kapitalanlage-Entscheidungen und ihre Portfolios aus Gründen des Risikomanagements. Der Bereich Umwelt steht oft im Vordergrund, aber auch die anderen beiden Bereiche werden von Investoren immer mehr in Betracht gezogen, weiß Marie Niemczyk. Die Bedeutung des Umweltkriteriums sei nach wie vor unumstritten hoch, denn ohne die Verpflichtung der Unternehmen zu umweltbewusstem Handeln könnten die Klimaziele der Europäischen Union und der Vereinten Nationen nicht erreicht werden. Gleichwohl seien die Aspekte Soziales und Governance von immenser Bedeutung und dem Umwelt-Kriterium ebenbürtig. So weitete Candriam in der ersten Jahreshälfte 2019 seine Position auf dem Gebiet des Nachhaltigen Investierens durch die Entwicklung neuer thematischer Produkte, die einen direkten positiven Einfluss auf die Gesellschaft erzeugen sollen, weiter aus. Dazu gehören eine Strategie mit dem Schwerpunkt Krebsbekämpfung sowie eine neue CO2-neutrale Strategie, die sich auf Unternehmen konzentriert, deren Ziel es ist, die Erderwärmung zu bekämpfen und die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen.

In der ESG-Frage sind europäische Investoren im globalen Vergleich fortschrittlich. In Skandinavien, den Niederlanden und Frankreich ist die Integration von ESG längst ein “Must-have” für Investoren, auch gelten hier oft strengere Anforderungen als in Deutschland. Aber institutionelle Anleger in Deutschland nehmen sich ESG-Faktoren immer stärker an und haben das Potenzial aufzuholen.

 

 

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