Die Portfolios institutioneller Investoren werden weiterhin immer diversifizierter und komplexer. Das Zins- und Renditedilemma übt Druck auf die Kosten für die Custody- und Verwahrdienstleistungen aus. Der Aufwand steigt, und die Themen sind vielfältig. Der Markt wächst enorm, aber das Geschäft wird schwieriger und komplexer, stellt Clemens Schuerhoff, Vorstand der Kommalpha AG, fest.

Die Europäische Wertpapier- und Aufsichtsbehörde ESMA prognostiziert in ihrer letzten Risikoanalyse eine längere Periode mit hohen Risiken innerhalb des europäischen Finanzmarkts. Dabei stehen insbesondere die Wertpapier- und Fondsmärkte und Marktinfrastrukturen im Fokus. Neben allgemeinen und möglicherweise signifikanten Kurskorrekturen nach unten stellt die ESMA die Risiken dar, die durch Sachverhalte und Vernetzung im Rahmen der Abwicklung von Finanzinstrumenten bestehen.

Alle Ampeln sind auf Orange und Rot. Interessanterweise ist dies zwar schon recht lange der Fall, aber die Einschätzung der Risikotreiber erhöht sich regelmäßig im Zeitablauf und in keinem Bereich ist es zu einer Verminderung von Risiken gekommen. Diese Einschätzungen der ESMA tragen unter anderem auch der Tatsache Rechnung, wie sich die Kapitalanlagen institutioneller Investoren in den letzten Jahren entwickelt haben und wie sich dadurch die Anforderungen an Verwahrstellen, Custodians und Marktinfrastrukturen wie Zentralverwahrer und Aufsicht erhöht haben.

Die Ausweitung der Investmentuniversen insbesondere in Richtung illiquider und alternativer Assets, wie Immobilien, Infrastruktur, Private Equity und Verbriefungsprodukte sowie internationale Diversifizierung haben zur Folge, dass sich die Risiken der Kapitalanlagen institutioneller Investoren ständig erhöht haben. Dies ist eine logische Konsequenz des Renditedrucks insbesondere auf Seiten verbindlichkeitsorientierter Investorensegmente wie Versicherungen und Altersvorsorgeeinrichtungen. Diese Gemengelage sorgt dafür, dass der Aufwand für Verwahrstellen und Custodians hinsichtlich ihrer gesetzlichen Aufgaben und Pflichten stetig steigt. Dazu kommt das Megathema ESG, was zusätzlich Anforderungen in Themengebieten wie Reporting und Datenmanagement stellt. Automatisierung, Prozessoptimierung, Effizienzsteigerung und Entwicklung von Services und Dienstleistungen im Kontext von Blockchain- und Distributed-Ledger-Technologien (DLT) runden die To-do-Listen der Anbieter ab. Vorgenannte Aspekte und Themen sind die wesentliche Essenz der diesjährigen dpn Custody-Umfrage.

Umfrage 2021 mit Rekord

Die Umfrage erfolgt mittlerweile seit fast 20 Jahren im bewährten Duett mit dem Consulting-Unternehmen Kommalpha und ist die mit Abstand etablierteste frei verfügbare Erhebung im Custody- und Verwahrstellenmarkt in Deutschland. Sie weist dieses Jahr mit 19 teilnehmenden Custodians und Verwahrstellen einen Rekord im Hinblick auf die Anzahl der Teilnehmer und die repräsentierten Volumina auf. Die Häuser vereinen über 6 Billionen Euro Assets under Custody auf, wovon rund 4,4 Billionen Euro Assets von institutionellen Investoren sind.

In Summe bringen es die teilnehmenden Banken auf über 2,6 Billionen Assets under Verwahrstelle, davon werden knapp 2 Billionen Euro in Spezialfonds verwahrt. Das bedeutet, dass die Umfrageteilnehmer rund 97 Prozent des deutschen Spezialfondsmarktes repräsentieren. Das enorme Wachstum des Marktes wird allein mit Blick auf die Zahlen der Vorjahresumfrage deutlich.

Der weitestgehend unveränderte Teilnehmerkreis wies in 2020 noch 2,2 Billionen Euro Assets under Verwahrstelle auf, was eine Zunahme von 400 Milliarden Euro an in Sondervermögen verwahrten Vermögensgegenständen bedeutet. Das Wachstum im Spezialfondsbereich ist ähnlich beeindruckend. Dort stiegen die verwahrten Assets der teilnehmenden Verwahrstellen innerhalb eines Jahres um rund 250 Milliarden Euro. An Liquidität, aber auch einhergehendem Anlagedruck mangelt es nicht am deutschen Asset Management Markt. Insgesamt vereinen die teilnehmenden Banken 4.454 Spezialfonds von über 3.600 institutionellen Endinvestoren und 2.205 Publikumsfonds auf sich.

In beiden Kategorien zeigt sich ebenfalls ein deutlicher Zahlenzuwachs im Vergleich zu 2020. Im Durchschnitt decken die Teilnehmer 72 Märkte beziehungsweise Länder ab, wobei der Großteil dies über Sub Custodians und ICSDs darstellt und lediglich wenige Global Custodians die wesentlichen Märkte über eigene Lagerstellen erschlossen haben. Im Schnitt sind 16 Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGs) und 105 Asset Manager angebunden.

Größenverhältnisse sind klar

Ein Großteil der Volumina an Assets under Custody und Assets under Verwahrstelle verteilen sich auf relativ wenige Anbieter. Dahinter ist der Markt etwas fragmentierter, wobei auch diese Struktur über die Jahre recht konstant ist. Natürlich ist etwas Bewegung in Sachen Übernahmen von Gesellschaften und Geschäft, aber die Anbieterstruktur des deutschen Custody- und Verwahrstellenmarktes ist in den letzten Jahren weitestgehend konstant geblieben. BNP Paribas Securities Services ist mit rund 28 Prozent und 1,7 Billionen Euro Marktführer in Deutschland. Die DZ BANK folgt mit 15 Prozent Marktanteil vor HSBC und State Street. Danach folgen deutsche und Anbieter ausländischer Provenienz recht einträchtig.

Bei den Assets under Custody in Deutschland gibt es keine Dominanz der Global Custodians. Das sieht bei den Assets under Verwahrstelle etwas anders aus. Auch bei den Marktanteilen im Spezialfondsgeschäft ist BNP Paribas mit 34 Prozent und 669 Milliarden Euro an verwahrtem Spezialfondsvolumen Marktführer. Mit HSBC, J.P. Morgan und State Street folgen ebenfalls Global Custodians mit ausländischer Provenienz. Erst auf Rang 5 und 6 liegen mit der DZ BANK und der LBBW Häuser mit deutschen Wurzeln.

Wenig Unterschiede im Basisgeschäft der Wertpapierverwahrung

Es lässt sich keine wesentliche Differenzierung der Anbieter in der Verwahrung von verwahrfähigen Vermögensgegenständen nach Kapitalanlagegesetzbuch (KAGB) feststellen. Alle teilnehmenden Banken haben ein Fondsbuchhaltungssystem oder sonstige bestandsführende Systeme im Einsatz. Im klassischen Basisgeschäft der reinen Verwahrung von Wertpapiersondervermögen ohne Einbezug von Zusatzdienstleistungen gibt es faktisch keinen Unterschied zwischen den Anbietern, bis auf den Preis und Faktoren wie Kundenbetreuung oder Priorisierung von Kundensegmenten. Letztlich muss dies auch so sein, denn alle Häuser haben eine entsprechende Lizenz von der BaFin erhalten und stehen hinsichtlich ihrer Aufgaben und Pflichten gemäß KAGB unter der Aufsicht der Prüfer.

In diesem Basisbereich liegen die Unterschiede unter der Motorhaube beispielsweise in Themen wie prozessuale Aufstellung bei der Datenkommunikation mit den Kapitalverwaltungsgesellschaften (unterschiedliche Nutzungsquoten von SWIFT, E-Mail und Fax) oder in der Struktur der jeweiligen Verwahrkette von Vermögensgegenständen, die im Ausland verwahrt werden, und den damit einhergehenden wichtigen Themen wir Delegation von Verwahrung, Überprüfung und Risikomanagement von Verwahrketten sowie entsprechende Preiseffekte, denn alle involvierten Sub-Custodians müssen bezahlt werden samt den Zentralverwahrern in den Ländern, wo die jeweiligen Vermögensgegenstände verwahrt werden.

Interessanterweise sind die gesamten Sachverhalte rund um die physische Sicherheit von Wertpapieren, Abwicklung von DVP-Prozessen (Delivery versus Payment) sowie Segregation von Vermögensgegenständen eines jeweiligen Sondervermögens zu anderen Beständen in den teilweise kapillarartigen Verwahrketten immer noch nicht wirklich ins Rampenlicht des Verwahrgeschäfts und somit auf die Agenda institutioneller Investoren gerückt. Es ist bisher eben alles gutgegangen, und die wenigen „Untergänge“ von Vermögensgegenständen sind meist kulant oder im Rahmen von zivilrechtlichen Prozessen gelöst worden. Es ist trotzdem sehr ratsam für Investoren, die Aufstellung ihrer Verwahrstellen diesbezüglich zu überprüfen.

Bei Direktbeständen ist das regulatorische Umfeld im Vergleich zu Sondervermögen weniger streng, wobei sich auch hier dieselbe Prüfungsroutine empfiehlt. Womit wir beim Thema Global Custody sind, was ebenfalls alle teilnehmenden Banken als Service im Angebot haben. Die Unterschiede zwischen den Anbietern liegen hier bei Themen wie dem Clearing von (OTC-)Derivaten und entsprechendem Collateral Management sowie der Abwicklung und dem Management von wertpapierspezifischen Ereignissen wie Zins- und Dividendenzahlungen und der Wahrnehmung von Einflussmöglichkeiten wie Stimmrechtsabgabe oder sonstiger Governance-Themen im Falle von Miteigentum an Unternehmen bei Aktienbesitz oder sonstigen Anteilsrechten.

Die Umfrageteilnehmer sind beim Clearing von Derivaten und OTC-Derivaten teilweise deutlich unterschiedlich aufgestellt. Natürlich ist hier eine genaue Passung der Nutzung von derivativen Strategien der Sondervermögen zu dem Profil der im Einsatz befindlichen Verwahrstelle sehr zu empfehlen, insbesondere auch mit Blick auf den Preis gemäß Ticket Fee und Umfang des Einsatzes jeweiliger Derivate. Insbesondere bei exotischen Märkten kann es dabei zu aus Sicht des Investors unangenehmen Überraschungen kommen.

Unterschiede bei alternativen Investments und Zusatzdienstleistungen

Bei der Aufstellung der teilnehmenden Banken hinsichtlich der Abdeckung von alternativen Assets lassen sich deutliche Unterschiede feststellen. Hierbei ist allerdings zu bemerken, dass die aufgeführten Asset-Klassen von alternativen Investments eine sehr unterschiedliche Bedeutung in der Praxis aufweisen. Die These, dass Immobilien oder Private Equity eine größere Praxisrelevanz haben als beispielsweise Hedgefonds oder sonstige Real Assets wie Flugzeuge oder Schiffe, ist sicher valide. Zumal auch zu jeder alternativen Asset-Klasse ein Exposure über andere Vehikel oder Produkte aufgebaut werden kann, zum Beispiel über Publikumsfonds, Objektgesellschaften oder entsprechende Finanzinstrumente, die alternative Themen verpacken, was allerdings das Thema Durchschau und Gegenparteirisiko auf die Agenda bringt.

Insofern ist die Themenabdeckung in Sachen alternativer Investments eher eine Information für größere institutionelle Investoren, die auch die Inhouse-Expertise zu diesen Sachverhalten aufweisen und die entsprechende Komplexität zusammen mit ihrer Verwahrstelle und Kapitalverwaltungsgesellschaft handhaben können.

Sehr viel relevanter für alle institutionellen Investoren ist die Betrachtung von Zusatzdienstleistungen wie verschiedene Reportingarten, Wertpapierleihe (Securities Lending), Insourcing bestimmter Prozesse, Investmentcontrolling, Zugriff auf Handelssysteme, Cash Management, FX-Geschäft oder fachliche individuelle Beratung. Eine Tabelle mit den Rücklaufinformationen finden Sie in der dpn-Ausgabe August / September 2021. Sie führt einige der genannten Dienstleistungen auf und macht deutlich, wie unterschiedlich die Banken aufgestellt sind.

Eine signifikante Anzahl der Teilnehmer bietet kein Performance- und Risiko-Reporting samt entsprechender Attributionsanalysen an. Aus Investorensicht mag dies nicht schlimm sein, sofern die Kapitalanlagegesellschaften diese Reports liefern. Verwahrstellen weisen diesbezüglich natürlich den Vorteil eines möglichen integrativen Gesamt-Reportings inklusive Direktanlagen auf, sofern diese bei ihnen konsolidiert wurden.

Umgekehrt können sich auch KVGen Daten über Direktbestände von Verwahrstellen oder Investoren liefern lassen, um eine Gesamtsicht zu produzieren. Hier stehen Verwahrstellen im direkten Wettbewerb mit KVGen und es hat derjenige die Nase vorn, der die gefälligsten und fehlerfreien Reports liefert und es hat den Anschein, dass dies in der Gesamtmarktbetrachtung noch die KVGen sind.

Die unterschiedliche Aufstellung der Verwahrstellen im Thema Wertpapierleihe und Insourcing von Verwahrstellenprozessen lassen sich ebenfalls aus der Tabelle entnehmen. Dort sind auch die Sachverhalte aufgeführt, die seitens institutioneller Investoren aktuell am meisten bei Verwahrstellen nachgefragt werden. Dabei sind die Abbildung von alternativen Investments, ESG, Wertpapierleihe sowie spezifische Reportings die dominierenden Themen.

Lesen Sie die weiteren Ergebnisse der Umfrage sowie in der dpn-Ausgabe August – September 2021.Dort finden Sie auch ausführliche Tabellen und Grafiken. Zudem zogen die Teilnehmer des dpn-Roundtables „Verwahrstellen & Custody“ Lehren aus der Coronakrise.

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