Fortschreitende Digitalisierung, Prozessoptimierung und Automatisierung sowie innovative Themen wie Distributed Ledger Technologien im Kontext von Verwahrung digitaler Assets und Security Tokens sind die aktuellen Stichworte im Markt der Verwahrstellen und Custodians. Clemens Schuerhoff, Vorstand bei Kommalpha, schaut hinter die Kulissen.

Plain Vanilla war gestern. Die Portfolios institutioneller Investoren reichern sich aufgrund des Zinsdramas seit Jahren um exotischere Kapitalanlagen an. Dies betrifft alle Asset-Klassen und insbesondere alternative und meist illiquide Investments. Immobilien, Debt-, Loan- und Private-Equity-Konzepte erfreuen sich hoher Beliebtheit neben der Ausweitung der Investment-Universen in traditionellen Bereichen, beispielsweise im Bond-Bereich in Richtung Emerging Markets, Fallen Angels im Sinne von Hochzinsanleihen oder im Bereich derivativer und strukturierter Produkte.

Die Komplexität der Verwahrung entsprechender Fondshüllen und vom Custody der Investments steigt seit Jahren stetig. Automatisierung, Prozessoptimierung, Hebung von Skaleneffekten zwecks Margenstabilisierung sind eine Sisyphosaufgabe für die in Deutschland agierenden Verwahrstellen und Custodians. Gleichzeitig bleibt das Preisniveau niedrig und der Wettbewerb hoch.

Digitalisierung ist nie endende Aufgabe

Die Digitalisierung in der Branche ist in vielen Standardbereichen recht weit fortgeschritten, allerdings erscheint dies als eine niemals endende Aufgabe. Das maschinelle Auslesen eines elektronischen Faxes und die Überführung von entsprechenden Informationen in bestandsführende Systeme ist Standard und klassisches Beispiel von Digitalisierung. Das Auslesen eines Kaufvertrages einer 100-Millionen-Immobilie samt vielfältigen Anlagen und die entsprechende Bewertung zwecks Entscheidungsvorbereitung mittels künstlicher Intelligenz ist ein Beispiel, wo in Sachen Digitalisierung immer noch hohe Herausforderungen bestehen und wo Standardisierung und Individualisierung einen Zielkonflikt für Lösungen darstellen.

In gewissen Bereichen wird die menschliche Intelligenz unersetzbar bleiben. Die COVID-19-Thematik hat die Dimension der Digitalisierung insofern noch erweitert, als Verwahrstellen und Custodians die bankkritischen Systeme, in- und externe Kommunikation sowie den gesamten Betrieb in weitestgehend dezentralen Strukturen aufrechterhalten mussten. Wenn von heute auf morgen fast die gesamte Belegschaft von zu Hause arbeiten muss, kann das die Bankprozesse schon mal auf den Prüfstand stellen. In Deutschland hat das alles überwiegend geräuschlos funktioniert und die Verwahrstellen und Custodians haben diesen extremen Live-Stresstest sehr gut überstanden. COVID-19 hat auch keine Implikationen für geschäftliche Strategien der Anbieter. Dies und noch viel mehr sind Erkenntnisse der diesjährigen Verwahrstellen- und Custody-Umfrage, die wie immer in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Kommalpha durchgeführt wurde.

Rekordwerte bei den Fakten

Die diesjährige Markterhebung setzt neue Rekordwerte in ihrer langen Historie hinsichtlich der Volumina und Breite der Marktabdeckung. Es haben 18 Verwahrstellen und Custodians teilgenommen, was einen Spitzenwert darstellt. Durch die Übernahme der KAS Bank durch CACEIS ist ein Anbieter weggefallen. Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank als langjähriger Teilnehmer hat dieses Jahr aufgrund der schleppenden Einführung ihres neuen Kernbanksystems nicht teilgenommen.

Die teilnehmenden Banken vereinen 5,1 Billionen Euro Assets under Custody in Deutschland (Fonds und Direktbestände) auf sich. Diese Summe betrug bei der Umfrage in 2013 rund 3,1 Billionen Euro, was eine Zunahme um 2 Billionen Euro in sieben Jahren des weitestgehend unveränderten Teilnehmerkreises bedeutet. Hier zeigt sich schon das enorme Wachstum des Marktes aufgrund der hohen Liquidität und des entsprechenden Anlagebedarfs. Bei den Marktanteile der Assets under Custody hat es im Vergleich zum letzten Jahr keine deutlichen Verschiebungen gegeben. BNP Paribas, DZ Bank und HSBC bleiben mit Abstand Marktführer und vereinen knapp 60 Prozent Marktanteil auf sich. State Street hat J.P. Morgan auf Rang vier abgelöst. Interessant ist, dass lediglich die aktuell vier größten Häuser ihre Assets under Custody im Vergleich zum Vorjahr signifikant steigern konnten.

Per Datenstichtag Ende Mai 2020 verwahrten die teilnehmenden Banken 2.215 Milliarden Euro an Investmentfonds („Assets under Verwahrstelle/Depotbank“), wovon 1.715 Milliarden Euro Spezialfonds sind. Das bedeutet in Bezug auf das entsprechende Marktvolumen von Spezialfonds Ende Mai eine Marktabdeckung von 94 Prozent durch die teilnehmenden Verwahrstellen, wodurch die vorliegende Markterhebung hochgradig repräsentativ für das institutionelle Asset Management beziehungsweise das Spezialfondsgeschäft ist. Auch im Fondsbereich sind die Zuwachsraten des Teilnehmerkreises erheblich.

In 2013 betrug die Summe der Assets under Verwahrstelle 1.042 Milliarden Euro, wovon 825 Milliarden Euro Spezialfonds waren. Beide hier betrachteten Summendaten haben sich in sieben Jahren deutlich mehr als verdoppelt. Diese Entwicklung ist mehr als bemerkenswert und zeigt die stetige positive Entwicklung des Investment-Standortes Deutschland sowie die entsprechende Präferenz von institutionellen Investoren für den deutschen Spezialfonds auf.

Entwicklung der in Deutschland verwahrten Investmentfonds

Der erwähnte positive Trend zeigt sich auch auf Ebene fast aller Anbieter. Auch hier ist BNP Paribas mit Abstand Marktführer, gefolgt von State Street, HSBC und DZ Bank. Diese vier Häuser vereinen alleine bereits 1.408 Milliarden Euro an verwahrten Fonds auf sich, was einen Marktanteil von 64 Prozent bedeutet. Die Umfrageteilnehmer verwahren in Summe 235 Milliarden Euro an „Nicht-Wertpapierfonds“ (Immobilien, Alternatives et cetera) in Deutschland, was einen Anteil von etwas mehr als 10 Prozent an den Assets under Verwahrstelle ausmacht. Im vergangenen Jahr betrug dieser Wert 207 Milliarden Euro und somit zeigt sich hier mit einer Zunahme von 28 Milliarden Euro das hohe Interesse an Investmentfonds außerhalb des Wertpapierbereichs.

Die Marktanteile der bereits erwähnten 1.715 Milliarden Euro Spezialfonds entwickelten sich wie folgt: Unter den Marktführern BNP Paribas, HSBC, J.P. Morgan und State Street gab es keine Veränderungen in der Reihenfolge und keine erheblichen Veränderungen der Marktanteile im Vergleich zum Vorjahr. Dahinter haben die DZ Bank und die LBBW die Plätze getauscht. Im Spezialfondsbereich wird die oligopolistische Marktstruktur am deutlichsten. Die genannten vier Global Custodians vereinen 1.146 Milliarden Euro Spezialfondsvolumen und einen Marktanteil von 67 Prozent auf sich. Alle Umfrageteilnehmer administrieren 3.912 Spezialfonds für rund 3.600 institutionelle Investoren. Sie haben im Durchschnitt wie im Vorjahr 16 Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVG) und 101 Asset Manager angebunden. Im vergangenen Jahr betrug die durchschnittliche Anzahl der angebundenen Asset Manager 85 und die entsprechende Zunahme verdeutlicht die Ausweitung und Spezialisierung des Investment-Universums.

Wenig Unterschiede bei Verwahrdienstleistungen

Es ist keine neue Erkenntnis, dass sich Anbieter von Verwahrdienstleistungen in den gesetzlich geforderten Leistungen im Wertpapierbereich kaum differenzieren. Hier spielen der Preis und persönliche Betreuung beziehungsweise Kundenpriorisierung die wesentliche Rolle. Das gleiche gilt für das technische Basis-Set-Up und die Kommunikation mit den KVGen. Alle Umfrageteilnehmer haben ein eigenes Fondsbuchhaltungssystem oder sonstiges bestandsführendes System im Einsatz.

Die Datenkommunikation mit den KVGen läuft ebenfalls bei allen elektronisch in unterschiedlichen Teilen über SWIFT und E-Mail. Das Fax hat hinsichtlich des prozentualen Anteils an der Datenkommunikation tatsächlich fast ausgedient. Das Bild der Anbieter spreizt sich bei der Themenabdeckung und spezifischeren Services auf. Einige Anbieter haben sich sehr fokussiert auf alternative und reale Assets wie Immobilien oder Infrastruktur ausgerichtet.

BNP Paribas, CACEIS, Hauck & Aufhäuser und State Street sind die Anbieter, die komplett alle abgefragten nicht wertpapierspezifischen Themen abdecken. Die meisten Umfrageteilnehmer decken jeweils nur bestimmte Segmente ab und nur sehr wenige sind gar nicht im alternativen und realen Bereich positioniert. Auch innerhalb der abgefragten Themengebiete unterscheiden sich die Anbieter, da es beispielsweise im Bereich Darlehensfonds mit Debt-, Loan- oder Mezzaninefonds Subthemen gibt, die deutlich unterschiedliche Anforderungen an die Verwahrung entsprechender Sondervermögen stellen, vom Pricing mal ganz abgesehen.

Alle Umfrageteilnehmer bieten Global- Custody-Services an, wobei auch hier bei genauem Blick deutliche Unterschiede zu verzeichnen sind. Themen wie Quellensteuerrückerstattungen werden noch von allen Banken angeboten, aber bei Abwicklung wertpapierspezifischer Ereignisse entlang der Verwahrkette (Contractual Income), (OTC)-Derivate Clearing, Cash Management und Proxy-Voting-Services wird das Bild sehr heterogen, wer was in welchen Märkten anbietet und wie überhaupt die vertragliche Gestaltung der Verwahrkette und das „operating model“ der Häuser aussehen.

Die Risiken entlang der Verwahrkette und die physische Sicherheit der Vermögensgegenstände haben durch UCITS V und AIFMD besonderen Fokus bekommen und die genauen deutschen Anforderungen sind im Verwahrstellenrundschreiben definiert, welches gegenwärtig im Rahmen einer Konsultation überarbeitet wird. Für institutionelle Investoren ist es ratsam, bei der Auswahl ihrer Verwahrstellen Augenmerk auf diese Sachverhalte zu legen, Stichwort Counterparty-Risiken und aber auch Kosten für Sub-Custody.

In den Bereichen Reporting, Wertpapierleihe (Securities Lending), Insourcing von Prozessen und Collateral Management gibt es ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen den Umfrageteilnehmern. Performance- und Risiko-Reporting samt entsprechende Attributionsanalysen werden immerhin noch von sieben teilnehmenden Verwahrstellen nicht angeboten. Ähnlich sieht es bei Real-Time-Reporting und spezifischem ESG-Reporting aus.

Vorteile gegenüber KVGen

Natürlich sind dies Services, die primär von den (Master)-KVGen angeboten werden; es handelt sich somit um redundante Themen. Allerdings haben Verwahrstellen einen Vorteil, wenn sich auch Direkt-Investments institutioneller Investoren bei ihnen befinden und deren Integration und Konsolidierung in die Berichterstattung ein komparativer Vorteil gegenüber den (Master-) KVGen darstellt. In Zeiten, wo jeder Basispunkt an Rendite aus den Kapitalanlagen herausgepresst werden muss, spielt die Wertpapierleihe als Ertragsquelle und deren Ausgestaltung eine interessante und wichtige Rolle.

Die Mehrzahl der teilnehmenden Verwahrstellen bietet Wertpapierleihe an, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Es liegt in der Natur dieser Geschäfte, dass Häuser mit entsprechender Größe und Vielzahl von Kunden und Transaktionen Vorteile hinsichtlich des Angebotes der Wertpapierleihe aufweisen.

Neben der weiterhin zu verzeichnenden Konsolidierung im Verwahrstellen- und Custody-Markt beziehungsweise generell im Administrationsmarkt haben sich vielfältige In- und Outsourcing-Beziehungen ausgebildet. Neben Master-KVGen spielen hier auch Verwahrstellen eine große Rolle. Immerhin zehn Umfrageteilnehmer bieten Insourcing von Verwahrstellenprozessen an. Ebenfalls zehn Banken, jedoch nicht die völlig identische Gruppe, bieten Insourcing von KVG-Prozessen oder anderen Administrationsprozessen an.

Preise konstant bis leicht verringert

Die Preise für Verwahrdienstleistungen samt Value-Added-Services befinden sich auf geringem Niveau und haben sich bei einigen Anbietern noch leicht verringert. Zehn teilnehmende Banken gaben ein konstantes Preisniveau in den letzten zwei Jahren an. Der Rest musste einen Rückgang der Preise in Kauf nehmen. In keinem Haus konnten die Preise angehoben werden.

13 Banken haben als Preismodell eine dezidierte Preisliste für einzelne Dienstleistungen, die individuell zusammengestellt werden können. Ein Anbieter arbeitet noch mit dem klassischen Modell, in dem pauschal über Basispunkte vergütet wird. Die restlichen Anbieter weisen ein anderes Gebührenmodell auf, was eine Mischung aus Basispunktmodell und Berechnung von einzelnen Zusatzdienstleistungen ist.

Die Einschätzung der zukünftigen Preisentwicklung ist bei den Umfrageteilnehmern differenziert. Die Mehrzahl geht von konstantem Preisniveau aus mit punktuellen Anpassungen durch Bepreisung von einzelnen Mehrwertservices. Ein geringer Teil erwartet sogar leicht steigende Preise. Insgesamt lässt sich feststellen, dass bei überwiegend konstantem und sogar leicht gesunkenem Preisniveau die Situation der Anbieter insofern komfortabel sein sollte, als das Volumen der Assets im Durchschnitt bei allen Anbietern in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist.

Detaillierte, weitere Informationen der Umfrage finden Sie in der dpn-Ausgabe August/September 2020. Dort finden Sie auch den gesamten Roundtable zum Thema Verwahrstellen und Custody.

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