Auf der Suche nach Standards
Veröffentlicht am: 07. Juni 2010
Ulrich Buchholtz geht der Frage nach, wann eine Vereinheitlichung bei den Nachhaltigkeitsansätzen zu erwarten ist
Zum Thema der nachhaltigen Geldanlage hat Rainer Jakubowski eine klare Meinung. „Wir investieren in keine Nachhaltigkeitsfonds“, berichtet der Vorstand des BVV in Berlin. Jakubowski stört sich nicht nur an den widersprüchlichen Aussagen der verschiedenen Untersuchungen über die Renditeaussichten solcher Anlagen. Er kritisiert auch, dass es beim Socially Responsible Investment (SRI) keine einheitlichen Standards gibt. „Der Markt ist zu unübersichtlich“, meint er. „Die Anbieter sollten klar sagen, was sie unter Nachhaltigkeit verstehen und was nicht.“ Eine Etablierung von SRI-Standards fände Jakubowski, der für die Anlage von rund 20 Milliarden Euro verantwortlich ist, deshalb hilfreich.
Er steht damit nicht allein. Viele Versorgungseinrichtungen halten sich beim Thema SRI noch auffällig zurück. „Diese Gruppe institutioneller Investoren ist eine starke Regulierung gewöhnt“, erläutert Professor Henry Schäfer vom Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaft der Uni Stuttgart. „Eine Standardisierung würde ihnen deshalb die Einführung von nachhaltigen Ansätzen bei der Geldanlage erleichtern.“ Dies wäre auch im eigenen Interesse der Branche. „Die deutschen Vorsorgeeinrichtungen hängen beim Thema SRI in Europa deutlich zurück“, analysiert Schäfer. Die Pendants in Großbritannien, Frankreich und der Schweiz seien deutlich weiter. Schäfer: „Deshalb fragt sich die Politik hierzulande inzwischen, warum die deutschen Anbieter diese Entwicklung bisher kaum aufgegriffen haben.“
Ein Grund dafür könnte die große Vielzahl der SRI-Ansätze sein. Die internationale Beratungsgesellschaft Funds@Work hat in einer umfangreichen Netzwerk-analyse das SRI-Engagement institutioneller Anleger untersucht. Grundlage war dabei ein Screening von mehr als 1.200 Investoren im deutschen Sprachraum. Mit den 56 Adressen, die bei der nachhaltigen Anlage besonders aktiv sind, führte Funds@Work Einzelinterviews. „Die Investoren haben dabei 19 unterschiedliche SRI-Standards und -Initiativen genannt“, berichtet Murat Ünal, Gründer von Funds@Work. Zudem orientieren sich 17 der Befragten an hauseigenen Standards (siehe Abbildung auf Seite 22). Insgesamt kommen die 56 institutionellen Anleger damit auf 36 verschiedene SRI-Ansätze.
Die große Vielfalt erklärt sich unter anderem daraus, dass derzeit besonders die Investoren in Sachen SRI aktiv sind, die klare Vorstellungen davon haben, was sie unter einem sozial verantwortlichen Investment verstehen. Ein Beispiel: Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ), die vor zehn Jahren zur Entschädigung der Zwangsarbeiter aus dem Dritten Reich gegründet wurde, prüft, ob ihre Anlagen in einem Widerspruch zum Vermächtnis der NS-Zwangsarbeiter stehen. „Unser Ethikfilter basiert auf den vier Grundprinzipien der International Labour Organisation (ILO)“, erläutert Dr. Martin Salm, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, die Anfang 2010 rund 420 Millionen Euro verwaltete. „So weit wie möglich wird dabei auch die Zuliefererkette erfasst und ausgewertet.“
Bei den Unternehmensanleihen und Aktien achten die Vermögensverwalter der EVZ besonders auf Verstöße gegen die Vereinigungsfreiheit der Arbeitnehmer, auf Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Diskriminierung und sonstige Missstände, etwa hinsichtlich der Arbeitssicherheit oder des Gesundheitsschutzes. Bei den Staatsanleihen geht es eher um allgemeine Menschenrechtsverletzungen, aber auch um Arbeitsrechtsverletzungen und Kinderarbeit in dem jeweiligen Land.
Eine Stiftung im Bereich Umweltschutz wird in ihrer Geldanlage dagegen oft auch stark auf ökologische Aspekte achten, eine Einrichtung der Ärzteversorgung besondere Aspekte des Berufsstandes berücksichtigen. Die Vielfalt der SRI-Ansätze resultiert daher zu einem großen Teil auf den unterschiedlichen Anforderungen der institutionellen Anleger, die ihre Geldanlage bereits nachhaltig betreiben.
Eine Vereinheitlichung oder Standardisierung ist dabei derzeit nicht festzustellen – eher das Gegenteil: So hat das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ vor wenigen Monaten einen neuen SRI-Ansatz entwickelt. „Wir haben gemeinsam mit dem Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene differenzierte Kriterien für die entwicklungspolitische Bewertung von Finanzanlagen ausgearbeitet“, erklärt Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel, die Direktorin von Brot für die Welt. Der neue SRI-Ansatz berücksichtigt auch ökologische und soziale Aspekte, trägt aber ansonsten eine klare entwicklungspolitische Handschrift und sieht außerdem Beschränkungen für das Verhalten auf den Finanzmärkten vor. So schließt er zum Beispiel Devisenspekulationen und den Einsatz von Derivaten zu anderen als Absicherungszwecken rigoros aus. Auch eine Anlage in Unternehmen, die ihren Sitz aus steuerlichen Gründen in einem Schattenfinanzzentrum haben, ist tabu.
Die evangelische KD-Bank aus Dortmund und das alternative Geldinstitut GLS aus Bochum sehen eine Marktlücke für diesen neuen Ansatz und haben deshalb über die Union Investment einen Fonds aufgelegt, der diese Kriterien umsetzt. Zielgruppe: entwicklungspolitische Organisationen, Ordensgemeinschaften und kirchliche Einrichtungen, denen die Solidarität mit den Ländern des Südens ein wichtiges Anliegen ist. Auch das Diakonische Werk, zu dem Brot für die Welt gehört, investiert einen Teil der Eigenanlagen von rund 100 Millionen Euro in den Fonds mit dem neuen SRI-Ansatz.
Den Consultant Ünal von Funds@Work überrascht die große Vielfalt der SRI-Ansätze nicht. „Jeder Investor hat ein unterschiedliches Verständnis des Begriffes der Nachhaltigkeit“, meint er. „Deshalb spielen gerade im institutionellen Geschäft bei einem Großteil der Investoren maßgeschneiderte Lösungen eine wichtige Rolle.“ Allerdings gehen viele institutionelle Anleger beim sozial verantwortlichen Investieren durchaus pragmatisch vor und kombinieren auch unterschiedliche Nachhaltigkeitsansätze miteinander, wenn ihre Anlagestrategie dies erfordert. Jens Güldner, Leiter Treasury des Evangelischen Johannesstifts (EJS) in Berlin, setzt zum Beispiel nicht nur Best-in-Class-Ansätze verschiedener Anbieter ein, sondern auch Themen-Investments wie einen Klimafonds (siehe Praxisbeispiel auf Seite 22). „Das nachhaltige Investieren sollte mit Augenmaß erfolgen“, lautet sein Credo. „Es geht um eine Ausbalancierung der vier Ziele unserer Geldanlage: Rendite, Sicherheit, Liquidität und Ethik/Nachhaltigkeit.“
Auch Rainer Jakubowski geht mit dem Thema SRI pragmatisch um. „Bei uns steht die Renditeerzielung an erster Stelle“, erläutert der BVV-Vorstand. „Gleichwohl haben in unserer Anlagepolitik schon immer auch ethische Aspekte eine Rolle gespielt. Wir fragen uns bei den verschiedenen Investitionen: Wollen das auch die Anleger, deren Gelder wir verwalten?“ Deshalb tätigt die Versorgungseinrichtung keine Investments in Unternehmen, die Waffen herstellen oder mit diesen handeln. Bei Dach-Hedgefonds kommen nur Produkte in Frage, die keine Anteile an Activist-Hedgefonds halten, deren Kennzeichen es ist, Aktiengesellschaften wie die Deutsche Börse aggressiv unter Druck zu setzen. Bei Neuanlagen im Immobilienbereich bevorzugt die BVV inzwischen ökologisch zertifizierte Gebäude, sogenannte Green Buildings.
Dennoch fände es Jakubowski begrüßenswert, wenn die SRI-Anbieter zusammen mit Investoren und vielleicht auch staatlichen Stellen gemeinsame Mindeststandards für das nachhaltige Investieren festlegen würden. „Natürlich können solche Mindeststandards nicht alles regeln“, meint der BVV-Vorstand. „Aber sie würden zumindest die große Unschärfe deutlich verringern, die es aus meiner Sicht derzeit noch beim Thema Nachhaltigkeit gibt.“
Wie schwierig es ist, solche Mindeststandards für das sozial verantwortliche Investieren festzulegen, stellte Dr. Hendrik Leber von Acatis fest. Bei institutionellen Investoren aus der katholischen Kirche beobachtete der Acatis-Gründer eine grundsätzliche Ablehnung von Unternehmen, die Produkte für die Abtreibung herstellen. Die Vertreterin einer weltlichen Entwicklungshilfeorganisation sah dies jedoch anders.
| „Die SRI-Anbieter sollten klar sagen, was sie unter Nachhaltigkeit verstehen und was nicht.“ Rainer Jakubowski, Vorstand BVV Versicherungsverein des Bankgewerbes, BVV Versorgungskasse des Bankgewerbes und BVV Pensionsfonds des Bankgewerbes
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Leber entschloss sich daraufhin, zunächst die potenziellen Anleger für seinen neuen SRI-Fonds nach ihrer Einstellung zu verschiedenen SRI-Themen zu befragen (siehe Umfrage rechts). Erst danach stellte er die Kriterien für den neuen Fonds zusammen. Dies war kein einfaches Unterfangen. Nicht nur über Produkte für den Schwangerschaftsabbruch gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Dies ist zum Beispiel auch bei der Verwendung embryonaler Stammzellen der Fall. Und beide Themen sind zumindest für die meisten kirchlichen Investoren ein absolutes No. Anders als bei der Automobilindustrie, bei deren Bewertung die Bandbreite an Einschätzungen ebenfalls sehr groß ist, gibt es bei diesen Punkten daher keinen Mittelweg wie etwa einen Best-in-Class-Ansatz.
Einen gesellschaftlich breit verankerten Konsens über Mindeststandards für ein sozial verantwortliches Investieren aufzustellen, ist daher nicht einfach. Möglicherweise wird es aber auf einem anderen Weg zu einer Standardisierung von SRI-Ansätzen zumindest in Teilbereichen kommen. Denn zwei große Anbieter von Finanzdaten, Thomson Reuters und MSCI, sind vor kurzem in den Markt für SRI-Informationen eingestiegen. Thomson Reuters übernahm im November vergangenen Jahres mit der Schweizer Asset4 einen Provider von öffentlich zugänglichen Informationen über ökologische, soziale und Corporate-Governance-Aspekte (ESG) von Unternehmen. Im März dieses Jahres erwarb MSCI die Risk-Metrics-Gruppe. Diese hatte 2009 ihrerseits die beiden ESG-Spezialisten Innovest Strategic Value Advisors und KLD Research & Analytics aufgekauft. Bereits seit 2007 gehört die Institutional Shareholder Services (ISS) zu der Gruppe. ISS ermöglicht Investoren über ein Proxy-Voting die einfache Wahrnehmung ihrer Stimmrechte und ist damit ein wichtiger Baustein für ein Engagement, bei dem Institutionelle im Dialog mit Unternehmen auf die Verbesserung der SRI-Performance der Gesellschaften dringen.
Diese Übernahmen könnten den Durchbruch für die Integration von ESG-Aspekten in die klassische Finanzanalyse darstellen. „Die neuen Töchter profitieren von den bestehenden Netzwerken der Häuser und deren technologischen Anbindung an Asset Manager und Investoren“, analysiert der Marktbeobachter Ünal. „Zum Beispiel könnte MSCI jetzt alles aus einer Hand anbieten. Zudem verfügen beide Häuser über eine sehr große Vertriebskraft.“ Auch wenn Thomson Reuters seine Neuerwerbung den Kunden bereits vorstellt, erwartet Ünal zunächst eine Phase der Optimierung. Die Datenbanken der ESG-Provider müssen erst noch in die Lösungen der beiden Finanzdatenanbieter integriert werden.
Außerdem bedarf es noch eines Konzeptes, wie die neuen Datenmengen sinnvoll genutzt werden können. Doch auch dafür gibt es bereits ein Konzept, das SRI relativ einfach in die klassische Finanzanlage und auch in das klassische Anlagemanagement verankern könnte: die Key-Performance-Indikatoren (KPI) der Beratungsgesellschaft Sustainable Development Management (SD-M).
Für insgesamt 68 Industrien hat SD-M im Auftrag des Bundesumweltministeriums jeweils die drei wichtigsten nachhaltigen Schlüsselfaktoren ermittelt. Beim Automobilbau sind dies zum Beispiel der Flottenverbrauch, der Anteil alternativer Antriebe wie Hybrid oder Elektro und die Treibhausgas-Emissionen bei Produktion. „Grundlage dafür war eine Befragung von 13 Nachhaltigkeits-Rating-Häusern und Asset Managern mit SRI-Expertise“, berichtet SD-M-Gründer Dr. Axel Hesse.
Solche fokussierten KPI sind nach Ansicht großer europäischer Pension Funds besonders geeignet, um eine risikoadjustierte Outperformance zu erzielen, wie eine SD-M-Studie aus dem Jahr 2008 ergab. Außerdem lassen sie sich gut in die klassische Finanzanalyse integrieren. „Drei weitere Indikatoren kann jeder Branchen-analyst zusätzlich abdecken“, meint Hesse. Die Konzentration auf nur drei Größen pro Industrie erleichtert es auch den Asset Managern, dieses Konzept in ihre Anlagesystematik aufzunehmen. „Die Asset Owner müssten dann nicht den Manager wechseln“, nennt der SD-M-Berater einen weiteren Vorteil. Noch gibt es die KPIs nur auf dem Papier. Doch schon in der zweiten Jahreshälfte will Hesse, der die Rechte an dem neuen SRI-Ansatz hält, die ersten Investoren für sein Konzept gewonnen haben.
„Wir haben Kriterien für die entwicklungspolitische Bewertung von Finanz-anlagen ausgearbeitet.“
Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin Brot für die Welt, zum neuen SRI-Ansatz ihres Hauses
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Dann sollen sich die KPIs auch bei den getätigten Investments bewähren. Im Fokus hat er dabei große Altersvorsorgeeinrichtungen, die noch kein SRI implementiert haben. Überzeugt dieser neue SRI-Ansatz dann auch in der Praxis und bringt er die erhoffte Outperformance, könnte er sich zu einem Standard für die nachhaltige Geldanlage etablieren. Die anderen Ansätze würde es vermutlich weiterhin geben. Sie wären dann aber nur noch eine besondere Ausformung des SRI-Gedankens aufgrund der individuellen Vorgaben des jeweiligen institutionellen Investors.
Umfrage: Was Anleger unter SRI verstehen
Die Investment-Boutique Acatis hat Investoren befragt, was diese unter einem nachhaltigen und sozial verantwortlichen Investieren verstehen. Jeden der aufgeführten Themenbereiche konnten die überwiegend institutionellen Anleger mit „negativ“, „kritisch“, „neutral“ oder „positiv“ bewerten. Aus den Antworten errechnete Acatis-Geschäftsführer Rainer Unterstaller einen Gesamtwert.
Die in der Grafik abgebildete Reihenfolge zeigt, welche SRI-Bereiche den befragten Investoren am wichtigsten sind. Als besonders kritisch sehen sie Investments an, die mit Kinderarbeit verbunden sind. Als Nächstes folgen die Bereiche Drogen, Waffen, Pornografie und Glücksspiel. Während dabei unter den befragten 62 Investoren ein relativ starker Konsens in der Ablehnung besteht, ändert sich dies bei den Punkten, die in der Grafik am unteren Ende aufgeführt sind. Zum Beispiel sieht die Hälfte der Investoren die Automobilindustrie neutral und fast jeder Zehnte sogar positiv.
Auch bei der Verwendung embryonaler Stammzellen ist das Meinungsspektrum gespreizt – trotz der insgesamt deutlichen Ablehnung. So sieht jeder zehnte Befragte den Einsatz dieser Zellen für die Forschung als positiv an. 68 Prozent lehnen dies als kritisch oder negativ ab, weil dabei befruchtete Eizellen zerstört werden und damit werdendes Leben beendet wird. Zudem bestehen durch die adulten Stammzellen, die auch nach der Geburt noch vorhanden sind, ähnliche Forschungsmöglichkeiten ohne diese gravierenden ethischen Nachteile.
Praxisbeispiel: Wie das Evangelische Johannesstift SRI umsetzt
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