Ralf Lochmüller: Lupus alpha
Veröffentlicht am: 18. Februar 2010
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Ralf Lochmüller.
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Vor zehn Jahren platzte die Dotcom-Blase. Noch im gleichen Jahr hauchten fünf Menschen einer der ersten partnerschaftlich geführten Investment-Boutiquen Deutschlands Leben ein. Ihr Sprecher, Ralf Lochmüller, erklärt Maik Rodewald, wie Lupus alpha tickt – und wie er Asset Manager aussuchen würde.
Ein nicht unangenehmer Zeitgenosse, dieser Ralf Lochmüller. Mit seiner spritzigen und trotzdem unaufgeregten Art weiß er, einem Gesprächspartner seine Philosophie von Vermögensanlage unmissverständlich zu vermitteln: Aktives Management ist in seiner und folglich in Lupus alphas DNA. Die Formel „Underperformance ist inakzeptabel“ drückt das klar aus – sie steht auf diversen Plakaten in den Fluren des schicken Lupus-alpha-Domizils im Frankfurter Westhafen. Er, der sich als „durch und durch liberal“ bezeichnet, weiß aber sehr wohl, dass Menschen ihre größte Stärke – Kreativität – nicht durch Indoktrination ausspielen, sondern nur, wenn sie ziemlich frei arbeiten und entscheiden können. Kaum ein Mitarbeiter, der das nicht bestätigen würde.
Studiert hat Lochmüller nie, obwohl er es wollte. Vielleicht kommt daher auch sein Bekenntnis, Talente zu fördern. Das durchzieht sowohl die Organisation von Lupus alpha – mit der Idee des Talent-Hotels – als auch sein Privatleben, wo er sich mit seiner Familie über eine Frankfurter Stiftung dafür einsetzt, dass talentierte, ausländische Jugendliche besser integriert werden. Wer Lochmüller kennt, der weiß, dass er ein solches Projekt nicht nur so nebenbei und mit seiner Brieftasche unterstützt, sondern in seiner Freizeit etwas mit den Talenten unternimmt – aktiv eben.
Im zarten Alter von 8 Jahren wurde Lupus alpha als eines der 100 innovativsten deutschen Unternehmen ausgezeichnet. Dieses Jahr feiern Sie Ihr erstes Jubiläum, Sie werden 10 Jahre alt. Sind Sie jetzt endlich erwachsen …
… und weniger ambitioniert und innovativ? Nein! Gehen Sie nachher mal bei uns durch die Flure. Da werden Sie des Öfteren Schilder finden, auf denen steht: Underperformance ist inakzeptabel. Das lädt nicht dazu ein, sich genüsslich zurückzulehnen. Allein unser Talent-Hotel ist eine Quelle der Innovation, die ganz schön sprudelt.
Wie geht es damit weiter?
Zwei von ursprünglich fünf Ansätzen haben sich nach der dreijährigen Testphase bewährt und sind marktreif. Und ich bin wirklich erstaunt, wie viele interessante Investment-Ansätze wir neu kennenlernen. Im vergangenen Jahr haben sich zum Beispiel 100 Manager für den Einzug in unser Talent-Hotel beworben.
Worauf achten Sie besonders?
Dass die Ansätze möglichst unkorreliert sind zu Standardansätzen für Aktien und Renten. So haben wir uns auch als Asset Manager entwickelt: Wir verwalten 4,5 von insgesamt 6 Milliarden Euro in Konzepten mit klaren Wertuntergrenzen oder unkorrelierten, asymmetrischen Investment-Ansätzen, die ich unter dem Begriff Absolute Return subsumiere. 1,5 Milliarden Euro sind in Small und Mid Caps investiert.
Stellen Sie gerade Menschen ein – und wo?
Ganz gezielt stellen wir Spezialisten für den Bereich Produktentwicklung und das Thema Volatilität als Asset-Klasse ein. Es gibt durchaus Erfahrene aus dem proprietären Handel von Investmentbanken, die interessant für uns sein können. Außerdem wollen wir frühzeitig Top-Studenten an uns binden.
Bekommt man gerade kluge, fleißige Kräfte für wenig Geld?
Während der Krise waren sehr gute Studenten bereit, auch einmal ohne Praktikantengehalt bei uns zu arbeiten. Das ist jetzt wieder vorbei – was ich auch völlig okay finde. Was wir auch sehen: Nicht jeder gute Student will automatisch mehr ins Investment Banking. Dessen Image hat stark gelitten, und zwar bis in die Universitäten hinein.
Man merkt, in Ihnen lebt die Seele eines überzeugten Unternehmers. Welche Kunden spricht das besonders an?
Kirchen, Kirchenbanken und Altersversorger sind unsere Kundenschwerpunkte. Ausbaufähig sind unsere Beziehungen zu Versicherern und Dax-Unternehmen.
Die andere erfolgreiche deutsche Boutique mit institutionellem Fokus, Quoniam, hat viele Dax-Kunden. Sind diese anfälliger für die Illusion der Mathematik – schließlich ist Quoniam, anders als Lupus alpha, ein Quant-Haus.
Ich denke, die Erklärung ist ganz einfach. Wir verwalten für einige Dax-Unternehmen Small- und Mid-Cap-Mandate. Typischerweise sind diese Adressen groß genug, um ihre Anlagen breit zu streuen und auch spezialisierte Mandate zu vergeben – zum Beispiel an Quoniam und an uns. Wir verwalten aber das meiste Geld in Absolute-Return-Produkten. Die typischen Kunden dafür sind eher mittelgroße Einrichtungen.
Das hört sich an, als würden Sie sich nicht mehr allzu viel von Small und Mid Caps versprechen. Stimmt das?
Nein, ganz und gar nicht. Erstens haben wir in Japan vor kurzem ein vierköpfiges Team dafür aufgebaut, denn japanische Small und Mid Caps sind ähnlich unterbewertet wie die deutschen Nebenwerte Anfang dieses Jahrzehnts. Zweitens muss ich schmunzeln, wenn Journalisten von einer verlorenen Aktiendekade schreiben. Wenn Sie sich unsere Performance für Small Caps anschauen – absolut gesehen 8 Prozent annualisiert über zehn Jahre –, war es ein tolles Aktienjahrzehnt. Wir rechnen aber dennoch damit, dass wir neue Small- und Mid-Cap-Mandate eher von größeren internationalen Pensionseinrichtungen bekommen werden statt von deutschen Institutionellen. Letztere sind mittlerweile zu 80 Prozent Absolute-Return-Anleger.
Weil die Deutschen sich keine Aktien long-only mehr leisten können?
Ja, Aktien in der klassischen Variante, long-only und diversifiziert, die gibt es bei vielen Kapitalsammelstellen gar nicht mehr. Die Banken in ihrem DepotA-Geschäft fallen als Long-Only-Investoren komplett aus, genauso wie der große Teil der Versicherer. Einzig Family Offices, einige Pensionsvermögen und CTAs sind noch dafür zu haben. Das ist traurig, ärgerlich und fast schon absurd. Portfolios ganz ohne Aktien, das rächt sich renditemäßig irgendwann.
Traurig verstehe ich, absurd auch – aber ärgerlich? Das kann Ihnen doch letztlich egal sein, oder?
Ärgerlich aus Sicht der Investoren und der dahinter stehenden Rentner – und all der Menschen, die für etwas sparen, vorsorgen oder einzahlen. Als Investor können Sie nicht einfach Aktien per se ausklammern. Genauso bin ich auch bei Small Caps überzeugt, dass die gerade auf lange Sicht interessant bleiben werden. Denn die Renditen von Standardaktien werden durch das immer stärker taktisch geprägte Rein und Raus, beispielsweise über Derivate und ETFs, stark schwanken. Bei Small und Mid Caps ist das nicht so. Einst galten Small Caps als das risikoreichere Investment. Heute aber liegt die Volatilität der Large Caps auf demselben Niveau bei deutlich geringerer Rendite.
Was wird Lupus alpha niemals anbieten?
Definitiv keine passiven Produkte. Das hieße, die DNA von Lupus alpha einmal auf den Kopf zu stellen.
Gesetzt den Fall, Sie wären institutioneller Kunde. Nach welchen drei Maximen würden Sie Anbieter auswählen?
Ich würde mich nach der Maxime von Charles D. Ellis richten, den ich sehr schätze. Eines seiner Bücher lautet „Winning the loser’s game“: Ich würde deswegen Anbieter auswählen, die gezielt versuchen, solche Fehler zu vermeiden, die richtig wehtun. Zu große Wetten und zu konzentrierte Portfolios zu fahren, also beispielsweise ein Small-Cap-Portfolio mit bloß 20 Titeln zu bestücken, wären derartige Fehler. Außerdem würde ich verlangen, dass der Asset Manager mir genau die Performance-Treiber seiner Anlagestrategie der vergangenen drei bis fünf Jahre erklärt.
Und die dritte?
Ich würde ihn fragen, was an dem Investment-Ansatz Alpha ist und was Beta. Diese Frage zu stellen, ist eine ganz wichtige Aufgabe als institutioneller Investor. Das hört sich vielleicht trivial an, ist es aber nicht. In steigenden Märkten Alpha von Beta zu unterscheiden, das ist verdammt schwer. Aber wenn die Märkte dramatisch fallen oder steigen, wird es relativ schnell klar. Deshalb war es auch noch nie so einfach wie derzeit, zwischen guten und schlechten Asset Managern zu unterscheiden. Die vergangenen drei Jahre waren dafür genau der richtige Lackmus-Test.
Welche sind die großen Trends im institutionellen Asset Management – neben asymmetrischen Profilen?
Haben Sie Zeit für eine kurze Geschichte über David Swensen, den Anlagechef der Yale-Hochschulgelder?
Her damit.
Wir hatten hier in Frankfurt vor Jahren ein Frühstück mit Swensen und institutionellen Investoren organisiert. In seinem Vortrag kurz zuvor auf unserer Konferenz hatte Swensen dafür plädiert, sich von allen US-Staatsanleihen radikal zu trennen. Während des Frühstücks unterhielt er sich dann mit einem deutschen Versicherer. Nachdem dieser ihm von den hiesigen Restriktionen und den Bafin-Stresstests berichtet hatte, riet er dem Versicherer schlicht, doch das gesamte Portfolio in Staatsanleihen zu investieren. Aktien auf Jahressicht zu investieren, macht einfach wenig Sinn.
Das meinten Sie offensichtlich vorhin mit dem Begriff absurd?
Exakt. Die Frage lautet doch: Wie können wir die Bedingungen so ändern, damit die großen Kapitalsammelstellen wirklich sinnvoll und nachhaltig investieren können? So, wie es bisher organisiert ist, kostet es unglaublich viel Performance, die wir dringend brauchen. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Altersversorgung zu stabilisieren, attraktive Renditen zu erzielen und eine vernünftige Rente zu bezahlen. Das haut nicht hin, wenn das Ergebnis 2 bis 3 Prozent ist. Ich will es schlichtweg nicht einfach so hinnehmen, dass die Deutschen ihre Altersvorsorge ausschließlich auf Bonds aufbauen müssen. In den Bond-Portfolios schlummert ein massives Risiko. Das muss endlich thematisiert werden.
Was machen die meisten institutionellen Anleger falsch?
Noch einmal: Falsch sind die Rahmenbedingungen für institutionelle Anleger, weniger ihr Verhalten. Denn was passiert derzeit? Mit dem bisschen Risikobudget, das nach erzwungenen und eigenen Stresstests übrig bleibt, spielt man nur noch kurzfristig Trends am Aktienmarkt. Market Timing – Taktik – ist aber nun einmal eine ganz schwierige Übung in der Vermögensanlage, die kaum jemand auf lange Sicht beherrscht. Es ist fraglich, ob das jetzt auf einmal allen gelingt. Da würde ich mich eher breiter aufstellen. Das geht aber nur, wenn man gemeinschaftlich mit den Aufsichtsbehörden an einer sinnvollen Risikobetrachtung des Portfolios arbeitet. Das erzwungene kurzfristige Operieren ist absolut kontraproduktiv.
Wird 2010 ein gutes Aktienjahr?
Ich sage: Vergessen Sie bitte die Aktien nicht. Die starke Untergewichtung von Aktien passt nicht zu einer nachhaltigen Kapitalanlage. Die Liquidität, die durchaus vorhanden ist, kann dazu führen, dass Aktien sich noch weiter positiv entwickeln können. Anders als 2009 kommt es in diesem Jahr aber noch viel mehr auf die Stock-Picking-Qualität an.
Glauben Sie nicht, dass viele institutionelle Kunden die Nase von aktivem Management voll haben?
Meine simple Annahme ist, dass in unserer Industrie 20 Prozent funktioniert und 80 nicht. Was folgt daraus? Soll man’s dann lieber ganz sein lassen? Oder sogar alles passivieren? Das passt aber auch nicht in die Risikolimite hinein. Der Quotient 20:80 sollte nicht dazu führen, dass Institutionelle nach den 20 Prozent nicht mehr suchen. Ich glaube sogar, dass die Ineffizienzen durch den Trend zu passivem Investieren am Ende sogar größer werden. Die Chancen, mit aktivem Management wieder Alpha zu erzielen, sind nach dem Deleveraging wieder gestiegen.
Let‘s play long-short. Sind Sie bereit?
Solaraktien?
Short.
Europäische Anleihen?
Short.
Emerging Markets?
Long.
US-Aktien?
Auf kurze Sicht long.
Union Investment?
Im Absolute-Return-Segment long.
Das deutsche Drei-Säulen-Bankensystem?
Long.
Höhere Gebühren für aktive Asset Manager?
Long, solange sie Alpha liefern.
Höhere Gehälter im Asset Management?
Long-short.
Guido Westerwelle?
Long.
SPD?
Short.
Danke, Herr Lochmüller.
CV
Ralf Lochmüller
1961 geboren in Duisburg
1985-87 Berufseinstieg im Wertpapierhandel der Westfalenbank in Bochum
1987-88 Wertpapierrentenhandel bei der Chase AG in Frankfurt
1988-2000 Wechsel zu Invesco, vormals LGT Deutschland, zunächst Leiter Portfolio Management Renten, später Geschäftsleiter Invesco Bank OHG
seit 11/2000 Geschäftsführer bei Lupus alpha, zuständig unter anderem für neue Geschäftsfelder
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