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Nachhaltigkeit: Zu häufig reines Lippenbekenntnis
Von Maik Rodewald

Veröffentlicht am:  22. Juni 2009

„Sustainability“, „Nachhaltigkeit & Engagement“ und „Selbstverständlich nachhaltig“ sind – wie im Falle von BASF, Bayer und BMW – eigene Rubriken auf ihren Webseiten, doch wenn es ums eigene Geld geht, entpuppt sich das bei den meisten deutschen Großunternehmen als reines Lippenbekenntnis, ja sogar als hohles Marketing-Geschwätz.

Image und PR einzige Motivation

Laut einer Studie von Union Investment und der Schleus Marktforschung aus Hannover versprechen sich zwar über drei Viertel der befragten Großunternehmen ein besseres Image und größere Chancen für ihre Marketing- und PR-Maßnahmen, wenn sie gemäß nachhaltigen Kriterien investieren. Doch von allen befragten Anlegergruppen sind die sogenannten Corporates am faulsten, wenn es um die Integration nachhaltiger Kriterien in die eigene Aktienanalyse geht. Im Vergleich zu Kreditinstituten, Versicherern, Stiftungen und Altersversorgern negieren die Großunternehmen fast völlig eine wichtige Funktion nachhaltiger Investments: die Optimierung des Risikomanagements; 87 Prozent erwarten sogar eine Verschlechterung (siehe Abbildung).

In Summe 960 Milliarden Euro

Für die Studie befragte Schleus 1.585 institutionelle Anleger im Februar 2009 schriftlich, 256 antworteten (16,2 Prozent): jeweils 47 Kreditinstitute und Versicherer, 40 Stiftungen und Kirchen, 36 Altersversorger und Pensionskassen, 12 Kapitalanlagegesellschaften, 41 Großunternehmen und 33 sonstige Anleger. Laut Union Investment sind die Antwortenden für etwa 960 Milliarden Euro verantwortlich, davon 88 Anleger für weniger als 2 Milliarden und 34 für mehr als 10 Milliarden Euro.


Abbildung:Welche Gründe sprechen gegen die Anwendung von Nachhaltigkeitskriterien?
Abkürzungen: KI = Kreditinstitute, VERS = Versicherer, STIF = Stiftungen/Kirchen, AV/PK = Altersversorger/Pensionskassen, GU = Großunternehmen, KAG = Kapitalanlagegesellschaften; Gesamtzahl der Antworten: n = 92;
Quelle: Studie zum nachhaltigen Vermögensmanagement institutioneller Anleger, durchgeführt von Schleus Marktforschung, Hannover, im Auftrag von Union Investment, 2009.

Anteilseigner zahlen für Scheinheiligkeit

Die Großunternehmen sind dann auch die Gruppe, die am wenigsten damit rechnet, durch nachhaltiges Investieren irgendwelche Renditevorteile zu haben; gerade einmal eines von zehn Unternehmen glaubt daran – in scharfem Kontrast zu Stiftungen, Altersversorgern und Pensionskassen sowie Versicherer.

Angesichts dieser geradezu erschreckenden Ergebnisse drängt sich Anteilseignern – und dazu zählen ja auch immer häufiger die Steuerzahler selbst – schnell die Frage auf, weshalb Großunternehmen sich auch finanziell so für die Nachhaltigkeit engagieren, wenn sie es offensichtlich selbst für überflüssig halten. Offenbar soll hier die Öffentlichkeit bewusst hinters Licht geführt werden, indem das nachhaltige Spiel scheinheilig mitgespielt wird. Die Ergebnisse lassen auch darauf schließen, dass das Thema Sustainability bei deutschen Großunternehmen gar keine Chefsache sein kann, wenn die Nachhaltigkeitsfassade schon durch eine simple Befragung so heftig bröckelt. Und die Kontrolleure, die Aufsichtsräte, scheinen sich daran kaum zu stören, denn die wenigsten fragen tatsächlich auch nach: Als Motiv für nachhaltiges Investieren nannten gerade einmal 28 Prozent der Großunternehmen die „Nachfrage von Gremien“.


Buchhinweis zum Thema Nachhaltige Kapitalanlage

Gerade neu erschienen ist das Buch „Nachhaltige Kapitalanlagen für Stiftungen – Aktuelle Entwicklung und Bewertung“ von Henry Schäfer und Michael Schröder, erschienen als Band 92 der ZEW Wirtschaftsanalysen im Nomos Verlag (ISBN 978-3-8329-4250-2). Neben Schäfer und Schröder finden sich auch zwei kürzere Beiträge vom früheren Bundesbank-Chef Ernst Welteke sowie von Michael Dittrich, Leiter Verwaltung der Bundesstiftung Umwelt.

In Kürze: Den Autoren gelingt es, auch Novizen gut nachvollziehbar in das Thema Nachhaltigkeit und entsprechende Kapitalanlagen einzuführen, ohne den wissenschaftlichen Anspruch zu verlieren. Die Schrift rührt nicht simpel die Werbetrommel, sondern bespricht das Thema nachhaltige Anlagen erfrischend differenziert – ganz wie es sich für ein komplexes Thema gehört. MRO

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