„Der Pensionsfonds wird ein europäischer Player“
Veröffentlicht am: 01. September 2008
|
|
Bert Kiffen, Pensionsberater
|
Die betriebliche Vorsorge in den Niederlanden hat sogar die Beamtenpensionen ausfinanziert. Das bringt nicht nur Zukunftssicherheit, sondern wird die Regierung in Den Haag eine klare Position zu Solvency II in der bAV einnehmen lassen, glaubt ein Berater, der auch eine europäische Perspektive sieht.
Fragen: Pascal Bazzazi Antworten: Bert Kiffen, internationaler Pensionsberater, Angerlo, Niederlande
dpn: Herr Kiffen, sind die Niederlande mit ihrer Altersvorsorge auf die Zukunft besser vorbereitet als andere Industrienationen?
Kiffen: Ich sehe das so. Wir haben mit der Grundversorgung und der flächendeckenden bAV einen guten Mix aus Umlage und Kapitaldeckung. Denken Sie nur an die Ausfinanzierung unserer Beamtenpensionen mit über 200 Milliarden Euro. Nicht zuletzt die ungedeckten Beamtenpensionen stellen ja eines der wesentlichen fiskalischen Probleme dar, mit denen Ihr Land beizeiten konfrontiert sein wird.
dpn: Warum ist denn die betriebliche Vorsorge in den Niederlanden so erfolgreich? Sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen stabiler? Gibt es weniger Bürokratie?
Kiffen: Zum einen wollen die Tarifparteien ein Obligatorium vermeiden und vereinbaren oft branchenweite Lösungen. Zum anderen ist ein attraktives Versorgungswerk unerlässlich, um im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter mithalten zu können. Vor allen Dingen aber ist die betriebliche Vorsorge schlicht fester Bestandteil unserer ökonomischen Kultur und Philosophie, und für renommierte Unternehmen ist es einfach undenkbar, auf das Angebot einer Betriebsrente zu verzichten. Rahmenbedingungen und Bürokratie sind bei uns übrigens nicht besser als in Deutschland. Das neue Pensionsgesetz von 2007 hat beispielsweise kaum mehr gebracht als neue Bürokratie.
dpn: Auch Hollands Demografie ist schlecht. Wird Den Haag die Rente mit 67 einführen müssen?
Kiffen: Wir diskutieren derzeit, ob und wie wir in der gesetzlichen Rente wie die Deutschen das Eintrittsalter auf 67 anheben. In der Politik ist auch die Zahl 70 schon genannt worden. Persönlich rechne ich mit einer Anhebung auf 67 per gleitender Einführung über 24 Jahre. In der bAV steht das momentan nicht zur Debatte, aber irgendwann wird man sich auch hier der Diskussion stellen müssen.
dpn: Geht das geräuschlos über die politische und soziale Bühne?
Kiffen: Im Wesentlichen ja. Die Holländer haben begriffen, dass höhere Lebenserwartung zwingend höhere Prämien, geringere Renten oder eben längeres Arbeiten heißt.
dpn: Denken Sie, dass Solvency II auch auf Einrichtungen der betrieblichen Vorsorge Anwendung finden sollte?
Kiffen: Nein. Solvency II ist dafür zu eng. Die Anwendung brächte den Pensionsfonds eine Sicherheit von 99,5 Prozent anstatt wie derzeit von 97,5 Prozent. Gleichzeitig müssten die Reserven aber um 40 Prozent erhöht werden, und in der Folge müssten auch die Beiträge steigen. Auch die im Fall der Unterdeckung festgelegten Zeiträume zur Sanierung sind mit drei bis neun Monaten im Gegensatz zu den heute gültigen maximal 15 Jahren zu kurz. Damit könnten Unternehmen über ihre Pensionsverbindlichkeiten sogar in die Insolvenz gedrängt werden.
dpn: Wie wird die Politik der niederländischen Regierung bezüglich Solvency II aussehen?
Kiffen: Sehen Sie, der ABP verwaltet für die Beamten und den öffentlichen Dienst heute über 200 Milliarden Euro. Stellen Sie sich vor, dass der Fonds infolge Solvency II eine Unterdeckung von nur einem Prozent aufweist. Dann müsste die Regierung innerhalb von neun Monaten zwei Milliarden Cash nachschießen. Und dann nehmen Sie mal an, der Fonds wäre nach Solvency II zu zehn Prozent unterdeckt.
dpn: Die niederländischen Pensionsfonds fahren einen für deutsche Verhältnisse sagenhaften Aktienanteil von 40 Prozent. Glauben Sie, dass wir hier im Zuge der gegenwärtigen Kapitalmarktkorrekturen Unterdeckungen sehen werden?
Kiffen: Ich rechne kaum damit. Außerdem müssen die Fonds ihre Liabilities seit 2007 mit einem Marktzins diskontieren, und parallel zu den Rückgängen der Aktien entspannt sich durch die Zinsentwicklung die Passivseite.
dpn: Wird der Pensionsfonds beizeiten ein echter europäischer Player?
Kiffen: Ich bin davon überzeugt. Die internationalen Konzerne werden mit ihren Versorgungswerken bald grenzüberschreitend operieren, beginnend mit dem Asset Pooling. Ich selbst habe schon eine Anfrage von einem internationalen Unternehmen erhalten, das in Holland einen Pensionsfonds, in Deutschland aber nur Rückstellungen hat. Und die deutschen Rückstellungen sollen nun möglicherweise in Holland ausfinanziert werden. Ob Sie versicherungsförmig mit 4 oder mit 2,25 Prozent kalkulieren, macht einen echten Unterschied.
dpn: Gegenwärtig spielt die Aufsichtsarbitrage offenbar eine Rolle. Sollte dies der Treiber sein?
Kiffen: Aufsichtsarbitrage ist in Holland in der Tat ein Thema. Belgien hat beispielsweise eine laxere Aufsicht als wir, und nun befürchten hier manche schon ein Abwandern von Pensionsfonds. Aber so schnell geht das alles nicht. Grundsätzlich denke ich, dass die europäischen Aufsichtsbehörden durch eine Harmonisierung das Thema Aufsichtsarbitrage auf absehbare Zeit erledigen sollten. Der Pensionsfonds wird ein europäischer Player, und der Treiber sollte nicht Aufsichtsarbitrage sein.
Druckerfreundliche Version
Als E-Mail verschicken
weitere Artikel
|