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Buntes gegen schwarze Löcher

Veröffentlicht am:  07. November 2007

Wie in der Wüste. So könnte man seit Wochen die Situation an den Finanzmärkten beschreiben. Flüssiges ist rar und kostbar, und allen dürstet danach: Den Banken sowieso, denn ihre Finanzarchitekten haben sich mit ihren Conduits für allerlei verbrieftes Trallala gehörig verhoben.

Da niemand weiß, wer wie tief in der Patsche steckt, misstrauen sich alle gegenseitig. Es gilt aber auch für viele Anleger, die Flüssiges gegeben haben, jetzt aber zusehen müssen, wie ihr Trallala an Wert verliert. Doch wo ist das Flüssige, das Liquide eigentlich hin? Es ist verdampft – wie in der Wüste.


Die Preise fallen und niemand kauft


Avinash Persaud mag keine Wüsten, er mag das Universum. Der Professor, der in Barbados wohnt, in London lehrt und in New York arbeitet, spricht deshalb lieber von „Liquidity Black Holes”, also von schwarzen Löchern. Sie absorbieren das, was man an den Finanzmärkten Liquidität nennt, und sie entstehen, wenn sich Preise und Nachfrage gegenseitig nach unten schaukeln. Obwohl etwas billiger wird, will kaum jemand kaufen, im Gegenteil: Es wird weiter verkauft – und die Preise fallen weiter. Ein typisches Liquiditätsloch.

Solche Löcher sind die Symptome eines Marktes, der nicht mehr funktioniert. Die Wurzel des Übels ist, dass viele Anleger vieles gleich machen. Sie nutzen gleiche Daten und arbeiten mit ähnlichen Risikokennziffern und Systemen. Darum gelangen sie zu ziemlich ähnlichen Ergebnissen. Die Folge: Alle kaufen und verkaufen zur gleichen Zeit. „Es gibt nicht genügend Vielfalt und das ist der Grund für den Herdentrieb an den Märkten“, sagt Persaud. Er begrüßt demnach alles, was die Anlage bunter macht.

Doch versuchen das die Anleger nicht schon längst? Wer reckt und streckt sich heutzutage nicht nach den Überrenditen in immer neuen Anlageformen? Doch genau das hält Persaud für den falschen Weg. Den richtigen Weg beschreiten solche Anleger, die Risiken anders messen, und zwar so, dass es auf sie passt. „Vielfalt by Risikomanagement“ lautet die einfache Formel. Deshalb belächelt Persaud einheitliche Stresstests und Kennzahlen wie den Value-at-Risk, und er schüttelt den Kopf, wenn langfristige Anleger wie Pensionskassen und Versorgungswerke derlei anschauen und anwenden. Warum? Sie nutzen ihren größten Vorteil nicht, nämlich die Renditen einzufahren, an die kurzfristige Anleger gar nicht herankommen: solche von eher illiquiden Anlagen. Stattdessen denken und handeln sie genauso kurzfristig. Die vermeintlich sichere Anlage entpuppt sich dann schnell als sehr risikoreich – gerade weil ihr so viele folgen. Denn die Alarmglocken der Risikosysteme, die auf den Zitadellen der modernen Finanztheorie – dem Value-at-Risk, Korrelationen und Volatilitätsmaßen – errichtet sind, klingeln alle zur gleichen Zeit, also zu spät. Sie funktionieren nur in ruhigem Fahrwasser. Doch dann braucht man sie nicht.


Die Krise ist ein Grund zum Jubeln


Liquidität muss zu neuen Ehren kommen, sie muss zur wichtigen, wenn nicht sogar zur wichtigsten Risiko- und Renditequelle aufsteigen. So gesehen ist die Subprime-Krise ein Grund zum Jubeln: Tatsächlich hat Liquidität die Rendite und die Sicherheit als oberstes Kriterium für die Anlageentscheidung abgelöst. Das haben jedenfalls Lutz Johanning und Bernd Rudolph in ihrer Studie „Risiko- und Anlagepräferenzen institutioneller Investoren“ herausgefunden. Noch kann man freilich nicht sicher sein, ob das so bleibt; die beiden Professoren haben die Daten Mitte Juli bis Mitte August erhoben, als die Subprime-Krise wie ein Tornado über die Märkte fegte.

Das alles reicht aber nicht. Wer schwarze Löcher nur aus der Ferne sehen will, muss wissen, wie viel Risiko er verträgt. „Viele Anleger haben keinen Schimmer davon – und das ist das größte Risiko überhaupt“, predigt Persaud. Die erwähnte Studie bestätigt das: Viele deutsche Investoren (31 Prozent) können nichts über ihre Risikobudgets sagen. Noch erschreckender: Das Ergebnis ist gar nicht so miserabel, denn von den internationalen Anlegern kann es nur einer von fünf.

Das belegt, wie bequem es sich die Profis immer noch machen. Bis zum nächsten Liquiditätsloch wird gefeiert, danach gejammert. Viele machen das Gleiche. Und so fallen sie auch nicht auf.

MRO


Abbildung: So antworteten 217 Anleger auf die Frage, wie hoch ihr Risikobudget (= Verlustobergrenze) auf das Gesamtportfolio in Prozent pro Jahr ist. 31 Prozent der deutschen und 80 Prozent der internationalen Anleger machten keine Angaben;

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