Maik Rodewald: Wussten Sie schon, dass …?
Veröffentlicht am: 07. November 2007
Wussten Sie schon, dass Abu Dhabi, immerhin der mit Abstand größte und zugleich erdölreichste Staat der Vereinigten Arabischen Emirate, in diesem Jahr mehr mit seinen Finanzanlagen verdient hat als mit dem Ölgeschäft? Wussten Sie schon, dass Qatar so schnell wächst wie kaum eine andere Volkswirtschaft und sehr bald Luxemburg als das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen überholen wird? Und wussten Sie schon, dass in Dubai …?
Stopp! Superlative über die Staaten der Scheichs am Arabischen Golf und über Dubai haben Sie oft genug gehört. Sie sind ein rationaler deutscher Investor und aus gutem Grund skeptisch über jede neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Außerdem haben Sie gerade wirklich andere Sorgen, als sich zu überlegen, wie schön es wäre, bei einem Ölpreis von über 90 US-Dollar Scheich zu sein: zum Beispiel die Subprime-Krise, und wie man jetzt weiter diversifiziert, um einige zusätzliche Basispunkte aus den Märkten zu kitzeln – schließlich fällt der ganze verbriefte Mumpitz jetzt erst mal weg. Keine Chance, das beim Vorstand in den Ring zu werfen, wenn Sie demnächst die Kapitalanlageplanung für das kommende Jahr diskutieren.
Ab nach Manama, Doha, Dubai und Abu Dhabi
Verschieben Sie Ihre Sitzung! Motivieren Sie Ihren Vorstand vorher noch zu einer Reise an den Arabischen Golf – nach Manama in Bahrain, Doha in Qatar oder nach Dubai und Abu Dhabi in den Emiraten. Der Ramadan ist vorbei und die Temperaturen nun angenehmer als im Sommer. Und viel wichtiger: Ihr Vorstand kann sich mit großen Investoren, mit vielen ultrareichen Scheichs oder auch mit dem Zentralbankchef Bahrains, Rasheed Mohammed Al Maraj, darüber unterhalten, wieso die Subprime-Krise dort kaum eine Rolle gespielt hat.
Keine Sorge, Sie müssen dafür nicht Arabisch lernen und Sie brauchen am Golf auch keinen Übersetzer: Dort spricht man Englisch und hat einen MBA oder LLM einer amerikanischen oder britischen Universität. Man wird Ihnen erzählen, warum die Golf-Investoren Hedgefonds und intransparente strukturierte Produkte eher meiden und lieber in etwas investieren, das man sehen und am besten anfassen kann: in Immobilien und in einzelne Projekte, seien es Public Private Partnerships für Infrastruktur oder alles, was unter Private Equity und Venture Capital firmiert. Nach Ihrem Besuch bei seiner Exzellenz Scheich Hamad bin Jabor bin Jassim Al Thani, dem Chef von Qatars Planungsbehörde, können Sie sich vorstellen, was die Wirtschaftsaktivität vorantreibt: Der Golf-Staat mit der Einwohnerzahl Frankfurts investiert 150 Milliarden Dollar bis 2011, um auf seinem Weg von der Erdgas- zur Wissensgesellschaft neue Industrien aufzubauen.
Ihr Vorstand wird staunen, dass viele Golf-Investoren seit einigen Jahren – nach dem 11. September 2001 – am liebsten in der Region anlegen und ihren langjährigen Dollar-Engagements kritischer denn je zuvor gegenüberstehen. Der Finanzchef der Qatar Insurance Company, des größten Versicherers Qatars, wird Ihnen erläutern, weshalb er einen Gutteil der Finanzanlagen in den Staaten des Gulf Cooperation Councils (GCC) anlegt, und eben nicht in Nasdaq, Dow und EuroStoxx – obwohl die dortigen Aktienmärkte im Jahr 2006 einen gehörigen Dämpfer bekamen. Bei Ihrem Treffen mit Nemir Kirdar, dem Chef von Investcorp, erfahren Sie, warum eines der größten Private-Equity-Häuser der Region erstmals seit der Gründung vor 25 Jahren gegen den Grundsatz verstoßen hat, ausschließlich in Europa und den USA zu investieren. Gerade erst hat Investcorp einen Milliarden-Fonds geschustert, der nur in den Golfkooperations-Staaten investiert.
Mit den Augenbrauen zucken wird Ihr Vorstand schließlich, wenn er hört, dass ein internationaler Finanzopportunist wie George Soros erst vor kurzem zwei Milliarden Dollar in Abu Dhabi ausgegeben hat – für notierte Aktien und für Private Equity.
Zurück aus Bahrain, Qatar und den Emiraten
Szenenwechsel: Sie sind wieder daheim und holen die Sitzung nach, die Sie verschoben haben. An die Subprime-Krise wollen Sie gar nicht denken. Ihr Vorstand und Sie sind immer noch begeistert über die beiden Großbaustellen des arabischen Kapitalismus, Dubai und Qatar. Eine ähnliche Dynamik und Aufbruchstimmung hat Ihr Vorstand in den 50er und 60er Jahren in Deutschland erlebt, und Sie wahrscheinlich erst 1999, als die Internetblase schnell anschwoll.
Trotz allem fragen Sie sich, ob Sie wirklich am Golf investieren sollten. Die Aktienmärkte sind durch größere Summen schnell zu beeinflussen und Derivatemärkte existieren kaum. Sie diskutieren, ob die Scheichs nicht schon zu viele Petrodollar zu Hause investiert haben und ob die vielfach überzeichneten Aktienemissionen sowie die stark steigenden Immobilienpreise in Dubai nicht eher das Signal zum Ausstieg sind. Sie hinterfragen, ob der Bedeutungsverlust Amerikas, den Sie dort so richtig spüren konnten, nicht ein Hirngespinst ist. Und Sie denken über die strategische Lage der Golf-Staaten nach, als natürliche Brücke nach Asien, aber zwischen den Konfliktherden des Nahen Ostens und dem Iran und Irak.
Gratulation – selbst wenn Sie nicht investieren sollten! Sie haben Ihre Hausaufgaben als rationaler Investor gemacht, anders als 95 Prozent aller europäischen Profi-Investoren; sie ignorieren die Chancen und Risiken der Region weiter. Und wussten Sie schon, dass Ignoranz der größte Feind eines Investors ist?
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