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Noch mehr Milliarden

Veröffentlicht am:  25. Juni 2007

Zwei Kapitalanlage-Gesellschaften – Ampega und Gerling – zusammenzuführen, ist schon eine Aufgabe. Daneben aber noch die 57 Milliarden Euro schwere Kapitalanlage eines der größten Versicherer-Konzerne zu verwalten, ist fast eine Herkules-Aufgabe. Im Gespräch mit Chief Investment Officer Walter Schmidt.

Fragen: Maik Rodewald

Antworten: Walter Schmidt, Geschäftsführer AmpegaGerling Asset Management GmbH und AmpegaGerling Investment GmbH (Sprecher)

dpn: Herr Schmidt, Sie wachen als CIO über die Kapitalanlage des Talanx-Konzerns – 57 Milliarden Euro nach Marktwerten plus 8 Milliarden Euro in der AmpegaGerling Kapitalanlage-Gesellschaft (KAG). Was bewegt Sie zurzeit am meisten?

Schmidt: Erstens sind wir mitten in der Zusammenführung von Ampega und Gerling. Eine der ersten strategischen Entscheidungen war die der gemeinsamen EDV-Ausstattung. Wir haben uns für SimCorp entschieden und bereits Ende 2006 sämtliche Daten übertragen. Dies bedeutet für uns im Asset Management eine große Vereinheitlichung und Erleichterung, da wir das System im Front und im Back Office nutzen.

Außerdem sind wir froh darüber, dass über 60 Prozent der Mitarbeiter von Ampega aus Hannover hier nach Köln gekommen sind. Damit läuft die Phase höherer Fluktuation durch den Standortwechsel aus. Wir wollen unsere Mannschaft aufbauen, 200 Mitarbeiter im Asset Management haben wir zurzeit, 250 sollen es werden. Ich sichte also jeden Tag Bewerbungsunterlagen.

Die andere Aufgabe ist, wie sich die KAG künftig positioniert. Die Betriebsgrößen kommen jetzt addiert auf 13,5 Milliarden – davon 8 Milliarden Euro Drittgelder, wovon 2 Milliarden Euro von institutionellen Kunden stammen. Die KAG soll weiter wachsen, wir peilen die Zehn-Milliarden-Euro-Marke an. Dazu gehört auch, den Top-Down-Investment-Ansatz der Ampega mit dem Bottom-Up-Ansatz von Gerling abzustimmen.

dpn: Wo soll das Wachstum der AmpegaGerling KAG herkommen?

Schmidt: Vor allem aus dem Drittgeschäft und mit unseren Fonds. Wir versuchen, bei kleinen und mittleren Versicherern Mandate zu gewinnen. Wir können einmal die Funktion einer Master-KAG anbieten, und wir haben den Track Record im Asset Management. Außerdem wollen wir unseren KAG-Mantel für Label-Produkte zur Verfügung stellen.

dpn: Fusionen zweier Gesellschaften führen normalerweise zu Abflüssen. Bei Ihnen auch?

Schmidt: Nein, und es ist auch kein Kunde gegangen; das sind zwar zum Gutteil Konzernunternehmen, aber auch die können andere Outsourcing-Mandate bei Externen abschließen. Ich hoffe, dass wir im Asset Management Ende 2007 für insgesamt 67 Milliarden Euro verantwortlich sind.

dpn: Worüber klagen Sie und Ihre Pendants bei anderen Versicherern derzeit am meisten?

Schmidt: Etliche Asset-Klassen sind heiß gelaufen, das macht Investieren nicht einfacher. Wir leben im vierten Jahr einer erstaunlichen Aktien-Hausse; von daher wäre jeder gerne stärker in Aktien positioniert, als er es heute ist. Wir müssen aber unsere Risikobudgets und die Bilanzierungsstichtage im Auge haben. Außerdem müssen wir mit dem geborenen Konflikt in der Asset-Management-Steuerung leben, weil wir nach HGB und IFRS gleichzeitig steuern.

dpn: In welcher Spanne liegen die Aktienquoten der etwa ein Dutzend Versicherer und Pensionskassen, deren Assets Sie steuern?

Schmidt: Zwischen 5 und 8,5 Prozent. Die Kapitalanlage der zusammengeführten Leben-Gruppe, also HDI Leben, Gerling Leben und die Aspecta, beträgt gute 20 Milliarden, die Hannover Rück kommt auf 19 Milliarden Euro; das sind die beiden Schwergewichte.

dpn: Wie investiert die Leben-Gruppe?

Schmidt: Vier Fünftel sind in Fixed Income investiert, darunter auch strukturierte Produkte wie CDOs und CLOs. Immobilien machen 7 Prozent aus, Aktien 8,5 Prozent, Hedgefonds und Private Equity machen etwa 1 Prozent aus, der Rest ist Cash. Unser Ziel lautet ganz eindeutig, über noch mehr Asset-Klassen zu streuen.

dpn: Wie erklärt man einem englischen Journalisten, weshalb die Aktienquoten so gering sind?

Schmidt: So ist es nun einmal in Deutschland, auch historisch: Denn die Aktienquoten lagen im langfristigen Schnitt schon immer zwischen acht und zehn Prozent. 2000 und 2001 waren Ausreißer-Jahre, aber auf durchschnittlich über 20 Prozent, wie bei britischen Versicherern, kam die deutsche Assekuranz nicht. Der Fall Mannheimer hat die Versicherer risikoaverser werden lassen, außerdem kamen seitdem die Stresstests der Bafin hinzu. Und deshalb werden Sie heute keinen CFO eines Versicherers mehr finden, der dem Aufsichtsrat berichten will, er bestehe den Stresstest nicht. Und dafür habe ich Verständnis – auch wenn die Engländer das nicht verstehen sollten.

dpn: Talanx bilanziert auch nach IFRS – ein Grund für Sie, Publikumsfonds zu kaufen?

Schmidt: Wenn IFRS nicht wäre, hätten wir mehr Spezialfonds und das ginge zulasten unserer Direktanlage. In Publikumsfonds investieren wir in der Regel kein Konzerngeld.

dpn: Heiß gelaufene Asset-Klassen haben Sie schon erwähnt. Wie reagieren Sie auf das Problem, dass Diversifikation immer schwerer möglich ist, weil die Korrelationen an den Märkten steigen?

Schmidt: Wir werden mehr in Hedgefonds investieren und wählen gerade Manager mit nachhaltigem Track Record aus. Aktuell sind wir noch in einem eigenen im August 2005 aufgelegten Hedgefonds investiert, den wir aber trotz sehr guten Track Records mangels Interesse dritter Investoren und aus Bilanzierungsgründen auslaufen lassen werden.

dpn: Welche Hedgefonds-Strategien schweben Ihnen vor?

Schmidt: Sicherlich nicht nur Long-Short, sondern ein Mix aus diversen Stragien und vor allem Asset-Klassen, also inklusive Commodities. Es wird eine Dachfonds-Lösung sein.

dpn: Sind Hedge Fund of Funds für einen Großinvestor wie Sie nicht zu teuer?

Schmidt: Wir werden unsere gute Verhandlungsposition nutzen und daneben die Gebühr so weit wie möglich performanceabhängig gestalten, also mit einer niedrigen Grundgebühr. Nach Kosten soll die Rendite zwölf Prozent betragen.

dpn: Das ist sportlich.

Schmidt: Mit der richtigen Auswahl aber realistisch.

dpn: Wie steht es mit Private Equity?

Schmidt: 2002 mussten wir bei Gerling prüfen, das Private-Equity-Portfolio zu verkaufen, das haben wir aber erfreulicherweise nicht getan; 2006 hat der Gerling-Konzern dann wieder neu investiert. Anders Ampega, sie konnte die Private-Equity-Engagements mit großem Erfolg durchhalten. Wir werden weiter investieren.

dpn: Welche anderen Projekte in der Kapitalanlage gehen Sie demnächst an?

Schmidt: Ich stimme gerade mit den Gesellschaften die Risikobudgets ab, die dann letztlich auch das Ausmaß der Diversifikation der Kapitalanlage bestimmen. Neben der Auswahl von Hedgefonds-Managern befassen wir uns mit der Frage, ob wir uns gegen Zinssteigerungen hedgen werden. Gerling war eine der ersten Gesellschaften, die das Wiederanlagerisiko abgesichert hat, um sich auf die Niedrigzins-Phase vorzubereiten.

Außerdem kommt die Novellierung des Versicherungsvertragsgesetzes, dann die des Investmentgesetzes im Herbst gemeinsam mit der Unternehmenssteuerreform. Durch die Novelle wird es für uns einfacher, in breitgefasste Commodity-Indizes zu investieren, und das prüfen wir zurzeit. Für Commodities kommt also durchaus auch eine passive Anlage infrage.

dpn: Fühlen Sie sich ansonsten bei Kapitalanlage-Entscheidungen eingeschränkt?

Schmidt: Nein.

dpn: Aber Sie haben doch gesagt, dass auch die Stresstests höhere Aktienquoten verhindern – genau das, was die Versicherer gerne hätten, aber nicht machen.

Schmidt: Man kann darüber diskutieren, ob nach den historischen Kursausschlägen ein 35-prozentiger Aktienkursverlust gestresst werden muss – aber alle anderen Stresstests halte ich für sinnvoll.

dpn: Solvency II dürfte Ihre Kapitalanlage ebenfalls tangieren. Von dem Wechsel zur qualitativen Aufsicht versprechen sich viele, dass sie freier und breiter diversifiziert anlegen können. Ist diese Hoffnung berechtigt?

Schmidt: Das kann Ihnen noch keiner beantworten. Es ist ganz simpel: Eine Asset-Klasse, die viel Eigenkapital binden wird, muss entsprechend mehr Rendite bringen. Und niemand weiß, ob das bei Einführung von Solvency II dann der Fall ist. Ich vermute aber, dass wir renditeträchtiger anlegen können als unter den jetzigen Aufsichtsbehörden, da wir breiter diversifizieren können. Ich bin also optimistisch, deshalb ist Solvency II für mich auch ein Fortschritt. Viel gravierender wird sich das Urteil des BGH auf die Kapitalanlage auswirken, nach denen Versicherer ihre stillen Reserven ausschütten müssen.

dpn: Mit welchen Renditen rechnen Sie in diesem Jahr?

Schmidt: Wir erwarten von festverzinslichen Anlagen zwischen 4 und 4,5 Prozent, von Aktien 6 Prozent Kursgewinn und 2 Prozent Dividendenrendite, von alternativen Investments 12 Prozent und von Immobilien 4,5 bis 5 Prozent.

dpn: Welche Renditen haben Sie für die Trägerunternehmen 2006 erzielt?

Schmidt: Zwischen 4 und 5 Prozent. Ich denke, damit belegen wir einen guten Mittelplatz in der deutschen Versicherer-Landschaft. Gemessen an dem Garantiezins für die Lebensversicherer in Höhe von deutlich unter 4 Prozent im Durchschnitt, ist das ein gutes Ergebnis.

dpn: Und wie verbessern Sie sich von einem Mittelplatz auf einen Spitzenplatz?

Schmidt: Wenn die Aktienmärkte so gut weiterlaufen wie zuletzt und wir die stillen Reserven weiter aufbauen, dann haben wir größere Flexibilität in der Anlagepolitik.

dpn: Nutzen Sie externe Asset Manager?

Schmidt: Wir nutzen zehn externe Asset Manager für die Konzernanlagen, zum Beispiel bei Private-Equity-, Immobilien- und strukturierten Anlagen sowie bei US-Aktien außerhalb des S&P 500 und US-Bonds, die kein Investment Grade aufweisen. Ein australisches Fixed-Income-Portfolio haben wir gerade outgesourct, südafrikanische Anleihen werden folgen. Für Asien halten wir keine eigenen Mitarbeiterkapazitäten vor, dort werden wir uns mit Ausnahme Japans auch externer Manager bedienen. Alle WertpapierAnlagen in Euro managen wir grundsätzlich selbst, ebenso wie weltweite Staatsanleihen und US-Bonds mit Investment-Grade-Status.

dpn: Halten Sie dezidiert formulierte Absolute-Return-Mandate für sinnvoll bei der Integration in Ihre Kapitalanlage?

Schmidt: Ja, angesichts des derzeitigen Renten-Zinsniveaus. Die Renditen der klassischen Renten-Portfolios in den vergangenen zwei Jahren waren negativ, wenn man die Inflation mit einbezieht. In der Gerling-Welt, aus der ich komme, haben wir schwerpunktmäßig mit relativen Returns gearbeitet, die Ampega-Welt war eher an absoluten Renditen orientiert. Das führen wir derzeit zusammen.

dpn: Wie beurteilen Sie 130:30-Mandate, in die Institutionelle laut einer Merrill-Lynch-Untersuchung angeblich weltweit bereits 50 Milliarden Dollar investiert haben?

Schmidt: Das ist das Idealbild für einen aktiven Manager, um mehr Alpha zu erwirtschaften. Wir haben darin noch nicht investiert und würden das – da wir ja aktiver Manager sind – unseren Trägergesellschaften gerne selbst anbieten, zum Beispiel im Rahmen unserer Dachfonds für fondsgebundene Versicherungen.

dpn: Halten Sie Durations-Management für sinnvoll?

Schmidt: Das machen wir, ja. Wir haben für die taktische und die strategische Asset Allocation eine Durations-Meinung, die wir in unseren Publikumsfonds unserer KAG auch umsetzen. Bei den Konzerngesellschaften muss natürlich die Passivseite beachtet werden, und das verändert die Durationen. Ein Durations-Gap zwischen Aktiv- und Passivseite ist heutzutage tödlich. Deshalb halte ich Durations-Management für notwendig, aber der höhere Investment-Erfolg kommt nicht aus dem Management der Durationen, sondern aus der Diversifikation der Asset-Klassen.

dpn: Nutzen Sie Währungsschwankungen aktiv aus?

Schmidt: Nein, wir fahren keine offenen Währungspositionen; entweder sind die durch die Passivseite gedeckt oder wir sichern sie ab.

dpn: Wie sieht Ihr Immobilien-Portfolio aus?

Schmidt: Im vierten Quartal 2006 haben wir deutsche direkt gehaltene Immobilien im Wert von 700 Millionen Euro verkauft. Aufgrund der vielen internationalen Investoren hielten wir den Zeitpunkt für günstig. Neue Investitionen fallen mir derzeit schwer, denn die Renditen liegen häufig unter dem Kapitalmarktzins. Und wenn ich an Solvency II denke, was künftig für Immobilien an Eigenkapital bereitzuhalten ist, ist das nicht mehr adäquat. Wir werden das Portfolio sicher weltweiter ausrichten, haben aber keine Eile – ebenfalls aus Marktüberlegungen: Bei US-Immobilien ist beispielsweise Vorsicht angebracht, und auch der Immobilienmarkt auf der iberischen Halbinsel konsolidiert sich.

dpn: Investieren Sie bereits in Real Estate Investment Trusts?

Schmidt: Auch Reits werden wir uns sicherlich anschauen. Wenn ich Reits aber nur über dem Nettoinventarwert kaufen kann, hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Weltweite Reit-Aktien haben wir derzeit nicht. Talanx hatte ein US-Immobilien-Exposure, Gerling hat nur in deutsche Immobilien investiert.

dpn: Welche Investment-Ansätze kommen für Sie gar nicht infrage?

Schmidt: Ich glaube an Diversifikation, und deshalb werden wir nicht nur in marktneutrale Long-Short-Hedgefonds investieren. Bei Infrastrukturfonds habe ich so meine Bedenken. Liquidität auf zehn Jahre zu binden ohne die Chance, auf Marktveränderungen zu reagieren, ist problematisch. Gleiches gilt auch heute zum Teil für Investitionen in Private Equity.

dpn: Welche Investment-Themen müssten noch viel mehr diskutiert werden?

Schmidt: Wie der Investment-Standort Deutschland gestärkt werden kann. Ein Negativ-Beispiel auch im europäischen Vergleich ist die geplante Abgeltungssteuer. In Deutschland prescht man bei der Regulierung gerne vor und schießt sich damit zu häufig ein Eigentor.

dpn: Worüber werden wir beide uns in fünf Jahren unterhalten?

Schmidt: Erstens: Wie schwer es war, Hedgefonds abzusetzen. Zweitens: Wie gut Aktien selbst vom derzeitigen Stand gelaufen sind, weil die Globalisierung und die M&A-Aktivität weitergehen, weil das viele und preiswerte Geld nach Investitionen sucht und weil die Bewertung stimmt. Rückschläge wird es aber auch geben. Drittens: Wie volatil die Aktienmärkte wieder geworden sind. Ich rechne damit, dass die Vola gemessen am VDax demnächst wieder zwischen 30 und 35 Prozent betragen wird.


Ein Düsseldorfer in Köln – so ein Mann muss selbstbewusst und durchsetzungsstark sein, zumal er in 43 Berufsjahren nur einmal den Arbeitgeber gewechselt hat: 1994, als ihn der damalige Vorstandsvorsitzende des Gerling-Konzerns überzeugte, seinen Job als Aktienchef der Westdeutschen Landesbank aufzugeben und als Sprecher der Geschäftsführung der Gerling Investment Kapitalanlage GmbH einzusteigen. Solchen Zeitgenossen mit Mission traut man vor allem bei stürmischem Wetter mehr zu als anderen: 2002, auf dem Höhepunkt der Gerling-Krise, bekam er die Konzern-Assets unter seine Fittiche, und als Talanx Gerling schluckte, wurde er CIO für das gesamte Asset Management der AmpegaGerling-Gesellschaften. Seit Herbst 2005 wirkt er auch im BVI – die Abgeltungssteuer fest im Visier. MRO

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