(Alters-)Vorsorge ganzheitlich sehen
Gastbeitrag von Murat Ünal
Veröffentlicht am: 08. Januar 2007
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Autor: Murat Ünal ist Vorstand der
Funds@Work AG.
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Die wenigsten Menschen begreifen die Vorsorge als Pflicht und kaum als Bestandteil einer umfassenden Lebens- und Zukunftsplanung. Beides muss sich ändern: Die Phasen vor und nach dem Renteneintritt und deren Chancen und Risiken kommen in den Vorsorgemodellen bisher zu kurz, das Renteneintrittsalter steht zu sehr im Vordergrund.
Am besten streichen wir sie schnell wieder aus unserem Vokabular, Begriffe wie „Altersvorsorge“ und „Rente“. Sie wecken ungewollte Assoziationen: Nicht selten werden sie mit „dem Ende“ verbunden, das Sparen mit nicht leben und nicht genießen, Sicherheit mit Illusion und die Planung mit Kopfschmerzen.
Doch Assoziationen können sich ändern, und das müssen sie auch. Die Vorsorge muss dringend anders wahrgenommen werden, um den Systemwechsel zur zweiten und dritten Säule zu unterstützen. Neue Ansätze müssen her, die Arbeitnehmer in allen Lebensphasen begleiten und ihm mehr Eigenverantwortung bei der Vorsorge geben. Hier sind die Unternehmen als Partner für die Beschäftigten und die Anbieter wiederum als Partner der Unternehmen gefragt.
Phasen statt Zeitpunkte betrachten
Die meisten Deutschen in Lohn und Brot sehen ihrem Ruhestand eher pessimistisch entgegen: Sie rechnen mit einer zu niedrigen, ja sogar mickrigen Rente. Wenn das nur alles wäre! Nein, dazu kommt noch, dass sie mit der scheinbar komplexen Vorsorgelandschaft nicht zurecht kommen; für zu viele ist sie eine Black Box.
Die demografischen Entwicklungen sorgen dafür: Ähnlich wie in anderen Ländern erfolgt der Übergang in die Verrentung nicht mehr abrupt sondern fließend; damit verliert die traditionelle Fokussierung auf ein Renteneintrittsalter an Bedeutung.
Pensionseinrichtungen, die ihre Portfolios und Vorsorgelösungen bisher auf den Zeitpunkt der Verrentung getrimmt haben, müssen sich also mit den Chancen und Herausforderungen der Phasen vor und nach der Verrentung ihrer Begünstigten beschäftigen. Traditionelle bAV-Vehikel, die auf die Verrentung abzielen, greifen zu kurz, denn sie zielen nicht auf die wachsende Professionalisierung und kontinuierliche Weiterentwicklung der Mitarbeiter ab.
Zeitwertkonten: ideal für die Phase vor der Verrentung
Ein Zeitwertkonto zielt auf unterschiedliche Meilensteine im Leben, und deshalb kann es ein aktives Lebensvorsorgekonzept optimal ergänzen. Nicht nur, weil es als nachgelagert besteuerte Lösung verschiedene Ziele im Leben finanzieren kann, sondern auch, weil es als Baustein einer am Humankapital orientierten Unternehmensstrategie neue Perspektiven eröffnet.
Die Fixierung auf das gesetzliche Rentenalter weicht somit auf, und der Mitarbeiter kann die Chance ergreifen, mit den angesparten Mitteln zum Beispiel eine lebenslange Weiterbildung zu finanzieren, um sein zukünftiges Vermögen und Humankapital zu steigern. Das Potenzial der Zeitwertkonten wird jedoch noch deutlich unterschätzt. Ihre Bedeutung geht weit über das eines Vorsorgekonzepts hinaus; in einer zukünftigen Informations- und Wissensgesellschaft werden sie zur wichtigen Zutat für die Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen.
43 Prozent wollen weiterarbeiten
Immer mehr ältere Menschen werden dem Arbeitsmarkt treu bleiben: Sie wollen ein Polster haben, zusätzlich zu den Einnahmen aus der ersten, zweiten und dritten Säule. Sie spüren, dass nur so der bisherige Lebensstandard gehalten oder ausgebaut werden kann. Nach einer Umfrage im Auftrag des Vermögensverwalters Fidelity International planen 43 Prozent der in Deutschland arbeitstätigen Menschen, nach dem Renteneintritt weiterzuarbeiten. In Österreich liegt der Anteil insgesamt bei 29 Prozent und in der Schweiz sogar bei 44 Prozent.
Die Risiken für die Phase nach der Verrentung
Dass wir immer älter werden, der einzelne und die Gesellschaft, macht eine Unterdeckung in allen drei Säulen der Vorsorge wahrscheinlicher. Die Risiken lauten im einzelnen: Das Langlebigkeitsrisiko könnte zu einem vorzeitigen Verbrauch der finanziellen Mittel in der zweiten und dritten Säule führen und gleichzeitig auch die privaten Ersparnisse und eine weitere Säule, die Familie (die beispielsweise die Weltbank ausdrücklich einbezieht) tangieren.
Das Inflationsrisiko könnte die zukünftige Kaufkraft potenzieller Rentner reduzieren.
Das individuelle Vermögensaufteilungsrisiko der zukünftigen Rentner darf nicht außer Acht bleiben. Der gesamte Anbietermarkt zielt auf ein quasi aktienfreies Portfolio nach der Verrentung. Doch ist das richtig so? Nicht nur für viele Pensionseinrichtungen, auch für einen Rentner wird es langfristig nicht möglich sein, erhöhte Lebenserwartung mit einem reinen Bond- oder sogar Geldmarktportfolio zu finanzieren. Aktien und ein breit diversifiziertes Portfolio müssen daher weiterhin eine Rolle spielen. Hier muss dringend umgedacht werden!
Ein weiteres Risiko: das Entnahmerisiko. Wer die Quelle zum falschen Zeitpunkt über Gebühr und unsachgemäß anzapft, ist ein Tor, wenn er glaubt, die Quelle sprudelte lebenslang. Auch zu berücksichtigen: die Kosten der Gesundheit und Pflege. Sie haben leider das Potenzial, die Ressourcen nachhaltig zu schmälern – in Zukunft noch mehr als bisher.
Babyboomer häufen an
Bereits im Jahr 2016 werden nach Berechnungen von Fidelity rund 47 Billionen Euro in den USA sowie in Europa von Menschen über 65 Jahre gehalten. Damit würde sich noch mehr Vermögen bei den so genannten Baby Boomern konzentrieren. Dies stellt Lösungsanbieter wie Asset Manager vor erhebliche Herausforderungen: Sie müssen sich durch innovative Konzepte für diese verstärkte
Entnahmephase rüsten. Gefragt sind berechenbare und transparente Produkte, die dennoch unter Renditegesichtspunkten attraktiv bleiben und einen komplementären Baustein zur staatlichen Rentenversicherung bieten.
Anderes Alter, andere Anlage
Doch was machen die Babyboomer mit ihrem Verdienten? Sparen sie weiter? Wie sparen sie weiter? Eine nahe liegende Vermutung: Wertsicherungskonzepte werden noch bedeutender. Das wird sich in den Portfolios von Asset Managern und institutionellen Investoren niederschlagen. Darüber hinaus wird eine neue Generation von Lösungskonzepten geboren werden: Irgendwie variabler und flexibler fürs Sparen. Traditionelle Fähig- und Fertigkeiten von Investmentgesellschaften konvergieren im Zuge mit den Lösungsansätzen von Banken und Versicherern. Kombinationen, die bisher kaum denkbar aber notwendig werden. Dafür sorgt der Markt, und ein wachsender Teil des Markts sind die Babyboomer. Wie teilen sich die Produzenten die Arbeit? Asset Manager sorgen für Performance, und nehmen im Huckepack zum Beispiel die Versicherung zur Deckung des Langlebigkeitsrisikos mit, und die Investmentbank besorgt die Wertsicherung. So, oder so ähnlich. Sicher ist: Modulare Strukturen erlauben Kooperationen zwischen bisher scheinbar stark konkurrierenden Parteien. Consultants und Intermediäre werden diesen modularen Ansatz verstärken.
Bisherige Sichtweise ist bald überholt
Die Perspektive einer aktiven Lebensvorsorge ist hierbei wegweisend, da es nicht nur die Phase bis zur Rente umfasst und den Renteneintritt selbst, sondern auch den Zeitraum danach. Doch die Einstellung muss sich ebenfalls ändern: Wenn Vorsorge nicht mehr als lästige Pflicht, sondern als Chance verstanden wird, dann ist die Basis für eigenverantwortliches Handeln gelegt. Eine positivere Sprache trägt ebenfalls dazu bei.
Wir sollten daran arbeiten, die Menschen für die Vorsorge als Bestandteil einer umfassenden Lebens- und Zukunftsplanung zu begeistern und vor allem auch durch die Förderung ihrer Flexibilität und des Humankapitals, zum Beispiel mit dem Einsatz von Zeitwertkontenkonzepten, zusätzliche Werte für ihr späteres Rentenalter zu schaffen.
Das setzt vor allem bei Unternehmen auf eine Integration der komplementären Vorsorgemodelle mit der langfristigen Unternehmensstrategie. Es setzt jedoch auch eine umfangreiche Aufklärung der Menschen über die Bedeutung einer Lebensvorsorge und rechtzeitigen Planung voraus, die weit vor der Verrentung beginnt und vor allem auch die Bedeutung der Gesundheit und des lebenslangen Lernens adressiert.
Auf den Arbeitgeber kommt es an
Die Unternehmen sollten hierbei die zweite Säule stärken, um die Arbeitnehmer in die Lage zu versetzen, mehr Eigenverantwortung bei der Vorsorge zu übernehmen. Es ist notwendig, dass der Arbeitgeber sie in diesem Prozess aktiv begleitet. Mit steigender Transparenz, der Verfügbarkeit von komplementären Lösungen und vor allem der Kenntnis der Mitarbeiter erhöht sich auch die Teilnahmequote an der zweiten und dritten Säule, die analog zu den Entwicklungen in Referenzmärkten zu einer explosionsartigen Entwicklung in der kapitalgedeckten Vorsorge führen könnte.
So ist beispielsweise das verwaltete Vermögen in Beitragszusagen, also den Defined-Contribution-Plänen in den USA gemäß aktueller Zahlen des Investment Company Institute von 162 Milliarden Dollar im Jahr 1980 auf 2.911 Milliarden Dollar Ende 2005 gestiegen. Diese werden von mittlerweile 55 Millionen Arbeitnehmern genutzt. Ein Großteil diese Wachstums ist auf die 401k-Pläne zurückzuführen, die trotz zahlreicher regulatorischer Veränderungen und Gegenwinde in diesem Zeitraum auf mittlerweile 2.443 Milliarden gewachsen sind.
Unterstützung der sozial Schwächeren
Es wäre widersprüchlich, einerseits auf mehr Eigenverantwortung zu setzen und andererseits die Vorsorgesituation durch obligatorische Maßnahmen stärken zu wollen. Ein solcher Ansatz würde auch Gefahr laufen, als eine Art zusätzliche Steuer empfunden zu werden und entsprechende Abwehrreaktionen auszulösen. Sanfte „Opting Out“-Methoden können jedoch dazu beitragen, die Teilnahmequoten an der betrieblichen Vorsorge signifikant zu erhöhen.
Durch die Hilfe der Gemeinschaft wie auch der einzelnen Unternehmen können auch die sozial Schwächeren im Rahmen ihrer Vorsorge unterstützt werden. So wird etwa in Großbritannien derzeit überlegt, ähnlich wie in der Schweiz einen Mindestbeitrag der Unternehmen in der betrieblichen Vorsorge einzuführen, um auch finanziell Schwächeren die Möglichkeit für den Aufbau von zusätzlichem Vermögen zu bieten.
Reverse-Mortgage-Lösungen für Deutschland
Die Europäisierung schreit zwar nach entsprechend zentralisierten Ansätzen von Pensionseinrichtungen der Unternehmen, die unterschiedlichen Eigenheiten der Märkte sollten jedoch nicht unberücksichtigt bleiben. Da die eigene Immobilie in Deutschland, nicht zuletzt aufgrund geschickter Marketingaktivitäten der Banken in den vergangenen Jahrzehnten, eine besondere Rolle erhalten hat, wird sie häufig auch als Investition in die Vorsorge gesehen. So genannte Reverse-Mortgage-Lösungen könnten in Zukunft Immobilienbesitzern die Möglichkeit geben, ihre Immobilien im Rahmen eines Entnahmeplans mit einfliessen zu lassen und zusätzliche Einnahmen nach der Verrentung zu erzielen.
Fazit: Vorsorge positiv belegen …
Vorsorge muss positiv belegt sein; das ist grundlegend, damit Deutschland den richtigen Weg einschlägt, nämlich die eigenverantwortliche Vorsorge durch die Mitarbeiter. Die Unternehmen sind gefordert, ihren Beschäftigten umfassende Informationen über ihre Vorsorgemöglichkeiten und geeignete Instrumente an die Hand zu geben, damit sie eigenverantwortlich handeln können.
Eigenverantwortung heißt nicht nur informieren, sondern auch, den Mitarbeitern Wahlmöglichkeiten einzuräumen statt sie zu bevormunden. Dabei sollte neben individuellen Wahlmöglichkeiten ein solides Standardmodell angeboten werden, um der Fürsorgerolle des Unternehmens gerecht zu werden.
Asset Manager sind gefordert, den Unternehmen dafür geeignete Lösungen anzubieten und sie bei deren Umsetzung und auch der Information der Mitarbeiter wirksam zu unterstützen, so dass die Unternehmen dafür keine zusätzlichen personellen Ressourcen aufbauen müssen.
Gründliche Informationen sowie Wahlmöglichkeiten bei der Vorsorge tragen gleichzeitig dazu bei, die Investmentkompetenz der Mitarbeiter zu stärken und sind somit eine gute Voraussetzung für mehr Spaß an der Vorsorge.
… und Scheindiskussionen hintenanstellen
Den Staat ständig an den Pranger zu stellen oder scheinbar konkurrierende Modelle gegeneinander auszuspielen, wie es in der Diskussion um die Verlagerung von Defined-Benefit- zu Defined-Contribution-Lösungen derzeit geschieht, ist nicht hilfreich. Es gibt nicht die eierlegende Wollmilchsau, sondern eine Reihe von komplementären Vorsorge-Vehikeln; die gilt es, entsprechend des aktiven Lebensvorsorgeansatzes und der individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmer klug einzusetzen.
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